Maxi Leinkauf

Blog von Maxi Leinkauf

22.09.2011 | 10:37

Was heißt hier spießig?

Liebe Community,

es war eine lange Nacht, in der meine Mutter nicht zu Ruhe kam. Und ich also auch nicht, denn ich war gestern bei ihr.

Immer wieder zitierte sie aus einem Interview, das wir im Alltag vergangene Woche gedruckt haben - ein Gespräch mit dem Schauspieler Lars Eidinger.

Er lebt in einem bürgerlichen Viertel, hat eine Familie und ein festes Engagement.

"Klingt spießig", sagten wir als Interviewer und wollten ihn damit ein bisschen provozieren.

Darauf meiner Mutter: Sag mal, wisst ihr eigentlich immer noch nicht was spießig ist?

Leider hat sie es mir auch nicht erklärt.

Liebe Community, habt ihr eine Antwort?

Was unterscheidet denn nun bürgerlich von konservativ von spießig etc?

 

Bin gespannt!

 

Grüße, Maxi

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 22.09.2011 um 10:42
Im Auto mit Hut fahren (egal ob Mann oder Frau) und im Rückfenster wedelt der Wackeldackel mit dem Schwanz. ;)
poor on ruhr schrieb am 22.09.2011 um 10:47
Irgendwann mit dem Denken aufzuhören und sich gemütlich in dieser Ecke einzurichten. Spießigkeit fängt im Kopf an. Von daher muss der Reihenhausbesitzer und Bausparer durchaus nicht spießig sein. Das Leben geht immer weiter unmd was man einmal gehört oder gelernt hat ist nicht für alle Zeiten gültig. Spießigkeit ist die Unfähigkeit diesem Zeitenlauf Rechnung zu tragen.
Dabei ist der Zeitkritiker natürlich durchaus nicht spiessig , wenn er seine Kritik gut begründen kann.
Wikinger333 schrieb am 22.09.2011 um 10:54
Was ist spießig, was ist hip, was ist avantgardistisch? Gibt es nur bürgerlich - konservative Spießer? Is also der CDU - Wähler per definition Spießer? Kann auch ein Piratenpartei-Anhänger ein Spießer sein? Ist es spießig, das Ideal der klassischen Familie anzustreben? Ist also jeder nicht-geschiedene Familenvater/mutter ein/e Spießer/in? Leben am Prenzlauer Berg jetzt nur noch Spießer? Ist jemand, der noch nie bekifft war ein Spießer? Können Autonome spießig sein? Ist Thomas Gottschalk ein Spießer?
Du bist ein Spießer! Du bist ein Freak! Du bist ein Penner! Du bist ein Egoist! Du bist ein Gauner! Du bist langweilig! Du bist verrückt!
Was war jetzt nochmal ein Penner?
Maxi Leinkauf schrieb am 22.09.2011 um 14:18
sehr interessant...
Ein Bekannter meinte gerade beim Mittagessen: Spießigsein hat etwas mit Bindungen eingehen zu tun, Bindungen, die einen binden. Und auch damit, sein Leben an der Familie auszurichten - Verantwortung zu übernehmen. So gesehen würde er immer mehr "verspießern".
Warum klingt das Wort eigentlich immer so abwertend?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.09.2011 um 15:20
Sorry, Maxi Leinkauf, aber das ist so eine ziemlich spießige Lüge, dass diejenige, die heiraten nicht wollen, nicht fähig sind, sich zu binden und die Verantwortung zu übernehmen. Wenn man ein Papierchen vom Staat bekommt, dass man verheiratet ist, dann bekommt man damit Steuervergünstigungen, aber eben kein Nachweis, dass man sich an einen anderen Menschen wirklich gebunden hat, also mit Leib und Seele. Und wenn man Verantwortung übernehmen will, dann braucht man dafür dieses beschissenes Verheiraten-Papierchen vom Staat auch nicht... man übernimmt einfach die Verantwortung. Punkt. Dieses staatliches (oder auch kirchliches) Papierchen braucht man aber dann, wenn man es will, einem anderen Menschen die Verantwortung aufzuhalsen, z.B. finanzielle oder welche auch immer. Und dabei natürlich die vorgeschriebene gesellschaftliche Rollen zu erfüllen und die Möglichkeit zu haben, irgendwelche Ammenmärchen zu erzählen, dass man heiratet, um Verantwortung zu übernehmen oder so. Das ist spießig!
rago42 schrieb am 27.09.2011 um 11:58
"Warum klingt das Wort eigentlich immer so abwertend?"
Aus dem gleichen Grund aus dem Worte wie Idiot oder Kretin abwertend klingen. Weil sie so gemeint sind: Abwertend.
(Ich hoffe, das war keine ernst gemeinte Frage.)
rago42 schrieb am 27.09.2011 um 12:01
"Warum klingt das Wort eigentlich immer so abwertend?"
Aus dem geleichen Grund aus dem Worte wie Idiot oder Kretin abwertend klingen. Weil sie so gemeint sind: Abwertend.
(Ich hoffe, das war keine ernst gemeinte Frage.)
KalleWirsch schrieb am 22.09.2011 um 11:04
Selbstgefälliges Augenschließen.
KalleWirsch schrieb am 22.09.2011 um 11:17
Zieht sich übrigens durch alle Alters- und gesellschaftliche Schichten.
poor on ruhr schrieb am 22.09.2011 um 11:19
@KalleWirsch

Finde ich auch.
poor on ruhr schrieb am 22.09.2011 um 11:24
Natürlich gibt es auch den spießigen konkret -oder
Der Freitag-Leser.

