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Kultur : Nicht die große Bühne

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"Kommste mit zu Dirk?", fragte mein Bekannter.

"Der hat Geburtstag und spielt mit den Zöllnern, im Soda-Club". Um die Ecke. Es war ein warmer Abend, es war Pfingsten und der bisherige Höhepunkt meines Tages war das Erledigen der Steuerklärung (2009!) gewesen...

Konnte nur besser werden.

Als wir ankamen war der Raum bereits voll, die Stimmung war jetzt schon seltsam intim, und die meisten Leute so als wären sie mit den Zöllnern älter geworden. Sie klatschten begeistert als der Schlagzeuger der Band vorher ankündigte, es werde vor der Pause ein "Überraschungs"-Geburtstagsständchen für Scholle (so nennen Freunde Dirk Zöllner) geben.

Scholle-Dirk kommt auf die Bühne, in Schwarz, er wirkt irgendwie noch jugendlich, aber irgendwie sieht die Band auch schon verlebt aus, Ost-Rocker, die immer weiter gemacht haben. Zöllner tritt auf Jugendweihen auf, und in kleinen Dörfern an der Ostsee. Seine Fangemeinde folgt ihm. Aber er spielt auch bei Ost-Rock-Classic, auf großen Bühnen, er war der Jesus in Jesus Christ Superstar der Staatsoperette Dresden, er rockt vor 20.000 Leuten.

Café Größenwahn hieß der erste Song, und die Veranstaltung auch, dem Abend mit Zöllnern und Gästen sollen hier noch zwei weitere folgen, und womöglich wird er auch im Fernsehen übertragen - auf jeden Fall wird schon mal mitgeschnitten.

Kaum einer im Publikum, der die Zeilen nicht mitsingen kann - ein bisschen Ostalgie, aber keine Folklore.

Sie sollten zum Geburtstag für ihn singen, bat Zöllner seine Gäste: zuerst Moods of Ally aus Thüringen- der Gitarrist trug ein Stones-T-Shirt und die blonde Sängerin hätte auch ein Petra Zieger-Verschnitt sein können (kennt die noch jemand?), aber das passte, es ging hier nicht um Show. Sie bringen den schönen Zöllner-Song "Sand".

Nächster Auftritt: Rockhaus-Sänger Mike Kilian, der trägt jetzt Hemd mit Blümchen, die Haare sind silbern durchzogen, die Frisur aber irgendwie immer noch wild, so wie bei Pankow-Herzberg oder den Silly-Musikern. Nein, Mike, die Rockröhre, singt heute erstmal was ganz anderes: Georgia.

Er SCHREIT den Blues heraus, es ist mutig, sein Georgia, und dann, dann...Deswegen ist er eigentlich hier - "Betty ist eine schöne Frau, das nicht nur ich sie liebe, weiß ich ganz genau - und doch es geht in Ordnung..."

Das muss so vor zwanzig Jahren gewesen, als Kind, dass ich den Song das erste Mal gehört habe, aber noch nie, noch nie, ging er mir so nahe wie gestern - mir kam es so brachial vor, so existenziell, dieses: Ich, ich liebe Dich.

Die lassen einfach alles raus, das ist das Grandiose an Musikern. An der Musik. Wo geht das sonst.

Leise, oder laut. Regy Clasen aus Hamburg ist eher leise, er sei blass geworden als er mal am Tresen stand und sie das erste Mal hörte, schmeichelt Zöllner. Die Hamburgerin ist hier Gast - aber sie ist auch für sich da, solo, am Klavier. Ich wär gern mit dir aufgewacht,
ich hab aber gar nicht geschlafen...

Der Abend wurde immer besser.

An der Seite standen die Zöllner Chicks und schnipsten und kreisten mit den Hüften, die aufgebrezelte next generation: Tochter von Dirk (nach Rubinis Soloauftritt wirkt Papa wieder ganz blass), Tochter von Keyboarder Gensi (auch sie hat eine Gesangsausbildung) und die Tochter von Felix Lauschus, der mal die Seele der Zöllner war und nun für das Kabarett Distel Musik macht.

Später wird auch noch Bobo in White Wooden Houses mit ihrer Tochter Camille auftreten - sie sind alle eine Familie - auch der Mann mit etwas strähnigen Haaren im Publikum, der keine Zeile auslies, ist ein Teil von ihr, das sei eben Seelenverwandtschaft mit den Jungs, er war auch bei der Tournee in Israel dabei. Er komme aus Anklam - und da gab es vor der Wende kaum was anderes, da hat er eben Zöllner gehört. Und ist geblieben.

Er sehe doch immer noch ziemlich geil aus, kokettierte Zöllner, der am Montag 49 Jahre geworden ist.

Den Kuchen, den sie ihm dann hinter der Bühne überreichen wollten, ignorierte er und schaute seiner hübschen Tochter zu, die gerade Steptanz-Schritte übte.

Der Frontmann ist älter geworden, und er ist nie ein richtig Großer geworden - aber das interessiert hier niemanden, wie die meisten anderen Ost-Rocker (Silly ist jetzt wieder eine Ausnahme) spielt er auch öfter mal in der Provinz. Das ist nicht schlimm.

Für eine Band wie seine, und einen Sänger, der sehr von der Nähe zu seinen Zuschauern lebt, muss es nicht immer die große Bühne sein, denn am schönsten ist es, wenn so eine Stimmung aufkommt wie an diesem Abend, wenn er einfach unter seinen Leuten ist.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.