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288 Seiten

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Kultur : Eine Zukunft des Geschichtenerzählens

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Wie bereits im September angekündigt, habe ich dieses Jahr die Frankfurter Buchmesse besucht. Für die Storydrive-Konferenz waren wir im Vorfeld von der Agentur Newthinking ausgewählt worden und sollten uns überlegen, wie die Geschichten von morgen erzählt werden können, um das Ganze anschließend vor Ort präsentieren. Denn die Branche ist ratlos und voller Furcht, wagt es nicht so recht, aus den Entwicklungen, die die Musikindustrie mit dem Internet durchlaufen hat, andere Schlüsse zu ziehen – so wurden beispielsweise erst jüngst Warnhinweise gefordert, für Menschen, die illegal E-Books herunterladen und auch der Wunsch nach Unterstützung durch die Politik wurde bereits geäußert. Dabei liegt es auf der Hand, dass sich Strukturen ändern und gänzlich neue Möglichkeiten geschaffen werden müssen. Zum Beispiel im Rahmen des transmedialen Geschichtenerzählens, das meiner Meinung nach ganz andere Bedürfnisse befriedigt als das Lesen eines “normalen” Buches und somit keineswegs als "Untergang der Lesekultur" zu verstehen ist.

...

Ein paarmal trafen wir uns, um unsere Idee auszuarbeiten, doch die meiste Kommunikation und Arbeit fand virtuell statt, indem wir eine Mailingliste, Google-Docs, Skype und eine Facebook-Gruppe nutzten. Als wir am vorletzten Dienstag endlich im Zug nach Frankfurt saßen, war längst noch nicht alles fertig und elektrisiert ließen wir unsere Mitreisenden unfreiwillig teilhaben an unseren Diskussionen, Ideen und Sorgen. Wir hatten eine transmediale Geschichte erfunden, die unter anderem auf einer echten Erotik-Plattform erzählt wird, wo man mit den Figuren - aber auch echten Menschen - interagieren und selbst auch Inhalte hochladen kann. Um die Plattform herum gibt es zudem noch viele andere Möglichkeiten, an der Geschichte teilzuhaben, sei es mittels E-Books, E-Comic, Apps, Games und der Begegnung mit virtuellen Figuren in der Realität, beispielsweise in Kolumnen, Radiosendungen oder auf Veranstaltungen. Wir hatten ein ganzes “Story Universe” geschaffen und nebenbei ein Manifest geschrieben, das sich aus der Entwicklung unserer transmedialen Geschichte ergeben hatte. Unsere Präsentation fand auf Englisch statt, mittlerweile gibt es jedoch eine deutsche Übersetzung des Manifests:

http://img535.imageshack.us/img535/4884/manifest2.jpg

(Foto: Andreas Wichmann)

Das TRANSMEDIA-MANIFEST
Die Kunst des Geschichtenerzählens ist seit jeher einem stetigen Wandel unterworfen. Durch die Digitalisierung und der damit einhergehenden Medienkonvergenz stehen wir wieder einmal vor einem Quantensprung. Zuschauer, Zuhörer, Leser, User und Spieler waren gestern. Der Mensch ist ein Erlebender, ein Experiencer, der je nach Mediennutzung und Haltung seine Rolle wechselt.
Diese Tatsache nehmen wir zum Anlass, um elf Thesen zur Zukunft des Geschichtenerzählens aufzustellen:

1. Realitätsbehauptung Die Fiktion bemächtigt sich der Realität um eine größtmögliche Immersion zu erzeugen.

2. Rabbitholes Die Fiktion eröffnet sich dem Experiencer durch multiple Eintrittspunkte - je nach Nutzungssituation und Medium.

3. Story-Universe Der Experiencer folgt nicht mehr einer singulären Dramaturgie, sondern wählt selbst aus mehreren sich kreuzenden Narrationsbögen, die in einem Story-Universe aufgehen.

4 Interaktivität Die Experiencer tauschen sich untereinander und mit fiktionalen Figuren aus, nehmen aktiv an der Geschichte teil und beeinflussen diese.

5. User-generated Content Das Story-Universe bietet dem Experiencer die Möglichkeit, sich an ausgewählten Stellen selbst gestalterisch einzubringen.

6. Transmedialität Das Story-Universe beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Medium, sondern nutzt die Stärken jedes einzelnen, um aus ihrer Symbiose etwas Neues zu erschaffen.

7. Location-based Storytelling Der Experiencer wird zum Träger der Fiktion, indem er reale Orte aufsucht, an denen Teile des Story-Universe erzählt werden.

8. Unendlichkeit Das Story-Universe hat das Potenzial, durch Sequels, Spin-Offs und mittels konstanter Elemente den Nährboden für eine nie zu Ende gehende Geschichte zu schaffen.

9. Leanback / Leanforward Das Story-Universe hält Angebote sowohl für aktive wie auch passive Nutzungsbedürfnisse bereit und erreicht es dadurch, unterschiedliche Arten von Experiencern an sich zu binden.

10. Multipayment Die Diversifizierung des Geschichtenerzählens innerhalb des Story-Universe ermöglicht ein additives Freemium-Geschäftsmodell, das sich aus mehreren Beiträgen pro Experiencer zusammensetzt.

11. Kollaboratives Arbeiten Das Story-Universe wird von flexiblen, interdiszplinär agierenden Teammitgliedern gemeinsam entwickelt, da es der Bündelung sehr unterschiedlicher Kompetenzen bedarf.

Das Manifest hat bereits eine Facebook-Seite, man kann es mittlerweile unterzeichnen und dass es ernst genommen wird, zeigt uns die positive Resonanz einiger Hochschulen sowie die Erwähnung in der Presse.

http://distillery.s3.amazonaws.com/media/2011/10/12/36808f3c63ca436386147207dbde4bec_7.jpg

Murmur Study von Christopher Baker - im Open Space, wo die Story-Drive-Konferenz stattfand.

Während ich zwischen den vielen Ständen auf der Messe umher schlenderte oder wahlweise krank im Bett lag, besuchten meine Mitstreiter diverse Vorträge im Rahmen der Konferenz. So waren sie unter anderem beim Screening von Roland Emmerichs neuem Film Anonymous und wohnten der anschließenden Diskussion um die Urherberschaft von Shakespeares Texten bei, bei der die Fetzen flogen. Ich habe es hingegen nur geschafft, wenige Zentimeter entfernt von Rupert Everett unseren Präsentationsraum zu betreten, war allerdings weitaus mehr davon beeindruckt, Denis Scheck, Dieter Moor, Alice Schwarzer und der bezaubernden (jawohl!) Charlotte Roche lauschen zu können. Wer braucht da denn Hollywood?

Eines jedoch war mir nach all dem ziellosen Herumtreiben klar: auf die nächste Buchmesse gehe ich erst wieder, wenn ich dort meinen eigenen Roman vorstellen kann. Und das erst einmal ganz untransmedial. Amen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.