Das bin natürlich nich ich!!! :)

Der (die) Spießer/in ist natürlich immer der Andere oder die Andere!!!

Wirklich? ;)
Maxi Leinkauf schrieb am 22.09.2011 um 14:18
Sie meinen: Nicht mehr neugierig sein auf andere Menschen, andere Sichtweisen, die womöglich abweichen von den eigenen Gewohnheiten oder Weltbildern?
KalleWirsch schrieb am 22.09.2011 um 14:54
Ja, und dabei die eigene Lebensweise als das Nonplusultra ansehen.

Das können Punks ebenso wie Grüne, wie Bankdirektoren, die es ebenso draufhaben können wie eine alleinerziehende arbeitslose Mutter.

Und ich kann es auch. Jeder kann es;(
poor on ruhr schrieb am 23.09.2011 um 12:06
@Maxi Leinkauf

Genauso wie KalleWirsch es noch pointierter beschrieben hat.
Doris Brandt schrieb am 22.09.2011 um 11:53
Ich frage mich gerade, ob der Ausdruck "spießig", als Begriff wie wir ihn nun kennen, nur in der deutschen Sprache vorkommt. LEO spuckt bei Eingabe middle-class und narrow-minded aus.... Wenn ich spießig definieren sollte, würde ich es auch mit konservativ versuchen, was aber den Begriff "spießig" nicht beschreibt. Ich glaube, ich muss noch einmal nachdenken.
claudia schrieb am 22.09.2011 um 17:13
>>LEO spuckt bei Eingabe middle-class und narrow-minded aus...<<
Wenn ich "narrow minded" eingebe kommt: "borniert", "engstirnig", "engherzig", "kleinkariert", "kleinlich", "spiessig". Das trifft es ganz gut, finde ich.

Den Hinweis "middle class" halte ich auch für treffend: Sich mit der Herrschaftsklasse identifizieren, obwohl man nicht dazu gehört, sondern sich an sie verkauft. Von der Art haben wir ja hier ein paar Prachtexemplare.
Amanda schrieb am 22.09.2011 um 12:03
Ich denke eher in "drinnen" und "draußen". All so wären die Spießer drinnen. Best Mix: Bisserl drinnen, viel Platz draußen.

These: Spießer tun niemandem was.
poor on ruhr schrieb am 22.09.2011 um 12:21
@Amanda

"These: Spießer tun niemandem was."

Thesenwiderspruch: Außer wenn sie mit Hut und Wackeldackel beim Autofahren einen Unfall schuldhaft verursachen. ;)

Restriktion: Autounfälle werden auch durch Nichtspiesser schuldhaft verursacht.
claudia schrieb am 22.09.2011 um 17:22
>>These: Spießer tun niemandem was.<<
Auch Gegenthese: Spiesser, die sich jeder Herrschaft unterordnen, wenn es der Karriere dient, sind mindestens so gefählich wie die Herrschaft selber.

Auch Faschismus ist ohne denk&fühlbefreiten Spiessergehorsam nicht möglich.
Ullrich Läntzsch schrieb am 22.09.2011 um 17:38
Liebe Claudia,

Deiner These stimme ich voll zu, wenn wir uns vielleicht auf einen anderen Begriff einigen könnten.

Wie der Thread m.E. aufzeigt, ist der Begriff Spießer nicht wirklich eindeutig. Auch wenn er gruppenspezifisch eindeutig zu sein scheint.

Grüße
claudia schrieb am 22.09.2011 um 19:05
Ja klar, lieber Ullrich.
Den Begriff "Spiesser" verwende ich kaum.
Augenfällig finde ich aber, dass die Eigenschaften, die der Begriff "Spiesser" zu beschreiben versucht, meistens mit dem Verhalten der willigen Untertanen übereinstimmen.
GEBE schrieb am 22.09.2011 um 12:29
Hmm, vielleicht etwa ein kleingeistiger Beitrag, der mit pseudointellektueller Attitüde daherkommt und so tut, als habe die Autorin qua demonstrativ aufgeworfener Frage selbst mit dem Gegenstand der Frage nichts zu tun?

Das ist dann so ähnlich wie bei einem gelassenen Kaufhausfurz: vertuschen; schnell weg vom Tatort, schnell in eine andere Abteilung, die Rolltreppe rauf und runter um ja nicht damit in Verbindung gebracht zu werden.
GEBE schrieb am 22.09.2011 um 12:31
Hmm, vielleicht ein kleingeistiger Beitrag, der mit pseudointellektueller Attitüde daherkommt und so tut, als habe die Autorin qua demonstrativ aufgeworfener Frage selbst mit dem Gegenstand der Frage nichts zu tun?

Das ist dann so ähnlich wie bei einem gelassenen Kaufhausfurz: vertuschen; schnell weg vom Tatort, schnell in eine andere Abteilung, die Rolltreppe rauf und runter um ja nicht damit in Verbindung gebracht zu werden.
poor on ruhr schrieb am 22.09.2011 um 12:36
@GEBE

Wenn solche Fragen nach der Spießigkeit kleingeistig sind, bin ich bekennender Kleingeist. :), aber bin ich auch ein Spießer wenn ich mir Hut und Wackeldackel kaufe und mir ein Auto leihe, mir den Hut auf den Kopf tue und den Wackeldackel ind die Rückfront stelle und wenn ich dann damit spazieren fahre? ;)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.09.2011 um 09:35
@GEBE

