13.11.2009 | 15:47

Teelichter und Blumenmeere

Als ich gestern wie jeden Abend mit der M4 über den Alexanderplatz fuhr, fielen mir Teelichter, Friedhofskerzen und Gedenkpappen an der Weltzeituhr auf. Sie galten dem Torhüter Enke, der sich vor ein paar Tagen das Leben nahm.
Kurz nach Michael Jacksons Tod war die Uhr völlig umringt von Trauerdevotionalien, dagegen nehmen sich die für Enke nun geradezu gering aus. Dennoch hat es Menschen in ihrer Trauer nach draußen getrieben, um mitten in der Stadt und an einem weltlichen Ort eines Toten zu gedenken.

Ein geradezu gewaltiges Blumenmeer gab es damals vor dem Buckingham Palace nach dem Tod von Lady Di. Nun lässt sich hier wenigstens ein lokaler Bezug herstellen. Wie kommt es aber, dass völlig losgelöst vom Verstorbenen (irgend)ein zentraler Ort gewählt wird, an dem man Blumen niederlegt, Kerzen anzündet, selbstgebastelte Collagen aufstellt, Zettel mit Gedichten befestigt? Findet so was möglicherweise auch in Kirchen statt - was ich niemals mitbekomme, da ich diese allenfalls aus touristischen Gründen betrete – und die Trauer an der Weltzeituhr ist eben die atheistische Variante? Ist das ein Großstadtphänomen? Gibt es das schon lange? Wo in Deutschland wird ebenfalls so um öffentliche Personen getrauert?

Es ist ja immerhin viel einfacher, zuhause über sie zu sprechen oder kurz ein paar Sätze dazu ins Internet zu schreiben. Twitter quillt in solchen Situationen über, wobei gerade hier auch eine hässliche Fratze ans Tageslicht gelangt, findet man in den Timelines neben trauernden, mitfühlenden Worten auch massenhaft abfällige Bemerkungen und makabre Witze.

Ich versuche, den Antrieb nachzuempfinden, ein Grablicht zu kaufen, gar einen Karton zu bemalen, Fotos zusammenzustellen und sich aufzumachen, diese Dinge beispielsweise an der Weltzeituhr zu platzieren. Womöglich ist man die erste Person und es steht noch gar nichts da. Stellt man seine Sachen dann dennoch hin oder geht man eingeschüchtert wieder nach Hause? Macht man dies allein oder in Gruppen? Animieren die Devotionalien andere Menschen dazu, selbst etwas zu basteln und dies später an die gleiche Stelle zu tragen? Setzt man da ein temporäres Denkmal oder sucht man Gleichgesinnte, um sich mit seiner Trauer nicht so allein zu fühlen? Ist man nicht viel zu emphatisch, wenn einen der Tod einer öffentlichen Person derart mitnimmt, dass man in diesem Ausmaß Trauerarbeit leisten muss? Ist das alles albern oder eine großartige Geste?

Möglicherweise ist mir das Verhalten ja nur so fremd, weil ich kein Fan von irgendwem bin. Und weil ich mich lieber im ganz persönlichen Gespräch über die Sache mit dem Tod austausche.

 
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Kommentare
mh schrieb am 13.11.2009 um 17:34
großer platz, bekanntes symbol, zentral gelegen. vermutlich ist die findung ganz einfach.

was die leute treibt kann ich allerdings nicht nachvollziehen. es ist für mich nicht logisch um leute zu trauern die man nicht kennt. funktionieren dürfte es aber wie fast immer .. einer fängt an und ist da vollkommen schamlos und alle anderen sehen sich dann genötigt dran teilzunehmen um sich nicht ausserhalb der bewegung zu befinden.

mfg
mh
Titta schrieb am 13.11.2009 um 18:30
"Findet so was möglicherweise auch in Kirchen statt - was ich niemals mitbekomme, da ich diese allenfalls aus touristischen Gründen betrete – und die Trauer an der Weltzeituhr ist eben die atheistische Variante? Ist das ein Großstadtphänomen? Gibt es das schon lange? Wo in Deutschland wird ebenfalls so um öffentliche Personen getrauert?"

Tja, Parallelgesellschaften sind halt vielschichtig.

"Ich versuche, den Antrieb nachzuempfinden, ..."

Es geht um den Umgang mit Sterblichkeit, und damit auch immer um die eigene Begrenztheit/Endlichkeit.

"... dass man in diesem Ausmaß Trauerarbeit leisten muss?"

Trauerarbeit leisten müssen, auch hierin, in dieser Formulierung, verrät sich unsere Leistungsgesellschaft. Trauerarbeit wird geleistet. Und Sie fragen, ob und wie man sich denn nun Trauer leisten soll.

Der Tod, die eigene Endlichkeit ist das, was unsere kapitalistische Leistungsgesellschaft und ihre Ideologie am meisten konterkariert.
Letztendlich ist alle Leistung nämlich immer nur eines: vergänglich, und daß wiederum stellt sie dann auch als solche und ganz grundsätzlich infrage.

Das Leben ist ein Geschenk, nichts, was man sich erarbeitet, erleistet.
Das widerstrebt dem Leistungsgedanken. Genauso wie die Tatsache, daß man die wirklich wichtigen Dinge im Leben, wie Zuneigung, Gemeinschaft uä., eben auch geschenkt bekommt und sich nicht erarbeiten kann.

So, nun wissen Sie's. ;-)

LG
Titta
Knüppel schrieb am 13.11.2009 um 18:32
@Titta

Ist morgen Totensonntag, oder was sollte dieser Kommentar?

