Magda

Mal sehen

03.06.2011 | 10:54

Gartenüberlegungen

 

Der Gedanke, was einen Menschen zum Gärtner macht ging mir in diesen Tagen nach.  Gerade habe ich Eva Strittmatters Notat in „Mai in Piestany“ vor Augen: Sie erinnert eine Kindheit, da ihre Sehnsucht einem solchen grünen kleinen Platze galt, denn ihre Familie besaß keinen Garten. Sie folgte anderen glücklichen Gartenbesitzern in ihr Besitztum: „Die Kuhlmann-Kinder, die Bauunternehmers-Kinder von gegenüber, nahmen mich mit in den ihren, von einer hohen Mauer umgebenen. Eine grüne Holzlaube mit Gitterwerk gab es da, neben der stand ein Busch Tränendes Herz. Ich fühlte das erste Entzücken bei der Entdeckung des Strauches, als ich noch kaum bei Bewusstsein war, nur bei Gefühl, die Stille des Gartens, des Tages, die Verzauberung und die Angst, der Vater der Kinder könnte kommen. Nie, all die Jahre der Kindheit hindurch, verlor ich diese Beklemmung, nur geduldet, nicht am Platz zu sein, nicht dahin zu gehören. Das soziale Trauma der Herkunft vergeht nicht, wird nur verarbeitet. Welch ein anderer Mensch war, ist und bleibt ein Dichter wie Hermlin, der Sohn eines Hauses!“

Das kenne ich gut, dieses Inferioritätsgefühl angesichts gutsituierter, wie selbstverständlich Aufmerksamkeit und Dienstbarkeit fordernder Verhältnisse und es hat mich manchmal zu ungerechtem Zorn, verärgerter Abwehr und albernem Proletarier-Gehabe verleitet.

Eva Strittmatter schildert – hellsichtig und scharf - die mühsame Bescheidenheit eines Brecht, „der die ‚Gewohnheiten des Bedientwerdens’, über die er schrieb, das herrische Wesen, sein Leben lang beibehielt. Sie erinnert sich an eine bürgerlich-verwurzelte Freundin: „Ich sah es bei B., die sich vor Rührung über die kleinen Leute unseres Dorfes nicht lassen konnte und gleichzeitig die Konsumverkäuferin tyrannisierte, die in Eile war, den Laden zu schließen (...) “Die B. scheuchte die Verkäuferin von einer Ecke des winzigen Lädchens in die andere . um aus reinem Gusto, noch dieses oder jenes Ding hervorholen zu lassen, das ihr der Städterin ländlich-exotisch war. (...) “die alte, fast blinde Verkäuferin schwitzte vor Angst, ich versuchte, die B. zu bändigen, aber die hatte eben die Manieren der Herrin, die ‚Gewohnheiten des Bedientwerdens“...

Ein eigener Garten – das war nicht mein Kindheitstraum, eher misstraue ich jeder Art zu großen Klammerns an die Erde und jedem Hang zu allzu tiefer Verwurzelung.

Ein älterer Text hat mein gebrochenes Verhältnis Pflanzenzucht und Blumenpassion schon einmal aufgegriffen: „Damit ich mit dieser Eigenschaft nicht so barbarisch dastehe, grüble ich auf dem großen Hauptweg im Park nach moralischen Argumenten für diese Idiosynkrasie. Begann nicht alle gepriesene Kultivierung, das Urbar- und Nützlichmachen der Erde, mit einem barbarischen Akt, nämlich der Inbesitznahme der zu kultivierenden Flächen und der blutigen Verteidigung gegen andere, die vielleicht gleiche Absichten hegen?“

Bin ich am Ende sozialneidisch-klassenkämpferisch?  Ich glaube das nicht von mir. Eher glaube ich, dass vieles in der misslingenden Debatte zwischen West und Ost und umgekehrt mit einer allgemeinen Gartenfrage zu tun hat. Weniger die Auseinandersetzung mit den Rechtsverletzungen der DDR-Oberen, sondern die Verachtung für die „kleinen Verhältnisse“, aus denen diese stammten und in denen sich alle Menschen auf ihre Art eingerichtet hatten, bestimmt das Klima, in dem die „Aufarbeitung“ stattfindet. Größere Gärten gegen Parzellen – eben. 