Ich begreife Ihren Vergleich und liefere dafür den Beweis:
Die farbenfroh gestrickte Klosettpapierrolle auf der Hutablage im Auto als böswillig-zwanghafte auch vorsätzliche Camouflage eines Utensils zur Verrichtung etwaiger, natürlicher Bedürfnisse im Freien.
koslowski schrieb am 22.09.2011 um 12:35
Vor einiger Zeit bin ich dieser Frage auch nachgegangen, ohne klares Ergebnis:

Bin ich eigentlich ein Spießer?“, fragte ich beim Frühstück meine Frau, als ich in der F.A.S. das Lob des Spießers von Volker Zastrow ( „Milieuschutz“, S.11 ) las: „Klar, keiner will sich selbst als Spießer sehen. Aber: Wir sind die Mehrheit im Lande.“
„ Eine rhetorische Frage“, sagte sie, „dein Spießertum ist evident. Denn 1. Du liest beim Frühstück die Zeitung, 2. du hoffst, kein Spießer zu sein, 3. du schwärmst beim Inder von Kotelett mit Bratkartoffeln und 4. du willst eine Jahreskarte für Arminia in der 3.Liga. Völlig klar, du bist ein Spießer.“
Ich nippte am Kaffee und dachte: „Aber dagegen spricht, dass ich 1. immer noch rauche, 2. im Unterschied zu dir noch nie die GRÜNEN gewählt habe und 3. langjähriger Abonnent eines unkonventionellen Meinungsmediums aus der Metropole bin.“ Aber ich hielt lieber meinen Mund.

Weiter hier: bit.ly/m3UGLS
poor on ruhr schrieb am 22.09.2011 um 12:38
@koslowski

Frauen sagen Männern immer, dass sie Spiesser sind. Sie können nichts dafür. Frauen sind so! War das jetzt ein spießiger Kommentar? ;)
Maxi Leinkauf schrieb am 22.09.2011 um 14:20
Interessant. Also sind Grünen-Wähler Spießer? Inwiefern? Und Raucher sind unkonventionell?
koslowski schrieb am 22.09.2011 um 14:48
Es gibt natürlich gute Gründe nicht zu rauchen, und die Grünen zu wählen, ist diskutabel. Jedoch kenne ich Nichtraucher und Wähler/innen ( Frau und Töchter z.B. ) der Grünen, die ihre Lebensform und ihre Entscheidungen zu moralischen Grundsatzfragen erklären und darauf bestehen, dass nur sie auf der richtigen Seite stehen. Vielleicht ist ( neben seinem Bemühen, im Einklang mit den Mehrheitsmeinungen seines Milieus zu sein ) das ein Kennzeichen des Spießers: das triumphierende gute Gewissen.
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2011 um 17:36
@Maxi Leinkauf
Und Raucher sind unkonventionell?

Sagen wir mal so: Statistisch gesehen werden wir immer weniger.

Ciao
Wolfram
Doris Brandt schrieb am 22.09.2011 um 13:47
Der Begriff "spießig" hilft, sich selbst als tolerant, weltoffen, etc. zu zeigen. Spießig sind nämlich natürlich und selbstverständlich nur die anderen.... :)
Nietzsche 2011 schrieb am 22.09.2011 um 15:08
"Spießigkeit" weckt bei mir Assoziationen zum "Spieß" (Hauptfeldwebel bei der Armee; für Nichtgediente). Dieser kontrollierte z.B. ob alle Hemden auf Kante lagen oder die Bettdecke eine gerade Kante bildete. Für mich sind daher Spießer Menschen, welche "auf Linie denken"; alles muss immer sauber und gerade sein. Wellen und andere Unstrukturiertheiten sind ihnen ein Gräuel.
Traumdeuter schrieb am 23.09.2011 um 22:37
Schau an, lieber gedienter Nietzsche, hier entdeckten wir wieder leichte Ost-West-Unterschiede. Im "Westen" und in noch früheren Zeiten war und ist der "Spieß" der Kompaniefeldwebel, der Vorgesetzte für den Innendienst, die sogenannte "Mutter der Kompanie". Die "Dienststellung" im Westen wird Kompaniefeldwebel genannt, im Osten Hauptfeldwebel. Der "Dienstgrad" war im Westen wie im Osten meist der Hauptfeldwebel. Ich kannte auch Spieße, die auf Grund ihres Dienstalters erst Oberfeldwebel waren.
Mit einem "richtigen Spieß" legte sich in der Regel auch kein Offizier an - denn die strenge Mutter der Kompanie saß meist am längeren Hebel.
Eine auch für Ungediente lesbare Quelle gibt es hier: de.wikipedia.org/wiki/Kompaniefeldwebel

Eine für Ungediente schlecht nacherlebbare Erfahrung ist der Zeigefinger des "Spießes" beim Spindappell nach dem Bestreichen des Spinddeckels und der obligatorischen Frage mit Blick auf die staubbedeckte Zeigefingerspitze: "Was bitte ist das hier ???"

Der oben vorstehende Kommentar von Doris Brandt stimmt natürlich immer: Spießig sind immer die anderen.
Nietzsche 2011 schrieb am 24.09.2011 um 21:23
@Traumdeuter um 22.37
Eine kleine Korrektur muss ich doch loswerden: Der Dienstgrad des "Spieß" war im Osten in der Regel Stabsfeldwebel; manchmal auch Oberfeldwebel oder - wie bei mir - Fähnrich (wurde in den 70ern eingeführt). Den Dienstgrad Hauptfeldwebel gab es nicht.
Ullrich Läntzsch schrieb am 22.09.2011 um 15:18
Lieber Maxi Leinkauf,

ERNSTHAFT,

spießig ist wie jeder andere Begriff, der dazu dient einen Menschen mit einem Wort zu katalogisieren einer der, wenn ernst oder gar absolut genommen, zu nicht mehr dient, als zum Bedienen eines Vorurteils. Dies zeugt dann von lächerlichem Schubladendenken und ist im konkreten Fall, wie obiger Thread aufzeigt auch noch inhaltsleer, weil beliebig einsetzbar.

