Magda

Mal sehen

20.08.2011 | 17:47

August 1968

 

Am 20. August 1968 war ich bei meiner Mutter in Leipzig und erinnere mich noch an unseren Schrecken, als wir hörten, dass Streitkräfte der „Staaten des Warschauer Vertrages“ - (diese Redeweise war furchtbar)  - in die CSSR einmarschiert seien. Das war zu erwarten gewesen, schon bei den verschiedenen Treffen der Partei- und Staatsführer vorher wurde deutlich, dass die Russen und auch die DDR sich das nicht mehr lange ansehen werden. Die Erklärungen von der Hilfe an die Genossen in Prag widerten uns alle an. 

Mit dem Prager Frühling war für mich viel mehr Hoffnung verbunden, als später mit der Solidarnocs-Bewegung. Die Akteure in der CSSR waren nicht dieser penetranten Beeinflussung von außen ausgesetzt – obwohl es die auch gab – wie dieser „Habemus Papam“-Wettstreit der Systeme in Polen. 

Die Tschechen und Slowaken hatten kluge Denker mit ihren Manifesten der 1000 Worte und eine Idee, die mit Wandel zu tun hatte und nicht mit kompletter Umkehr – wohin auch immer. Die Polen – so schien mir – wollten irgendwie alles umstürzen und dann eine Heilige Messe lesen.

Ich war aber zu der Zeit eine eher unpolitische Studentin, plagte mich mit meinen nach wie vor schlechten Voraussetzungen in Englisch und dem Wunsch, die Slawistik, die mir auch noch anhing, aufzugeben.

Ich fuhr nach dem 20. August erst einmal zu einer Kommilitonin nach Warnemünde, aber im Herzen bewegte ich andere Fragen. Nämlich, warum es mir nie gelang, mich – wenn ich verliebt war – des „Angebeteten“ Wert zu fühlen. Warum erlebte ich Männer, in die ich verliebt war, immer als maßlos überlegen?Und ich wäre gern eine ganz Andere gewesen, als die, die sich jetzt andauernd schlecht fühlte, statt sich mal ohne Grübeln in eine Beziehung zu stürzen. 

 Die Zeit in Warnemünde war wunderschön, ich hatte, zum ersten Mal mit 22 Jahren, das Meer erlebt. Die Fähren nach Gedser verfolgte ich mit der allen DDR-Bürgern eigenen Faszination und lag zufrieden in der Sonne. 

 Es wurde bald deutlich, dass dieses Geschichte mit dem Einmarsch uns alle betrifft. Nach den Ferien war die Atmosphäre im Institut für Bibliothekswissenschaften und Information/Dokumentation sehr angespannt. Es gab eine Versammlung, bei der eine Einverständniserklärungen mit den Maßnahmen der Staaten des Warschauer....usw. vorgetragen wurde und wir waren gehalten, sie zu billigen – per Handzeichen. Ich kann mich nicht erinnern, wie das alles en detail abgelaufen ist. Ich weiß nur, dass ich später in mein Tagebuch – in dem außer den Beschwernissen, die mir diese Liebesgeschichte machte – nur noch eine weitere Überlegung stand, nämlich ob man das noch verantworten kann mit den Einverständnissen. Also muss es mich sehr beschäftigt haben.

Am Institut lehrte Professor Othmar Feyl. Er war in Prag geboren, ein Sudetendeutscher und 1951 erst in die DDR gekommen.

Der hat sich energisch geweigert, Ergebenheits- und Einverständnisadressen zu unterzeichnen. Man hat ihn damals gerügt, er verschwand ziemlich aus dem akademischen Leben. Seine Tochter, Renate Feyl, hat über ihren Vater später ein Buch geschrieben. "Ausharren im Paradies".

Das Buch erschien erst nach 1990. Die Sache mit Prag war ihm Anstoß, sich zu verweigern.

Unser Studienjahr fing ganz ruhig an, es wurde viel miteinander diskutiert, aber ohne allzu rebellische Impulse. Leute – wie Sandra Weigl, Thomas Brasch, Bettina Wegener und andere fingen an, wider den Stachel zu löcken. Brasch und die Katharina Thalbach gingen später nach dem Westen. Eigentlich war das der Anfang des Niederganges und nicht Biermann und nicht Solidarnosc. Da wusste man schon, dass der Laden nicht läuft. Dass die sich immer tiefer verstricken, auch wenn es zwischendurch mal kleine Freiheiten und gesellschaftliches kurzes Durchatmen gab.