Ich bin nach wie vor  – durch die DDR-Sozialisation und meine eigene prekäre Herkunft – gemeinschaftlicher gestimmt: Wenn mein Sinn für die Natur sich regt, dann gehe ich um die Ecke, bin in fünf Minuten im  Pankower Schlosspark mit seinen weiten, schönen Anlagen, freue mich, dass da noch andere Leute sind und dass die Bäume ein Riesengewölbe über dem Hauptweg bilden. Und wenn ich davon genug habe – gehe ich wieder heim.

 

 

 

 
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Kommentare
Alien59 schrieb am 03.06.2011 um 11:30
Magda, ich weiß nicht recht ....
Ich bin mit Garten groß geworden. In der Kleinstadt war das aber kein Privileg, sondern eher die Regel - und weniger mit Prestige als mit viel Arbeit verbunden. Arbeit und Sparsamkeit - im Sommer Obst oder Gemüse kaufen war - etwas überzogen ausgedrückt - ein Zeichen von Faulheit oder Unfähigkeit.
Für meine Eltern war das altgewohnt - wenn auch die Gärten ihrer Eltern kein Eigentum waren, sondern jeweils zur Dienstwohnung des Vaters gehörte.

Und trotzdem - die Beklemmung kenne ich, denn es war nie _mein_ Garten. Wir durften, schöne vorsichtig, die Rasenflächen zum Spielen nutzen - aber die Bälle hatten weder die Bäume noch die Beete zu berühren. Wir sollten beim Unkrautjäten und Ernten helfen - aber, außer zu Zeiten des Überflusses, nicht ohne Erlaubnis von den Früchten essen.

Ich hätte immer gerne ein wenig eigenes Land gehabt - dazu habe ich es bis heute nicht gebracht. Aber das Gefühl, Dinge wachsen zu sehen und aus eigenem Garten in den Topf zu legen, wäre mir die Arbeit wert.

So, wie du es schreibst, halte ich es weniger für ein Ost-West-Problem, sondern ganz klassisch für eine Klassenfrage. ;-) Oder auch der Unterschied zwischen Stadt und Land? Die größten und schönsten Nutzgärten hatten die Bauern.
sandruhm schrieb am 03.06.2011 um 11:49
Sehr sympathischer Text, danke!
Magda schrieb am 03.06.2011 um 13:13
Danke fürs Lesen.
@ Alien - es ist natürlich "einseitig" und hat allerlei "Assoziatives". Manchmal tritt auch der Zufall noch an die Seite. Bei mir war es der Eva Strittmatter-Text. Sie selbst war ja eine leidenschaftliche Gärtnerin. Verblüfft hat mich auch, dass bei ihr sofort diese Kindheitserinnerung auch die "Standesfrage" heraufbeschwor.

Der Wunsch, etwas Land zu bearbeiten, einen Platz im Grünen zu haben - das ist schon verständlich. Aber es gibt halt auch Überlegungen in meine Richtung aus welchem Impuls auch immer.

@ sandruhm - Danke :-))
silvio spottiswoode schrieb am 03.06.2011 um 14:28
Im klassischen modernen Sinne sind Fragen nach Grundbesitz und der bürgerliche Garten sicherlich eng miteinander verbunden. Verfolgt man das Thema jedoch mehr fallen die vielen schönen Abweichungen auf: So wie es hippe junge "Guerilla Gärtner" gibt, gibt es auch alte "FriedhofsgärtnerInnen", gärtnernde Mönche, vereinsfreudige Schrebergärtner, experimentierende "Waldorfgärtner" ... Vor allem gibt es ausser Parks, für die sich ja oft keiner zuständig fühlt, Gemeinde oder Klostergaerten voller essbarer Kräuter und medizinischer Heilpflanzen (Seligenstadt!) und es gibt zunehmend Stadtgärten auf Brachland.

