Magda

Mal sehen

06.05.2010 | 13:32

Move on - ein privat-politischer Bloggereintrag


"Move On"

"They say a restless body can hide a peaceful soul.
A voyager, and a settler, they both have a distant goal.
If I explore the heavens, or if I search inside.
Well, it really doesn't matter as long as I can tell myself
I've always tried."


Privat ist zu vermelden, dass mir alle Knochen wehtun. Es hat mit dem manchmal stillstehenden und sich dann wieder rapide beschleunigenden Altersprozess zu tun, der in diesem Jahr dadurch manifest wird, dass ich nach zu langen Wegstrecken müde an den Füßen werde. Die allgemeingültige Nutzanwendung daraus wäre, es gibt kein Mittel dagegen.

Mein erster Weg führte mich bei stahlblauem Himmel, aber tückischer Maikühle durch den Park ins Pankower Rathaus. Der politische Teil des Tages bestand darin, unsere Wanderausstellung „...Der Zukunft ein Stück voraus - Pionierinnen in Pankow“ dort abzubauen und weiter wandern lassen. Um die Ecke nämlich, ins Carl-von-Ossietzky-Gymnasium.
www.ossietzky-gym.cidsnet.de/conpresso/_rubric/

Ein guter Platz für die nächsten vier Wochen, Es ist anzumerken, dass die Ehefrau des Friedensnobelpreisträgers Carl von Osssietzky, Maud von Ossietzky, in unserer Ausstellung vertreten ist. Und: Die Carl-von-Ossietzky-Oberschule war in Wendezeiten im Gespräch, weil einige Schüler sich politisch kritisch geäußert hatten. Es passt also gut. Die auch von der technischen Seite her wunderbar und sinnreich konstruierte Ausstellung – vom Frauenbildungsträger Baufachfrau
www.baufachfrau-berlin.de/
gestaltet – war schnell abgebaut und wieder verstaut, so dass wir Zeit hatten. Die nutzte ich und spielte - auf der privaten Seite - eine halbe Stunde im leeren großen Rathaussaal an dem Yamaha-Flügel. Ich saß dort und konnte beim Spielen auf die belebte Straße blicken, deren Verkehr nicht eine Minute ruhte und rastete. Manchmal kamen auch Angestellte des Rathauses vorbei, lächelten und hörten eine Minute zu und gingen wieder weiter.
Politisch lässt sich daraus aber nichts ableiten, nur dass ein bisschen Musik die Menschen aufheitert.

Der Fahrdienst kam und brachte die Sachen an ihren neuen Bestimmungsort.
Wir sind die schwierigen Abkürzungen durch eine Reihe von Schulen geirrt, bis wir das Gymnasium fanden. Es ist – auch für Ortskundige - ein Labyrinth.
Imposante Bauten sind es ohnehin. Im Spät-Renaissance-Stil, überladen, gewaltig.
Ich war dort noch nie, es ist ein bildungsbürgerlicher Protz, erinnert ein bisschen an die Gerichtsgebäude, die auch so einschüchternd daherkommen. Hier aber war Leben drin, der Gang, den wir ausgesucht hatten, führte zur Schulbibliothek, wir wurden – mal misstrauisch, mal neugierig gefragt, was wir denn da tun. Dann war alles fertig – und bis zur offiziellen Eröffnung durch den Schulleiter blieb ein bisschen private Zeit.

Schlag 14 Uhr ging es los. Der Leistungskurs Geschichte war versammelt und es waren durch die Bank so aufmerksame, interessierte und geduldige Zughörerinnen und Zuhörer, dass ich alle Unkenrufe über den Zustand der Jugend innerlich verwarf. Wir waren ein Erfolg, es wurde einiges nachgefragt und dann ging ich e in bisschen müde zur S-Bahn.

Ich dachte an die Bemerkung einer Schülerin, es sei doch nicht gut, die Verdienste von Frauen so gegen die Männer hervorzuheben. Eine andere widersprach ihr und ich hatte das Gefühl, dass die Debatten um „Gender Mainstreaming und Jungen-Benachteiligung auch in den Schulen angekommen sind. Demnächst macht die Ebert-Stiftung dazu eine Veranstaltung und es gibt gutes Material.

www.fes.de/aktuell/documents2010/100512_Geschlechterkampf.pdf

Mein grober Eindruck, war allerdings, dass der Lehrkörper in der Mehrzahl dort  männlich war. einschließlich des Direktors. In der Hauptschule um die Ecke, die ich mal besuchte, sah das ganz anders aus. Da war die Mehrheit Frauen.

