Magda

Mal sehen

30.08.2010 | 12:01

Ein Vorfahr und sein Antisemitismus

„Im Interview wird klar, der Muslim hier und heute ist wie vor den Nürnberger Prozessen der Jude in der Diaspora, in allem und für alles.“

Schreibt ed2murrow in seinem Blog zu

Rassismus und Meinungsführerschaft 

 Das hat mich angeregt, einen etwas längeren Text einzustellen.

 (Vorspruch: Dieser Abschnitt gehört zu einem biographischen Text, an dem ich schon geraume Zeit herumwerkle. Es geht um die Geschichte meines Großvaters Wilhelm Friedrich Loeper, dessen uneheliche Tochter meine Mutter ist. Dieser Loeper - Teilnehmer im Ersten Weltkrieg, später Mitglied der Reichswehr, glühender Hitlerverehrer und Akteur beim Münchner Putsch, dem Marsch auf die Feldherrnhalle von 1929 - wurde später Reichsstatthalter von Sachsen-Anhalt und Braunschweig. Er starb bereits im Jahre 1935 und Adolf Hitler sprach an seinem Grabe.

Seine Tochter also, meine Mutter, hat diesen Mann ein einziges Mal in ihrem Leben gesehen. Sie war eine entschiedene Gegnerin der Nazis. Sie half Fremdarbeitern mit Informationen über die Kriegslage. 1944 wurde sie inhaftiert und zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. 1945 wurde sie in Bremen von den Briten befreit. Darüber habe ich schon einmal geschrieben.)

 Ein privates Gedenken

Über die antisemitische Stimmung jener Zeit habe ich Überlegungen zusammengetragen, die ich hier – aus gegebenem Anlass – vorstellen will:

Jüdischer Wirtschaftsliberalismus

Mein Vorfahr war, wie viele Vertreter des bürgerlichen Mittelstandes, wie viele Menschen in Deutschland ein überzeugter Antisemit.

Damit lag er genau in der bürgerlichen Mitte jener Zeit.

Schon jahrhundertelang latent vorhandene antisemitische Tendenzen begannen sich Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt zu regen. Sie waren u.a. auch eine der Reaktionen auf den Gründerkrach in den 70er Jahren. Nachdem die Gesetzgebung jener Zeit einen rigorosen Wirtschaftsliberalismus durchgesetzt hatte, nachdem viele Börsengeschäfte jener Zeit sich als fauler Spekulationszauber erwiesen hatten, folgten Bankzusammenbrüche und die Aktienkurse stürzten ins Bodenlose. Als die Krise bereits abgeflaut war, suchte man nach Sündenböcken. Man fand sie einerseits im „Manchesterkapitalismus“ der Wirtschaftsliberalen und in den Juden. Meist wurde beides gleichgesetzt.

Aber, es war nicht nur dieser angeblich jüdische Wirtschaftsliberalismus, der Ängste schürte und kulturell bewährte Feindbilder erzeugte. Die Erziehungs- und Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun hat mit einigen ihrer Überlegungen noch weitergehende Deutungen angeregt. Christina von Braun

Die Juden und die Frauen
als "subversive Elemente"

 Vielleicht lag in den einstigen jugendlichen Eskapaden Loepers ein persönlicher Schlüssel für den spezifisch deutschen Antisemitismus, dem nicht nur der preußische Militär anhing. Ein tiefes Ressentiment speiste sich aus den Verunsicherungen vieler Männer jener Zeit. Sie fragten sich: War liberales Gedankengut nicht auch verantwortlich dafür, dass neben den Juden vor allem die Frauen, das ewig subversive und störende Element, wider den Stachel löckten und begannen, sich zu emanzipieren? Vieles von dem, was man über die Frauen, die sich aus den alten Zwängen befreiten und endlich auch an deutschen Universitäten studieren wollten, sagte, wurde ebenfalls ins Feld geführt, wenn es um die jüdische Emanzipation der Zeit um die Jahrhundertwende und später ging. Die Rede war von gefährlicher Nervosität, der die Frauen anheimfallen würden und sie der natürlichen Bestimmung der Frau entfremden würde.

