lukasheinser

Blog von lukasheinser

11.03.2009 | 12:18

Somebody Killed The Videostar

Die neue Pet-Shop-Boys-Single "Love Etc." hatte gerade ihre Radiopremiere gefeiert, ein Musikvideo war noch nicht gedreht, da lud das Label Parlophone den Song bei YouTube hoch - nur die Musik, dazu eine Animation, die Albumtitel und Releasedate verkündete. Es ist ein kleines Detail, das viel darüber verrät, wo Musik heutzutage gehört wird. Der Song musste bei YouTube sein, bevor ihn irgendjemand aus dem Radio mitschneiden und - mit einer Diashow uralter Bandfotos versehen - hochladen konnte.

Ohne YouTube läuft es heutzutage nicht mehr - und für viele Bands und Künstler läuft es (also das nicht selten teuer produzierte Musikvideo) nur noch auf YouTube und vergleichbaren Plattformen. Gerade in Deutschland hat sich das Musikfernsehen verabschiedet, obwohl MTV irreführenderweise immer noch so heißt. Im vergangenen Oktober hat der Sender den Großteil des Rests seiner Musiksendungen eingestellt, seitdem ist er - mutmaßlich, denn ich habe seit Jahren keine Minute MTV mehr geschaut - eine Abspielstation für den Schrott (Entschuldigung, da dulde ich keine Geschmacksdiskussion!), den der Mutterkonzern Viacom zur Weiterverwertung zur Verfügung stellt.

Vergangene Woche unterhielt ich mich mit Musikern, die sich darüber beklagten, dass auf MTV keine Musik mehr gespielt werde - nicht nur ihre eigene, sondern überhaupt keine. Für Menschen, die mit Musikfernsehen aufgewachsen sind und einen Großteil der eigenen Lieblingsbands darüber kennengelernt haben, ist das ein erheblicher Verlust.

Andererseits gibt es ja noch einen deutschsprachigen Musiksender (wobei "deutschsprachig" da relativ egal ist, da das Programm eh fast ausschließlich aus Musikvideos besteht): Go TV heißt der Sender, der Österreich (und via Digitalsatellit dankenswerterweise auch Deutschland) mit neuen Künstlern und Klassiker-Clips versorgt. Aber warum klappt sowas in Österreich, einem Land mit einem Zehntel der Einwohnerzahl Deutschlands?

Das habe ich nicht nur mich gefragt, sondern auch Tim Renner, den letzten Überlebenden des Zusammenbruchs der Musikindustrie in Deutschland, und Chef von Motor. Er erklärte mir das zum einen mit der politischen Struktur Österreichs, die es dem Sender einfach macht, ins analoge Kabelnetz und damit in den Großteil der Haushalte zu gelangen (in Deutschland müsste man dafür mit 14 Landesmedienanstalten verhandeln - außerdem sind alle technisch möglichen Sendeplätze im Kabel vergeben). Zum anderen hätten MTV und Viva den Fehler begangen, ihre Einschaltquoten messen zu lassen - seitdem müssen die Sender auf die Quote gucken, die man offenbar besser mit "Date My Mom" und "Flavor Of Love" macht, als mit Musikvideos. (Dass man Musikvideos auch wie Radio im Hintergrund laufen lassen kann, ist vermutlich kein Argument, wenn man Werbeplätze verkaufen muss.)

Die Behauptung, man würde Musikvideos heute eh online schauen, vertauscht meines Erachtens Ursache und Wirkung: Erstens entdeckt man beim bewussten Ansteuern von Videos eher selten neues und zweitens werden die meisten Videos immer noch für große Fernsehbildschirme gedreht und kommen in 320x240 Pixel und Maximalkomprimierung eher mittelgut rüber. Wie den Plattencovern, die auf 12 mal 12 Centimetern CD-Hülle auch immer etwas mickrig wirkten, droht nun der nächsten Musik-begleitenden Kunstform der Abstieg.

Natürlich wäre es eine Idee, einen eigenen Musikvideosender zu gründen. Eine Wirtschaftskrise mag Zerstreuung erfordern, ist aber ein eher schlechtes Klima für Investitionen. Außerdem bliebe die Frage der Verbreitung. Das Ende von Viva 2 kam schließlich auch recht schnell, nachdem der Sender auf den teuren Astra-Satelliten aufgeschaltet worden war.
 
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Kommentare
freiwild schrieb am 11.03.2009 um 19:50
Mit dem Musikfernsehen ist es ähnlich wie mit dem gut gemachten Radio. Es gibt heute sogar mehr davon als früher, aber da der Schund (das muss man wohl so sagen) noch sehr viel stärker zugenommen hat, und dies besonders auf den klassischen Verbreitungswegen, sind qualitative Musiksendungen heute nur noch sehr schwierig zu finden und werden meist nur noch auf schwierigeren Verbreitungswegen ausgestrahlt. Natürlich kenne ich kaum jemanden, der nicht Viva Zwei (oder wenigstens dem alten Viva oder MTV - kennt noch jemand Onyx?) hinterhertrauert, aber immerhin gibt es heute go.tv, Deluxe Music, iMusic-TV und Tim Renners Motor TV, dazu kommen noch diverse europäische Musiksender über Satellit und - wer's mag - das Angebot im Pay-TV.

Diese Sender ermöglichen es, Musikvideos tatsächlich wieder in Fernsehauflösung und nicht als Youtube-Briefmarke anzuschauen, ohne Viva's Kiddyabzocke (Lars und Verena: 94% Liebe, 49 Cent ärmer) und auch mit größerer Titelrotation als die Top30-AC-Soße, vor der man sich schon auf den meisten Radiofrequenzen nicht mehr schützen kann. Die einstige Funktion, die Viva jedoch ursprünglich mal hatte, nämlich eine große Öffentlichkeit für die Vielfalt des Musikbiz herzustellen (nicht von ungefähr wurde der Aufbau des deutschen Anti-MTVs größtenteils von den Major Labels finanziert), können diese Sender, und kann auch Youtube oder MySpace nicht schaffen. Dafür ist die Lücke, die der Rückzug des Musikfernsehens nicht nur hierzulande geschaffen hat, inzwischen zusehr fragmentiert. Aber vielleicht ist es gerade diese Kleinteiligkeit des Musikpublikation heute, worin die Chance für neue, kleine, echte Bands besteht, groß herauszukommen. Nicht von ungefähr hat sich MySpace inzwischen zum Musikkarrierehelfer Nr.1 gemausert.
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