Magda

Mal sehen

22.06.2009 | 21:03

Mordgeschichten – Entlastender Tatsachentratsch

Im Spandauer Forst wurde gestern eine Joggern – völlig grundlos – von einem Mann, den sie nicht kannte, niedergestochen. 
 Abgesehen davon, dass man noch nicht genau weiß, wie das alles zusammenhängt, Berlin ist manchmal wirklich eine schlimme Stadt und man muss nicht hysterisch sein, um sich zu fürchten.
Ich kenne in Berlin vier Leute, die Opfer von Mördern, bzw. Totschlägern geworden sind. Und in zwei Fällen hat der reine Zufall sie gerettet.

Im ersten Fall ist es eine junge Frau. Die ging Mitte der 90er Jahre – nachts gegen drei oder vier - von einer Freundin nach Hause. Sie wohnte in Berlin-Mitte am Zionskirchplatz. Plötzlich kam aus dem Gebüsch ein Kerl, ein junger Mann, sagte nur ein einziges Wort „Komm“ – später sagte sie, es habe leicht polnisch geklungen - und stieß ihr, sie von hinten umfassend, seitlich das Messer in die Leber. Sie redete auf ihn ein, sie habe keine Zeit und schaffte es noch bis zur nächsten Ecke. Der Zufall wollte, dass sich an dieser Ecke ein junges Pärchen verabschiedete, die – damals noch gar nicht immer üblich – ein Handy dabei hatten. Der zweite glückliche Zufall wollte, dass die Feuerwache dort gleich um die Ecke in der Oderberger Str. ist und die junge Frau dadurch sehr schnell versorgt werden konnte. Sie ist jetzt frühverrentet, weil sie eine so schwere posttraumatische Belastungsstörung hat, dass sie nicht mehr arbeiten kann. Massive Ängste wechseln sich ab mit Depressionen. Gefasst wurde der Täter nie.

Betroffene Nummer zwei ist die Tochter einer Freundin von mir. Die ging nachts die Straße entlang, ihr kamen junge Leute, die ziemlich betrunken waren, entgegen. Deswegen wechselte sie die Straße. Als es wieder ruhig war, hörte sie Schritte hinter sich. Ein Mann hatte sich hinter sie geschlichen und wollte sie mit einem Schal erwürgen. Nur die Tatsache, dass sie sich gerade die Nase schnäuzte – und sich dadurch die Hände zwischen den Schal und ihrem Hals befanden, retteten ihr das Leben. Sie musste sehr kämpfen bis sie den Kerl in die Flucht geschlagen hatte. Bis heute bearbeitet sie die Frage, warum sie sich nicht umgedreht hat. Sie hat den Mann doch rankommen hören.

Drittes Opfer ist ein ehemaliger Kollege. Der fuhr mit seinem Auto aus der Toreinfahrt des Hauses, in dem er sein Büro hat. Seine Frau saß auf dem Beifahrersitz. Das Auto wartete eine Weile, um sich in den fließenden Verkehr einzuordnen. Ein Fußgänger kam vorbei und trat – weil das Auto ihn behinderte – dagegen. Der Kollege stieg aus und stellte ihn zur Rede. Sofort stach er zu und ging dann völlig unbeeindruckt weiter. Die Ehefrau, die den Ernst der Lage nicht erkannte, lief hinter ihm her und wollte ihn zur Rede stellen, aber sie kehrte dann doch zurück zu ihrem Mann, der sterbend auf dem Pflaster lag. Der Täter wurde nicht lange danach gefasst und verurteilt. Er konnte sich – wie so oft – an nichts erinnern, weil er betrunken war.

Eine vierte sehr traurige Geschichte. Über lange Jahre war auf dem Alex ein Mann zugange, der sich mit Hilfe eines Ghettoblasters und zwei Kochlöffeln, mit denen er den Rhythmus zur Musik schlug, Geld verdiente.  Er hatte dauergewellte blondierte Haare und war höchstwahrscheinlich schwul. Er hatte immer viele Zuhörer, es sah lustig aus, wie er da kochlöffelte.Einmal sah ich ihn in mit seinem Fahrrad und dem Anhänger, auf dem er seine Ausrüstung verstaut hatte, eine Straße entlang fahren. Vor kurzem gab es eine Meldung, dass jemand ihn in seiner Wohnung erstochen hat.

Es ist ein manchmal ein bisschen wie in den 20er Jahren. Eisige Luft in Berlin, wie Alfred Döblin in seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ geschrieben hat.

