Maxi Leinkauf

Blog von Maxi Leinkauf

19.08.2011 | 14:19

Krise? Nur in Athen!

 

Meine erste Pauschalreise. Wohin sollte sie sonst gehen als nach Griechenland?

Man muss solidarisch sein, als Deutsche.

Am Ausgang des "Hippokrates"- Flughafen warten junge Frauen mit Listen in der Hand. "Welches Hotel?", fragen sie und gehen die vielen Namen durch. Es sind lange Listen.

Nina Beach? Bus 142.  

Er ist voll besetzt. Vorn steht ein Grieche mit einem Mikro in der Hand, und erklärt  in weichem Deutsch: "Ihre Sonnencreme haben Sie bestimmt alle dabei? Ich möchte Ihnen aber noch etwas anderes ans Herz legen: Cigar, Cigar!"

" Zigarren?", fragt ein blasser deutscher Tourist.  

"Das heißt bei uns langsam, langsam", erklärt der griechische Tourismusmann.

"Ihr habt Stress, ihr kommt aus Europa. Macht es doch so wie wir!" Wie ihr? In Europa? Hätte ich Drachme statt Euro mitnehmen sollen?

Der Bus schlängelt sich an Wiesen entlang, die mal grün gewesen sein müssen, doch auch die Kühe, die dort grasen, sehen verhungert aus. So wie die Schafe.

Willkommen in Kos. 

Kleine erdfarbene Häuser tauchen wahllos in der kargen Landschaft auf, manche scheinen mitten im Bau stecken geblieben. Auf Baumäste hat der Wind bunte Plastiktüten geweht, jetzt hängen sie da, wie aufgespießt. 

Ein Megasupermarkt, eine schmale Straße mit Badeshops und Tavernen, der Ortskern. So nennen sie das hier. Aber die Deutschen wollen eigentlich nur ans Meer.  

Überall stehen Liegestühle herum, kreuz und quer, auf dünnsten Uferstreifen.

Statt der vom Reisebüro versprochenen 200 sind es dann doch eher 800 Meter von meinem Hotel bis zum Strand, türkis und klar liegt die Ägäis vor mir. 4 Euro pro Tag, mit Sonnenschirm. In Nizza muss man 20 nur für einen Strandplatz berappen. Aber wer fährt noch an die Côte d' Azur. Im Hohlraum eines vertrockneten Baumstumpfs liegt der Schlüssel zum Strand-WC.

Vor dem Abendessen grüßt mich ein kleiner dicklicher Mann an der Rezeption. "Hi, ich bin der Manager, auch wenn ich nicht so aussehe", sagt er in gebrochenem Englisch. Ich frage ihn, wie es so läuft, "fantastisch", ruft er. Und die Krise? "Welche Krise? Die ist nur in Athen", wehrt er ab. Er komme selber aus der Metropole, sei aber seit zwei Jahren auf der Insel.  

Seine Schwester ist noch in Athen, und habe jetzt große Probleme. Sie hatte einen enormen Kredit bekommen von der Bank, als sie sagte: Ich arbeite als Babysitterin, für die Regierung. Das stimmte, aber ihr Einkommen war dennoch klein. Aber Regierung, das klang elitär. Wegen der Krise sei sie den Job nun los, und das Haus, das sie sich bauen wollte, könne sie nicht mehr bezahlen. "Ich bin hier in Kos, ich habe alles richtig gemacht!", sagt der Hotelmanager, und macht es sich später mit einem "Mythos"- Bier am Pool bequem. 

Am nächsten Tag schwärmt unsere griechische Reiseleiterin auf der Inselrundfahrt von der Wiege der griechischen Heilkunst (Der Arzt Hippokrates wurde auf Kos geboren...), den Schwefelquellen, den früher so blühenden und fruchtbaren Landschaften, Tomaten, Kräutern, Oliven. Und von Schwammtauchern. 

Mussolini habe hier gerne Ferien gemacht, aber alles was wertvoll war dann nach Rhodos exportiert. Und vor Kurzem habe die EU gesagt: Schließt eure Tomatenfabriken, wir geben euch Geld für den Tourismus.

Hippokrates, Mussolini, die EU.  Und jetzt Last Minute. Vor allem Deutsche buchen kurzfristig Griechenland. Sie bestellen an der Poolbar Mojito und lernen vom Kellner Sirtaki, einfache Schritte, die immer rasanter werden. Von wegen Cigar. 

Ich bestelle  Ouzo. "Jawohl, Frau Kommandant", ruft die Barfrau mit rauchiger Stimme. "Zu Befehl!"

Ich erschrecke. Sie lacht nicht, sie hat nur instinktiv auf meinen deutschen Akzent reagiert. Als ich sie zur Rede stellen will, gibt sie mir noch einen Ouzo und erzählt irgendwas von Filmen, Schulbüchern, Soldaten, und von Merkel. Dann beschwert sie sich: 10 Stunden am Tag schufte sie hier, April-Oktober, ohne Ferien, für etwa 1000 Euro im Monat. Den Rest des Jahres lebt sie vom 450 Euro - Arbeitslosengeld, als Ausfall für fehlende Tourismus-Einnahmen.

Während sie schimpft, singt ein grauhaariger Gitarrist gelangweilt Weiße Rosen aus Athen von Nana Mouskouri. Die deutschen Zuhörer spielen dabei Mau-Mau. Eigentlich ist der Gitarrist Flamenco-Lehrer in Athen, aber im Sommer hat die Musikschule zu. Eurofreie Zeit. Also tingelt er auf der Insel von Hotel zu Hotel. Kos, das Pauschalparadies. Auch für Athener, die knapp bei Kasse sind.

Am letzten Tag stoppt der Bus  vor einem alten "traditionellen" Bauernhaus, ein Relikt aus Zeiten, in denen es hier noch Bauern gab, die etwas bebauen konnten. Eine sonnenverbrannte Dicke bestellt erstmal am kleinen Kiosk einen Kaffee.

"3 Euro?" Entsetzt schaut sie ihre grell geschminkte Tochter an: "Wie viel hat der Kaffee damals auf den Schongs Elisä gekostet?", fragt sie. "6", antwortet die Tochter wie aus der Pistole geschossen. "Aber das war Paris,  nicht irgendein verlassenes Kaff auf einer griechischen Insel".

Paris? Ach ja. Europa.

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Foto auf der Startseite: Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

 
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