Bei den Juden war es die „jüdische Hast“, mit der das nervöse und gefährliche Element, das so bedrohlich erschien, benannt wurde. Nervosität – das war in jener Zeit ein anderes Wort für die Furcht vor Überforderung angesichts der Herausforderungen jener Zeit: Der Herausforderungen durch die Technik und der Ökonomie ebenso wie durch die Emanzipation der Juden im Lande und auch durch neuen „widernatürlichen“ Bestrebungen der Frauen.

Eine eigenwillige
karriereorientierte Großmutter

 War die karrierebewusste Laura Helene Sonja seines Stettiner Leutnantsjahres nicht auch so eine eigenwillige Person gewesen? Selbst wenn er sie hätte heiraten wollen, hätte sie ihn denn überhaupt gewollt, trotz des Kindes, das sie von ihm erwartete? War sie nicht energisch dabei gewesen, ihre Karriere voranzutreiben und hatte sich wenig dafür interessiert, was jetzt mit ihnen beiden  geschehen wird?. Hatte sie sich nicht auch wenig um die Zukunft ihres Kindes gekümmert? Nein, die junge Sängerin war keineswegs das arme „gefallene Mädchen“, das in den Geschichten jener Zeit als Protagonistin favorisiert wurde, sondern eine zielstrebige, sehr ehrgeizige junge Person, die ganz gut allein zurecht kam. Brachten solche Frauen nicht Männer in Verlegenheiten aller Art, bekamen Kinder, für die man dann zahlen musste?

War nicht auch diese Frau eher berechnend, denn anschmiegsam gewesen und hatte ihren Teil gefordert?

 Die Furcht vor Frauen, die zu klug werden ging ebenso um, wie die Furcht vor der subversiven Intelligenz der Juden. Ein antisemitischer Kalendervers jener Zeit lautete:

 

  „Hinfort mit diesem Wort, dem bösen,
Mit seinem jüdisch-grellen Schein!
Nie kann ein Mann von deutschem Wesen,
Ein Intellektueller sein“.

Ein Mann – besonders ein Militär in dieser Zeit - hatte viel an Demütigung zu verarbeiten: Eine durch den verlorenen Krieg verletzte „Ehre“, das Gefühl des Betrogen Seins, drohender  ökonomischer Abstieg, Frauen, welche den Bildern nicht mehr entsprachen, welche die Männer sich wünschten. Alles „gute Gründe“ für Antisemitismus, in den man allen Hass auf die Zeiten, alle Enttäuschung und allen Wunsch nach Orientierung legen konnte.

Man wusste jetzt, wer verantwortlich war – die Juden. Man wusste, wie man nicht sein wollte – wie die Juden.  

 Kaiserzeit: Verdeckter
Antisemitismus

 Der Antisemitismus der Kaiserzeit war verdeckter als in den späteren Jahren. Deutsche Juden dienten, wie bekannt ist, im ersten Weltkrieg in der Armee auf allen Ebenen. 12. 000 fielen. 35. 000 erhielten Orden und waren hoch anerkannt. Nicht ohne Grund verwiesen sie später in der Nazizeit auf diese Verdienste um das Vaterland - vergeblich. Die antisemitische Sündenbock-Tradition pflanzte sich durch die Jahrzehnte fort, sie war ebenso ein Trost für jene, die ohne Perspektive aus dem Krieg gekommen waren, wie für jene, die durch die Inflation verarmten. Erneut waren die Juden die Kriegsgewinnler und die Drückeberger.

Wilhelm Friedrich Loeper war, nachdem er aus dem Kriege zurückgekommen war,  alles andere als ein wirtschaftlich gutgestellter Mann. Die Eltern haben ihm öfter helfen müssen, darüber ist nachzulesen. Das war sicher einer, wenn auch nicht der wichtigste, der Gründe dafür, dass er in ein Freikorps eintrat und dann in die Reichswehr. In Offizierskreisen verstärkte sich der Antisemitismus ebenso wie in der übrigen Gesellschaft. Ein Exkurs in die Geschichte des Antisemitismus führt zu weit, aber klar wird, dass Wilhelm Friedrich Loeper diesen Antisemitismus als eine der Troststrategien für die den Niedergang des deutschen Reiches, für das eigene Gefühl der Unterprivilegiertheit übernahm. Und – wie so oft - hatte er im privaten Leben Probleme, die geeignet waren, seinen antisemitischen Ressentiments zu bestätigen.

