Die Reise war anders geplant – nicht alleine und vor allem nach Thailand. Stattdessen nun also – erst war es nur eine nicht ernst gemeinte Idee – in drei Wochen ein Flug nach Tokio und seit er gebucht ist, ist nichts mehr wie vorher. Denn der Wunsch, nach Japan zu reisen ist nicht neu, aber er war immer in eine ferne Zukunft verlagert, in der ich viel Geld besitzen würde. Tokio war mein Traum, von dem man weiß, dass man ihn immer vor sich her trägt, ihn sich aber nicht erfüllt, nicht erfüllen kann. Ich besitze immer noch nicht viel Geld, aber ich habe ein wenig Geld gespart und davon bezahle ich Flug und Unterkunft – diese ist sehr günstig, da ich über ein Onlineportal, das Privatzimmer vermittelt, ein sehr hübsches in der Nähe vom Ueno-Park gefunden habe. Wie ich dieses allerdings vor Ort finden soll, bleibt spannend, denn in Tokio gibt es lediglich Blockbezifferungen, innerhalb derer wiederum Nummern für die Gebäude vergeben werden, und zwar analog zu ihrer Errichtung und nicht ihrer Lage. Ganz zu schweigen von der Nummerung der Wohnungen und der Namensschilder, die ich nicht lesen kann.
Seit der Buchung vor einem Monat studiere ich den U-Bahn-Plan von Tokio (es gibt zum Beispiel nicht nur einen Dienstleister, sondern gleich mehrere und jeder hat ein anderes Preissystem), lese erneut die Bücher über Japan, welche seit Jahren in meinem Regal stehen, befrage Menschen in meinem Umfeld, die schon einmal dort waren und versuche mit Hilfe einer ziemlich tollen Software ein bisschen Japanisch zu lernen, damit ich wenigstens einfachste Dinge wie beispielsweise Danke, Bitte, Ich heiße Maike, Auf Wiedersehen artikulieren kann.
Ich habe mich über sämtliche Alternativen zum teuren Shinkansen-Zug informiert, der in kurzer Zeit von Tokio nach Kyoto fährt und keine gefunden, die für mich in Frage kommt. Also entweder zähneknirschend und wie Scarlett Johansson in Lost in Translation oder gar nicht. Eine Japan-Reise ohne Kyoto kommt für mich jedoch nach langer Überlegung nicht in Frage. Der Plan ist es nun, dort für eine Nacht eine Couchsurfing-Möglichkeit zu finden. Ohnehin möchte ich mich vor Ort wenigstens mit japanischen Couchsurfern verabreden, denn diese Möglichkeit bietet die Plattform auch. Zudem habe ich Miho, die einzige japanische Couchsurferin, die je bei mir zu Besuch war, kontaktiert. Sie wohnt im Nordwesten des Landes und will dennoch versuchen, zeitgleich mit mir in Tokio zu sein. (Manchmal ist alles eins. Und vor allem toll!) Sie freute sich sehr, als ich ihr von meine Reiseplänen berichtete, bleiben doch seit Fukushima die Touristen aus, dabei ist Japan doch "totally safe!!!!!". Als ich dies las, habe ich ein wenig die Augen verdreht. Aber über die Auswirkungen, die Fukushima nun also für mich haben könnte, denke ich dennoch nur ab und zu nach. Vielleicht ist die Reise so, als würde ich ein Mal geröntgt. Vermutlich nicht einmal das. Die Idee, einen eigenen kleinen Geigerzähler mitzunehmen, habe ich sofort wieder verworfen. Eine viel größere Sorge vor Ort, wird es vermutlich sein, mich nicht ständig zu verlaufen oder zu verfahren.
Ein Freund gab mir deshalb den großartigen Rat, für mich wichtige Knotenpunkte zu fotografieren, damit ich im Notfall immer zeigen könnte, wo es hingehen soll. (Ich könnte mir natürlich auch ein Pappschild umhängen, so wie Elmar Wepper in Doris Dörries Film Hanami.) Davon, dass selbst die Taxifahrer sich in der Stadt nicht auskennen und man deshalb erst Japanisch können muss, um sie an den gewünschten Zielort zu dirigieren, will ich mich jedoch nicht entmutigen lassen. Stattdessen freue ich mich, dass Apparat, dessen aktuelles Album mir bereits seit geraumer Zeit ständig das Herz rettet und das ich ohnehin mitgenommen hätte, in Tokio spielen wird, wenn ich dort bin. Ich habe schon herausgesucht, wie ich zum Veranstaltungsort kommen werde. Ich kann jenen Zug nehmen, der einen großen Teil der Stadt umkreist, so wie hier die Ringbahn. Ich werde also das gleiche machen können wie in Berlin: mich in die Endlosrotation begeben und mir Menschen anschauen. Überhaupt: all das Beobachten von Leuten, Dingen, Andersartigkeiten wird meine Tage in Tokio ausfüllen. Man riet mir ohnehin, mich ganz viel treiben zu lassen, weil es schwierig ist, manche Dinge gezielt zu finden, da sie nur japanisch beschriftet sind oder sie nachts wegen der Neonreklame anders aussehen als tagsüber und somit nicht mehr wiederzuerkennen sind.
Morgen Nachmittag werde ich hier in Berlin endlich und gerade noch rechtzeitig die nur noch bis Montag andauernde Retrospektive des japanischen Künstlers Hokusai besuchen und zuhause wartet bereits der Film Parade auf mich, der von Jugendlichen erzählt, die unerlaubter Weise am Rande Tokios zusammen in einer WG leben – ein in Japan eher nicht vorgesehenes Modell.
Zudem findet in Berlin gerade das Asian Film Festival statt, im Rahmen dessen zwei japanische Filme gezeigt werden, die sich mit Atomkraft beschäftigen – beide wurden vor Fukushima gedreht. Ich hoffe, ich schaffe es zu diesem, der am Sonntag dran ist. Gestern war ich bereits beim vietnamesischen Eröffnungsfilm, der zugegeben ein wenig langatmig war, und die englische Aussprache des Regisseurs, der im Anschluss Fragen beantwortete, hat mich schon einmal darauf vorbereitet, wie schwierig es bald mit der Verständigung werden wird. Ich erinnerte mich wieder, wie holprig auch vor enigen Jahren in Thailand die Kommunikation mit den Menschen vor Ort war.
Ja, das wird ein Abenteuerurlaub. Das Buchmessenprojekt hat jedoch ein großes Vorbereitungs- und Vorfreudeloch in meine Welt gerissen. Deshalb ist jetzt an der Zeit, dies wieder zu schließen. Sehr gerne auch mit Hilfe der Freitag-Community.
さようなら
(Sayonara)