Guerillia Gardening im weitesten Sinn liefert seit den 60er Jahren tolle exemplarische Herangehensweisen an das Thema der indiviuellen Verantwortlichkeit im öffentlichen Raum. Es gibt hinreissend schöne Gärten in New York die durch Zusammenarbeit der lokalen Bevölkerung entstanden sind und glücklicherweise von politischer Seite weitgehend ignoriert werden.

Es gibt sicherlich so viele Herangehensweisen an den Garten, wie Gärtner. Es gibt laute, territoriale Gärtner oder soziale, integrative; es gibt die Forscher die ihren Garten als Labor betreiben, es gibt Nutzgärtner und dann die Aestheten, oder auch die Stillen. Ich selbst bin eine heimliche Gärtnerin. Seit der Garten meiner Kindheit vor ein paar Jahren verkauft wurde lebe ich mich, gärtnerend im Innenhof meiner Grossstadtwohnung aus. (Das wird nicht mehr lange reichen)

Warum tue ich das? Unter anderem sicherlich auch, weil mir die Beschäftigung mit einem Garten Kraft gibt die Widrigkeiten des Alltags zu bestehen. Der Tag mag noch so voller Entbehrungen, fieser Kompromisse, Intrigen und Machtspielchen gewesen sein, wenn ich nach einer Stunde in meinem Garten abends zurück in die Wohnung gehe, geht es mir gut. An meinem Garten erlebe ich, das nichts ewig währ. Ich erlebe meine eigene Endlichkeit und lerne die Dinge in der Welt einzuschätzen. Der Garten als Korrektiv und grösster Lehrer.
Magda schrieb am 03.06.2011 um 16:08
Danke, das ist ja praktisch eine interessante und gedankenreiche Erweiterung dessen, was auch Alien oben anführt. Es hat alles so seine Ambivalenz. Sie wollen einen gerechten und vielseitigeren Blick anmahnen und haben natürlich Recht. Ich aber auch. :-)) Aber nur, weil es halt mein kleiner ausschnitthafter Text ist.

Mir ist die Gärtnerei fremd und - da ich mich ja auch ein bisschen auf einen anderen Text bezogen habe - meine Assoziationen sind halt ein bisschen "wider den Stachel" gelöckt.

Sollen die Leute harken, jäten oder pflanzen, wenn sie sich dabei nicht auch noch gegenseitig beharken oder auf finstere Pläne zur Verteidigung des eigenen Kleingartens verfallen - bittesehr.

Weil es mir gerade einfällt: Kürzlich gab es eine Sendung über eine Kleingartenanlage ganz in meiner früheren Wohngegend. "Bornholm" heißt die. Ein Dichter aus der DDR - ein "Grenzgänger" - hat einen seiner poetischen Bände "Bornholm" genannt nach dieser Gartenanlage. Und nun hat der Wladimir Kaminer dort einen kleinen Garten. Der Film zeigt ihn - verhört von zwei äußerst "wachsamen" Kleingartenvereinsfunktionärinnen. Er wurde belehrt über das Gesetzeswidrige seiner Nichtanpflanzungen oder Pflanzungen, was weiß ich. Da ging mir - auch was die Kleingärtnerei angeht - ein ziemlicher Furor durchs Gemüt. Nix Poesie, Vereinsregister wird gezogen.
Ach es ist ein Jammer. ÜBerall das Unkraut der Regelungs- und Kujonierungswut.
koslowski schrieb am 03.06.2011 um 16:35
Haben Sie nicht irgendwo einmal Ihre Sympathie für Rühmkorf erwähnt? Hier jedenfalls die erste Strophe eines Gedichts, das den Garten als Vorschein einer kommunistischen Gesellschaft beschreibt:

Der Garten wird immer schöner

Der Garten wird immer schöner auf seine alten Tage.
Ein Weltenausschnitt,
wo die Natur sich den Schmerz gespart hat
und der Kommunismus in seinen reinsten Farben spielt,
rot, rot, rot, rot
die Essigbäume, der Blutahorn, die Kirsche,
schreib das auf, Towarischtsch,
die Nachwelt wird Augen machen.
( … )
poor on ruhr schrieb am 03.06.2011 um 17:48
@koslowski

Sehr schön. Danke. :)

por
Magda schrieb am 03.06.2011 um 19:40
@ koslowski - Tja, der Rühmkorf. Vielleicht meint er den von allen Besitzverhältnissen befreiten "Garten an sich".
:-)) - Oder gar den Garten Eden, der den Urkommunisten vielleicht vor Augen schwebte.