Es verschwanden auch einige wenige Kommilitoninnen und Kommilitonen vom Institut. Sie alle kamen wieder – nach der Wende. Und am Institut wurde über die Umstände ihres Rauswurfes diskutiert. Da saßen sie – alle schon älter  - und die Dozenten und Professoren sehr angespannt und nervös und versuchten, sich zu rechtfertigen. Ich war nicht dabei, ich sah mir das im Fernsehen an.

Ich verlor im Herbst 1968 meine Liebe und hockte monatelang in einem Berliner Zimmer – sehr dunkel, sehr kühl und sehr allein – immer in der Hoffnung, es geschieht ein Wunder und mein Freund kommt zurück oder ich vergesse ihn so gründlich, dass ich etwas Anderes, was Neues, in den Blick nehmen kann.

Ich änderte mein Leben. Ich schnitt mir die Haare sehr kurz.

 

 

 
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Kommentare
Zeitleser schrieb am 20.08.2011 um 18:12
Wie großartig der Prager Frühling war, das konnte ich in dem Buch der "Richta-Report" nachlesen, Vernunft pur - ich hab es später dem Haus der Geschichte in Leipzig überlassen, was mir inzwischen Leid tut. Ich werde es mir über ZVAB wieder beschaffen. Vor der tschechoslowakischen Militärmission in der Podbielskiallee in B-Dahlem haben wir damals demonstriert, aber nicht so viele. Im Jahr darauf war ich in Polen, da gab es so etwas wie Entspannung und deshalb durfte zum ersten Mal eine stud. Delegation einreisen, seit dieser Zeit mag ich Polen sehr, vor drei Jahren war ich auch dort, in Sandomierz im Pfeffergebirge an der mittleren Weichsel.
Rosa Sconto schrieb am 20.08.2011 um 18:38
68 war ich noch gar nicht geboren und danke Ihnen darum für diese persönliche Erinnerung. Haar wachsen wieder ;)

Interessant beim Lesen fand ich, das Sie, wie mein Vater auch, mit dem Prager Frühling viel mehr Hoffnung verbunden hatten, als mit der Solidarnocs-Bewegung. Der war dann aber auch schon Schweißer hier in Duisburg. Und das mit der Heiligen Messe hätten die Kroaten bei uns im Bosnien bestimmt auch so gemacht, - wenn sie gekonnt hätten. Wäre da nicht der Kroate Tito gewesen der, mitsamt seinen Cetnik-Generälen aus der Kraijana, die Russen schon viel früher "wegkomplimentiert" hatte. Ich denke einmal wir wären auch viel länger in dieser Illusion stecken geblieben hätten die sich nicht wie Kolonialknilche benommen.

Vielleicht hättet Ihr aus der DDR öfters einmal die Sommerschule der Praxis Gruppe auf Korcula besuchen sollen... aber das wäre damals wohl Häresie gewesen, - obwohl heute die Rosa Luxemburg-Stiftung die Praxisgruppe nun als wichtige Bewegung entdeckt hat.
luggi schrieb am 20.08.2011 um 21:34
Ich mag diese scheiß Larmoyanz nicht!!!
Hallo ... hört mich Jedermann?

Die Tschechen haben doch jetzt die einmalige Chance, den Restart des Prager Frühlings einzuleiten. Liebe Tschechen, macht doch einfach mal das, was ihr 1968 wolltet! Oder ist das virtuelle Gedenken besser als die Tat? Ihr habt doch jetzt die Freiheit ... also nutzt sie. Beweist, dass die Kritiker Unrecht hatten.

Krokodilstränen sollten den Krokos eigen sein.
Magda schrieb am 20.08.2011 um 21:56
Danke für die Kommentare

@ Zeitleser - Danke für Ihre interessanten Reminiszenzen. Übrigens wir waren auch oft in Polen. Mein Mann ist einige Male im Urlaub mit einem Binnenschiffer über die Weichsel geschippert. Und doch - die hatten so einen Hang zum Durchwursteln. Und sehr sehr konservativ.

@ Rosa Sconto - "Wäre da nicht der Kroate Tito gewesen der, mitsamt seinen Cetnik-Generälen aus der Kraijana, die Russen schon viel früher "wegkomplimentiert" hatte. Ich denke einmal wir wären auch viel länger in dieser Illusion stecken geblieben hätten die sich nicht wie Kolonialknilche benommen."