Ansonsten, die Sprache ist frei ...

Grüße
ChristianBerlin schrieb am 30.09.2011 um 09:18
@Ullrich Läntzsch

wie obiger Thread aufzeigt auch noch inhaltsleer, weil beliebig einsetzbar

Ein beinah klassischer Trugschluss. Genauso könntest Du aus den unterschiedlichen und widersprüchlichen Lösungen in einer Mathe-Arbeit ableiten, dass die Aufgaben keine eindeutige Lösung haben, weil man alles Mögliche rauskriegen kann.

LG Christian
der Menschen einer schrieb am 30.09.2011 um 09:49
Warum immer dieser zwanghafte geistliche Beistand? "Irgendwie spießig."

Wenn ein Blogthema schwach ist, dann ist es schwach und sollte auch gesagt werden dürfen, einer Redakteurin gegenüber erst recht.
Ullrich Läntzsch schrieb am 30.09.2011 um 14:40
@ ChristianB

Zugegeben ich ein wenig präziser formulieren sollen. Statt wie obiger Thread aufzeigt auch noch inhaltsleer, weil beliebig einsetzbar

wie obiger Thread in seiner Inhaltsleere aufzeigt, ist jeder Form über einen Menschen mit einem einzigen Wort ein korrektes Urteil zu fällen schon vom Ansatz her falsch.

Darüber hinaus zeigt der Thread, daß der Begriff Spießer nicht klar definierbar ist, und daher beliebig einsetzbar. Wenn jeder jeden einen Spießer heißen kann, und dafür auch immer Belege finden wird, zeigt dies doch ganz offensichtlich, wie nutzlos dieser Begriff in einer ernsthaften Debatte ist.

Grüße
Ullrich
ChristianBerlin schrieb am 30.09.2011 um 14:59
@der Menschen einer

Ich habe mich ganz einfach deshalb geäußert, weil ich in der Sache anderer Meinung bin und keineswegs um Maxi zu schützen oder Kritik an den "Blauen" abzustrafen. Wäre ja noch schöner.

Ich stimme Dir zu, dass eine anmoderierende Frage jeder stellen kann, dazu muss man keine Redakteurin sein. Maxis bloggerische Leistung wäre hier eher ein Forenbeitrag für "gutefrage.net". "Beistand" kann das auch nicht nachträglich aufwerten.

Das Thema als solches ist jedoch - aus meiner Sicht - alles andere als schwach. "Spießig" ist ein kritischer Begriff, mit dem ich etwas anfangen kann, vorausgesetzt, die Kritik wird zuendegedacht.

Ich hatte vor, dazu noch etwas zu sagen (was Du weiter unten lesen kannst), und wollte das hier lediglich vorbereiten, indem ich auf die Unschlüssigkeit der Beweisführung von Ullrich Läntzsch aufmerksam mache.

Mit derselben Logik kann man z.B. beweisen, dass es Fundamentalismus gar nicht geben kann, weil jüdische oder christliche Fundis das Gegenteil wollen islamischen - "beliebig einsetzbar" nennt das Ullrich. Ebenso gibt es dann keine Vermarktung oder keine Werbung, weil jeder Marktteilnehmer etwas vermarktet oder bewirbt - der Begriff scheint beliebig einsetzbar zu sein.

Auf die Idee, dass der Wackel-Dackel-Halter und der Wackel-Dackel-Belächler auf irgendeiner Ebene unbemerkt dasselbe tun, scheint niemand zu kommen, sonst wäre hier Ullrich Läntzsch schon widersprochen worden.

Oder liegt dass daran, dass keiner mehr mit ihm redet, weil er bei diesem Thema schon mal verschissen hat?

www.freitag.de/community/blogs/koslowski/ueber-spiesser#comment-276965

Das kann ich ggf. nicht riechen und ist mir auch relativ egal. Mir geht es nicht um Personen oder Beziehungsebenen, sondern um Argumente, die mich entweder überzeugen oder zu Widerspruch reizen.

Kannst Du mir - darauf bezogen - noch erklären, ob das Äußern einer konträren Meinung nur nach der Läntzschen Definition spießig ist ("beliebig einsetzbar") oder sogar nach meiner eigenen (s.u.)?

Das wäre interessant, vielleicht lerne ich ja was.

LG Christian
ChristianBerlin schrieb am 30.09.2011 um 15:11
@Ullrich Läntzsch

Lieber Ullrich,

das hat sich jetzt mit meiner Antwort gekreuzt. Danke auf jeden Fall für die Replik.

Trotzdem Widerspruch:

Darüber hinaus zeigt der Thread, daß der Begriff Spießer nicht klar definierbar ist, und daher beliebig einsetzbar. Wenn jeder jeden einen Spießer heißen kann, und dafür auch immer Belege finden wird, zeigt dies doch ganz offensichtlich, wie nutzlos dieser Begriff in einer ernsthaften Debatte ist.

Ein paar Beispiele, warum dieses Argument m.E. einen Trugschluss beinhaltet, habe ich schon angebracht.

Setzen wir doch einfach in Deinen Satz ein Wort ein, dessen Bedeutung uns völlig klar ist, z.B. "fehlbar" (irrtumsfähig).