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.06.2009 um 21:18
Mensch, Magda, ich stehe früh auf, und wenn ich vom Klo komme, sehe ich, Du hast gebloggt. Ich komme abends müde nach Hause und sehe, Du hast gebloggt. Wer soll das denn wann alles lesen?!!
Streifzug schrieb am 22.06.2009 um 21:21
Nun mal nicht den Teufel an die Wand.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.06.2009 um 21:29
Na, ja, jetzt hab ich gelesen. Werde schlecht träumen.
Magda schrieb am 22.06.2009 um 21:34
Ich bin eben ein Mitteilungsmensch. In diesem Falle ist es ja auch nichts zum Diskutieren. Nur zum Beklagen. Und leider alles wahr.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.06.2009 um 22:46
Eine Art täglicher Polizei-Blog, vielleicht exemplarisch für Berlin.
Aufgeteilt in die üblichen Kategorien. Ein täglicher Blick in die sogenannte gesellschaftliche Realität bewahrt vielleicht vor Illusionen? Wer haut wem auf welche Weise mit welchem Erfolg aufs Maul?
Bei ca. 10 000 Suiziden pro Jahr in Deutschland sind es ca. 27 Suizide pro Tag. Das wären natürlich "nur" die als solche (an)erkannten. Bei ca. 6 000 Verkehrstoten kommen auf jeden Tag also ca. 16 Personen. Laut Wikipedia waren es 2007 339 offizielle Morde in Deutschland (plus eine ziemlich hohe Dunkelziffer unerkannter) Erstere mit immerhin sinkender Tendenz und steigender Aufklärungsrate. Uswusf. Aber will das andererseits wirklich jemand wissen? Ist das nicht zuviel Realität?
Auch wenn Biberkopfs Zeiten wohl doch erheblich gewalttätiger waren, mir reichen die aktuellen schon lange. Und es wird mir für immer und ewig fremd bleiben, daß täglich Hunderttausende (wahrscheinlich sind es Millionen) sich bei Mord und Totschlag (Folter wohl eher noch nicht?) in Fernsehen, Internet, Kino,... die Freizeit vertreiben.
Beklagen! Wohl wahr!
Magda schrieb am 22.06.2009 um 23:04
"Eine Art täglicher Polizei-Blog, vielleicht exemplarisch für Berlin"
Nein, ist es eigentlich nicht. Mir kam einfach - aus gegebenem Anlass - der Umstand in den Sinn,dass ich soviele Mordgeschichten persönlich im Umfeld kenne. Die sind ja auch eine Weile her. Und - weil wir hier Bloggen - erzähle ich das, weil es gerade wieder so eine schlimme Geschichte gibt. Exemplarisch für Berlin ist jedoch eine zunehmende Brutalisierung.
Titta schrieb am 23.06.2009 um 11:09
Magda,

dann lies einfach mal ein bißchen in den Büchern oder dem Blog von Eric T. Hansen. Er ist US-Amerikaner, lebt seit Jahrzehnten in Deutschland und liebt Berlin. Er kann dir ausführlichst und glaubhaft erklären, warum Berlin eine der sichersten und friedlichsten Hauptstädte der Welt ist.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.06.2009 um 22:05
Also, Magda, mit "zunehmender Brutalisierung(!)" wollte ich hier nicht hantieren. Das gibt ganz pragmatisch die (Polizei)-Statistik wohl auch nicht her. Könnte man ja nochmal nachschauen. Hatte Schäuble nicht vor kurzem so einen Bericht vorgelegt? Sogar sinkende Jugendkriminalität war dabei.
Der persönlichen Betroffenheit ist natürlich nicht mit Statistik beizukommen. Ich empfinde diese Stadt auch als sehr aggressiv. Laut, dreckig, rücksichtslos, egoistisch,... Andererseits widersprechen mir Berliner Freunde, die nicht in Friedrichshain leben, vehement. Komme ich nicht drum herum: Die "Idylle" oder Idylle von Wannsee oder Müggelheim ist eben auch Berlin. Muß ich dann auch fair sein.
Da ich nicht der Weltreisende bin, lasse ich mir gelegentlich von solchen erzählen. Also es gibt offensichtlich Städte auf diesem Planeten, in denen man sich strikt an ganz bestimmte Verhaltensweisen zu halten hat, wenn man den Abend gesund erleben will. Als Mann in Berlin gehe ich auch nachts durch den Tiergarten oder den Volkspark. Vielleicht muß ich eines Tages mal hinzufügen:noch. Mein Unbehagen entsteht eher nachts in der BVG wenn die Jugendparties laufen. Das ist mir gelegentlich nicht geheuer. Bin ich auch schon ausgestiegen. Ich brauche keine Prügelei mehr. Die zwei in meinem Leben sind genug.
Die institutionalisierte Gewalt ist natürlich noch ein eigenes Thema.
Mal sehen, was noch so kommt. Befürchtungen habe ich allerdings auch, was zukünftige Gewalt im Alltag angeht.
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