Abends besuchte ich meine Freundin ein letztes Mal, Mitte des Monats werden sie ausgezogen sein und in der Lausitz wohnen. Langes Abschiedspalaver mit tröstlichen Aussichten auf ein Wiedersehen. Privat ging mir wie immer, wenn ich sie sehe, nicht zum ersten Mal die Wahrheit des alten und trivialen ABBA-Songs, der oben als Motto dient, auf:

www.youtube.com/watch?v=Kc7b_cEE7ys

Sie ist "a voyager and a settler", immer wieder woanders und ich bin “nur” ein settler mit viel "search inside"
Aber ich bemühe mich auch redlich.

Wir bewundern uns wechselseitig immer für das, was die andere so tut. Der Abschied war wie so etwas eben ist.
Privat ist deshalb noch zu vermelden, dass mir nicht nur die Füße, sondern auch das Herz ein bisschen wehtat, als ich spätabends wieder zu Hause ankam und von der Haltestelle abgeholt wurde.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 06.05.2010 um 13:38
Liebe Magda,

interessant fandiach auch, dass "Gender Mainstreaming" auch ander Schule angelommen ist. Deinen Füßén wünsche ich Gute Besserung und die Sache mit 'Deinem Herz behälst Du sicher im Auge und gehst auch zum Arzt, ween es erforderlich ist, hoffe ich. Es soll kein Meckern sondern nur Feedback sein ,aber das mit den Bildern hat wohl nicht funktioniert, Vielen Dank für den tollen Blog.

ruhrrot
goedzak schrieb am 06.05.2010 um 13:53
"Politisch lässt sich daraus aber nichts ableiten, nur dass ein bisschen Musik die Menschen aufheitert." - Das ist der falsche Weg! Auf- schon, aber nicht -heitern, sondern -klären!!
Magda schrieb am 06.05.2010 um 14:28
"Das ist der falsche Weg! Auf- schon, aber nicht -heitern, sondern -klären!!"

Dann bitte ich SIe, verehrter goedzak, diesen Teil privat einzuordnen.

Und ich singe jetzt "Die Internationale".
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.05.2010 um 14:33
;-)
Ich hatte mich vor einigen Tagen
sehr gewundert,
in unserem Mini-Rathaus ein "Dorf"
ein Plakat zu "entdecken",
sechs Photos, Fahndungsphotos und
statt der mir geläufigen Betitelung:
Gesucht wegen... (möglicherweise "staatsnichttragenden" Vergehen) stand dort diesmal : Terroristen gesucht...
Nunja, diese Art Betitelung+Plakate kenn ich hier jetzt "aufm Land" nur von Polizeistationen uä.
Ich war also verwundert.
Draufhin sagte mein Freund, dies sei doch übliche Plakatierung in Rathäusern und so wirklich richtig kenn ich nur das Pankower Rathaus, eben weil "damals" dort die "Sozialhilfe" ausgezahlt worden war. Im Rathaus wurd gebaut permanent (diese Zeit jedenfalls, in der ich dort "antanzen mußte") und wir standen in Glasröhrengängen, die an zwei Schaltern entlangliefen um unseren Unterhalt an. Eigendlich eine scheußliche Situation, doch das Rathaus selbst ist ein mir angenehmer Bau gewesen und, um zurückzukommen auf die Plakatierung: Ich hatte dort nie derartige Fahndungsplakate gesehn, eigendliche Null-Plakatierung,aber da kann mich mein Gedächtnis täuschen. Wie kommts, daß diese -"Westlern" aus anderen Jahrzehnten bekannte- Wortwahl , diese Art Plakatierung nun plötzlich in nem "Dörflein" vor einer der beiden Büros, die dies "Rathaus" ausmachen auftaucht?
(politisch?...)
Damals hatte ich vielleicht sogar kurz mit Deiner Freundin bzw Leuten aus diesen Kreisen zu tun? Weiß nicht. Ich wollte nach langer Isolation (soziophobisch versteckt leben) mich wieder unter Menschen traun und so nahm ich einen "Drei-Mark-Job" an, konnte wählen und geriet als "Aufsicht" an und in die kleine Kirche auf dem Mittelstreifen einige hundert Meter vom Rathaus entfernt. Mit den Menschen, die vorbeikamen erging es mir ähnlich Deinem Klavierspiel vielleicht, außerdem kam es zu einigen Bekanntschaften, sehr interessante! In dem Kreis der Organisatorinnen fand auch grad eine "Lausitz-Bewegung" statt, Umzüge und ich bekam massig Stoffe geschenkt, obwohl ich gar nicht nähen kann, aber zum Wegwerfen eben waren sie mir zu schade. In der Sonne vor der Kirche auf dem Mittelstreifen schrieb ich (privat ;-) ) :
7.5.03

