John Cages ASLSP in der Burchardi-Kirche zu Halberstadt
Ach Hergott, ich komme zu spät. Am 5. August 2011, war schon wieder Tonwechsel in Halberstadtund ich hab nicht aufgepasst.
Die Berliner Zeitung hat über dieses kulturell bedeutsame Ereignis berichtet. Und alle Blätter haben es mit Verspätung kolportiert. Es scheint im Charakter der Sache zu liegen, dass man beim periodisch sich wiederholenden Halberstädter-Event eine kleine Berichts-Fermate einlegt.Es geht um John Cages viele hundert Jahre lange Stück ASLSP
Gute Gelegenheit einen alten Text mal wieder aufzubrezeln und als Zweitaufguss zu servieren. Guten Appetit:
Vor einigen Jahren – während eines Urlaubs - sind wir nach Halberstadt geraten, weil man nach Goslar nur gelangen konnte, wenn man Zugunterbrechungen und Schienenersatzverkehr in Kauf nahm. In die Würstchenstadt hingegen fuhr direkt ein Bus. Dort gibt es ein bedeutendes sakrales Gebäude, nämlich den Halberstädter Dom, dessen im Zustand der Renovierung befindliches Äußeres und Inneres wir andachtsvoll besichtigten. Daselbst zündete ich ein Kerzlein an, freute mich wie immer an den hohen Pfeilern
Dann aber wollten wir was Weltlicheres besehen in der Stadt, die ohnehin wenig Erhabenes bietet und in der das Würstchen gleichen Namens durchaus das rechte Maß zu sein scheint.
Auf der Suche nach weiteren Attraktionen fiel mein Blick auf einige Wegweiser.
Einer davon verwies auf die „Burchardi-Kirche – Orgelkunst-Projekt ASLSP“.
Siedendheiß fiel mir ein: Das ist ja eine Weltsensation – ein Werk, des berühmten Komponisten John Cage. ASLSP bedeutet „As slow as possible“ und das Werk ist ausgelegt für – man glaubt es nicht – 639 Jahre. Also wieder was mit Anspruch auf lange Dauer. Lange Dauer her, aber sofort nichts wie hin.
Das Areal, auf dem sich die Kirche befindet, ist gar nicht so leicht zu finden. Sie diente durch die Jahrhunderte neben ihrer erhabenen Aufgabe auch als Schnapsfabrik und Schweinestall. Ein merkwürdiges Geräusch hörten wir schon, als wir uns dem Gebäude näherten. Mein Mann meinte, das sei sicherlich ein Generator. Es war verschlossen, aber als wir auf das daneben liegende "Herrenhaus" zugingen, kam schon ein freundlicher, Mann heraus und nahm uns – während er uns ein bisschen erklärte - mit zum Ort des künstlerischen Geschehens.
Alles begann mit heißer Luft
Begonnen hat alles am 5. September 2001 mit – tja mit heißer Luft – mit einer anderthalb Jahre andauernden Fermate, in der das Orgelgebläse nichts als Atem schöpfte.
Am 5. Februar 2003 erklangen die ersten drei Töne, gis´, gis´´, und h´ in der Burchardikirche. Danach gab es weitere Tonwechsel immer mit viel Brimborium.
Das Tor wurde uns aufgetan und der Klang - aus mehreren Tönen bestehend - wurde lauter. Die Töne entströmten einer Orgel, einer Spezialanfertigung, mit sinnreichen Blasebälgen versehen, die auf der einen Seite der Kirche ihre Arbeit tun. Auf der anderen Seite stehen die Orgelpfeifen, die jetzt in Gebrauch sind. Später, wenn weitere Töne nötig werden, würden neue Orgelpfeifen dazu kommen, wurde uns erklärt.
Die Orgel ist natürlich das einzige Instrument, mit der man so etwas bewerkstelligen kann. Nur sie hat den Jahrhundertatem, und natürlich hat sie ihn nur durch Elektrokraft. Zu Beginn aber hatten einige junge Männer symbolisch begonnen, die Blasebälge zu treten. Es sollte eine menschliche Dimension haben – das Ewige oder so.
Vorgriff auf die Ewigkeit
Man schüttelt den Kopf, aber man lauscht entzückt den Tönen. Er hat was Transzendentes und – ein in jenem Urlaub herbeigewünschter Seelenzustand – Tröstliches, dieser Vorgriff auf ein kurzes Stück Ewigkeit. Es gibt Leute, die hören die verschiedensten Töne heraus, sagte der freundliche Angestellte. Zwei konnte ich auch entdecken, aber nicht mehr.
Wir hatten eine schöne Stunde mit den vier Tönen und waren versöhnt mit Halberstadt. Inzwischen haben sich noch weitere Tonwechsel ereignet. Der letzte am schon erwähnten und verpassten5. August, Dabei wurde der Ton ‚as’ entfernt und zwei andere tiefe Töne, ’des’ und ‚c’ hinzugefügt.
Am 5. September 2640 wird das Stück enden.
Aber jetzt muss erst mal wieder ein Jahr gewartet werden – auf den5. Juli 2012. Eine kleine Ewigkeit muss man gut einteilen.