Magda

Mal sehen

03.02.2010 | 17:40

Sonnenuntergang mit Bildungsgut

Heute mal wieder ein schönes Bild von den Tatsachen der Erde. Die Sonne geht auf und unter, worüber Heinrich Heine schon ironisch gedichtet hat.

Das Fräulein stand am Meere...

Das Fräulein stand am Meere
und seufzte lang und bang.
Es rührte sie so sehre
der Sonnenuntergang. 

Mein Fräulein! Sein sie munter,
das ist ein altes Stück;
hier vorne geht sie unter
und kehrt von hinten zurück. 

Dies alles im Bewusstsein, noch eine sehr hübsche Anekdote aus der politisch-ideologischem Parteiarbeit von einst, wo der Glauben noch geholfen hat: 

Zwei alte Genossen – fest überzeugt davon, dass die sozialistische Gesellschaft und die sozialistische Kunst und mit ihr der sozialistische Realismus siegen werden - treffen sich und bereden die baldigen positiven Folgen dieses triumphalen Sieges.

Und weil man so einen Sieg noch besser auskostet, wenn man die Niederlage des Besiegten verbal feiert, bereden sie auch noch den ja überall spürbaren Niedergang der bürgerlichen Kultur.

Wie diese bürgerliche Kultur sich so immer tiefer ins Gestrüpp der Dekadenz verwickelt und in ihrer elitären Ferne von den arbeitenden Massen verkommt und wie sie damit so sicher und gesetzmäßig immer mehr und immer sicherer untergeht.

Plötzlich seufzt einer der beiden Genossen auf: „Ja, das stimmt schon alles mit der bürgerlichen Gesellschaft und ihrem gesetzmäßigen Verschwinden.“

Der Andere, ideologisch-gefestigt, fragt streng nach: „Ja und, was ist daran zu beklagen? Fehlt es Dir an der richtigen Überzeugung?"

„Nein“, meint der andere, „das nicht, aber – mein Gott, was für ein prachtvoller Sonnenuntergang“.

Dies unten ist nun der heutige schöne Sonnenuntergang - es wird jeden Tag ein bisschen...

 
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Kommentare
born2bmild schrieb am 03.02.2010 um 18:07
Und noch'n Heinrich Heine [passend zu einstigen, jetzigen und kommenden Nickligkeiten bei freitag.de ;-)]

Sonnenuntergang

Die glühend rote Sonne steigt
Hinab ins weitaufschauernde,
Silbergraue Weltenmeer;
Luftgebilde, rosig angehaucht,
Wallen ihr nach; und gegenüber,
Aus herbstlich dämmernden Wolkenschleiern,
Ein traurig todblasses Antlitz,
Bricht hervor der Mond,
Und hinter ihm, Lichtfünkchen,
Nebelweit, schimmern die Sterne.
Einst am Himmel glänzten,
Ehlich vereint,
Luna, die Göttin, und Sol, der Gott,
Und es wimmelten um sie her die Sterne,
Die kleinen, unschuldigen Kinder.

Doch böse Zungen zischelten Zwiespalt,
Und es trennte sich feindlich
Das hohe, leuchtende Ehpaar.

Jetzt am Tage, in einsamer Pracht,
Ergeht sich dort oben der Sonnengott,
Ob seiner Herrlichkeit
Angebetet und vielbesungen
Von stolzen, glückgehärten Menschen.
Aber des Nachts,
Am Himmel, wandelt Luna,
Die arme Mutter,
Mit ihren verwaisten Sternenkindern,
Und sie glänzt in stiller Wehmut.

Und liebende Mädchen und sanfte Dichter
Weihen ihr Tränen und Lieder.
Die weiche Luna! Weiblich gesinnt,
Liebt sie noch immer den schönen Gemahl.
Gegen Abend, zitternd und bleich,
Lauscht sie hervor aus leichtem Gewölk,
Und schaut nach dem Scheidenden, schmerzlich,
Und möchte ihn ängstlich rufen: "Komm!
Komm! die Kinder verlangen nach dir -"
Aber der trotzige Sonnengott,
Bei dem Anblick der Gattin erglüht er
In doppeltem Purpur,
Vor Zorn und Schmerz,
Und unerbittlich eilt er hinab
In sein flutenkaltes Witwerbett.

Böse, zischelnde Zungen
Brachten also Verderben
Selbst über ewige Götter.
Und die armen Götter, oben am Himmel
Wandeln sie, qualvoll,
Trostlos unendliche Bahnen,
Und können nicht sterben,
Und schleppen mit sich
Ihr strahlendes Elend.

Ich aber, der Mensch,
Der niedriggepflanzte, der Todbeglückte,
Ich klage nicht länger.
Magda schrieb am 03.02.2010 um 19:13
Ach, das ist ja eine wunderbare Wortpracht.
Danke.

...übrigens heute während ich den Sonnenuntergang aufnahm, stand ein Stückchen schräg drüber am Himmel, blass La Luna.
h.yuren schrieb am 03.02.2010 um 19:17
magda und born2bmild, ihr lieben das dichterwort liebenden.
was mir zuerst zu den versen über sonne, mond und sterne einfällt, ist brecht, der schrieb über die naturanbeter so ungefähr, dass ein Gespräch über Bäume ein Verschweigen von so vielen Verbrechen sei in den finsteren Zeiten. (sorry, dass ich nicht gekramt habe nach dem exakten wortlaut).
dagegen ist zu sagen, dass die zeiten noch immer finster sind, weil nun ein gespräch über bäume schon mehr sein kann als nur ein gespräch über bäume.
klar, worauf ich anspiele: waldvernichtung, kranke bäume, vor allem in den städten; die müssen dieses jahr unmengen salz verkraften, zum beispiel.
dichter oder schriftsteller/innen sagen manchmal mehr mit weniger worten als z.b. journalist/innen. aber oft stümpern sie auch. heine lässt den sonnengott am tage ohne seine luna sein. in wirklichkeit kann man sie oft beide am tage sehen.
das ist harmlos, wenn auch falsch gesehen. in einem schullesebuch fand ich mal eine story über ein walbaby in der badewanne.
solche unachtsamkeiten gefallen mir nicht. aber länger will ich nicht in platonscher manier über die poeten lästern.
dein foto, magda, hat mutter natur gut vorbereitet.
born2bmild schrieb am 03.02.2010 um 20:19
Da wir schon etwas vom Thema Sonnenuntergang abgekommen ;-)

"Die Pflaumebäume blühn vielleicht noch immer ..." Zugegeben es ist kein Gedicht über Bäume, doch mir eines der liebsten von Brecht:

Erinnerung an die Marie A.

An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheur oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei.
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
Wemnn nicht die Wolke dagewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumebäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.
Magda schrieb am 03.02.2010 um 21:52
Ach, das ist so ein schönes Gedicht. Diese virtuose Beiläufigkeit. Ich kenne es auch vertont.
Ich glaube von Ernst Busch.

Oder auch:

Sieben Rosen hat der Strauch
sechs gehörn dem Wind
aber eine bleibt dass auch
ich noch eine find

Sieben Male ruf ich Dich
sechsmal bleibe fort
doch beim siebten Mal versprich
komme auf ein Wort

Oder auch:
"Die Ballade von der Cash"



Hier singt es Hannes Wader (wenns klappt)

Na, das ist jetzt aber...weitab, wie es manchmal so ist.
fruehauf schrieb am 04.02.2010 um 15:34
Weitab von was?

;-)
Magda schrieb am 04.02.2010 um 17:12
Vom Sonnenuntergang. :-))
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