Magda

Mal sehen

24.03.2010 | 14:48

Kindheit in den 50er Jahren

Vorspann

 Ich habe schon so viele Sachen über meine Kindheit und Jugend geschrieben, dass ich dachte, ich sollte mal über andere Zeitgenossinnen und –genossen schreiben.

Vor einigen Jahren traf ich mich nach Jahrzehnten wieder mit den Mädchen aus der katholischen Pfarrgruppe in der Leipziger Liebfrauengemeinde, zu der ich gehörte.Daraus entstand dann - erst einmal für mich – eine kleine Reihe von Erinnerungsporträts.

Nachdem ich beim zweiten Treffen einiges vorgelesen hatte, fragte eine von ihnen "Und wer beurteilt Dich?" Stimmt: Die Definitionsmacht liegt allein bei mir und da es sich um wirkliche, nicht ausgedachte Menschen handelt, liegt darin etwas Problematisches. Deshalb habe ich das Ganze nicht weiter betrieben.

Wenige Porträts, die auch den Porträtierten bekannt sind, stelle ich trotzdem vor, weil mit ihnen auch etwas aus meiner Kinderzeit – in den fünfziger Jahren in Leipzig – geschildert wird.

Motto:

Die Kindheit hat so viele  Zeiten, dass wir uns als Erwachsene arm vorkommen, wenn wir auf diesen so begrenzten Zeitraum mit seinen so grenzenlos scheinenden Lebensvorrat zurückblicken

Sophie und Benno – ein harmonisches Porträt

Sophie, die damals unsere kleine Mädchengruppe führte, war ein Naturtalent im Umgang mit uns. Sie biederte sich nicht an, sondern nahm uns auf eine Weise ernst, die in diesen Jahren nicht unbedingt die Regel war. Auffällig waren an ihr sehr hübsche Grübchen, eine kurze lockige Frisur und die Art, wie sie sich kleidete. Sophie trug moderne Blusen und Röcke. Die Röcke meist weit, die Blusen in den Bund gesteckt - sie konnte das tragen. War es kühl, trug sie Kleider aus wollenen guten Stoffen, im Sommer ganz sicher aus Perlon, dem Stoff der Zeit. Sie hatte - so berichtete sie später - Zugang zu einem westlichen Modejournal und eine gute Schneiderin. Ich beneidete Sophie ein wenig.

Die Wärme von Stoffmänteln

In einem Herbst - es war November - verkündete Sophies Anblick, dass es jetzt vorbei ist, mit den leichten Gabardine- oder Trenchcoatmänteln. Die Zeit für Stoffmäntel war gekommen, sie jedenfalls trug einen. Einen neuen, weinroten glaube ich mit einem halben Gürtel, der nach der Mode der Saison hinten an großen Knöpfen hing. Warum erinnere ich mich so gut daran? An Sophie war alles so zuverlässig. Und ich hätte auch so gern und zwar genau zur richtigen Zeit, wenn es schon leicht gegen Null Grad und der Herbst zu Ende ging, wie selbstverständlich einen solchen neuen Mantel gehabt. Sophies Anblick brachte mich dazu, meine Lebenslage zu beklagen, abhängig von den Schwankungen im Befinden meiner Mutter und natürlich auch vom Geld, ungewiss darüber, ob ich einen neuen Mantel bekam und wie er dann aussah. Meine Mutter nähte auch, aber es war immer improvisiert und darum nie ganz sicher, was am Ende herauskam. Manchmal saß es hervorragend, manchmal war es misslungen und ich maulte, mußte aber die zu weite Bluse, das Kleid mit dem mißlungenen Ausschnitt dann doch tragen. Mäntel waren ein Vabanquespiel.

