lebowski

Glücklich arbeitslos

04.02.2012 | 12:48

Berichtigung

Als ich den Blog vor über einem Jahr gestartet habe, schrieb ich im Teaser:

 

Glücklich arbeitslos. Geht das ? Ist das überhaupt gesetzlich erlaubt? Was ist besser: 2000 € im Monat, dafür aber leider keine Zeit für nix, oder jede Menge Freizeit mit Hartz-IV?

 

Das war Quatsch, wie ich jetzt feststellen muss. Damals war ich noch verwöhnt von den Gehältern im Öffentlichen Dienst. Man saß in seinem Büro und starrte die Wand an und fragte sich: so, wars das jetzt? Noch 20 Jahre Nichtstun bei voller Bezahlung, von der man sich zumindest noch eine halbwegs angemessene Wohnung leisten konnte und, sofern man bereit war, auf Autos und Urlaube zu verzichten, nicht zur preisvergleichenden Krämerseele mutieren musste.

Die Alternativen Zeit oder Geld existieren einige soziale Stufen unterhalb eines geregelten Angestelltendaseins schon nicht mehr. Wenn einen erstmal Hartz in den Fängen hat, hat man keins von beiden mehr.

Keine Zeit und kein Geld. Logisch passt das auch. Wozu Geld, wenn man keine Zeit mehr hat, es auszugeben.

Aber was könnte das neue Motto sein.

Vielleicht eine kurze Überlegung woher der Begriff "Arbeit" überhaupt kommt:

Nicht nur faktisch, sondern auch begrifflich lässt sich die Identität von Arbeit und Unmündigkeit nachweisen. Noch vor wenigen Jahrhunderten war der Zusammenhang zwischen Arbeit und sozialem Zwang den Menschen durchaus bewusst. In den meisten europäischen Sprachen bezieht sich der Begriff „Arbeit“ ursprünglich nur auf die Tätigkeit des unmündigen Menschen, des Abhängigen, des Knechts oder des Sklaven. Im germanischen Sprachraum bezeichnet das Wort die Schufterei eines verwaisten und daher in Leibeigenschaft geratenen Kindes. „Laborare“ bedeutet im Lateinischen so viel wie „Schwanken unter einer schweren Last“ und meint allgemein gefasst das Leiden und die Schinderei des Sklaven. Die romanischen Wörter „travail“, „trabajo“ etc. leiten sich von dem lateinischen „tripalium“ ab, einer Art Joch, das zur Folter und Bestrafung von Sklaven und anderen Unfreien eingesetzt wurde. In der deutschen Redeweise vom „Joch der Arbeit“ klingt eine Ahnung davon nach.

„Arbeit“ ist also auch dem Wortstamm nach kein Synonym für selbstbestimmte menschliche Tätigkeit, sondern verweist auf ein unglückliches soziales Schicksal. Es ist die Tätigkeit derjenigen,  die ihre Freiheit verloren haben. Die Ausdehnung der Arbeit auf alle Gesellschaftsmitglieder ist daher nichts als die Verallgemeinerung von knechtischer Abhängigkeit und die moderne Anbetung der Arbeit bloß die quasi-religiöse Überhöhung des Zustandes.

Aus dem "Manifest gegen die Arbeit"

 

Oder eine treffende  Überlegung von Maria Wölflingseder:

Was ist eigentlich mehr Arbeit, eine Arbeit zu haben oder keine? Was kostet mehr Energie und Substanz? – Meist macht es mehr Arbeit, und es ist viel nervenaufreibender ohne Arbeit zu sein. Weil du ohne nicht ganz richtig bist. Weil du in einem unmöglichen Zustand gefangen bist, in dem du unmöglich über die Runden kommen kannst. Die Arbeit bist du los, aber ohne Beschäftigung bist du mitnichten. Keine Hitzewelle bringt dich so ins Schwitzen wie das Jobsuchen. Und sei es nur ein kleines Mini-Jobberl, das du suchst, mit dem du 374 Euro zum Arbeitslosengeld dazuverdienen darfst. Jedes Mal ist es von neuem unfassbar: Du sitzt stundenlang, tagelang, wochenlang vorm PC, suchst nach Anzeigen, bewirbst dich, aber die Reaktionen sind gleich null. Je älter, je gebildeter, oder welche „Mängel“ auch immer du aufweist, desto ungefragter bist du. Genau so gut könntest du gegen die Wand reden, schreiben und telefonieren. Warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, diese Unmengen an Nicht-Arbeit abzuschreiben? Negativ-Steuer – warum nicht auch Negativ-Arbeit? Schadet dieses massenhaft mutwillig vergeudete Tun nicht uns allen?

Oder wie wäre es mit einem Gedanken zur angeblichen "Würde" der Arbeit:

Die Entwürdigung, die die meisten Arbeitenden bei ihren Jobs erleben, entspringt der Summe der verschiedensten Demütigungen, die unter dem Begriff “Disziplin” zusammengefaßt werden können. Foucault hat dieses Phänomen komplexer dargestellt, aber es ist eigentlich ganz einfach. Disziplin besteht aus der Absolutheit der totalitären Kontrolle am Arbeitsplatz – Überwachung, Fließband, vorgegebenes Arbeitstempo, Produktionsziffern, Stechuhr usw. Disziplin ist das, was Fabrik, Büro und Geschäft mit dem Gefängnis, der Schule und dem Irrenhaus gemein haben. Es ist etwas historisch Einzigartiges und Furchtbares. Es überstieg die Fähigkeiten solch teuflischer Diktatoren wie weiland Nero oder Dschingis Khan oder Iwan des Schrecklichen. So schlecht ihre Absichten auch gewesen sein mögen, ihnen fehlte die Maschinerie, um ihre Untertanen so gründlich zu kontrollieren, wie es moderne Despoten vermögen. Disziplin ist die charakteristisch moderne Funktionsweise der gesellschaftlichen Kontrolle, es ist ein innovatives Eintrichtern, gegen das bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eingeschritten werden muß.

Bob Black,  Die Abschaffung der Arbeit

Ach was, ich nehme einfach die tiefsinnigen Worte eines fränkischen Edelmannes:

Man darf nie das Gefühl haben, dass man im politischen Geschäft ein Star wäre, sondern man hat verdammt noch mal seine Arbeit zu machen.

Karl-Theodor zu Guttenberg

Und jetzt zurück zu Dir Wolf-Dieter in die Sendeanstalt.

 

 

 

 

 
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Kommentare
hadie schrieb am 04.02.2012 um 18:35
Man kann sich das Abstellgleis auch schön reden - was den Mietmäulern zuARBEITET, die gerade der weiteren Absenkung von Sozialstandards das Wort reden.
lebowski
Seit einigen Jahren muss ich mich zwangsläufig mit dem von Hannah Arendt analysierten Ende der Arbeitsgesellschaft befassen. Was ist schlimmer bzw. schöner: Arbeit zu haben oder arbeitslos zu sein?
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Logbuch
16:04
Achtermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:01
Achtermann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
16:00
Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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