kopfkompass

alle richtungen

13.01.2010 | 18:07

Pornstars for Peta

Ein bisschen zweifelhaft fand ich Peta schon immer. Während sich die People sehr bildgewaltig for the ethical treatment of animals engagieren scheint ihnen Ethik für Menschen nicht allzu wichtig zu sein. In den Hochglanzkampagnen der Tierschutzorganisation werden ja sehr gern Top-Models verwurstet verwendet, deren unbekleidete (und nach launiger Retusche) makellose Körper “Lieber nackt als im Pelz!” rufen. Besonders einleuchtend fand ich das nie. Sollen die kuschligen Felle etwa weggeworfen werden, nachdem wir das Fleisch der Tiere gegessen, ihre Knochen zu Gummibärchen, ihre Haut zu Schuhen, und ihr Rückenmark zu Haarspülung verarbeitet haben? Welch eine Verschwendung!

Oder anders formuliert: Wer tagsüber Nerzpelz-Omis auf dem Kudamm mit pinken Graffitis versehen will, darf morgens kein Schinkenbrötchen frühstücken. Zweifellos: Es werden Milliarden von Tieren auf diesem Planeten gequält und misshandelt. Aber die allerwenigsten von ihnen wegen ihres Pelzes.

Die neueste Kampagne von Peta treibt das Phänomen der selektiven Wahrnehmung auf die spitze. Sie sieht so aus und ist auf der Seite von Peta in High-Resolution herunterzuladen.

Der Schlafzimmerblick der hübschen jungen Dame ist keine große Leistung sondern ihr Job. Sasha Grey ist Pornostar. Sie ist 21 Jahre alt und hat in den 3 Jahren ihrer Volljährigkeit bereits 189 Hardcore-Pornofilme gedreht. Darunter auch solche mit so klangvollen Titeln wie “Ass Eaters Unanimous”, “Throat: A Cautionary Tale” oder “Face Invaders”. Sie gilt als Ausnahmeerscheinung in der Pornoszene, weil sie a.) blutjung ist und b.) buchstäblich alles macht, weshalb sich die Produzenten um sie reißen, um mit ihr neue Standards in Sachen Erniedrigung, Brutalität und sexueller Grausamkeit vor der Kamera zu definieren.

Das alles erfährt man – wenn man das angestrengte moralisieren aushält – in einer Ausgabe der Tyra-Banks-Show, in der Sasha Grey im Februar 2007 zu Gast war, um über ihre zumindest finanziell sehr lukrative Blitzkarriere zu sprechen. Und obwohl Talkshows nicht gerade in Verdacht stehen Horte der Authentizität und Aufrichtigkeit zu sein, wird schon nach einigen Minuten überdeutlich: Diese Frau ist völlig kaputt und braucht dringend Hilfe. Vielleicht bin ich anmaßend und arrogant, aber für mich macht diese Interview-Sequenz unmissverständlich klar, das Sasha Greys Verhältnis zu Sexualität ist massiv gestört ist, ihr Selbstwert gebrochen und ihr Blick auf die eigenen Gefühle stumpf.


Sie jetzt mit dieser Schulmädchenweisheit für die Kastration von Hunden und Katzen werben zu lassen finde ich zynisch, unangemessen und sogar ein bisschen pervers. Haustiere werden nicht deshalb schwanger, weil sie nicht kastriert sind sondern weil mensch nicht ausreichend auf sie achtet. Ich glaube nicht, dass es Sasha Greys größtes Problem ist, das Sexualverhalten ihres Hundes zu kontrollieren.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Tessa schrieb am 13.01.2010 um 18:41
In diesem Zusammenhang kann ich eine excellente Reportage der amerikanischen Journalistin Susannah Breslin empfehlen, die im Porn Valley recherchiert hat und besonders die Auswirkungen der Rezession in den Staaten auf die Pornoindustrie miteinbezieht:

They shoot pornstars, don't they?

Wirklich lesenswert, aber auf Englisch.

