Magda

Mal sehen

25.12.2010 | 13:07

Eliten und die Rechten

Mit Bezug auf Jakob Augstein

Es ist schon merkwürdig. Viele viele Jahre lang beschäftigte sich die politische Klasse oder was man das juste milieu nennt, mit der Entwicklung des Rechtsradikalismus im Osten. Besorgt und anklagend verwies man auf eine Szene, von der man den Eindruck bekommen musste, dass sich alle Rechten von ganz Deutschland in den Osten ins muffige Exil begeben hätten.

Aber auch die Initiativen gegen Rechts, die sich dort entwickelten, wurden eher kritisch betrachtet, als solidarisch unterstützt. Die Vorwürfe nahmen teilweise schon wieder in sich archaischen Charakter an, der behauptete Mord an dem kleinen Josef in Sebnitz gehörte in diese Zeiten. Die Behauptung eines Pfarrers, er habe mit seiner dunkelhäutigen Frau und seinen Kindern über Nacht vor dem Mob im Rudolstadt flüchten müssen, verdeckten rechtsradikale Straftaten in alten Bundesländern. Es gab auch in Baden-Württemberg, in Bayern und Niedersachsen eine aktive Neonaziszene.

Im Schatten dieser Entwicklung hat sich innerhalb der Eliten, von denen Jakob Augstein meint, sie hielten sich noch von den Thesen eines Sarrazin fern, eine Entwicklung vollzogen, die jede Verbindung zur extremen Rechten meidet - man ist das der Historie schuldig - aber deren Inhalte zunehmend aufgreift, in ein intellektuell kleidsameres Gewand hüllt und damit die gesellschaftlichen Debatten zunehmend auflädt.

Und gleichzeitig verpackt man die "beiden Diktaturen" in ein handliches Paket, beschickt damit die ständige Aufregung über die „Unbelehrbaren im Osten“ . Auch das ein willkommener Vorhang, hinter dem sich etwas entwickelt, was einen tatsächlich mit Furcht und Besorgnis erfüllen muss.

Die schleichende Entsolidarisierung der Eliten und ihr Rechtsdrall. Auch diese Entwicklung braucht ja eine Legitimation. Wenn sie Sarrazin nicht liefert, der (noch) zu grobschlächtig ist, dann vielleicht ein Sloterdijk mit seinen Steuerthesen oder ein Westerwelle mit seinen spätrömischen Dekadenzsprüchen. Auch Westerwelle knöpft an Traditionen innerhalb der FDP an, die sich – glücklicherweise oder (noch) nicht - durchsetzen konnten.

In den 70er Jahren gab es eine Bewegung in der FDP, deren sehr bekannt gewordener Aktivist Alexander von Stahl einen Rechtsruck in der Partei initiieren wollte. Kann man hier u.a. nachlesen. Alexander von Stahl.

Und hier ein Veranstaltungshinweis der Rosa Luxemburg Stiftung zum Thema:

„Sloterdijk, Sarrazin, Westerwelle - gibt es einen Rechtstrend bei Teilen der Eliten?“    

Motto: In einer Demokratie findet Unterdrückung mit Billigung der Mehrheit statt.

 
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Kommentare
mahung schrieb am 26.12.2010 um 00:14
Danke Magda und eine frohe Restweihnacht und einen guten Start ins neue Jahr.