 Geglückte Wiedererkennung

Sophie kam, wie wir alle nicht aus betuchtem Hause, aber sie war bürgerlich, etwas damenhaft und sie verkörperte wie keine andere die Überzeugung, dass es wichtig ist, sich einen ordentlichen Rahmen zu schaffen. Ein freundliches Einverständnis mit den Gesetzen des Lebens ging von ihr aus. Als wir uns wiedersahen, erkannte ich sie als erste sofort wieder. Sie ist schlank und zierlich geblieben, hat noch immer eine ähnliche Frisur, jetzt ein bisschen rot aufgepeppt und sie zieht sich immer noch so solide und elegant an. Klar hat ihr Gesicht noch die Grübchen. Sie kümmerte sich wie selbstverständlich und wie vor vielen Jahren um das Organisatorische. Wir liefen durch das inzwischen renovierte Leipzig zum von ihr ausgesuchten Restaurant.

Zeitlos in jedem Sinne

Auf dem Weg unterhielten wir uns über ihr Leben als Bankangestellte in der DDR. Hin und wieder ließ sie in einem Nebensatz fallen, dass sie auch ein wenig aufmüpfig gewesen sei in all den Jahren. Sie habe immer Ärger gehabt wegen der vielen Westkontakte. Ich erheiterte mich leise, weil ich davon überzeugt bin und Sophie aufs Wort glaube, dass sie nie im Leben etwas getan hat, um das "System zu stützen", sondern - abgesehen von dem normalen Alltagsehrgeiz, ihre Arbeit ordentlich zu machen, nie etwas anderes im Sinn hatte, als das Glück ihrer  Familie. So betraten wir unter ihrer Führung eine Gaststätte, in der wir zusammen saßen, wie in den Gruppenstunden unserer Jugendzeit. Damals lernten wir von ihr die Lieder, die Generationen von Mädchen und Jungen nicht nur in katholischen Pfarrhäusern lernten. „Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht“, „Wenn die bunten Fahnen wehen“. Wir hätten ziemlich bruchlos auch 15 Jahre vorher so singen können oder auch in Westdeutschland. In dieser Gruppe ging es zeitlos zu im guten wie im schlechten Sinne.

Attraktion Benno

Zur Ordnung, in der Sophie lebte, gehörte auch, dass sie verlobt war. Mit Benno - der zu ihr und zu dem sie passte wie die Prinzessin zum Prinzen. Obwohl erst 19 oder 20 Jahre alt, wirkte er damals auf uns wesentlich seriöser, als seine Altersgenossen. Zudem sah er gut aus. Heute würde ich sagen, eine Mischung aus Robert Redford und einem ordentlichen Hausmann. Im Gegensatz zu anderen jungen Männern, die ich kannte, war er nicht laut. Er stand - weil er zu Sophie gehörte und sie zu ihm - mit vor der Kirche, wo wir nach dem Gottesdienst in Gruppen schwatzten und nach Art junger Mädchen alberten. Nicht einmal die äußerliche Abgrenzung zu den Mädchen schien er zu brauchen, so souverän erschien er mir. Eines Abends - wir standen beisammen - sagte er, dass er mich jetzt nach Hause bringe. Sophie war auch einverstanden. Ich war völlig verwirrt und verblüfft, weil ich nicht wusste, wie ich mich benehmen sollte. Aber ich wurde meiner Sorgen enthoben, denn Benno konnte plaudern, ich weiß nicht mehr worüber, aber es machte ihm nichts aus, eine kleine unverbindliche Konversation zu pflegen mit mir, die ich ganz gewiss schrecklich verwirrt und darum ganz besonders originalitätssüchtig war. Er lieferte mich vor meiner Haustür ab, verabschiedete sich ohne Theater mit Handschlag und ließ mich leicht überdreht und besorgt, dass ich zuviel dummes Zeug geredet hätte, zurück. Als ich ihn bei unserem jetzigen Treffen darauf ansprach, wurde er verlegen. Aber nicht, weil ihm das soviel bedeutet hätte, sondern weil er sich nicht erinnern konnte. Er ist gern zuvorkommend.