Das sind auch wieder Details, die ich gar nicht so parat habe. Tito also mit seinen serbischen Generälen gegen die Russen?
Das mit der Sommerschule der Praxis ist sehr interessant.
Danke.

@ luggi - Tja, luggi das musste jetzt aushalten. Andererseits zurück in den Bau.
luggi schrieb am 20.08.2011 um 22:23
Huch, ich war noch niehhh aus meinem Bau raus. Eigentlich ist es ein System, ein vorprogrammiertes mit Sinn. Nicht dieses Hirngespinst von Chancen. Mein Futter ist nahrhaft und besteht nicht aus vertrockneten Floskeln. Ideologischer Unfug wird mit revolutionären Tüchern weggewischt ... oder mit einfachen, praktischen Fragen (s.o.).
Rosa Sconto schrieb am 20.08.2011 um 23:04
Magda,
auch wenn dies nur dieses Wicki ist: Die Praxis-Gruppe war eine Gruppe jugoslawischer Philosophen und Sozialwissenschaftler, die einen humanistischen, undogmatischen Marxismus vertraten...
de.wikipedia.org/wiki/Praxis-Gruppe

Die für mich heute interessanteste Persönlichkeit ist wohl Mihailo Marković. Covic ist ein Stalinist.
Magda schrieb am 21.08.2011 um 12:38
Danke für die Info. Doch, ich erinnere mich, dass die Jugos ja auch in der DDR in Verschiss waren, weil sie undogmatischer hantierten, aber die Details kannte ich nicht.
weinsztein schrieb am 21.08.2011 um 04:15
Seit Tagen
rufen sie bei mir an,
die Beobachter von Mißständen
aus Funk- und Zeitungs-
und anderen Häusern.
Degenhardt, sagen sie,
oder, vertraulich, Väterchen:
Nun, was sagen sie jetzt
zu Prag?
Ach, die widern mich an.
Endlich, endlich
dürfen sie die in Jahren hinuntergewürgte
Kritik
hinauskotzen,
diesmal darf man vom Leder ziehen
zu Prag.
Beifällig nicken Verleger und Intendanten.
Und wir, Freunde,
es scheint, wir haben gut gearbeitet.
Denn hört euch diese Typen an,
die Vorsitzenden der Aufsichtsräte,
die Vorstände und Herren der Konzerne
und deren Sachwalter
auf Regierungs- und anderen -bänken.
Sie sind empört,
weil der Aufbau des Sozialismus gehemmt worden ist
zu Prag.
Sie trauern
und sprechen von Scham,
die Stalingradkämpfer,
die Makler und Generale
und deren Sachwalter
in Zeitungs- und anderen Häusern.
Sie trauern,
weil der Sprung, voller Wagnis,
auf eine andere Stufe des Sozialismus
nicht stattfinden durfte
zu Prag.

Nein,
wir hören genau hin.
Die sagen "das goldene Prag".
Und wenn die Gold sagen,
meinen die Gold,
die Herren,
die den Vorfall in der Schweinebucht
peinlich,
der Vorfall in Santa Domingo
gelungen,
den Vorfall in Griechenland
überhaupt nicht benennen.
Nein, mit diesen Herren
(und mit den Herren ohne Eier, versteht sich)
teilen wir nicht
unsere Wut
über den Sieg der Panzer
zu Prag.

(Lied von Franz Josef Degenhardt, 1968, nach dem Einmarsch)
archinaut schrieb am 21.08.2011 um 10:58
Liebe Magda,
deine Erinnerungen finde ich sehr interessant,
auch Deine Einschätzung: "Eigentlich war das der Anfang des Niederganges und nicht Biermann und nicht Solidarnosc. Da wusste man schon, dass der Laden nicht läuft."
Bleib mutig!
archie
tlacuache schrieb am 21.08.2011 um 12:02
Ein echtes persöhnliches Zeitdokument,
hat mir sehr gefallen Magda.

Aus eigener Erfahrung will ich hier mal fragen:
Als ich 1980 das erste mal durch die DDR Richtung (West) Berlin fuhr, hämmerte es die ganze Zeit "Alles so schön Bunt hier" von Nina Hagen, frisch in den Westen abgehauen.
Wie wurde das eigentlich bei euch gefühlt?
Lady (nicht mehr ganz) Gaga?
Promitochter macht es sich bequem?
Konnte man die Texte nachvollziehen?