Prämisse: Errare humanum est. Alle Menschen sind fehlbar. Belege dafür findet man zu Hauf.

Dann wäre Dein Gegenbeweis:

Wenn jeder jedenfehlbar heißen kann, und dafür auch immer Belege finden wird, zeigt dies doch ganz offensichtlich, wie nutzlos dieser Begriff in einer ernsthaften Debatte ist.

Restriktion: Dabei meine ich "fehlbar" keineswegs als Synomym von "spießig", und mit "jeder" muss nicht 100% aller Menschen durch individuellen Einzelnachweis erfassen. Ausnahmen können - theoretisch - die Regel bestätigen. Es reicht aus, wenn Fehlbarkeit ein ubiquitäres menschliches Phänomen ist, das die Existenz eines Papstes und Milliarden von Nichtpäpsten nicht ausschließen muss.

LG Christian
Ullrich Läntzsch schrieb am 30.09.2011 um 15:19
Guter ChristianB,

interessant auf welche Ebene Sie sich hier begeben. Auf Angriffe die sich einer Fäkalsprache bedienen reagiere ich nicht.

Sie wissen, schon der Hund der den Mond anbellt.

Die das maßlose mißachten der Gesetzte der Logik ist sicher ein Vorrecht aller Theologen und Pastoren. Machen Sie nur fleißig weiter davon Gebrauch.

Noch ein Wort zu Ihrem Link:

Hätten Sie auf den Widerspruch zwischen meinem Kommentar vom 12.06.2011 zu obigen hingewiesen, dann hätte ich Ihnen antworten können, nur ein Narr ist nicht in der Lage, zu neuen Erkenntnissen.

So würde ich meinen alten Kommentar präzisieren:

Wer angesichts dieser Welt, Kriege, Hunger Elend, Aids und, und, und sich und andere von den wahren Problemen abhält, der ist wohl sicher ein Spießer, der sich sagen lassen muß, ein Nazi und zehn Spießer haben die Wirkung von 11 Nazis.

und besser statt Spießer vom unpolitischen Menschen sprechen.
ChristianBerlin schrieb am 30.09.2011 um 15:47
@Ullrich Läntzsch

Ich hätte die Metapher "verschissen" in Anführungsstriche setzen können, weil das übernommene Metaphorik ist aus dem verlinkten Kommentar von @weinszstein war, der einen Gesprächsabbruch zum Ausdruck brachte.

Meine inhaltliche Distanzierung hatte ich zum Ausdruck gebracht, freilich ohne die Gründe zu kennen, dass weinsztein sich so verhielt oder darüber urteilen zu wollen.

Was übrig bleibt ist die Frage, ob es sinnvoll war überhaupt auf das Argument einzugehen.

Für den Fall, dass ich gegen die Gesetze der Logik verstoße, hatte ich ausdrücklich um eine Demonstration gebeten.

Darum hatte ich mich ja ebenfalls bemüht, etwa mit der Verfremdung Deines Begründungssatzes in einen evident falschen durch Austausch des so vermeintlich widerlegbaren Begriffs.

Ich warte deshalb geduldig auf den logischen Beweis, dass diese Widerlegung Deines Arguments gegen Gesetze der Logik verstößt. Die bloße Auskunft, dass das der Fall sei, bringt mich nicht weiter.

Interessant finde ich, dass Du hier Deine eigene Definition verrätst, weil jetzt klar wird, dass Du mit dem "Spießer" damals etwas meintest, was Du jetzt als "unpolitischen Menschen" bezeichnest.

Das deckt sich zum Teil mit meiner unten gegebenen Definition (aufzuhören, von einer besseren Welt zu träumen, s.u.), nur schließe ich die Umkehrung, den militanten Weltverbesserer in das Spießertum mit ein, weil auch er diese Definition erfüllt.

Sofern es um diese Definition von mir geht und der mir vorgeworfene Verstoß gegen Gesetze der Logik sich auf das weiter unten von mir Geschriebene bezieht, kannst Du diesen Nachweis selbstverständlich auch unter dem Thread von Oranier führen, wo er dann m.E. hingehört.

LG Christian
Ullrich Läntzsch schrieb am 02.10.2011 um 12:44
Lieber ChristianB,

wie anders als mit dem Terminus Fäkalsprache ist denn bitte das geh woanders kacken, Ullrich L. zu bezeichnen. Wer in seinen Kommentar dorthin verlinkt, der zitiert. Wer zitiert macht sich mit seinem Zitat gemein. So wie der fürchterlichste Theologe der Gegenwart, Ratzinger, der seine intellektuelle Redlichkeit spätestens mit seiner Regensburger Rede verlor. Durch die Art des Zitierens.

Nun zu den Gesetzen der Logik, zu denen auch gehört, nur Vergleichbares, läßt sich vergleichen.

Wenn jeder jeden einen Spießer heißen kann, und dafür auch immer Belege finden wird, zeigt dies doch ganz offensichtlich, wie nutzlos dieser Begriff in einer ernsthaften Debatte ist.

Wer in diesem Satz das Wort Spießer durch fehlbar meint erkenntnisgewinnend ersetzen zu können übersieht die Unvergleichbarkeit von Spießer und unfehlbar.

Spießer ist ein abwertender, andere herabsetzender Begriff, der und dies ist das Entscheidende, sich jeder Eindeutigkeit entzieht. Dahingegen ist fehlbar klar und deutlich definiert. Sorry, aber ihre Substitution entbehrt jeglicher Sinnhaftigkeit.