Eines Sonntags - wir waren auf einem Spaziergang mit dem jungen umschwärmten Kaplan Richter - trafen wir Sophie und Benno. Sie waren „privat“ dort unterwegs und gingen Hand in Hand spazieren. Die nächste Szene, die ich erinnere, ist auf einem Foto festgehalten. Sophie erklärt ein Spiel, wir stehen um sie herum. Und dann - auf weiteren Fotos ist es zu sehen - haben wir zusammen dieses Spiel gespielt  Auch Benno spielte aus voller Überzeugung mit. Es gibt ein hübsches Foto davon, das ich erst jetzt wieder sah.

Der Schock der Erinnerung

Beim Anblick des Fotos traf mich der Schock der Erinnerung, weil ein Junge auf diesem Bild zu sehen ist und nicht der weltläufige Mann, den ich im Kopf habe. Reuevoll, ob des kleinen Triumphs und kurzer Überlegenheitsgefühle angesichts eines alten Fotos, erinnere ich mich nicht, dass die beiden damals über eine Störung in ihrer Intimität verärgert gewesen wären. Bestimmt haben wir uns alle manchmal über diese intime Seite von Sophies Leben Gedanken gemacht. Einmal zeigte sie Fotos von sich und ihrer Familie, die sie gerade vom Entwickeln geholt hatte. Die letzten Bilder zeigten - weil der Film wohl verknipst werden sollte - die Decke von Bennos  Zimmers, der nach den irren Moden der Zeit, denen beide vorsichtig folgten,  mit Fußstapfen bemalt war. Das habe Benno fotografiert, erklärte sie. Ich fragte mich, ob er wohl auf dem Bett gelegen hat und ob die korrekte Sophie überhaupt erlaubte, dass er sich oder sie sich gar beide auf dieses Bett legen, vielleicht war es ja auch eine Couch. So war Sophie auch mit ihrem privaten Leben Gegenstand meiner Fantasien, mal der harmlosen mal auch gewagterer Art. Als ich die beiden am Tage nach unserem großen Treffen noch einmal in der Kirche sah, mit dem angemessenen Ernst von der Kommunionbank kommend, fragte ich mich, wie ihr Leben wohl so ausgesehen hat. Sie haben einen gut geratenen Sohn. Sophie hat sich erfolgreich dagegen gewehrt, noch mehr Kinder zu bekommen. Sie wollte ihre Arbeit gern weitermachen, da war sie, wenngleich noch immer gut katholisch, doch ein Kind der DDR. Benno sagte als wir zusammensaßen, er könne sich ein Leben ohne Sophie überhaupt nicht vorstellen. Er sagte das unaufgefordert und in seinem Satz klang die Angst mit, die wir in späteren Jahren haben. Vor dem Verlust oder hörte ich es nur so?

Sie leben schon so viele Jahre zusammen - von Wohlwollen zueinander erfüllt, die Formen wahrend, die über das in allen Menschen innewohnende Maß hinaus, keine Abgründe verbergen. Ich denke gern an sie.

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 24.03.2010 um 15:55
du bist ja als erstaunlich katholisch herrlich sortierte Chronistin, scheint es mir, für diese und jenen eine verlässliche Angebotspalette.

tschüss
JP
Magda schrieb am 24.03.2010 um 16:01
"verlässliche Angebotspalette."

Guter JP das hängt mit meinem Alter zusammen und den vielen Epochen, die man da so durchmacht.

tschüsstschüss
erdenbuerger schrieb am 24.03.2010 um 16:06
Liebe Magda,
da habe ich doch das Kreuz im rechten unteren Eck ihres obigen Bildes, richtig erkannt.

Auch ich habe als Säugling den Wassertropfen auf meinen Kopf bekommen.

Gruß
Erdenbürger
Magda schrieb am 24.03.2010 um 21:11
Oh je, ich bin aber schon lange nicht mehr Mitglied der Kirche. Das ist aus einer hinter mir liegenden Zeit.
erdenbuerger schrieb am 29.03.2010 um 00:07
Macht nichts, vielleicht ist es ja auch nur eine optische Täuschung.

Gruß
erdenbürger
goedzak schrieb am 30.03.2010 um 23:42
Sophie und Benno, fünf jahre älter und sie könnten meine Eltern gewesen sein... Allerdings ohne Fußspuren an der Zimmerdecke.
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