Deinen Blog-Beitrag selbst finde ich gut, weil Du das Thema schön kurz und trotzdem inhaltsvoll auf den Punkt bringst. Gerade bei der FDP muss man gut aufpassen. Diese Partei ist das Gegenteil von liberal und Freiheit meint zunehmend nur noch die Freiheit der Besseren Kreise. Diese "freiheitlichen" Bestrebungen der Westerwelle-Generation steuern in eine Richtung die mich an die österreichischen Freiheitlichen denken lässt ...
h.yuren schrieb am 26.12.2010 um 10:32
liebe magda, ist es noch der mühe wert, den leutchen reinen wein einzuschenken, wo der laden doch längst auf der kippe steht?
das system, nimm, welches du willst, hat einen rechtsdrall. die agierenden spüren den zug, der ihnen hilft, nach oben zu rudern in die schaumschicht der sogenannten eliten.
mein paradepferd ist ein junger juso, der seine parteikarriere links unten beginnt, aber mit jeder stufe, die er nimmt, ein stück nach rechts rückt; oben angekommen, ist er unausweichlich ein rechter. das lässt sich nachprüfen an dutzenden karrieren.
wenn aber einer schon beim start rechts dreht wie ein juli oder jungunionist, muss er nur senkrecht an fassaden klettern können. eine linksbewegung wäre tödlich.

jute wünsche für den neuen kalender trotzdem...
Magda schrieb am 26.12.2010 um 10:58
Danke Euch beiden für die Kommentare.

@ mahung - zugegeben, es ist sehr zusammengefasst, aber am Ende auch dem Zorn geschuldet über diese biedermännische, unschuldsvolle Sicht auf Dinge, die sich vor aller Augen deutlich vollziehen.

@ h. yuren - "mein paradepferd ist ein junger juso, der seine parteikarriere links unten beginnt, aber mit jeder stufe, die er nimmt, ein stück nach rechts rückt; oben angekommen, ist er unausweichlich ein rechter. das lässt sich nachprüfen an dutzenden karrieren."

Ach h.yuren, nicht mal links unten. Wenn ich eine Karriere wie die von Johannes Kahrs in Hamburg beoachte, dann beginnt die nicht links, sondern als "Maulwurf".
www.mein-parteibuch.com/wiki/Johannes_Kahrs

Aber nichtsdestowenigertrotz - ein schönes Restfest
ebertus schrieb am 26.12.2010 um 13:52
Danke für den Veranstaltungshinweis!
archinaut schrieb am 26.12.2010 um 15:10
Ach liebe Magda,
da gilt wohl nicht links oder rechts.....
sie singen das alte Lied:
Ich oben
Du unten
poor on ruhr schrieb am 26.12.2010 um 16:13
@magda

Danke für den gerne gelesenen Blog. Rosa-Luxemburg-Stiftung haben wir im Ruhrgebiet auch. Die machen hier qualitativ gute Vorträge. Weiss ich aus eigener Erfahrung. :)

Herzliche Grüße

por
hibou schrieb am 27.12.2010 um 09:36
stimme voll zu mit den karrieren von links nach rechts... oder man beginnt als linker, den freitag zu lesen :-))) (wobei ich nicht dich meine)
der arme berliner schrieb am 27.12.2010 um 21:52
Fremdenhass und Rechts-Ideologie gab es schon seit der Phase der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals. Die Kolonisierung der neune und dritten Welt war doch nichts anderes als Fremdenhass und Rassenwahn im Interesse der bestmöglichen Kapitlaverwertung. Das ist systemimmanent, das hat schon Karl marx nachgewiesen.
Selbst die alte BRD war voller Fremdenhass, nur wurde der nicht so gebraucht. Es gab da ja noch die Roten im Osten. Gastarbeiter waren billige Arbeitskräfte. Mit ihnen wurde aber auch gleichzeitig dem anderen Land wichtige Produktivkraft entzogen.
Das alles, von der Kolonialisierung bis zur Gastarbeiter-Werbung waren politische Akte der Eliten! Und dazu müssen wir auch solche Friedensnobelpreisträger wie ein Willy Brandt zählen.
Was überrascht uns als jetzt die aktuelle Politik der Eliten? Sie tun das, was sie tun müssen, bei Strafe ihres Untergangs.
Letztendlich geht es immer um die Organisation der Produktivkräfte und um die Verteilungsmacht des Volksvermögens.
Und Sloterdijk, Sarrazin und Westerwelle sind da nur Narrengehilfen der wirklichen Elite.
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