Der Gedanke, was einen Menschen zum Gärtner macht ging mir in diesen Tagen nach. Gerade habe ich Eva Strittmatters Notat in „Mai in Piestany“ vor Augen: Sie erinnert eine Kindheit, da ihre Sehnsucht einem solchen grünen kleinen Platze galt, denn ihre Familie besaß keinen Garten. Sie folgte anderen glücklichen Gartenbesitzern in ihr Besitztum: „Die Kuhlmann-Kinder, die Bauunternehmers-Kinder von gegenüber, nahmen mich mit in den ihren, von einer hohen Mauer umgebenen. Eine grüne Holzlaube mit Gitterwerk gab es da, neben der stand ein Busch Tränendes Herz. Ich fühlte das erste Entzücken bei der Entdeckung des Strauches, als ich noch kaum bei Bewusstsein war, nur bei Gefühl, die Stille des Gartens, des Tages, die Verzauberung und die Angst, der Vater der Kinder könnte kommen. Nie, all die Jahre der Kindheit hindurch, verlor ich diese Beklemmung, nur geduldet, nicht am Platz zu sein, nicht dahin zu gehören. Das soziale Trauma der Herkunft vergeht nicht, wird nur verarbeitet. Welch ein anderer Mensch war, ist und bleibt ein Dichter wie Hermlin, der Sohn eines Hauses!“
Das kenne ich gut, dieses Inferioritätsgefühl angesichts gutsituierter, wie selbstverständlich Aufmerksamkeit und Dienstbarkeit fordernder Verhältnisse und es hat mich manchmal zu ungerechtem Zorn, verärgerter Abwehr und albernem Proletarier-Gehabe verleitet.
Eva Strittmatter schildert – hellsichtig und scharf - die mühsame Bescheidenheit eines Brecht, „der die ‚Gewohnheiten des Bedientwerdens’, über die er schrieb, das herrische Wesen, sein Leben lang beibehielt. Sie erinnert sich an eine bürgerlich-verwurzelte Freundin: „Ich sah es bei B., die sich vor Rührung über die kleinen Leute unseres Dorfes nicht lassen konnte und gleichzeitig die Konsumverkäuferin tyrannisierte, die in Eile war, den Laden zu schließen (...) “Die B. scheuchte die Verkäuferin von einer Ecke des winzigen Lädchens in die andere . um aus reinem Gusto, noch dieses oder jenes Ding hervorholen zu lassen, das ihr der Städterin ländlich-exotisch war. (...) “die alte, fast blinde Verkäuferin schwitzte vor Angst, ich versuchte, die B. zu bändigen, aber die hatte eben die Manieren der Herrin, die ‚Gewohnheiten des Bedientwerdens“...
Ein eigener Garten – das war nicht mein Kindheitstraum, eher misstraue ich jeder Art zu großen Klammerns an die Erde und jedem Hang zu allzu tiefer Verwurzelung.
Ein älterer Text hat mein gebrochenes Verhältnis Pflanzenzucht und Blumenpassion schon einmal aufgegriffen: „Damit ich mit dieser Eigenschaft nicht so barbarisch dastehe, grüble ich auf dem großen Hauptweg im Park nach moralischen Argumenten für diese Idiosynkrasie. Begann nicht alle gepriesene Kultivierung, das Urbar- und Nützlichmachen der Erde, mit einem barbarischen Akt, nämlich der Inbesitznahme der zu kultivierenden Flächen und der blutigen Verteidigung gegen andere, die vielleicht gleiche Absichten hegen?“
Bin ich am Ende sozialneidisch-klassenkämpferisch? Ich glaube das nicht von mir. Eher glaube ich, dass vieles in der misslingenden Debatte zwischen West und Ost und umgekehrt mit einer allgemeinen Gartenfrage zu tun hat. Weniger die Auseinandersetzung mit den Rechtsverletzungen der DDR-Oberen, sondern die Verachtung für die „kleinen Verhältnisse“, aus denen diese stammten und in denen sich alle Menschen auf ihre Art eingerichtet hatten, bestimmt das Klima, in dem die „Aufarbeitung“ stattfindet. Größere Gärten gegen Parzellen – eben.
Ich bin nach wie vor– durch die DDR-Sozialisation und meine eigene prekäre Herkunft – gemeinschaftlicher gestimmt: Wenn mein Sinn für die Natur sich regt, dann gehe ich um die Ecke, bin in fünf Minuten imPankower Schlosspark mit seinen weiten, schönen Anlagen, freue mich, dass da noch andere Leute sind und dass die Bäume ein Riesengewölbe über dem Hauptweg bilden. Und wenn ich davon genug habe – gehe ich wieder heim.