Empfehlung der Woche

Frieden – Wie geht das?

Frieden – Wie geht das?

Klaus von Dohnanyi, Erich Vad

Hardcover, gebunden

160 Seiten

22 €

Zur Empfehlung
Meine Frau weint

Meine Frau weint

Angela Schanelec

Drama

Deutschland, Frankreich 2026

93 Minuten
ab dem 11. Juni im Kino!

Zur Empfehlung

Kultur : Mängel und Defizite

Zum Kommentar-Bereich

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Ich bin ein Mängelwesen, eine defizitäre Persönlichkeit. Kürzlich beklagte ich schon mal meinen Mangel an Naturverbundenheit. Aber, eigentlich fallen mir andauernd neue Eigenschaften oder Ingredienzien ein, an denen es mir mangelt.

Z. B. fehlen mir Geduld und Vitamin D. Das mit der Geduld weiß ich schon länger, das mit dem Vitamin D habe ich justament erfahren. Da „nieße ich nutz“ von noch gar nicht so alten Erkenntnissen. Z. B. dass die Bevölkerung von ganz Europa und den USA durch Vitamin-D-Mangel gefährdet sei. Meine Ärztin hat das – im Zuge von allerlei Blutuntersuchungen – festgestellt. Da ist eigentlich alles ganz prima, aber der Normwert - 30-100 ng/ml - bei Vitamin D ist mit 10 ng/ml deutlich unterschritten.

Eine Facebook-Freundin meinte, daran sei halt der Winter Schuld, denn für die Bildung von Vitamin D braucht man Sonne. Aber Sonne ist eine reine Gefährdung, wie wir wissen. Wenn der Mensch Vitamin D herstellen soll, braucht er jene ultravioletten Strahlen, die den Haukrebs hervorrufen können, weshalb die Leute zu Cremes mit UV-Blockern greifen und das verhindert wieder eine ordentliche Vitamin D-Herstellung. Ein Teufelskreis.

Der Gedanke, meine Beschwerden könnten vom Vitamin-D-Defizit kommen, hat mich trotzdem fasziniert. Wie wäre das gut, wenn die Gelenkschmerzen und das Unbehagen und der Kummer über die eingeschränkte Beweglichkeit sich durch Vitaminzufuhr verabschieden würden. Deshalb schlucke ich willig diese – nur einmal in der Woche in einer hohen Dosis zu applizierende - kleine Kapsel.

Inzwischen ist das Internet voll mit Beiträgen über neue wunderbare Erkenntnisse zu Vitamin D, das eigentlich auch kein Vitamin ist, sondern ein Hormon. Man muss Verdacht schöpfen, dass da wieder ein Hype gemacht wird, der morgen von einem anderen abgelöst wird, der einen anderen Baustein unseres Lebens als alleinseligmachend preist. Denn: Wer will das nicht. Dieses private, alles erleichternde und ganz schlichte Heureka, das alles so einfach löst – deshalb mit viel Wasser zu nehmen – und heil macht.

Das ist ja nicht nur mit den Arznei- oder Gesundheitsmitteln so. Dieses komplizierte Leben mit seinen vielfältigen Mängelsymptomen – wer hätte da nicht gern eine Pille und alles wäre besser. Gibt’s ja manchmal, aber sie lindert halt nur – wenn es gut geht – ein bisschen.

Es ist dieser Wunsch nach schneller Heilung: Wovon auch immer. Vom Frust, vom Kummer, vom Durstgefühl oder elenden nüchternen Zuständen oder von der Bosheit anderer Leute. Für alles gibt’s was und immer wieder was anderes, das an die Stelle der gerade propagierten Wundermittel tritt.

Das macht uns zu willigen Konsumenten auch über das Medizinische hinaus. Nimm dies, nimm jenes, kauf dies, kauf jenes, dann wird Dir geholfen. Manchmal ist es ein neuer Flachbildschirm oder ein Ipad oder was weiß ich, das hilft, wogegen auch immer. Von Kosmetika und Hautcremes ganz zu schweigen. Die haben auch dieses Wunderimage, über das man sich dann immer wundert.

Oder lies dieses oder jenes – möglichst in schneller leicht fasslicher Form, dann hast Du den Überblick. Dann siehst Du durch und kannst mitreden. Es gibt alles in Portionen, die nicht belasten aber viel versprechen.

Apropos: Auch bei der sogenannten Schuldenkrise – in Wirklichkeit ist es ja eine Krise des Euro und der Banken - gibt’s so eine propagierte einfache Pille. Sparen, sparen, sparen. Der Unterschied ist nur: Die Leute glauben das einfach nicht mehr. Sparen schafft neue Defizite und Mängel, wie man gerade an der „spanischen Grippe“ sehen kann.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.