Kopfschüttelnde Grüße
Ullrich Läntzsch
ed2murrow schrieb am 22.09.2011 um 16:05
geplant überraschungslos
Maxi Leinkauf schrieb am 22.09.2011 um 16:14
das heißt spießig?
ed2murrow schrieb am 22.09.2011 um 16:46
für mich, ja
claudia schrieb am 22.09.2011 um 18:01
Die vergangenen Tage habe ich in einer Kommune in einem besetzten Haus gewohnt und fand die Leute dort sehr nett. Vermutlich würden das die Meisten hier als für eine 62-jährige deutsche Person ziemlich cool und unspiessig bezeichnen. Selber habe ich darüber nicht nachgedacht, bevor ich hier las: Es war für uns (3 Leute) einfach die adäquate Lösung, wenn man in einer fremdem Stadt wenig Geld hat.
Maxi Leinkauf schrieb am 23.09.2011 um 09:51
Liebe Claudia,

ein schöner Beitrag, sehr ehrlich - und fern dieser üblichen Besetzer-Romantik. Wie war denn das Leben in der Community?
claudia schrieb am 25.09.2011 um 10:09
>>Wie war denn das Leben in der Community?<<
Hallo Maxi,
das ist unter Papst&Piraten so schnell nach unten gerutscht, dass ich es beinahe vergessen hätte.

Allerdings kann ich nur recht oberflächlich berichten, weil wir im Wesentlichen dort übernachtet hatten: Morgens früh aus dem Haus, tagsüber in Aktion und abends ziemlich geschafft.

Jedenfalls habe ich die Atmosphäre als sehr entspannt und locker empfunden.
Man kann dort offenbar leben, ohne viel Zeugs zu haben. Zum Beipiel haben sie einen Computerraum, mit ein paar Rechnern am Internet, die für alle zugänglich sind.
Und in der Küche nur riesige Töpfe & Pfannen, denn wenn gekocht wird, dann aus allem, was die Kommune aktuell hat für alle und dann füllen sich alle ihre Teller und schmausen. (Ich habe an einem Abend einen grossen Topf Pasta con Funghi bereitet, das kam gut an.)

Jeder tut wie er/sie kann und alles ist für alle da.

An den Wänden viel anarchistische Plakate und im weitläufigen Zentralraum eine sehr grosszügige Kinderspielecke, liebevoll vom "kommuneigenen" Schreiner als Zirkusarena gestaltet.

Der Abschied war herzlich, mit Umarmungen und so.

Das Ganze ist im Londoner Süden, und falls es mich jemals wieder mal nach London verschlagen würde, wüsste ich, wo ich eine Anlaufstelle finden könnte. Ein gutes Gefühl.
goedzak schrieb am 23.09.2011 um 00:00
Da ich nicht bürgerlich oder konservativ bin, muss ich wohl spießig sein, denn hip, cool, aggro oder sonstewat bin ich auch nicht.
claudia schrieb am 23.09.2011 um 05:02
Oder ist es "spiessig", sich einer dieser Identitäten zuzuordnen? Egal welche, es spart ja auf jeden Fall das Denken.
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2011 um 17:37
@goedzak
...denn hip, cool, aggro oder sonstewat bin ich auch nicht.

Das wollte ich immer schon fragen, hab aber noch stets drauf vergessen: Was ist eigentlich "aggro"? (Aggressiv?)

Ciao
Wolfram
claudia schrieb am 30.09.2011 um 10:17
Ich hatte spontan an Landwirtschaft gedacht, aber das wäre ja "agro-" mit nur einem g
tlacuache schrieb am 23.09.2011 um 07:03
Spießig ist, wer den Spieß nie umdrehen will, obwohl es genug Gründe gibt, aber man hat Angst davor aufgepießt zu werden...

Zur Vertiefung:
The Truth about Germany: Being Spiessig

www.youtube.com/watch?v=VBtYaJ9h4pw

;-)
anna T. schrieb am 25.09.2011 um 12:23
ich stelle immer wieder fest,dass die größten Spießer die sind,die krampfhaft versuchen keine Spießer zu sein.
Maxi Leinkauf schrieb am 26.09.2011 um 10:11
Guten Morgen,
interessant - worin äußert sich denn dieses "Krampfhafte"?
Gibt es ein Beispiel?
anna T. schrieb am 26.09.2011 um 14:30
Spießigkeit beginnt im Kopf.Rassisten und intolerante Menschen sind für mich Spießer.Wer frei von Vorurteilen ist,kein Schubladendenken hat ,der kann ruhig Meissner Porzellan im Schrank und ein Spitzendeckchen auf dem Tisch liegen haben.Dieser Mensch kann nach meinem Verständnis nicht spießig sein.Um es mal ganz krass zu formulieren,auch die RAF waren für mich Spießer ....und der größte Anti-Spießer war Mahatma Gandi...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.09.2011 um 15:06
Das ist spießig. Sowohl der Artikel als auch die Kommentare. Mir viel beim Lesen andauernd die Klappe runter. Ich sage ja gelegentlich, der Freitag ist ein Plätzchen für Salon-Linke, aber dass es SO schlimm sein kann hätte ich doch nicht gedacht...
Maxi Leinkauf schrieb am 26.09.2011 um 15:37
Aha, also sich Gedanken um die Gästezahl beim Essen zu machen, finden Sie spießig... Warum eigentlich? Und finden Sie, dass es ein Thema ist, bei dem man in Linke und Rechte, oder eben Salonlinke und richtige Linke unterscheiden kann? Und was heißt das genau?
Was stört Sie am Freitag konkret?
Danke und Gruß, M
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.09.2011 um 23:26
Die Momente der wahren Freundschaft und des wahren Miteinanders, die ich in meinem Leben erlebt habe, waren nie davon abhängig, ob die Gästezahl passt und ob Porzellan auf dem Tisch fein genug ist. Ganz im Gegenteil: Sobald man anfängt, sich Gedanken über die Gästezahl und Porzellan zu machen, ist die Entfremdung vom wahren Zweck, warum die Menschen überhaupt zusammenkommen (sollten), bereits vollzogen. Ab diesem Punkt geht es um Erfüllung von irgendwelchen (inoffiziellen oder offiziellen) Knigge-Vorschriften und Anpassung an irgendwelche (inoffizielle oder offizielle) gesellschaftliche Erwartungen und Standarten. Das ist für mich nichts Weiteres als kapitalistische Neurosen. Da entferne ich mich sofort mit der Lichtgeschwindigkeit.