Rühmkorf mag ich auf jeden Fall, auch weil der eine ähnlich prekäre Herkunft hat und ein großzügiger Mensch gewesen sein muss. Von seiner Dichtung ganz zu schweigen .
Den Kommunismus sehe ich sehr sehr kritisch, aber das werden Sie mir nun wieder nicht glauben. :-)

Und hier paar ganz aktuelle Bider von meinem heutigen Ausflug in den der Gemeinschaft zur Verfügung stehenden Schlosspark Niederschönhausen.



Im Garten wurde dem - folgenlosen - "Runden Tisch" der Wendezeit ein Denkmal gesetzt.



Das Schießwarnungschild hängt an der euen Bundesakadmie für Sicherheitstechnik, die im Schloss Niederschönhausen ihre Zelte aufgeschlagen hat.

Aus 03.06.2011
indyjane schrieb am 04.06.2011 um 08:57
deinen klugen überlegungen "wider den Stachel gelöckt" bin ich mit großem vergnügen gefolgt -

kurios ist, dass ich " – durch die DDR-Sozialisation und meine eigene prekäre Herkunft –" ins gegenteil von gemeinschaft tendiere. zeitlebens musste ich dem druck der gruppe widerstehen, den grenzüberschreitungen, dem rechtfertigungsdruck - es gibt menschen, die da robuster, kräftiger sind, ich mit meinem hang zur ambivalenz konnte/kann der gemeinschaftlichen beeinflussung schwerer widerstehen.

"eher misstraue ich jeder Art zu großen Klammerns an die Erde und jedem Hang zu allzu tiefer Verwurzelung..." -

ja, durch "zufall" zum großen garten gekommen, hinter einem haus, umsäumt von bäumen, hecken, keine regulierte schreberei, hier erlebe ich die möglichkeit, in einem vor blicken geschützten raum ICH zu sein - mein eigenes gesicht, schmutzige füße haben zu können, körper zu genießen im tun und nicht in der reaktion auf sehen/gesehen werden, auf allen vieren über die erde robben und an allem knabbern, wat mir schmeckt -
mir ist bewusst, dass viel flucht, viel kitsch, dabei ist, nehme die abhängigkeiten wahr, den ein geformtes und kultiviertes nach sich zieht-ick wollt schon keine kinder und dann hatte ich einen garten am "hacken", der unruhige geist, der sich binden kann an etwas wie jahreszeiten, wachsen, vergehen, wann ist es lust, wann ist es last , was kann ich sein lassen, wass muss/will ich verändern -
"... ein geborenwerden und ein sterben und dazwischen die schönheit und die schwermut." albert camus -
der kreislauf des großen ganzen und des janz kleenen ...

ich empfehle auch einen artikel von georg seeßlen:
www.freitag.de/kultur/1026-natur-macht-einsam
"Der Mensch, der ein Teil der Natur ist, und die Natur, die zu einem Teil des Menschen wird, diese Marx‘sche Dialektik war ein Versprechen, das sich als Bedrohung verwirklicht hat. Wenn Geschichte nichts anderes als das „Werden der Natur für den Menschen“ wäre, wie Marx das gemeint hat, dann müssten wir uns diesen als glücklichen vorstellen (weniger im Sinne des Kleingartenbesitzers als in dem des Sisyphos). Aber wie kann die Natur für den Menschen werden, wenn so wenig der Mensch für den Menschen wird? Da es eben den Menschen, für den Natur werden sollte, nicht gibt, kann es Natur nur im Zustand des Verschwindens geben. Die allgemeine, intensive Erfahrung von Natur ist die ihres Verlustes."

silvio danke ich für seine schönen ausführungen -
h.yuren schrieb am 04.06.2011 um 11:15
liebe magda, dachte schon, du wolltest einstimmen in die überregionale klage über die große dürre, im wald, auf wiesen und feldern, und nicht zuletzt im privaten stück garten. ich kam gerade aus demselben vom gießen...

