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Politik : August 1968

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Am 20. August 1968 war ich bei meiner Mutter in Leipzig und erinnere mich noch an unseren Schrecken, als wir hörten, dass Streitkräfte der „Staaten des Warschauer Vertrages“ - (diese Redeweise war furchtbar) - in die CSSR einmarschiert seien. Das war zu erwarten gewesen, schon bei den verschiedenen Treffen der Partei- und Staatsführer vorher wurde deutlich, dass die Russen und auch die DDR sich das nicht mehr lange ansehen werden. Die Erklärungen von der Hilfe an die Genossen in Prag widerten uns alle an.

Mit dem Prager Frühling war für mich viel mehr Hoffnung verbunden, als später mit der Solidarnocs-Bewegung. Die Akteure in der CSSR waren nicht dieser penetranten Beeinflussung von außen ausgesetzt – obwohl es die auch gab – wie dieser „Habemus Papam“-Wettstreit der Systeme in Polen.

Die Tschechen und Slowaken hatten kluge Denker mit ihren Manifesten der 1000 Worte und eine Idee, die mit Wandel zu tun hatte und nicht mit kompletter Umkehr – wohin auch immer. Die Polen – so schien mir – wollten irgendwie alles umstürzen und dann eine Heilige Messe lesen.

Ich war aber zu der Zeit eine eher unpolitische Studentin, plagte mich mit meinen nach wie vor schlechten Voraussetzungen in Englisch und dem Wunsch, die Slawistik, die mir auch noch anhing, aufzugeben.

Ich fuhr nach dem 20. August erst einmal zu einer Kommilitonin nach Warnemünde, aber im Herzen bewegte ich andere Fragen. Nämlich, warum es mir nie gelang, mich – wenn ich verliebt war – des „Angebeteten“ Wert zu fühlen. Warum erlebte ich Männer, in die ich verliebt war, immer als maßlos überlegen?Und ich wäre gern eine ganz Andere gewesen, als die, die sich jetzt andauernd schlecht fühlte, statt sich mal ohne Grübeln in eine Beziehung zu stürzen.

Die Zeit in Warnemünde war wunderschön, ich hatte, zum ersten Mal mit 22 Jahren, das Meer erlebt. Die Fähren nach Gedser verfolgte ich mit der allen DDR-Bürgern eigenen Faszination und lag zufrieden in der Sonne.

Es wurde bald deutlich, dass dieses Geschichte mit dem Einmarsch uns alle betrifft. Nach den Ferien war die Atmosphäre im Institut für Bibliothekswissenschaften und Information/Dokumentation sehr angespannt. Es gab eine Versammlung, bei der eine Einverständniserklärungen mit den Maßnahmen der Staaten des Warschauer....usw. vorgetragen wurde und wir waren gehalten, sie zu billigen – per Handzeichen. Ich kann mich nicht erinnern, wie das alles en detail abgelaufen ist. Ich weiß nur, dass ich später in mein Tagebuch – in dem außer den Beschwernissen, die mir diese Liebesgeschichte machte – nur noch eine weitere Überlegung stand, nämlich ob man das noch verantworten kann mit den Einverständnissen. Also muss es mich sehr beschäftigt haben.

Am Institut lehrte Professor Othmar Feyl. Er war in Prag geboren, ein Sudetendeutscher und 1951 erst in die DDR gekommen.

Der hat sich energisch geweigert, Ergebenheits- und Einverständnisadressen zu unterzeichnen. Man hat ihn damals gerügt, er verschwand ziemlich aus dem akademischen Leben. Seine Tochter, Renate Feyl, hat über ihren Vater später ein Buch geschrieben. "Ausharren im Paradies".

Das Buch erschien erst nach 1990. Die Sache mit Prag war ihm Anstoß, sich zu verweigern.

Unser Studienjahr fing ganz ruhig an, es wurde viel miteinander diskutiert, aber ohne allzu rebellische Impulse. Leute – wie Sandra Weigl, Thomas Brasch, Bettina Wegener und andere fingen an, wider den Stachel zu löcken. Brasch und die Katharina Thalbach gingen später nach dem Westen. Eigentlich war das der Anfang des Niederganges und nicht Biermann und nicht Solidarnosc. Da wusste man schon, dass der Laden nicht läuft. Dass die sich immer tiefer verstricken, auch wenn es zwischendurch mal kleine Freiheiten und gesellschaftliches kurzes Durchatmen gab.

Es verschwanden auch einige wenige Kommilitoninnen und Kommilitonen vom Institut. Sie alle kamen wieder – nach der Wende. Und am Institut wurde über die Umstände ihres Rauswurfes diskutiert. Da saßen sie – alle schon älter - und die Dozenten und Professoren sehr angespannt und nervös und versuchten, sich zu rechtfertigen. Ich war nicht dabei, ich sah mir das im Fernsehen an.

Ich verlor im Herbst 1968 meine Liebe und hockte monatelang in einem Berliner Zimmer – sehr dunkel, sehr kühl und sehr allein – immer in der Hoffnung, es geschieht ein Wunder und mein Freund kommt zurück oder ich vergesse ihn so gründlich, dass ich etwas Anderes, was Neues, in den Blick nehmen kann.

Ich änderte mein Leben. Ich schnitt mir die Haare sehr kurz.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.