Oder wie Oskar Piegsa, über den ich zu dem Text fand es nannte: Journalismus, der Bauchschmerzen macht.
Mona schrieb am 19.01.2010 um 14:24
tessa, danke für den link, die reportage ist extrem lesenswert. aber auch wirklich hart. allein das, was auf der ersten seite beschrieben wird, verfolgt mich geradezu, schmerzhaft. wirklich blauäugig hab ich das thema nun auch noch nie betrachtet, aber diese beschreibung ist schon schwer auszuhalten, selbst mit der distanz des lesenden...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.01.2010 um 18:43
"Haustiere werden nicht deshalb schwanger, weil sie nicht kastriert sind sondern weil mensch nicht ausreichend auf sie achtet."

Äh - Sie meinen also, man solle Hunde nicht mehr in Auslaufgebiete lassen und Katzen nicht mehr als Freigänger halten? Was machen Sie mit einer Katze, die dann dauerrollig wird? Erschießen oder Einschläfern?

Tiere werden schwanger, weil sie f*****
kopfkompass schrieb am 14.01.2010 um 08:43
Was dir rolligen Freigangkatzen angeht, haben Sie wohl recht.

Mit läufigen Hündinnen lässt sich allerdings umgehen, weil sie Kontakt zum Menschen halten. Auch, wenn sie nicht an der Leine sind.
Hermanitou schrieb am 13.01.2010 um 18:59
Der Zweck heiligt die Mittel.
Ich erinnere mich an eine lang zurück liegende Diskussion unter uns demokratischen Sozialisten (als es uns massenweise (?) noch gab), daß man das Kapital (= das Böse)mit seinen eigenen Mitteln schlagen sollte.... Im Gespräch waren damals linke Schlager(!), hübsche Weiber, sexy politicians (gibts die?).
Aus der Distanz betrachtet ein charming way, aber falsch. Viel wichtiger ist ein unverwechselbarer eigener Stil für eigene Inhalte und einen eigenen way of life.
Linke Ausbeutung von Sex ist nicht mehr links, sondern einfach dumm und eklig. ( falls man nun peta irgendwie in die linke Ecke verorten wollte).
Ansonsten: Danke für den lesenswerten Beitrag!
kopfkompass schrieb am 14.01.2010 um 09:09
Ich finde eben auch, dass der Zweck die Mittel nicht unbedingt heiligt. Das Mittel wird ja immer in Kontext zum Zweck gesetzt. Und wenn das Mittel dem Zweck ein Bein stellt, ist nichts gekonnt.
Danke, Hermanitou
S.Heinel schrieb am 13.01.2010 um 21:11
1. Ok, zuerst dachte ich der Vorwurf sei, dass Peta um den Beruf von Sasha Grey ein Geheimnis macht. Sie als Modell oder Schauspielerin in weiterem Sinne bezeichnet. Aber zumindest der schnelle Blick auf die deutsche Peta-Seite, zeigt, dass dort ganz offen und ehrlich umgegangen wird:

"Manchmal kann zu viel Sex auch schlecht sein

Sasha Grey & PETA gemeinsam für die Kastration von Hunden & Katzen

Sasha Grey ist derzeit einer der jüngsten und berühmtesten Pornostars. Die Gewinnerin mehrerer AVN-Awards hat bereits in hunderten Pornofilmen mitgespielt und ist jetzt sogar Teil des Steven Soderbergh-Films The Girlfriend Experience.

Sasha Grey für PETA

Die „Sexpertin“ setzt sich mit ihrem sexy PETA-Motiv für die Geburtenkontrolle von Hunden und Katzen ein, um ihre Fans über das Tierleid zu informieren, das durch ungewollten Nachwuchs entsteht."

Man muss sich also nicht unbedingt zu Tyra Banks durchwühlen, um das herauszubekommen.

2. am 5.1. wurde auf Freitag ein Bericht über das Modell Lydia Hearst und ihren Einsatz für die Elendsviertel von Kairo "abgedruckt". Als einer der wenigen Kommentare (Blogger goch) steht dort:

"Alles was die Aufmerksamkeit auf die wirklichen Probleme dieser Erde steigert ist nützlich."

Nun gebe ich Ihnen recht, dass es wahrscheinlich eine Terramillion anderer Probleme gibt, bevor ein Nerzmantel auf der Agenda "Probleme dieser Erde" auftaucht.