mir fallen keine laubendichter namentlich ein. wohl aber die philosophen des gartens, epikur z.b., und hat nicht voltaire, wo man es nicht erwartet hätte, vom zu bestellenden garten geschrieben?
aber ich sehe, dass ich auch bücher besitze von jürgen dahl, dem ich stets gespannt am radio zuhörte, der solche titel wie "Wildpflanzen im Garten", "Nachrichten aus dem Garten", "Neue Nachrichten aus dem Garten" und "Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung" veröffentlichte.
gegen diesen kenner und kreativen gärtner bin ich nur ein verquerer nutzer des stückchens erde um meine hütte.
auf dem lande sind gartenbesitz und -nutz nichts besonderes.
bei schlossgärten aber habe ich solche assoziationen, wie du sie ins bild gesetzt hast. herrschaftliche anlagen mit hohen zäunen oder mauern, gated. die warnung vor dem dangerous dog gibts aber auch schon zu niedrigeren preisen.
sonst aber empfinde ich nichts klassenkämpferisches beim thema garten.
Magda schrieb am 04.06.2011 um 12:49
Na, ich wiederhole nochmal: Ambivalenz. Anpassung - besonders gefordert in Kleingartenanlagen, in Großgärten ist es - Individualismus. Es ist eben alles wie das Leben.

Mir hat die Strittmatter mit ihrer Garten-Erinnerung gefallen. Ich finde Kleingartenanlagen gemütlich, aber würde weder mich noch meinen Mann dort hinbringen. Den "friert gleich vor Gemütlichkeit".

@ h.yuren - der "herrschaftliche" Schlosspark, den ich meine, der ist jetzt großzügig für Alle da und das finde ich schön. Allerdings beobachte ich auch dort auf den Wiesen interessante Territorialkämpfe.

Es hat was auf sich mit dem Land-, Garten- und Grundbesitz.

Tolstoi schrieb wohl diese Geschichte. "Wieviel Erde braucht der Mensch".

Gruß
archinaut schrieb am 06.06.2011 um 00:26
Liebe Magda,

es hat lange gedauert,
bis ich jemanden wie Pückler verstehen konnte
www.fuerstpueckler.de/
aber heute frage ich mich,
warum es keinen Film über seine Besessenheit gibt....
ein Park lebt länger als ein Haus.

Danke für Deine Skizze!
goedzak schrieb am 06.06.2011 um 09:08
Hallo Magda, bin heutevormittag immer mal zwischendurch beim nachholenden Lesen von Texten, die hier seit letzte Woche Mittwoch eingestellt wurden (war auf Reisen). Dieser hier, der deinige, hat mir besonders gefallen. Bin seit Do-morgen viele km durch öffentliches parkähnliches Gelände geradelt. Man sieht dort Menschen bei privaten Beschäftigungen im gemeinschaftlichen (naja, sagen wir öffentlichen) Raum. 's Leben könnte so schön sein auch ohne privaten Landbesitz... :))
Rapanui schrieb am 06.06.2011 um 10:01
Wir waren am Wochenende auf der Halde Hoheward bei Herten de.wikipedia.org/wiki/Halde_Hoheward#cite_note-0 und auf dem Tetraeder bei Bottrop de.wikipedia.org/wiki/Tetraeder_%28Bottrop%29 , zwei beeindruckenden Landschaftsgärten im Ruhrgebiet. Das Horizontalobservatorium auf der Halde Hoheward ist ein spirituell zu nennender Ort inmitten einer Industrielandschaft. Viele Menschen laufen still am Rand des Haldenplateaus entlang, ein paar Jungs haben einen Getränkekasten die 529 Stufen hochgeschleppt und werden den Sonnenuntergang beobachten. So etwas sah ich nie zu vor und bin glücklich.