Eine private Kontroverse
verstärkt Ressentiments

 

Im Jahre 1924 als Loeper von München wieder nach Dessau übersiedelte, waren Wohnungen knapp. Zuerst kamen er und seine Frau bei seiner Mutter unter. Als alle zusammen eine größere Wohnung fanden, stellte sich heraus, das der Vermieter ein Jude war, der sich durch einen Zeitungsartikel von Loeper beleidigt fühlte und einen Nationalsozialisten nicht in seinem Hause dulden wollte. Er klagte auf Räumung und dieser Klage wurde auch stattgegeben. Das fand der Hauptmann schreiend ungerecht. Bei sich suchte er die Verantwortung dafür nicht.

Als Landtagsabgeordneter legt er häufig Zeugnis ab für sein simples antisemitisches Weltbild. Er bombardiert das Regionalparlament mit kleinen Anfragen, die von der inneren Überzeugung durchdrungen sind, dass „die Juden sich zuviel herausnehmen“. In der Formulierung solcher kleinen Anfragen ist der Hauptmann denn auch ziemlich spitzfindig. So fragt er nach, warum der sozialdemokratische Staatsminister Weber eine betrügerische Pleite als „jüdische Pleite“ bezeichnet hat. Mit solch einer Anfrage will er nachweisen, dass es antisemitische Ressentiments nicht nur in der NSDAP gibt. Damit hat er sogar recht, er entlarvt dies, um Heuchelei anzuprangern, die es natürlich auch gegeben hat. Heute würde man sagen, er zündelt andauernd mit der politischen correctness von heute so genannten „Gutmenschen“.

Dass Wilhelm Friedrich Loeper liberales Gedankengut allgemein fremd, ja ein Gräuel war, verwundert nicht weiter. Wie sollte es anders sein bei einem Mann seiner eher einfachen Persönlichkeit. Gerade darum fühlte er sich eingebettet in ein allgemeines Einverständnis seiner Zeitgenossen. Er bekämpfte die Bewegung des Dessauer Bauhauses mit allen Mitteln. Als die NSDAP im Jahre 1932 zur Wahl antrat, da hatte sie den Abbau des Bauhauses bereits in ihrem Wahlprogramm. Man muss aber darauf verweisen, dass es in der Bevölkerung damals eine starke Abwehr große Akzeptanzprobleme gegenüber dieser Kunstrichtung gab. Daran ließ sich sehr geschickt anknüpfen, Antisemitismus effektvoll schüren. 

Für die deutschnational denkenden Bildungsbürger gab es ebenfalls kein besseres Vehikel als den Antisemitismus, wenn es galt das verhasste liberale Gedankengut zu bekämpfen. Und auch ein gewisses Konkurrenzgefühl konnte man über einen verdeckteren und „gepflegteren“ Antisemitismus abarbeiten. Denn die Juden nahmen Einfluss, sie prägten die kulturellen Debatten mit, sie spielten eine wichtige Rolle im Geistesleben.

 Thomas Mann – ein
typisches Beispiel

 

So schrieb Thomas Mann am 10. 4. 1933 – bereits in der Schweiz, aber noch nicht im Exil - über sein weiteres Schicksal sinnend, in sein Tagebuch: „Die Juden.......Daß die übermütige und vergiftende Nietzsche-Vermauschelung Kerr’s ausgeschlossen ist, ist am Ende kein Unglück; auch die Entjudung der Justiz am Ende nicht. – Geheime bewegte angestrengte Gedanken. Widrig-Feindseliges, Niedriges, Undeutsches im höheren Sinn bleibt auf jeden Fall bestehen.“

Und wenig später am 17. April 1933

„Die Revolte gegen das Jüdische hätte gewissermaßen mein Verständnis, wenn nicht der Wegfall der Kontrolle des Deutschen durch den jüdischen Geist für jenes so bedenklich und das Deutschtum nicht so dumm wäre, meinen Typus mit in den selben Topf zu werden und mich mit ihm auszutreiben“.