Über Unterschiede zwischen Linke und Rechte habe ich gar nicht gesprochen. Jedenfalls liegen diese Unterschiede in einem anderen Bereich als Tischmanieren.

Salonlinke sind Linke, die zwar verdammt gern über Weltrevolution und solche Sachen reden, aber eben ganz abstrakt, ohne sich an schmutzige Sachen des Lebens einzulassen und ohne sich konkret für jemanden/etwas einzusetzen. Sie sind im Gründe bestens an dieses kapitalistisches System angepasst und alle diese revolutionäre Gespräche brauchen sie, um Verdauung nach dem Mittagsessen zu fördern und sich als gute Menschen zu fühlen oder so... aber alles in Rahmen des lieb gewonnenen Salons und keinen Schritt weiter.
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2011 um 17:40
@Fahrenheit 451
Das ist spießig. Sowohl der Artikel als auch die Kommentare. Mir viel beim Lesen andauernd die Klappe runter. Ich sage ja gelegentlich, der Freitag ist ein Plätzchen für Salon-Linke, aber dass es SO schlimm sein kann hätte ich doch nicht gedacht...

Jetzt sei halt nicht so spießig, sondern schau die Sache etwas lockerer an.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2011 um 17:42
@Fahrenheit 451
Salonlinke (...) sind im Gründe bestens an dieses kapitalistisches System angepasst und alle diese revolutionäre Gespräche brauchen sie, um Verdauung nach dem Mittagsessen zu fördern und sich als gute Menschen zu fühlen oder so...

An einen politischen Dichter

Du singst wie einst Tyrtäus sang,
Von Heldenmut beseelet,
Doch hast du schlecht dein Publikum
Und deine Zeit gewählet.

Beifällig horchen sie dir zwar,
Und loben schier begeistert:
Wie edel dein Gedankenflug,
Wie du die Form bemeistert.

Sie pflegen auch beim Glase Wein
Ein Vivat dir zu bringen,
Und manchen Schlachtgesang von dir
Lautbrüllend nachzusingen.

Der Knecht singt gern ein Freiheitslied
Des Abends in der Schenke:
Das fördert die Verdauungskraft
Und würzet die Getränke.
HEINRICH HEINE

Ciao
Wolfram
anna T. schrieb am 26.09.2011 um 19:11
@Fahrenheit451- sich über andere erheben...wie spießig ist das denn...!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.09.2011 um 22:39
In wiefern erhebe ich mich denn über andere? Wenn ich kein Bedürfnis habe einzuplanen, wie viele Freunde beim Treffen erscheinen dürfen, damit alles comme il faut wird, erhebe ich mich damit über andere? Und wenn es mich nicht juckt, ob es auf dem Tisch feines Porzellan von richtigen Hersteller oder die Teller im Wert von 1 Euro aus dem nächsten Discount stehen, bin ich dann hochnäsig? Nee, echt? Ich brauche solche Lektionen "Wie man sich vom Leben entfremdet" nicht!
rioges schrieb am 27.09.2011 um 12:02
Zum Begriff "Salonlinke" oder Spießer: Das sind auch Leute die ihre "Teller im Wert von 1 Euro aus dem nächsten Discount" kaufen, ohne nach Herkunft der produkte oder Arbeitsbedingungen der verkäuferInnen zu fragen.
rioges schrieb am 27.09.2011 um 12:03
Zum Begriff "Salonlinke" oder Spießer: Das sind auch Leute die ihre "Teller im Wert von 1 Euro aus dem nächsten Discount" kaufen, ohne nach Herkunft der Produkte oder Arbeitsbedingungen der Verkäuferinnen zu fragen. Hauptsache nichts nettes, Hauptsache es wirkt außergewöhnlich.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.09.2011 um 15:31
Aber ja. Wir hören jetzt alle auf, in Discounter zu kaufen, weil die Arbeitsbedingungen da so schlecht sind. Nachdem die Verkäuferinnen ihre Arbeitsplätze verlieren, weil keiner mehr ankauft, werden sie in Hartz IV abgestoßen und von jedem kleinkarierten Sadisten in der Arge oder großkarierten Sadisten im Ministerkabinett als Untermenschen behandelt. Die Salonlinken sitzen nach wie vor im Salon bei ihrem Porzellan, zählen die Gäste, die sie einladen wollen, damit alles comme il faut abläuft, quaseln über die Weltrevolution und freuen sich, dass sie nichts Außergewöhnliches tun und dabei nett sind. Die Weltharmonie ist vollkommen.
rioges schrieb am 27.09.2011 um 19:57
"Wir hören jetzt alle auf, in Discounter zu kaufen" - ja genau, das wäre ein Anfang. Ist manchen vielleicht zu banal.
claudia schrieb am 27.09.2011 um 20:30
>>Nachdem die Verkäuferinnen ihre Arbeitsplätze verlieren, weil keiner mehr ankauft, werden sie in Hartz IV abgestoßen...<<
...und werden von der Agentur für Arbeit als 1-€-Jobber an die Tafel "vermittelt." Damit bleibt alles in der Welt, über die sich Noch-Einkommenbezieher lieber nicht so genau informieren mögen.