Am Sonntagnachmittag sind wir wieder in unserem eigenen Garten und ich bin froh, dass die Erdbeeren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Wir sitzen auf einer Terasse, essen die Erdbeeren und beobachten, wie der Regen heraufzieht, der nun endlich öffentliches und privates Land reichlich mit Wasser versorgt.
donkischott schrieb am 06.06.2011 um 11:33
Wie wäre es mit: der Natur einen Raum geben –
anstatt: Anderen etwas wegnehmen?

Wenn man sich von der anthropozentrischen Haltung von „Land besitzen“ frei macht und mit seinem Garten statt dessen der ringsum geschändeten und bedrängten Natur ein Refugium anbietet – wie klingt das?
Wir haben vor 13 Jahren ein Holzhaus gebaut auf einem Grundstück von 2000 qm, das vorher intensiv landwirtschaftlich genutzt wurde. In diesem Zeitraum haben wir der Natur auf dieser Fläche, größtenteils durch Unterlassung statt Bearbeitung geholfen, wieder auf die Beine zu kommen, sprich: Die überdüngte Wiese zweimal im Jahr von Hand und nicht mit dem Traktor gemäht und das Schnittgut weggeräumt, bis sie so weit ausgemagert war, daß die Pflanzenvielfalt zurückkehrte, Blumen, Gräser, Seggen, Kräuter, aber auch Brennesseln, Disteln, Moose, Flechten. Damit ist auch die Tierwelt gekommen, Insekten, Spinnen, Vögel, Amphibien, Bilche und Fledermäuse. Sofern die größeren Gewächse wie Bäume oder Gehölze nicht Haus oder Menschen gefährden, dürfen sie stehenbleiben und werden nur ab und zu vorsichtig beschnitten. Der das Haus überragende alte Kirschbaum gehört sowieso vollständig der Tierwelt, von der Amsel bis zum Siebenschläfer. Den Sitzplatz darunter können wir erst ab August nutzen, wenn die letzte Kirschblüte verweht, die letzte unreife Kirsche heruntergefallen und die letzte reife gefressen oder fortgetragen ist. Den Nußbaum räumen zum großen Teil das Eichhörnchen und der Eichelhäher ab, wenn die dann irgendwo eine Nuß verlegen oder verlieren und der sprießende Baum nicht gerade in der Dachrinne oder unter der Gartenbank aufwachsen möchte, darf er stehen bleiben. Ich selber „rette“ ab und zu einen Baum aus einer unmöglichen Lage (wie zum Beispiel unseren mittlerweile prächtig erwachsenen Spitzahorn aus dem Abflußgitter im Freibad) und gebe ihm im Garten eine Chance.
Was ich zusätzlich für unseren Gebrauch pflanze, kommt ins Hochbeet (siehe auch www.freitag.de/community/blogs/binikatz/lob-des-hochbeets) oder in Kübel, so daß auch keine Beete angelegt werden müssen. Kein Spatenstich zerteilt einen Regenwurm, keine Maschine verscheucht die Eidechsen von ihrem Steinhaufen, kein Radio macht dem Rotkehlchen beim Trillern Konkurrenz. Wir gehen vorsichtig durch den Garten (durch die Wiese immer die gleiche kurze Strecke, um die fast menschenhohen Gräser möglichst wenig zu beeinträchtigen) und freuen uns darüber, was er uns jedes Gartenjahr an Neuem und Überraschendem beschert, den blauen Teppich von Vergißmeinnicht, ein seltenes Knabenkraut in der Wiese, eine radgroße Mariendistel, die gelben Fingerhüte, die sich vorletztes Jahr eingefunden haben, den wilden Thymian vom letzten Jahr und den Wiesensalbei, der in diesem Frühling auf einmal neben dem Vogelbad wuchs; und ich weiß nicht, ob es reineres und größeres Glück gibt, als an einem Sommertag plötzlich den Ruf eines Laubfrosches aus dem nächsten Baum zu vernehmen, der Hornisse oder den Eidechsen bei der Jagd zuzuschauen oder dem Kleiber beim Baden. Als Gast – nicht als Eroberer!
donkischott schrieb am 06.06.2011 um 12:23
Hier noch ein Bild vom Platz unterm Kirschbaum:
donkischott.gmxhome.de/sitzplatz_april_2011.jpg
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