Eine Kränkung wird ausgedrückt. Von einem Mann, der eine Jüdin geheiratet hatte. Was hat sich da in jener Zeit wirklich abgespielt, welche Kräfte waren am Werke? Der unter den Geisteswissenschaftlern einstmals herrschende Konsens, dass der jüdische Einfluss auf vielen Gebieten zu groß sei, ist heute kaum noch in der kritisch-aufarbeitenden Diskussion.

Die Jenninger Kontroverse
eine zutreffende Zeitdiagnose

Der frühere Bundestagspräsident Philipp Jenninger hat  in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Absturz ohnegleichen erlebt, als er die grassierenden Ressentiments jener Zeit aufgezählt hat, ohne durch entsprechende Kennzeichnung als Zitat die innere Abgrenzung davon mit zu kennzeichnen.

Er hat eine zutreffende Diagnose der Zeitstimmung gegeben- und es will mir manchmal scheinen, als seien die einstigen empörten Reaktionen auf die Rede auch der Tatsache geschuldet, dass sie noch einmal den breiten antisemitischen Konsens jener Zeit ins Bewusstsein gehoben hat.

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 30.08.2010 um 13:16
Vielen Dank. Dieser Vorfahr passt wohl nicht in typischen Klischees.

Es ist sehr anregend durch das Leben anderer Menschen zu gehen und zu sehen, wie deren Wege verlaufen sind.

Auch der Text von Thomas Mann hat MICH ÜBERRASCHT.

Glänzend herausgearbeitet die Pralellen bei dem Weg der Emanzipation zwischen Frauen und deutschen Juden oder Deutschen jüdischer Herkunft.

Ich weiss selbst gar nicht was korrekter ist.

Diese Unsicherheit fällt mir auch beim Schreiben dieses Kommentars auf.

Gut finde ich auch den Schlußsatz dass die empörten Reaktionen der Tatsache geschulldet war, dass der breite antisemitische Konsens ins Bewusstsein gehoben wurde.

Ich habe das so verstanden, dass die Strafe des Rücktritts aufgrund der empörten Reaktionen auch oder vielleicht zum größten Teil darauf beruhen könnte, dass etwas gesagt wurde, was nicht gesagt werden durfte, weil er mit seinen Worten die Zeit zutreffend diagnostiziert hat?

Wenn das so ist, gibt es wohl gewisse Paralellen zum letzten Bundespräsidenten.
Magda schrieb am 30.08.2010 um 14:59
Danke rr fürs Lesen. Ja, es ist alles "ein bisschen anders" in meinen Wurzeln. Aber interessant, wie ich hoffe.

Stimmt, auch im Fall Jenninger hat man sich für Wahrheiten gerächt, die der Bundespräsident gesagt hat.

Gruß
Rahab schrieb am 30.08.2010 um 15:11
die Jenninger-rede, zum 9.11.1988 (?)

ich fand sie nicht empörend (nach dem motto: sagt mann doch nicht), aber schlecht. weil eigentümlich distanzlos. anders wäre es gewesen, hätte er ein 'ist es nicht heute noch so?' eingebaut gehabt. das war aber nicht.

ansonsten: vielen dank für diese mühe! ahnenforschung mal ganz anders ... gefällt mir.
Magda schrieb am 30.08.2010 um 15:30
Hallo Rahab, viel Mühe wars nicht. Das Manuskript musste ich nur ein bisschen abwandeln.

Ja, mit dem Jenninger: Stimmt, er hat einfach nicht deutlich gemacht, was er meinte. Viele der Kritiker meinen, er habe die "Anführungszeichen" nicht mit gelesen. Ich denke, er hat erst hinterher gemerkt, dass er zu Missverständnissen eingeladen hat. Und es schien ihm irgendwie nicht wichtig. (Oder seinem Redenschreiber)
Ich erinnere mich auch noch, dass alle Welt die arme Ida Ehre bedauerte, die - als Vetreterin der jüdischen Bürger - dort das Gesicht in den Händen barg. Und alle meinten, sie sei empört über die Rede. Sie aber sagte, sie sei einfach müde gewesen.