Aber ihre Maßstäbe angelegt müssten wir dieses Engagement auch als zynisch abtun, denn wie will denn ein so abgemagertes Ding

chichi212.files.wordpress.com/2008/06/lydia.jpg

in einem Elendsviertel oder einem Krankenhaus Hoffnung unter die Hungernden tragen?

3. Nerzschinken gibt es nicht. Und gegen einen Schweins- oder Kuhledermantel hat auch niemand etwas.

4. Man kann ja hier durchaus an Moral und Ethik appellieren, aber doch nicht weil sich eine Pornodarstellerin für den Tierschutz einsetzt, sondern weil eine Pornodarstellerin eine Pornodarstellerin ist. Hinsichtlich des Engagements bei Peta ist mir ihre Profession egal.

5. Petas Strategie war es immer wieder, durch solche Nacktheit zu schockieren. Anscheinend reicht eben das nackte Modell in Aktion für Peta nicht mehr aus. Die Welt hat sich daran gewöhnt, dass eine Pamela Anderson, die von sich selber (angeblich) behauptet

„Mein Busen hatte eine fabelhafte Karriere − ich bin einfach immer nur mitgetrottet."

sich auszieht und nackt für Peta in Schaufenster steigt:

www.superiorpics.com/wenn_album/Pamela_Anderson_bares_it_all_for_PETA_in_the_window_of_Stella_McCartney_store/Pamela_Anderson_001_062906.jpg

Die wirklich moralische Verfehlung muss man also wohl Peta vorwerfen, denn schließlich entwerfen die die PR-Kampagnen zu denen sie dann die Modells und Pornodarstellerinnen einladen. Aber ich denke Peta würde über so einen Vorwurf nur erfreut sein, denn er dient der Sache.
kopfkompass schrieb am 14.01.2010 um 08:58
Es ging mir nicht darum zu behaupten, Peta würde einen Hehl daraus machen, wer Sasha Grey ist. Eher umgekehrt: Ich finde es ziemlich irritierend Aufmerksamkeit zum Schutz von Tieren mit jemandem zu erregen, der dadurch berühmt geworden ist, sich öffentlich Erniedrigen zu lassen.

Natürlich funktioniert das. Aber ich finde eben nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt. Die Form von Hardcore-Pornografie für die Sasha Grey steht ist in meinen Augen menschenverachtend und gefährlich. Und ich bin davon überzeugt, dass sie Menschen zerstört. Deshalb auch der Link zur Tyra-Banks-Show, in der man jenseits von Promotion-Texten eine Idee vom Menschen hinter Sasha Grey bekommen kann.

Und was den Nerzschinken angeht: Für mich ist ein Tier so wertvoll wie ein anderes. Nicht selten waren aber die Models, die vor Petas Kameras nackt gegen das Tragen von Pelzen posiert haben, keine Vegetarierinnen. Was es mir immer schwer machte hinter der zynischen Form von Charity-self-promotion auch nur einen Funken Interesse an Tierschutz erkennen zu können.
merdeister schrieb am 14.01.2010 um 10:35
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.01.2010 um 11:15
Ich habe ein paar Anmerkungen.

Ich bin einer von denen, die gerne Fleisch essen und auf dem Standpunkt beharren, der Mensch sei auch nur ein Tier. Natürlich gibt es an der Fleischproduktion und an der Angebotsstruktur nicht wenig auszusetzen und auch aus ernährungstechnischer Sicht ist der "moderne" Fleischkonsum nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss. Nun möchte aber eben nicht jeder Vegetarier, oder streng genommen, Veganer werden, was auch nicht unbedingt der güldene Weg des Menschen ist. Ich halte es zudem für illegitim, denen, die trotz allem Fleisch essen, gleich absprechen zu wollen, Tierschutz ernst nehme zu können.

Was die Kampagne von Peta betrifft, finde ich sie gelungen, denn sie provoziert und trifft im Grunde den Punkt, um den es geht. Natürlich trifft auch das Argument des Blogschreibers, Tierbesitzer sollen auf ihre Tiere achten. Allerdings weiß ich nicht, ob das reicht und ob jeder dazu in der Lage ist. Die Aufforderung, kastrieren zu lassen, erscheint mir da zielgerichteter.

