Heute klingelte so gegen 10 Uhr mein Telefon. Als ich mich meldete, hörte ich eine männlich-jungenhafte Stimme.
Die Stimme: Hallo, ich bins.
Ich fragte zurück: Wer, ich.
Die Stimme: Na, ich, Dein Neffe.
Ich: Wie, mein Neffe?
Die Stimme: Na, aus Berlin, Du weißt schon...
Mein Neffe ist ein Sachse und hat einen entsprechenden Dialekt. Trotz absolvierter zwanzigjähriger Aufzucht in Leipzig würde ich einen solchen Dialekt zwar nicht mehr hinkriegen, aber sofort wiedererkennen .Allerdings ist unser Kontakt aus verschiedenen Gründen sehr eingeschränkt.
Das Geplänkel ging noch eine Weile hin und her, bis bei mir der Groschen fiel. Ich war Versuchsobjekt bei einer Variante der kriminellen Enkelmasche, in den Neffenmodus transponiert. Ich fing an zu lachen und meinte, er solle mal weiterreden, ich würde inzwischen ein bisschen mitschneiden, was so geredet wird. Klick machte das Telefon. Der Versuch war schiefgegangen.
Aktenzeichen XY
hat gewarnt
Über den „Enkeltrick“ haben Medien und Aktenzeichen XY immer mal wieder berichtet. Es ruft ein meist junger Mann an und suggeriert, der Enkel oder ein sonst passender Verwandter zu sein. Der „Verwandte“ erzählt dann von einer finanziellen Notlage, in die er geraten sei und bittet um Hilfe. Leider könne er das Geld aber nicht persönlich abholen, sondern schicke jemanden vorbei, wenn das Geld besorgt ist. Das soll sogar klappen.
Mich rührte der Gedanke, dass ein fremder, unbekannter Mensch mit hoher krimineller Energie mich – wenn gleich auch nur versuchsweise - für ein bisschen „reich“ hält. Vielleicht klingt mein Name so wohlsituiert oder die machen das nach dem Zufallsprinzip und ich war zufällig als betrügenswert eingeordnet. Ich wüsste aber gern – geschlechtsspezifisch – ob das Ding auch funktioniert, wenn eine Frau oder ein junges Mädchen sich melden. Eine Enkelin oder Nichte? Wie würde man darauf reagieren. Der Trick besteht ja auch in in einer reichlich sonoren Stimme, wie die des Anrufers mit dem völlig neutralen Dialekt.
Eine Tante zu sein, bei der Geld vermutet wird: Was schießt einem da in den Sinn? Allerlei Aufgelesenes und Überlesenes. Bildungsschüttgut:
Z. B. der bitterböse Wedekind:
Der Tantenmörder
Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach,
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten-Kasten nach.
Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel,
Und hörte die alte Tante schnaufen
Ohn Mitleid und Zartgefühl.
Was nutzt es, daß sie sich noch härme —
Nacht war es rings um mich her —,
Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,
Die Tante schnaufte nicht mehr.
Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch.
Ich faßte sie bebend am Kragen
Und stieß sie ins tiefe Kellerloch.
Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach,
Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
Meiner blühenden Jugend — Jugend nach.
Reiche Erbtanten sind dichterisch nicht gerade dicht umlagert, aber auch Erich Mühsam hat eine „Psychologie der Erbtante“ geschrieben. Dabei weiß man aus seiner Biographie, dass sein Vater ihm keine Mittel gewährt hat obwohl er das konnte. Mühsam hat den Frust darüber auf die Erbtante transponiert.
In einer kleinen Inhaltsangabe zum Buch heißt es: „Die reiche Erbtante: Synonym der Hoffnung auf ein sorgenfreies Leben. Doch kein einziger Neffe, keine einzige Nichte der Tanten in diesem Buche kommt wirklich in den Genuss der Erbschaft – weil der Begriff der Erbtante eine Vorspiegelung falscher Tatsachen ist! Das beweist diese höchst amüsante Untersuchung“
Sag ich doch .Eine alte Tante ist ein schönes Feindbild.
Was gibt’s noch an alten Damen mit Geld? Ach ja, die greise Wucherin in Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Ihr wird gleich der ganze Schädel gespalten. Ein gespaltenes Verhältnis hatte der Held zum würdigen Alter, wirklich. Auf sie überträgt er alle Nutzlosigkeit und Sinnlosigkeit einer Existenz, die jene Mittel besitzt, die anderen Menschen mit höherfliegenden Lebensplänen so nötig wären.
Ich bin gut dran, ich wurde nur angeläutet und das auch noch fälschlicherweise, auf Verdacht. Ich bin davongekommen. Geärgert habe ich mich nur, dass ich den Anrufer nicht noch in ein längeres Gespräch verwickelt habe. Wäre doch interessant gewesen, welche Geschichte er auf der Pfanne hatte.