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Kultur : Der Kapitalismus ist ein flexibles Kerlchen

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Heute las ich, dass sogar der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney auf der Seite der OWS-Bewegung ist. Und auch Politiker der CDU, SPD und Grünen unterstützen die Protestbewegung. Niemand will für dieses Wirtschaftssystem noch Prügel einstecken. Die Suche nach Verantwortlichen gestaltet sich zunehmend verzweifelt: die Banken, die Rating-Agenturen, die Politik. Alles abstrakte Größen. Es ist ja nicht so, dass Banken befestigte Trutzburgen sind, von der aus Raubritter plündern. Nee, wenn man wollte, könnte man jede Bank innerhalb kürzester Zeit stillegen. Dann könnte man die ganzen Festplatten beschlagnahmen und damit hätte man auch das ganze Geld, das angeblich vernichtet wird. Geld, das ist nichts anderes mehr als Nullen und Einsen auf irgendwelchen Festplatten.

Es gibt in diesem spiel keine Bösewichter. Deswegen kann auch keine Kavallerie kommen, um den Tag zu retten. Ayn Rand, die letzte bekennende Kapitalistin ist schon länger tot. Das ist ja das Großartige am Kapitalismus, dass er ganz ohne Befürworter auskommt. Seit 500 Jahren gibt es ihn und er hatte moralisch abgewirtschaftet, bevor er jemals irgendeine moralische Legitimität besaß. Offensichtlich kann er damit ganz gut leben. Moral ging dem Kapitalismus schon immer am Arsch vorbei. Wichtig ist das Geschäft.

Wenn Che Guevara flammende Reden gegen den Kapitalismus hält und als Guerilla-Krieger kämpft, dann machen eben die Kapitalisten mit Che Guevara-Postern und T-Shirts einen Riesen-Reibach. Wie sagte schon James Cagney in Billy Wilders 1-2-3 sinngemäß: uns ist egal, was die Kommunisten treiben, Hauptsache die trinken Coca-Cola.

Die Voraussetzung für unseren westlichen Lebensstil ist dummerweise der Kapitalismus. Da kann man so viel demonstrieren wie man will. Wer ja zu Autos, Handys, Pauschalreisen, das eigene Haus sagt, der muss auch ja zu diesem Wirtschaftssystem sagen. Der muss eben morgens um sechs 70 Kilometer zur Arbeit fahren, sich von einem Chef anschnauzen lassen, im Hamsterrad laufen und -wenn er nicht gerade verbeamtet ist- in ständiger Angst um seinen Job leben.

Die Frage geht also insbesondere an die Mittelschicht: auf was ist man bereit zu verzichten, um dem Hamsterrad zu entkommen?

Ich darf übrigens auch nächste Woche Dienst in einem Call-Center antreten und den technischen Support für irgendein blödsinniges Produkt übernehmen. Irgendein Konzern wird damit Reibach machen und es ist scheißegal, ob ich den Kapitalismus hasse oder nicht.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.