SP
Knüppel schrieb am 13.11.2009 um 18:33
Nachtrag:

Nee, ich habe soeben nachgesehen, übermorgen ist "Volkstrauertag" ... na denn. Es sei verziehen :-)

SP
Titta schrieb am 13.11.2009 um 18:37
Guck,

es geht doch. :)
Maike Hank schrieb am 14.11.2009 um 09:45
Werte Titta, das waren echte Fragen, die ich da stellte, als ich wissen wollte, ob so was auch in Kirchen stattfindet, gar keine rhetorischen, sie dienten nicht dem Zweck, sich lustig zu machen über Verhaltensformen von Menschen, über die von Ihnen angeführten Parallelgesellschaften.

Könnte das "Leisten", das zur Trauerarbeit grammatikalisch dazugehört vielleicht auch Anerkennung bedeuten, weil das nämlich eine ganz schön schwierige Aufgabe ist.
Das "Müssen" in diesem Zusammenhang verstand ich auch ganz gewiss nicht als gesellschaftliche Auferlegung, sondern als etwas, das man für sich tut, weil man Dinge tun muss, die wichtig sind für einen, aus einem inneren Bedürfnis heraus.
Ich kenne das Gefühl, wenn ein Mensch stirbt, den man sehr liebt, was man danach macht, um sich damit und auch seiner eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen.
Was mich einfach wunderte, war etwas ganz Anderes, nämlich, dass Menschen für Menschen, die sie gar nicht kannten, an irgendwelchen öffentlichen Stellen Gedenkstätten aufbauen. Und ich wollte tatsächlich wissen, ob das auch noch an anderen Stellen in Deutschland stattfindet. Es hätte ja sogar auch sein können, dass jemand den Text liest, der so was schon mal gemacht hat. Vielleicht hätte diese Person mir davon erzählt..
Titta schrieb am 14.11.2009 um 12:28
Werte Maike Hank,

ich hatte Ihre Fragen durchaus als ernsthaft verstanden. In Deutschland sind 2/3 der Gesellschaft kirchlich organisiert und 1/3 nicht. Also 2/3 der Bevölkerung müßten zumindest noch ein Bewußtsein dafür haben, daß wir uns zB gerade im Monat November befinden, dem Monat des Gedenkens an die Toten mit den Feiertagen Allerheiligen, Allerseelen, Buß-und Bettag, Totensonntag und Volkstrauertag. Die entsprechende Kultur ist also reichhaltig und ausgeprägt. Darüber hinaus gibt es vielfältige ähnlich gelagerte Gedenk- und Erinnerungsfeiern.
Ja, die Menschen treffen sich und beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Tod, Sterben und der eignen Endlichkeit und erinnern sich der Verstorbenen wie auch derer, die nicht lebend auf die Welt gekommen sind.
Und es wird dabei zB auch der Menschen gedacht, die man persönlich gar nicht kannte bzw. die niemanden haben, der sich ihrer erinneren wollte.

Arbeit kann man sich aussuchen und gegebenenfalls auch ablehnen. Trauerarbeit nicht. Von daher ist sie ja immer eine aufgenötigte, unfreiwillig erbrachte Leistung.

Die derzeit stattfindenden Rituale um den Fußballspieler Enke befremden mich aber auch eher etwas. Mir fehlte da auch der persönliche Bezug. Das einzige, was ich mal gemacht habe, Erwin Strittmatter Blumen auf sein Grab gelegt. Selbstgepflückte selbstverständlich. Aber zu ihm, seinem Werk, habe ich ja auch einen persönlichen Bezug.

Liebe Grüße
Titta
Magda schrieb am 14.11.2009 um 13:12
Hallo,
es kann ja durchaus auch sein, dass es im Internet vorher - in einem Forum dazu - eine Art von Verabredung gab. Wir sind gestern - auf dem Weg ins Nikolaiviertel - auch dort vorbeigekommen und haben uns gewundert.

Eine Art Flashmob könnte es gewesen sein.

Bei Lady Dianas Beerdigung sprach eine Reporterin über die harten, sozial sehr schwierigen und konfrontationsreichen Jahre der gar nicht so lang zurückliegenden Thatcher Zeit in Großbritannien, die das Land und seine Menschen ziemlich gefordert hatten. Lady Diana war - mit ihrem Ausbruch aus der königlichen Familie - ein Symbol der Unangepasstheit, des Kampfes gegen Konventionen und natürlich der Menschlichkeit - ganz gleich, was sie selbst nun wirklich für ein Mensch war.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass es auch heute irgendwie so ist - der Wunsch der Menschen nach Gemeinschaft, nach gemeinsamem Gefühl, sei es der Trauer oder der Freude scheint ungebrochen. Außerdem fand ich es deshalb auch gut, weil es aus dem virtuellen Raum heraus ins reale Leben gegangen ist.

"Ist das alles albern oder eine großartige Geste?"

Wahrscheinlich wie so oft, was von beidem. Auf jeden Fall drehte sich mein Mann um und ging nochmal gucken. Der fand das o.k.
Auch wenn die Menschen wankelmütig sind in ihren Zu-und Abneigungen, alles, was Mitgefühl symbolisiert ist mir sympathisch. Es sah auch richtig unkommerziell aus.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 14.11.2009 um 15:16
Diese zur Schau getragene Trauer ist "irgendwie" unecht, - Trauer und Betroffenheitsbekundung als Event?
Maike Hank
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