Der Punkt der Pornografiekritik - nun ja - Pornografie war immer Bestandteil der Kulturen, genau betrachtet. Hier zu trennen zwischen gelungenem und annehmbarem Entertainment und purer Menschenverachtung ist schwierig und sehr individuell. Zudem stört mich die Fokussierung auf die armen entrechteten Frauen in der Kritik. Der Mann als Darsteller wird genau so reduziert und hat als dauerejakulierender Bock zu funktionieren, dessen Leben allein aus beliebigem Kopulationszwang besteht.
kopfkompass schrieb am 14.01.2010 um 18:33
In einem Punkt unterscheidet sich unsere Meinung wohl unüberwindlich: Es entscheidet jeder Einzelne für sich, wovon er sich ernährt und ich habe über die Entscheidungen Andere nicht zu urteilen. Persönlich kann ich aber beim besten Willen nicht einsehen, wie Tierliebe und Fleischkonsum miteinander vereinbar sein sollen.

Gegen die Behauptung der zwangsläufigen Mangelernährung bei Veganern findet sich allein in meinem Freundeskreis ein halbes Dutzend lebender Beweise.

Sicher haben Sie recht: Pornografie hat es immer gegeben. Das aber ändert nichts an ihrem Wesen, dass Sie ja selber als sehr verkürzt und für beide Geschlechter abwertend beschreiben. Auch stimme ich Ihnen zu, wenn Sie sagen, dass die Grenze zwischen Entertainment und Menschenverachtung schwer zu ziehen sei, bestehe aber darauf, dass es eine solche Grenze gibt.
bkhdk schrieb am 16.01.2010 um 14:35
ich habe mal recherchiert (ähemm, zum Glück legt mein Firefox keine Chronik an). Überrascht war ich, als bei einem Film mit Sasha Grey auf einmal Belladonna auftauchte, die als Archetyp der selbstbewussten Pornodarstellerin gilt. Sie ging, wenn man den Berichten glauben darf, auch immer ins Extremere und entspricht keinem gängigen Schönheitsideal der Pornoindustrie, sie sieht eher aus, wie sich der gängige Bier- Porno- Stammtischkonsument eine Kampflesbe vorstellt, mit Bürstenschnitt und ohne operative Eingriffe. Aber zurück zu Sasha Grey, das was ich sehen konnte, war für amerikanische Verhältnisse sicherlich die obere Grenze, aber nicht umsonst gibt es dort den Begriff des Europorns.
Aber man kann ja sagen, dass sie nett aussieht und bei Soderbergh mitspielt, wenn sie also Glück hat, wird sie demnächst als Hollywoodstarlet verheizt. Dann kann sie schon mal bei Tracy Lords anrufen und nach den Nummern der C- und D-Film-Produzenten fragen. Dann kann sie ihr Sexualleben privat ausleben, wenn sie drauf steht Schwänze bis über die Kotzgrenze zu lutschen, wir müssen es ja dann nicht sehen.
merdeister schrieb am 16.01.2010 um 14:50
Recherche, die habe ich auch beTRIEBEn. Nun bin ich ja nicht mehr allein :-/

Zwei Sachen habe ich gedacht:
Sportlich.
Armes Bindegewebe.
bkhdk schrieb am 16.01.2010 um 14:57
vielleicht noch als edit, die Zahl der mit ihr fabrizierten Titel ist relativ zu sehen. Mindestens jeder Vierte Film ist ein Zusammenschnitt aus Resten und Best-Ofs. Das gilt für die gesamte Industrie, würde mich wundern, wenn es hier anders ist.
kopfkompass
Wannabe alternative mainstream critic. Artist. Photographer. Videographer. Queer. Pre-Buddhist. Post-Genderist. Banker. Nerd. Dog-Daddy. Green. Vegan.
Ort:
Leipzig
Mitglied seit:
2 Jahre 19 Wochen
Zuletzt aktiv:
21.01.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 32
Kommentare: 91
Logbuch
03:14
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:14
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:12
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:10
SuzieQ hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:41
Joachim Petrick hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG