Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides
Jetzt geht es um Mitchell, der mit seinem Kommilitonen Larry zu dessen Eltern – reist, die – mal wieder - betuchte und im aktuellen Zeitgeschehen vernetzte Leute sind. Das scheint sowohl in seinem Leben als auch in dem des anderen Madeleine-Liebhabers Leonard ein Trauma zu sein, dass beide an ihr abarbeiten. Ein entsprechendes Zitat habe ich ja schon verwendet.
Also Paris soll offensichtlich eine Weichenstellung sein für Mitchell.
Mitchell ist arm dran, hat nicht so viel Geld und überzieht andauernd seine persönlichen Planungen, weil es immer anders kommt als er geplant hat. Die Scharmützel mit Larrys Freundin Claire werfen ein interessantes Licht auf die Art der damaligen Debatten. Sie wird als eine Person geschildert, die die weiblichen Vordenkerinnen der Zeit gelesen hat. Luce Irigaray, die Kristeva. Ich oute mich hier und gestehe, ich habe von diesen beiden Autorinnen nix gelesen, höchstens Zitate. Das war eine Zeit, in der mir solche Sachen noch gar nicht zugänglich waren. Aber es wird schon deutlich, was der Erzähler meint: Dann macht er wieder einen Schlenker zu Claire Schwartz’ Geschichte und Hintergrund, ihrer jüdischen Familie und deren strenggläubigen Sitten.. Warum das miterzählt wird, ist mir nicht ganz klar.
Auf S. 147/148 gibt es dann eine Debatte zwischen ihr und Mitchell über die monotheistischen Religionen, aber die ist absolut oberflächlich. Claire fragt warum Gott da immer als Mann dargestellt wird und er antwortet : „Weil die Massen das mögen“. Mitchell wird da schon als einer, der selbst höhere Weisheit in sich wähnt, dargestellt.
Und dann irrt er durch Paris, das ja auch ein bisschen vorkommt und findet an einem Souvenirstand ein Buch über Mutter Theresa, zufällig, aber doch schon beeinflusst von seinen religiösen Suchbewegungen in Richtung Katholizismus, die in diesem Zusammenhang – mal wieder rückblickend – erklärt und beschrieben werden. S. 162 ff.
Dann streitet er wieder in einem Restaurant mit Claire und da entsteht ein typisches Muster : Einerseits fühlten sich die „Männer“ damals ständigen „Anschuldigungen“ ausgesetzt, sie wollten ja auch frauenfreundlich sein aber sie kriegten den Dreh- und Angelpunkt des weiblichen Aufbegehrens nicht so recht mit. Und auch die Frauen schienen widersprüchlich. Claire macht Mitchell zur ständigen Zielperson allgemeiner Vorwürfen. Er ist mit allem was er tut, für sie der Prototyp des Machos, der Frauen zu Objekten macht usw. usw.
Mitchell aber ist durch diese Anwürfe zutiefst verunsichert. „Er wollte von allen Frauen geliebt werden, von allen Frauen, angefangen bei seiner Mutter und immer so weiter. Darum brach, sobald irgendeine Frau wütend auf ihn war das ganze mütterliche Missfallen über ihn herein, als hätte der ungezogene Bengel gerade wieder etwas angestellt“.
Feminismus als Denkweise
Über Mitchells Beobachtungen wird etwas transportiert, was wohl viele Männer, nicht nur aus dieser Zeit beschäftig hat. Sie hatten gemeint, Feminismus bedeute, den „alten Säcken“ klarzumachen, dass sie zu Hause helfen sollen und dass man Frauen nicht so sexistisch und herablassend behandelt. Jetzt aber beobachtet er, dass der Feminismus ein Denkgebäude geworden ist, etwas Theoretisches, eine Sicht – und Denkweise. „Aber nein – alles Große oder groß Angelegte, jeder lange Roman, jede ausladende Skulptur, jedes turmhohe Gebäude war nach Meinung der „Frauen“, die Mitchell vom College her kannte, ein Ausdruck männlicher Unsicherheit über die Größe ihres Penis“.
Das ist eine interessante Furcht, die sich bis auf die heutigen Tage artikuliert. Der Feminismus wird da als eine Art Ideologie gefürchtet, obgleich es so viele Sichtweisen innerhalb der Frauenbewegung gab. Ich habe das Gefühl, dass Mitchells Zorn nicht allein der erlebten Debatte gilt, sondern dass der Sprung ins Theoretische von Männern offensichtlich als bedrohlich erlebt wird. Es geht um Definitionsmacht. Ein bisschen davon wird deutlich bei Mitchells Entwicklung obwohl das alles sehr schnell und oberflächlich „erzählt“ wird.
Dagegen begehrt er auch innerlich auf, indem er – ein hübsches Apercu – feststellt, dass er das was er für schöne Frauen empfindet, nicht für Objekte empfinden könnte. Und – sucht– wie viele jungen Männer einen Weg, sich die Sehnsucht nach dem Sex zu entledigen.
Mir ging durch den Sinn: die mehr scherzhafte Aussage „Männer denken immer nur an das Eine“ hat auch einen ernsthaften Hintergrund. Dieses ständige Aufruhr der Hormone schafft das Gefühl von Sklaverei und Abhängigkeit. Viel ist darüber schon geschrieben worden. Sich davon „frei“ zu machen ist vielleicht ein Grund für allerlei Mystik, Askese und Zuwendung zum Religiösen. Mal sehen ,wie sich das weiter entwickelt.
Bald schon aber entschließen sich Larry und Mitchell nun doch aus Paris aufzubrechen (176)
Dann kommt ein Kapitel über Madeleine, das mit einer merkwürdigen Reminiszenz an ein Geschenk ihrer älteren Schwester beginnt. Und da bin ich völlig ratlos. Sie bekommt ein Minisexspielzeug, Kondome und eine Miniaturbrotstange mit schwarzem Flaum, eine Art künstlichen vertrockneten Penis.
Ich kann das weder lustig noch originell finden und vor allem – überhaupt nicht erotisch.