Das war wieder so ein typisch-deutscher Medienkrawall. Ich habs vom Osten her mit Spannung verfolgt - auch die späteren Rechtfertigungsversuche.
Rahab schrieb am 30.08.2010 um 16:08
hm, der krawall war "typisch!" - und, jedenfalls von mir aus, zurücktreten hätter nicht müssen. auch das: überzogener krawall.
mahung schrieb am 30.08.2010 um 15:34
hallo magda.

interessanter text und interessante parallelen kann man auch zur heutigen situation ziehen. heute früh lief im deutschlandfunk in kontrovers wieder so eine sarrazin-werbedebatte. jedenfalls riefen dort erschreckend einseitig männer und frauen an, deren meinung und sprachducktus erinnerten irgendwie an deinen hier beschriebenen deutschnationalen vorfahren.

und die armen bauhäusler wurden ja schon vorher aus weimar vertrieben, weil die thüringer NSDAP - meines wissens als erste in deutschland - eine mehrheit hatte. die vertreibung erfolgte durch mittelstreichung. dessau nahm die bauhäusler dann auf und unterstützte sie zunächst. es herrschte dort noch ein liberaleres klima.
Magda schrieb am 30.08.2010 um 16:03
Hallo mahung,
ja, ich finde ja, dass dieser verdruckste - noch nicht mit der Vernichtungswut aufgeladene - Antisemitismus eine lange Vorgeschichte hat und tatsächlich ein ähnliches Muster.

Deshalb habe ich es mal rausgekramt.

Ja, in Thüringen haben sie es gemacht mit dem üblichen Instrumentarium, aber in Dessau wurde es nach Loepers Machtübernahme dann auch unerträglich.
seriousguy47 schrieb am 30.08.2010 um 17:19
Zunächst einmal ein dickes Lob für den Beitrag.

Das (isolierte) Zitat von ed2murrow kann ich nicht nachvollziehen und deshalb auch nicht den Zusammenhang zu diesem Beitrag, der ja für sich steht. War es ein eher vager Anstoß, zu schreiben?

Inhaltlich finde ich die Kombination "jüdisch", "Frau" und "Emanzipation" sehr interessant. Der absolute Horror wäre dann wohl die "jüdische, emanziperte Frau", wobei es sich dann wohl um eine doppelte Emanzipation - also doppelten Horror für's rassistische Gemüt - handeln würde. (Emanzipation wäre dann aber auch der Begriff, der ed2murrows Vergleich für mich schief macht.)

Die Kombination wirft aber noch eine andere Frage bei mir auf, nämlich die nach der Rolle der (unterdrückten) Gefühle. Ist es nicht so, dass die "Juden" wie die Frauen hierzulande auch immer als Projektionsfläche für das dien(t)en, was der "saubere", sozusagen ent-"analisierte" "Herrenmensch" an sich selbst von klein auf nicht wahrhaben durfte? Ist nicht das immer auch ein Bestandteil der emotionalen Basis des Hasses gegen diese tatsächlich oder vermeintlich anderen ("freieren") Menschen?
Rahab schrieb am 30.08.2010 um 17:32
oder die "muslimische, emanzipierte", dazu noch verschleiert - dann wird es vollends unheimlich, denn dann ist nicht mal mehr zu sehen, wer sieht.
Magda schrieb am 30.08.2010 um 17:47
seriousguy47 - Ja, stimmt, der Zusammenhang wird nicht ganz deutlich. Mein Text ist schon alt, liegt zu Hause, weil ich noch "den Sack zumachen" muss.

ed2murrows These, dass der jetzige Umgang mit Muslimen dem Antisemitismus der Kaiser - und Weimarer Zeit durchaus vergleichbar ist, hat mich dazu gebracht, ihn hier abgewandelt anzubieten. Denn, die Mechanismen sind in der Tat ähnlich. Die Schuldzuweisungen sind andere.

