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Kultur : Elasthan - die Zeitgeistfaser

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In diesem Jahr geht alles so rasend schnell. Der Frühling ist zwar noch gar nicht richtig da, trotzdem würde ich gern in einer - nach dieser Jahreszeit benannten Kur – jene fünf Kilo abwerfen, deren Verlust mir zum Glück noch fehlt.

Aber, fast alle Leute, denen ich damit in den Ohren liege, meinen – teils heuchlerisch teils desinteressiert – man sähe das gar nicht.Das ist ja auch ein bisschen wahr: Alle Hosen, die ich seit einiger Zeit trage, sitzen noch so halbwegs. Sie vermitteln die fatale Illusion, ich sei gar nicht so sehr in die Breite.... Aber ich, ich sehe es und spüre es, wenn ich noch ein bisschen kraftvoller an Knopf und Knopfloch ziehe, bis sie sich am Hosenbund doch noch finden. Also , ich finde mich kompakter und kann mich nicht leiden.

Heuchlerisch in

Sicherheit gewiegt

Dabei bin ich – teilweise – ein Opfer der Textilindustrie, deren Gewebe die Verbraucher zu lange in Sicherheit wiegen. Fast alle Hosen, die ich in den letzten Jahren kaufte, haben einen Anteil an jenem Stoff, der den Zeitgeist wie kein anderer symbolisiert: Elasthan. Elasthan ist die Zusammenkunft von Illusionen über die eigene Form und tröstender Formgebung. Wenn Mode in Falten gelegter Zeitgeist ist, dann ist Elasthan sein wesentlichste Ausdruck. Im Westen hieß es früher Lycra, wie sie im Osten hieß, habe ich vergessen.

Elasthan vermeidet allzu harte Konfrontationen mit der Wirklichkeit und schiebt sie hinaus.

Man passt und passt hinein bis irgendwann damit Schluss ist, wie mit allen elastischen und flexiblen Dingen in unserem Leben. Dann sieht alles so aus, wie manchmal die jungen Frauen, die knalleng herumlaufen. Nicht alle Rundungen sind dabei dekorativ.

Diese herausgeschobene Enge ist kulturübergreifend. Zum Beispiel der Burkini , welcher der jungen Muslima einen etwas elastischeren Umgang mit strengen Koranregeln ermöglicht, hat Elasthan-Beimengungen.

Auch Fetischkleidung, die eng am Körper anliegen soll, wird – wenn’s kein Leder ist - auch mit Elasthan geschneidert. Sie soll dem Menschen alle Sinneseindrücke entziehen und das soll dann auch noch Spaß machen.

Na, das ist doch Zeitgeist pur. Man ist eingeengt und spürt es nicht, es macht Freude sogar. Das ist sie, die Faser vorgetäuschter Freiheit.

An der langen

elastischen Leine

Auch Hundeleinen haben so einen Täuschungsmechanismus. Das Tier läuft quer über den Weg, freut sich des Auslaufes, der arglose Fußgänger geht ihr ebenfalls auf den Leim und stolpert über die quer über dem Weg hängende Leine. Der Leinen- und Hundebesitzer tut, als sähe er das nicht.

Nicht nur Hunde laufen an solchen elastischen Leinen, auch ganze Kernkraftwerke. Die hatten unendliche Laufzeiten und auf einmal – schnipp zurück auf Abbruch und Ende. Wunderlich, Sonderbar.

Doch das Ende aller Illusionen naht – alles schnippt zurück. Wie im wirklichen Leben. Elastisch und flexibel soll er sein der Mensch. Er soll frei über sich verfügen, solange es an der elastischen Leine geht. Er darf Illusionen hegen über das Reich der Freiheit, bevor es zum Zwang schnippt oder die zuverlässige Hose sich nicht mehr schließen lässt.

Anmerkung: Leute aber, die zu elastisch mit Moral oder Politik umgehen, z.B. was die Laufzeit von Kernkraftwerken betrifft, die tragen meist feineren Zwirn ohne kunstfasrige Elasthan-Beimengung.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.