Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides
Wir sind jetzt bei Madeleine und Leonard, die sich in Pilgrim Lake befinden. Ich habe besonders Madeleines viktorianische Selbstfindung – im Rahmen eines Kurses am Boston College verfolgt. Da taucht auch wieder ein Begriff auf, der im Zusammenhang mit feministischen Denkgebäuden eine Rolle bei mir spielte.
Der Begriff „Einflussangst“ S. 193. Der Literaturtheoretiker Harold Bloom hat ihn geprägt. Eugenides verweist auf zwei Autorinnen, die ihrerseits auf ihn verweisen. Das ist alles ziemlich theoretisch. Einflussangst jedenfalls ist die Furcht von Literaten, sich nicht von den Einflüssen übermächtiger Vorgänger befreien zu können. Zwei Literaturtheoretikerinnen- Sandra Gilbert und Susan Gubar – haben sich in ihrem Aufsatz "Die Verrückte auf dem Dachboden" mit diesem Phänomen, aber vor allem den Bedingungen weiblichen Schreibens in der romantischen Epoche beschäftigt. Ich dachte erst, Einflussangst habe auch mit der Furcht vor weiblicher Definitionsmacht zu tun, aber das ist ein Irrtum.
Boston College ist ein fruchtbarer Kurs für Madeleine. Sie findet dabei auch ihr wissenschaftliches Thema. Sie will sich mit Literatur aus der viktorianischen Epoche beschäftigen, eine Viktorianerin werden. Seltsamerweise widmet sich der Erzähler dieser Neigung mit einer gewissen spöttischen Ironie. Mir scheint immer, er nimmt seine Heldin nicht ernst.
Sie besorgt sich reichlich Sekundärliteratur über diese Epoche. Und sie reinigt ihre alte Schreibmaschine Royal von den jahrelangen Verschmutzungen."Das Innere der Royal war widerlich; Eine Ansammlung von Staubklümpchen, Radiergummiabrieb, Papierschnitzeln, Kekskrümeln und Haar". Mehrfach reinigt sie das Teil. und der Erzähler stellt fest: Auf diese Weise versuchte Madeleine, eine Viktorianerin zu werden.
Es ist schon hübsch, die "Reinlichkeit" und Prüderie der viktorianischen Zeit durch so eine äußerliche Handlung zu assoziieren, aber sie unterstellt der erzählten Heldin auch ein bisschen Oberflächlichkeit. .
Während dies berichtet wird, wartet Madeleine auf die Ankunft einer kleinen Zubringermaschine in Pilgrims Lake, die ihre Mutter und ihre Schwester bringen soll. Und erinnert sich an eine Begegnung mit Mitchell in New York, der eine neue erotische Anziehung für sie hat.
Das will ich jetzt gar nicht vertiefen, denn später bekommt Mitchell einen Brief von ihr nach Griechenland, von dem Mitchell nicht weißt, ob das Liebesbrief ist oder eine Absage.
Jetzt jedenfalls ab S. 201 rückt diese Hanna-Familie mit der verrückten Schwester an. Die ist amüsant geschildert als absolut egozentrisch, weil sie ihren Mann nebst Kind verlassen hat, dafür aber als wandelnde Melkanlage herumlaufen muss, denn sie hat noch nicht abgestillt.
Leonard wird ihnen auch vorgestellt. Und zum Dank dafür, dass er so nett war und geduldig will Madeleine mit ihm schlafen ,aber das klappt alles nicht. Er kriegt keinen hoch. Das gibt’s. Und sie muss ihren Frust in einem längeren Spaziergang am Strand abreagieren.
Inzwischen ist Mitchell also in Europa bis Nordafrika – Marokko - unterwegs und wird immer religiöser. Das ist mir eigentlich nicht so recht einleuchtend. Lustig an diesem Reiseartikel war für mich die leichte Hassliebe, die Eugenides an die Schilderung seines Herkunftslandes wendet:
Sie sind in Athen angekommen: "Als Mitchell vom Balkon dieses Hotels hinunterblickte, hatte er eine Offenbarung: Griechenland gehörte nicht zu Eruopa. Es war schon Vorderasien. Hochhäuser mit grauen Flachdächern wie das, in dem er war, erstreckten sich bis zum diesigen Horizont" ...."Ständig gab es Demonstrationen, gegen die Regierung, gegen die Einmischung der CIA, gegen den Kapitalismus, gegen die NATO und für die Rückgabe der Marmorskulpturen des Parthenons. Griechenland, die Wiege der Demokratie, vor Kraft strotzend durch Redefreiheit. Jeder in den Kaffeehäusern hatte eine sachkundige Meinung, und keiner brachte etwas zuwege." S. 226.
Das liest sich wie ein Kommentar auf die griechischen Probleme der Gegenwart.
In Athen kommt er in Kontakt mit einer erweckten Christin. Hm, diese Janice P. ist mir auch nicht ganz einleuchtend. Jedenfalls steckt sie ihm ein Neues Testament zu. Madeleines Brief, den ich weiter oben schon erwähnt habe, kommt auch ins Spiel. Sein Freund Larry verliebt sich in einen Griechen. Und Mitchell liest mal wieder - neben Madeleines Brief - Mutter Theresa. Na, das kann ja heiter werden.