Die Sache mit den Frauen hat ja was: Jener einstige Antisemitismus wendet sich u.a. auch gegen die Frauenemanzipation.
Der gegenwärtige Antiislamismus macht sich zum Befürworter der Frauenemanzipation, das ist dialektisch wirklich spiegelverkehrt.

Insgesamt sind die Frauen aber unterschiedlich im Blick. Einst als furchterregend. Heute als Instrumente des antiislamischen Ressentiments.

Ihre These mit der Projektionsfläche ist sicher nur ein Teil. Heute werden Ängste, die mit den Muslimen nicht immer etwas zu tun haben, auch auf diese projiziert, aber das mag beim Antisemitismus auch so sein.

Es ist ein weites Feld.
Magda schrieb am 30.08.2010 um 17:47
@ Rahab :-)))))
Rahab schrieb am 30.08.2010 um 17:52
hab ich bei Christina v.Braun gelernt
ed2murrow schrieb am 30.08.2010 um 20:34
Liebe Magda,

die seltsame Distanziertheit Jenningers ist, und das meine ich völlig leidenschaftslos und urteilsfrei, der Ihrigen nicht unähnlich in der Schilderung der unmittelbaren Familiengeschichte. Eine Selbstverständlichkeit?

Damit klar zu kommen, noch mehr als das ohnehin steinige Unterfangen einer rückwärtigen Beurteilung, ist es nicht. Aus alten Korrespondenzen etwa festzustellen, dass auch ein Motiv zur Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation schlicht die Opposition zum eigenen Vater sein kann, das Trinken bis zur Neige der verquasesten Anschauungen letztlich nur ein Akt der Rebellion, dass mit anderen Worten aus der damaligen Perspektive, das, was später millionenfachen Tod bedeutete, für Menschen zunächst auch Aufbruch, Umbruch, Befreiung aus einem ungeduldeten Zustand war, erfahren wir selten bis nie. Und damit nicht um das Verlockende, den Reiz „endlich dazu zu gehören“, endlich nicht der Sündenbock zu sein für ein schlecht hergestelltes Stück Metall oder ein mißlungenes Stück Brot, denn es gab einen allumfassenden, auf den man jede Schuld, jedes schlechte Gewissen, jede Unzufriedenheit abwerfen konnte.

Harte Realität und Verführung brechen sich da, in meinen Augen, wo gerade in Familien die beiden Extreme aufeinander prallen. In der bundesdeutschen Geschichte der sog. „großen Politik“ gibt es durchaus einen solchem Moment: Die Verteidigung von Vater Weizsäcker durch seinen Sohn. Das dürfte auch eines der Motive sein über den Inhalt hinaus, warum die Rede vom 8. Mai 1985 jene große Resonanz fand. Nur: Die Alltäglichkeit ist aus den Geschichtsbüchern gebannt, wie es bei Müller, Meier, Schulze war, mit deren Frolleins, Frauen, Kindern, da klaffen Lücken, oder anders: Da sind einzelne Blätter zwischen viel leerem Raum.

Eines dieser Blätter haben Sie nun niedergeschrieben, eines der wenigen, die ich mir ausdrucke. Weil es bezeugt, Verbindungen aufweist, unpathetisch, klar, deutlich und damit tatsächlich eine Brücke schlägt.

Ihr e2m
Magda schrieb am 30.08.2010 um 21:29
Lieber ed2murrow - "die seltsame Distanziertheit Jenningers ist, und das meine ich völlig leidenschaftslos und urteilsfrei, der Ihrigen nicht unähnlich in der Schilderung der unmittelbaren Familiengeschichte. Eine Selbstverständlichkeit?"

Nein, ich denke bei mir hat es mit der Tatsache zu tun, dass ich zu diesem Großvater überhaupt kein familiäres Verhältnis habe. Ich habe mit ihm "nichts zu tun", aber er ist nun mal der Erzeuger meiner Mutter. Und durch deren Geschichte fühlte ich mich immer "auf der sicheren Seite".