Die kleine kirche

Ruhig ists drinnen ,
und kühl.
Eine kleine Kirche auf nem Mittelstreifen,
Verkehrsströme - umspült.
Trennlinie....
Die Richtungen der Autokolonnen
entgegengesetzt.
Straßenbahn - gesäumt.

Menschen ?
Auf der Fußgängerzone,
den Blechkisten nacheifernt,
hinterherjagend mit pfeifendem Atem.

Oder :
Nebenher humpelnd ,
den Krückstock fest im Griff.
Ampel-Meer um die kleine Kirche herum.
Spazieren geht hier niemand.

Aber :
ES läuft sich schneller,
schneller und schneller...
um die Ecke herum.
Geht schneller und leiser ,
Die Kisten stehn nie wirklich
still ,
selbst ,
wenn ein Rot Ruhe gebietet .

Laufende Menschen wechseln beständig
ihre Richtungen.

So gehts voran,
so gehts zurück,
so gehts auch quer,
und diagonal.

Alle Wege sind gepflastert,
Alte Wege sind gepflastert,
herum um die kleine Kirche,
immer rund herum.

Fuuwege , Trampelpfade ,
herum um die kleine Kirche ,
immer rundherum ,
die Straße gemieden .
Spazier-Gänger-Runden ,
die nie gedreht werden ,
nicht von den Menschen .

Und da stand ich am Tor grad
-wartend-
Ein alter Mann mit Baskenmütz`
und Krückstock ,
lief quer .

Es ging um die Gegenrichtung ,
ging dorthin , wo
die Busse halten
und mitnehmen .

Hier,
auf dem Mittelstreifen
vor der kleinen Kirche
blieb er stehen .
Blieb stehen und blickte zurück
langsam.

Ein Blick ,
nicht den Weg zurück ,
Ein Blick ,
in die Luft scheinbar .
Dann seine Hand ,
winkend und grüßend ,
dem Himmel zu scheinbar .

So folgte ich mit meinen Augen
seinem "Zurück" .
Ein großes Fenster ,
Eine Häuserzeile der Gegenrichtung ,
Eine lächelnde alte Frau ,
dort hinterm Fenster ,
der Gegenrichtung ,
zurückwinkend .

Ein Lächeln und
der Alte dreht sich um wieder und
läuft weiter ,
den Strom auf der andren Seite zu nehmen.

Dann drüben angekommen ,
auf den Fußweg geschafft ,
mal mit den Karossen,
mal entgegengesetzt ,
Hin und Her
läuft der alte Mann mit seinem Krückstock,
und weiß nicht recht .....

Wohin?

Die Frau am Fenster wartet geduldig
und schaut besorgt....
Doch da,
endlich ,
der Blick nach oben ,
die Schultern angezogen,
ein fragender Blick.

Die alte Frau am Fenster
lächelt,
hebt den Arm ,
hinterm Fenster ,
Weiß die Richtung und
weist ein paar Meter weiter und
zeigt auf die Bushaltestelle .
"Schau da ,
da,....."
Da ,wo die Busse der richtigen Richtung folgen.

Ein Bus steht schon bereit.
Ein Blick nach oben ,
Das Kopfschütteln der Frau am Fenster,
die ohne Brille sehen kann.

Es war der falsche,
die falsche Zahl,
Die richtige Richtung ,
nur die falsche Linie .

Ein nächster Bus rollt heran ,
eine andere Nummer .
Und sie lächelt,
und sie nickt.

Glücklich nimmt der alte Mann die Stufe,
den Krückstock vorweg,
Und so sitzt er
in der richtigen Linie,
255 - die Zahl.
Die Richtung stimmt ,
und der Bus führt zum Ziel .