@Weinstein,
Degenhardt is' geil... ;-)
Magda schrieb am 21.08.2011 um 12:56
@ weinsztein - An dem Degenhardt finde ich gut, dass er beide Seiten sieht. Die falschen Trauerarbeiter und die falschen TRänen, aber auch den richtigen Zorn, damals.

Bei dem schrecklichen Karl Eduard v.Schnitzler war es nur der selbstgerechte Triumph, der "Sieger der Geschichte".

@ archinaut - Ja, ich bleibe - im Rahmen meiner Möglichkeiten - mutig.
Obwohl JA in seinem Kernschmelze-Ordner gerade über irgendwelche sozialistischen Senioren und DDR-Vertriebene vom Leder zieht. Nuja, auch gut.

@ tlacuache - Danke. Ich vergesse einfach manchmal, dass ich in meinem Alter vieles erlebt habe, wovon jüngere Leute nur was hören.
Zu Nina Hagen. Die war ja - nach Biermanns Ausbürgerung - schon ein bisschen weg vom Fenster - der Staat hat da nicht lange gefackelt.
Und die Eva Maria, ihre Mutter, war viele Jahre in Verschiss. Die musste wirklich durch die Provinz tingeln. Vorher war sie absolut DEFA-Film-Star.
Was ich gut fand, dass die Nina im Westen genau so unangepasst blieb wie seinerzeit im Osten. Mir hat die sehr imponiert. Und ihre Texte fand ich auch einleuchtend.

Ich habe sie mal zufällig in einer Tanzkneipe erlebt "Die große Melodie" hieß die. Aber nur von fern: Die jammerte beständig, man müsse ganz anders leben und ich fand das damals zu aufgedreht. Aber: Die war einfach so. Der war wurscht, was man von ihr dachte.
Mir war das "unheimlich", dieser Individualismus, der nach nix guckt. Und - sie ist auch heute - eine Ausnahme.
tlacuache schrieb am 21.08.2011 um 13:48
Magda, danke fuer die Infos,
DAS war mir ja gar nicht klar:
"Hagen (Mutter) fand Zugang zu Biermanns kritischem Geist und seinem Liedgut. Beide waren von 1965 bis 1972 Lebenspartner"...

@ Maxi Scharfenberg
..."Aber die Tschechen hatten am Anfang wenigstens mal so eine Art Minichance"...

NULL Chance, Moskau war noch zu stark...
Maxi Scharfenberg schrieb am 21.08.2011 um 12:57
Magda "Da wusste man schon, dass der Laden nicht läuft."

Das war das Einzige, was man wirklich genau wusste. Ich saß zu dieser Zeit in Binz am Strand und machte mir Gedanken, wie eng Prora und die DDR verflochten waren. Erstaunlich finde ich es heute noch, wie lange es dann noch ging. Obwohl klar war, dass es so nichts wird. Anders wahrscheinlich auch nicht. Aber die Tschechen hatten am Anfang wenigstens mal so eine Art Minichance.

Beste Grüsse und vielen Dank für den Beitrag, der mich an meine ungewissen Gefühle für dies und jenes erinnert hat, Maxi
Magda schrieb am 21.08.2011 um 21:31
Gruß zurück. -))
h.yuren schrieb am 21.08.2011 um 21:14
liebe magda, wieder eine schöne biografische geschichte.
kannst du dich auch an jan pallach erinnern?
hier im westen wurde beim einmarsch der warschauer-pakt-macht gegen die russen gewettert. die rückwärtsrepublikaner hatten es nicht schwer bis zu dem reflex. er saß noch fest im programm. ich hielt dagegen, dass die nato um nichts anders handeln würde. die staatsräson (was für ein wort! staat mit vernunft in feste verbindung zu bringen) macht die befehle.

ich ließ bart und kopfhaar damals lang und länger wachsen.
Magda schrieb am 21.08.2011 um 21:31
Hallo h. yuren,
ja, an Jan Palach erinnere ich mich. Der hat sich auf dem Wenzelsplatz verbrannt. Eine sehr tragische Geschichte.

Die Nato musste so nicht handeln, die hatten andere Möglichkeiten hinter den Kulissen, wie ich denke.
Sie hätten es - und wenn - auch geschickter vorbereitet, die Kommunikation entsprechend gestaltet. Usw.

"ich ließ bart und kopfhaar damals lang und länger wachsen." :-)
Tja in den Haaren liegt immer Symbolkraft.
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