Das Leben dieses Vorfahren aber ist geradezu exemplarisch für den Weg eines Enttäuschten aus dem 1. Weltkrieg in den Hitlerfaschismus. Es gibt - das ist wirklich ein Glück der Nachwende und der Internetrecherche - reichlich Material über ihn. Erst nach 1990 habe ich ein Bild von ihm gesehen. Also es ist Abstand. Und - er ist schon 1935 gestorben. Für mich "das Glück des frühen Todes".

Alles andere ist eine breite Geschichte, von der ich dieses und jenes schon mal gepostet habe.

Aber aufs Ganze denke ich auch, dass ein ständiger Betroffenheitston die Aufarbeitung ohnehin nur erschwert .

Hier sind noch zwei Links zu reichlich langen Texten. Aber, nehmen Sie sich Zeit.

www.freitag.de/community/blogs/magda/aufarbeitung-ost-west---eine-persoenliche-reflektion/

www.freitag.de/community/blogs/magda/aufarbeitung-ost-west-ii/
h.yuren schrieb am 30.08.2010 um 22:29
familienchronik mit nationalgeschichte zu verbinden, changiert interessant durch den perspektivenwechsel, liebe magda.
was ich als folie vermisse - in deiner geschichte wie in der gegenwart der rückwärtsrepublik - ist die religion der juden und jetzt auch moslems. dein zitat eines spruchs, der keinem echten deutschen sowas wie intellektueller zu sein antun möchte, zeigt doch die vermiefte unaufgeklärtheit und auch noch den stolz und das bestehen darauf. der christianismus ist ja bekanntermaßen die gemütslage, die für den antisemitismus die grundlage war und ist. die kirchen können sich gar nicht oft genug entschuldigen für das, was sie ausgelöst haben. und bis heute auf dem kerbholz haben. ist nicht das gegenwärtige oberhaupt des vatikan mit seiner rede gegen die moslems vorbildlich vorangegangen? und mit der liturgierückwärtsreform in puncto judenbekehrung?
kurz, etwas von dem ideologischen sumpf fehlt mir in deiner darstellung.
aber gern gelesen trotzdem.
Magda schrieb am 30.08.2010 um 22:33
Lieber h.yuren - das ist ohnehin eine gekürzte Fassung .
Den Antijudaismus der christlichen Kirchen habe ich in ganz anderen Zusammenhängen noch mal beim Wickel gehabt. Alles kann man einfach nicht bedenken.
hadie schrieb am 31.08.2010 um 17:16
Und wenn es klappt, hier die Wordle-Wolke des oben stehenden Artikels. Wenn nicht, gibt es das Bild auch in meinem Blog.

Magda schrieb am 31.08.2010 um 17:23
Dann informiere ich, dass ich den Blogbeitrag an die Redaktion gemeldet habe. Ich bitte Sie ganz ernsthaft, mich in Ruhe zu lassen.

Ich habe Ihnen nichts getan.
hadie schrieb am 31.08.2010 um 20:39
Leider wurde mein genannter Blogbeitrag (und alle Kommentare) von der Moderation als "beleidigend und provozierend" gelöscht. Und ich darf mich von besagter Userin immer noch als "vorhumanoide Lebensform" bezeichenen lassen ...
wwalkie schrieb am 26.09.2010 um 19:47
Ein sehr interessanter Text, Magda, den ich erst jetzt zur Kenntnis nehme, was mich ärgert. Man liest genervt das Beziehungsgeblogge in der so genannten FC (Fussballclub?), stellt fest, wie banal das alles ist und übersieht das Wichtige.

Es ist so: auch (1914-1917) und selbst (1933) Thomas Mann fällt es unendlich schwer, sich vom Antisemitismus zu lösen. Welcher wiederum mit Phobien verbunden ist: wie bei jenem Hundt-Radowsky aus dem frühen 19. Jahrhundert.
Magda schrieb am 26.09.2010 um 20:06
Ich bedanke mich sehr, denn ich finde, es ergänzt doch wirklich Ihren Blogbeitrag mit einer konkreten Geschichte.

Ja, im Moment ist mal wieder schwierig mit der FC. Ich will nicht rechten, manchmal habe ich mich auch in dei Beziehungsschlacht gestürzt. :-))

Gruß
Magda
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