"Jeder, der heutzutage in der Öffentlichkeit steht, der Journalist, der Politiker, der Wissenschaftler, legt Wert darauf, dem Mainstream anzugehören. Fragwürdig ist nicht, zu sagen, was alle sagen, wohl aber, zu sagen, was die Macht, in diesem Fall die Finanzindustrie, vorkaut. Wer unter diesen Bedingungen sozial aufsteigt, repräsentiert geistigen Abstieg: Der angesehene Universitätsprofessor ist unter den angepassten Hohlköpfen der angepassteste, der tonangebende Publizist unten den gekauften Schwadroneuren der billigste. Das gemeinsame Merkmal der Auserlesenen: Sie müssen den geistigen Schund, den sie produzieren, fortwährend anpreisen. Für unhaltbare Zustände Reklame machen – so sieht politisches Engagement heute aus."
Michael Scharang, Finale Raserei
Gestern ging es bei "Anne Will" mal wieder um die soziale Mobilität. "Einmal unten, immer unten- Aufstieg nur für Reiche?"
Interessant war an dieser Sendung wieder einmal nicht, was gesagt wurde, sondern welche Gestalten uns die Will als Beispiele für Leute, die "oben" sind, vorstellte.
Als da wären:
Anna von Bayern: Schreiberling für die "Welt", einer Zeitung, die nicht mal Vertreter lesen, wenn sie umsonst an der Hotelrezeption ausliegt. Außerdem Verfasserin einer Biografie eines gewissen Karl-Theodor zu Guttenberg. In dieser pinselt sie auf über 200 Seiten eifrig dem adeligen Pomadeträger den Bauch. Guttenberg ist blöderweise als Hochstapler aufgeflogen und hat das Weite gesucht.
Jürgen Milski: "Im Jahr 2000 nimmt Milski an der ersten Staffel von "Big Brother" teil, wird danach zum Star stilisiert. Milski moderiert im Fernsehen unter anderem beim Quizsender 9Live und bei Sport1. Außerdem startet er eine Karriere als Sänger. Heute tritt er regelmäßig als Entertainer auf und begeistert sein Publikum."
Herbert Hentzler: "Dann beginnt Henzler seine Tätigkeit als Consultant bei der Unternehmensberatung McKinsey, wird dort zum Partner, Direktor und schließlich zum Chairman. Den Vorstandsposten hat er von 1985 bis 1999 inne. Zudem hält Henzler eine Honorarprofessur an der Universität München. Seit 2002 ist er Beirat bei McKinsey und der schweizerischen Bank Crédit Suisse."
Dazu noch den notorischen Wowereit, den Armutsforscher Butterwegge und eine Dame, die ein Initiative gegründet hat.
Also: eine billige Zeilenschinderin, einen 9Live-Moderator und einen McKinsey-Berater präsentiert uns die Will als soziale Elite dieses Landes, als Beispiele für Leute, die es "geschafft" haben. Und dann wurde diskutiert. Wie schaffen es auch Kinder aus sozial schwachen Familien, Mitglied im großen Arschgeigenorchester namens "Elite" zu werden. Milski und Anna von Bayern behaupteten, jeder, der sich anstrenge, können Mitglied im Arschgeigenorchester werden. Milski bspw. kommt aus einer sozial schwachen Familie und hat es trotzdem bis in den Big-Brother-Container geschafft. Butterwegge hingegen behauptete, nein, die Mitgliedschaft im Arschgeigenorchester hänge ganz entschieden von den sozialen Umständen ab. Nur wer studiert, könne irgendwann wie die Will Prosecco-schlürfend auf dem Bundespresseball rumhängen.
Als Beispiel für jemanden, der wohl immer "unten" bleiben wird, wurde uns ein junges Mädchen vorgeführt, dass "nur" auf die Hauptschule geht. Und irgendwie kam mir in diesem Augenblick der Gedanke, dass die Hauptschule gar nicht so schlecht ist, wenn man dort vor der Will und ihrer Geld-Bagage sicher ist.
Eine Stimme habe ich in dieser Diskussion vermisst. Jemanden, der keinen Wert darauf legt, Mitglieddieser sogenannten "Elite" zu werden. Aber vielleicht liegt darin ja die wahre Tragik dieser Gesellschaft. Jeder muss Mitglied im A..norchester werden wollen, sonst geht er unter. Get rich or die tryin'.
Ein Frage wurde mir übrigens bei diesen ganzen Diskussionen über sozialen Aufstieg noch nie beantwortet: wer putzt eigentlich der Will die Wohnung, wenn alle Putzfrauen sozial aufgestiegen sind? Macht die das dann selber?
Übrigens: was der Arbeitgeber der Anna von Bayern wirklich über sozial Schwache denkt, kann man heute online nachlesen.
Arbeitstitel: Die bucklige Verwandschaft mutet Promis einiges zu