Lächelnd - sich zuwinkend ,
Zwei alte Menschen ,
Liebe ,
von Fenster zu Fenster ,
und in Sicherheit ,
in der Sicherheit ,
alles an seinem Platz zu wissen,
die richtige Richtung zu wissen,
der gewollten Linie zu folgen ,
und
querlaufen zu dürfen.

Und :
Irgendwo im Meer der Hast,
stehenbleiben,
ganz still
zurückschauen,
ganz langsam,
dem Himmel ein Lächeln,
der Sonne einen Gruß,
in der Sicherheit ,
auf vertraute ,
auf liebende,
auf sorgende,
und ermunternde
geliebte Augen zu treffen.

Nunja, was man sich so immermal vorstellt so ganz privat ;-)
Aber meine Frage : Hingen im Pankower Rathaus nun auch solche Plakate mit dem Wortlaut "Terroristen gesucht"?

lg
Magda schrieb am 06.05.2010 um 14:48
Das weiß ich gar nicht ob da Plakate hingen. Ich glaube aber nicht. Ich glaube, der 255er Bus fährt zum Schwarzelfenweg - ein Straßenname, der meine Fantasie immer ein bisschen anregt.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 06.05.2010 um 15:09
Ich fahre selbst nie mit dem Bus,
deshalb wußt ich auch nicht,
woentlang dieser gehen sollte,
aber mir fällt der Straßenname wieder ein,
zumindest weiter hinten heißt sie "Breite Straße" ? Meine Tochter ging dort in eine Kita, naja, in solch einem Villenbau. Als ich auf Besuch dortentlang spazierte vor ner Weile war aber auch diese Villa "privatisiert" ;-) ...
Bei den Plakaten, also wegen dem Wortlaut gingen bei mir -ganz privat- im Hirn schon wieder zig Alarmglocken. Ich mußt dort nur Zusatzmüllsäcke kaufen und wurd mit diesem Wortlaut traktiert und ließe ich mich "politisch denken",wasn bisgen "psychotricksdenken" nicht ausschließen muß, so kann ich mir die Erleichterung, niemand mir Bekanntes dort vorzufinden erklären. Ich wüßt eben gern, ob das wirklich "allgemein üblich" schon wurd in soetwas wie Rathäusern , also die Wortwahl und es würde mich arg beruhigen, wenn dem so wäre und nicht, wie vermutet eine neue politische Kopfwasch-Runde eingeleitet wird.

Eine private Ängstlichkeit bei politischen Spielchen ;-) Falls vollkommen OT hier, einfach beiseite lassen! Ich mußt nur fragen, weils weiterhin "nagt".

lg
archinaut schrieb am 06.05.2010 um 20:59
Liebe Magda, Du meinst, Du wärst
"“nur” ein settler mit viel "search inside" ?

Wenn ich so Dein Strecken- und Blog-Pensum betrachte,
bist Du doch eine echte "Voyageurin" (hihi :-))

Schön dabei zu sein!
Magda schrieb am 06.05.2010 um 21:11
Ja, ich wandere schon auch, aber meine Freundin, die bewegt sich wirklich dauernd voran und wechselt die Orte, wie ich es nie könnte.

Danke fürs Lesen. :-))
jayne schrieb am 06.05.2010 um 21:39
ein imposanter bau, dieses gymnasium, und man mag spekulieren, welchen einfluß das auf die gemüter hatte und hat ...
Magda schrieb am 06.05.2010 um 22:14
Von Ausstellung

Hier noch ein Bild gleich zur Antwort. So dunkel ist es in den Gängen nicht, das liegt an meiner nicht so leistungsfähigen Kamera. Aber es ist doch ein Eindruck.

Gegen die einschüchternde Architektur wirkt ein bisschen die Höhe und Breite der Gänge. Die Schüler rennen da durch, es wirkt nicht so einengend dort. Sehr viel Platz.

Aber, in der Vergangenheit mag es anders gewesen sein.
Mir hat das gefallen.
Mein Mann hat dort abends viele Jahre lang das Abitur nachgeholt in den 60er Jahren.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.05.2010 um 19:44
Frau g: das Gedicht mit der Kirche und dem alten Mann mit Krückstock
drückt was Wahres, inniges und zärtliches aus. Es ist mir, als ob ich das auch schon so gesehen und empfunden hätte !
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