Magda

Mal sehen

22.05.2009 | 09:17

Kurras und die Stasi - Warum sagen Sie das erst jetzt?

Der wichtigste Satz in Krimis lautet nicht: „Ich nehme Sie fest“, oder „Wo waren Sie von bis...“Nee, der dramaturgisch wichtigste Satz lautet:

„Warum sagen Sie das erst jetzt?“

Nur mit Hilfe dieses Satzes kann man eine festgefahrene Handlung in eine neue Richtung befördern, schafft man eine andere Sicht auf die Dinge, führt neue Verdachtsmomente ein.

Das fiel mir ein, als jetzt diese Geschichte mit dem Kriminalobermeister Kurras durch die Medien rauschte. Dramaturgisch entspricht das ungefähr dem obigen Satz.

 Wenn ein Geheimdienst die Hosen runterlassen muss und der andere nicht, kommen immer erstaunliche Dinge ans Licht.

Aber warum sagen sie das erst jetzt? Der Entdecker der brisanten Informationen, der Mitarbeiter in der Birthler Behörde, Helmut Müller-Enbergs argumentiert, dass sich diese Erkenntnisse nur durch bestimmte Querforschungen ergeben hätten. Ich behaupte, das war schon lange bekannt, aber schlicht und einfach nicht so relevant für die Medien oder man behielt es in der Hinterhand. Jetzt – im Zuge wichtiger konfliktreicher Debatten und bevorstehender Jubiläen - kriegt die Historie dadurch so einen Zusatzschnippser. Sie soll in eine andere Richtung gerollt sein, denn vorbei ist sie ja nun.

Wohin aber?

Das meiste ist ja bekannt: Das MfS – die HVA - hatte ganz sicherlich in Westberlin und auch in Westdeutschland ein Heer von angeworbenen Kräften, bedeutende und weniger bedeutende, Informanten und Aktive. Von daher ist das alles nicht sensationell. Bisher gab es aber - außer kurzfristigen politischen Interessen - keinen Bedarf, dieses Thema ernsthaft aufzugreifen.

Da war man in den 70er Jahren weniger zugeknöpft. Es gab sogar mal eine sehr interessante ARD-Fernsehsendung darüber. Befragt wurden Leute, die mal für die DDR spioniert hatten. Die begründeten – nebenher bemerkt – ihre Mitarbeit mit der Freundlichkeit der Anwerber, mit den einleuchtenden Argumenten des Wirkens für den Frieden und so... von Geld sprachen sie nicht so gern. Sie hatten alle ihre Strafen auch schon abgebüßt.

Ich frage mich darum: Ist das nicht eher eine Blamage für die Sicherheitspolitik in Westberlin? Da hat es doch auch gewimmelt von Geheimdienstlern. Wussten die gar nichts? Oder wussten sie alles und haben das Wissen genutzt, wofür auch immer? Ich kann mir gut vorstellen, dass die Einschätzung durch die DDR-Schlapphüte, dass dies eine bedauerliche Panne gewesen ist, durchaus stimmt. Den "Genossen" wird das nicht recht gewesen. Wenn es ihnen gelungen ist, bis in die Polizei hinein zu agieren, dann war das „gute Arbeit“, aber gebracht hat ihnen das - wie wir alle wissen – am Ende auch nichts. 

Durch die Medien aber wird’s jetzt "taggen": RAF, Stasi, Mord, Neuschreibung Geschichte.
 

 
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Kommentare
ola schrieb am 22.05.2009 um 17:11
Natürlich wird das jetzt durch die Medien gehen. Dass ein jahrzehntelang als Opfer westdeutscher Polizeigewalt betrachteter junger Mann tatsächlich von einem Spion des sozialistischen Nachbarlandes erschossen wurde, hat ein gewisses Geschmäckle. Der Symbolcharakter und die außerordentlich starke Folgewirkung des Todes von Benno Ohnesorg ist doch unstrittig. Ob sich die Bewegung 2. Juni im Nachhinein umbenennt?
Magda schrieb am 22.05.2009 um 19:06
"Dass ein jahrzehntelang als Opfer westdeutscher Polizeigewalt betrachteter junger Mann tatsächlich von einem Spion des sozialistischen Nachbarlandes erschossen wurde, hat ein gewisses Geschmäckle"

Das ist eben die Frage. Als wer hat Kurras geschossen? Ich nehme doch an, als Angehöriger der Westberliner Polizei. Aber der Medientenor wird wie der Ihre sein.
Streifzug schrieb am 22.05.2009 um 18:28
(Das habe ich schon als Kommentar unter den Artikel von Elmar Altvater gesetzt.)

Solche netten "zufälligen" Funde vertuschen meiner Meinung den wirklichen Zweck der Birthler-Behörde.

70% der dort geleisteten Arbeit befolgen m. M. die Weisung: Informationen über westdeutsche Personen, Verbände, Unternehmen und andere gewichtige Interessensgruppierungen finden, sichten, aussortieren und / oder ganz oder teilweise verschwinden lassen. Man erinnere sich nur an Kohls Akten.

N. g. Quellen berichten, dass es geheime Kopien vieler besonders brisanter Stasi-Unterlagen an geheimen Orten gibt. Wann oder ob sie überhaupt der Öffentlichkeit zugespielt werden, ist ungewiss.

[Der Kommentar ist ein persönliches Werturteil.]
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