Um den gegen die permanent schlechter werdenden Bedingungen des Verkaufes der Arbeitskraft anzugehen, brauchen wir gundlegendere Massnahmen als den Boykott einer bestimmten Firma. Dort können die Beschäftigten, wenn sie sich gewerkschaftlich organisieren und streikfähig werden, eh mehr für sich erreichen als ein Boykott von aussen, der oft nur zu unverbindlichen und unkontrollierbaren Erklärungen des Mangements führt.

Aber eine organisierte Arbeiterklasse, die nicht auf Erlösung durch "Salonlinke" wartet, sondern für sich selber was tun will: Ist das nicht, hmhm, gestrig, nicht zeitgemäss, borniert, kurzum : SPIESSIG??
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.09.2011 um 23:27
"Um den gegen die permanent schlechter werdenden Bedingungen des Verkaufes der Arbeitskraft anzugehen, brauchen wir gundlegendere Massnahmen als den Boykott einer bestimmten Firma."

Eben. Darüber hinaus: Auch wenn alle auf einmal aufhören, bei Discounter zu kaufen, heißt es nicht automatisch, dass alle in der Lage werden, sich feines Porzellan zu kaufen. Es mag vielleicht eine Offenbarung für Salonlinke sein, aber es gibt nur sehr, sehr wenige Menschen, die sich Porzellan finanzieren können. Was sollen dann die Restliche tun, vom Boden fressen?

Aber eine organisierte Arbeiterklasse, die nicht auf Erlösung durch "Salonlinke" wartet, sondern für sich selber was tun will: Ist das nicht, hmhm, gestrig, nicht zeitgemäss, borniert, kurzum : SPIESSIG??"

Weißt Du, ich gebe mal zu (auch wenn ich mich damit für alle Seiten unbeliebt mache): Diese arme zerrissene Salonlinke tun mir inzwischen fast Leid... sie werden von so vielen Ängsten und widersprüchlichen Wünschen gleichzeitig geplagt, dass sie aus dieser kognitiven Dissonanz gar nicht mehr rauskommen... meinst Du, es wäre ZU spießig, wenn wir sie einfach mal mitnehmen, ohne allzu große Erwartungen in sie zu investieren?
claudia schrieb am 28.09.2011 um 04:40
>>Was sollen dann die Restliche tun, vom Boden fressen?<<
Die kommen in den Köpfen der (noch) gutsituierten Herrschaftsprätorianer nicht konkret vor.

>>...meinst Du, es wäre ZU spießig, wenn wir sie einfach mal mitnehmen, ohne allzu große Erwartungen in sie zu investieren?<<
Nö. Ich verbiete ja den Katholen ihre Carativität auch nicht, mit der sie ihr Gewissen gegenüber den Armen beruhigen und in den Himmel kommen. Ohne Erwartungen in sie zu investieren, richtig.
claudia schrieb am 28.09.2011 um 11:48
Weiche von dannen, Tipppfelherteufel(Weihwasserspritz):
>Carativität<
=
"Caritativität"
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2011 um 17:41
@rioges
Zum Begriff "Salonlinke" oder Spießer: Das sind auch Leute die ihre "Teller im Wert von 1 Euro aus dem nächsten Discount" kaufen, ohne nach Herkunft der produkte oder Arbeitsbedingungen der verkäuferInnen zu fragen. Hauptsache nichts nettes, Hauptsache es wirkt außergewöhnlich.

Es soll ja Leute geben, die müssen sich mit 1-Euro-Tellern bescheiden.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2011 um 17:42
@claudia
Weiche von dannen, Tipppfelherteufel

Dieser Teufel ist anscheinend ganz schön zäh.

Ciao
Wolfram
claudia schrieb am 29.09.2011 um 09:26
>>Es soll ja Leute geben, die müssen sich mit 1-Euro-Tellern bescheiden.<<
Denen wurde schon längst Bescheid gegeben, wenn auch nicht mit den Tellern, sondern mit dem was drauf ist:
"Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!"
Seitdem nicht Neues.

---
>>Dieser Teufel ist anscheinend ganz schön zäh.<<
Einer meiner liebsten Feinde, ja.
oranier schrieb am 27.09.2011 um 01:45
Die Bezeichnung "Spießbürger", oder kurz "Spießer", entstand, bereits als herabwürdigendes Schimpfwort, in der ständischen Gesellschaft der mittelalterlichen Stadt. In der soziale Gliederung der Städte bildeten die großen Fernhandelskaufleute als Oberklasse die Stadtherrschaft (Patrizier), das Kleinbürgertum rekrutierte sich hauptsächlich aus Handwerkern, die in "Zünften" organisiert waren, welche eine wichtige Rolle auch bei der Organisation der öffentlichen Angelegenheiten spielten, darunter und daneben gab es noch eine Reihe von anderen Klassen oder Schichten: Kleinwarenhändler und Hausierer, unzünftige Handwerker, ausgediente Soldaten, Hausierer und Bettler.

Was die Städte im Gegensatz zu den adeligen Landesherren der Umgebung, z.B. Grafen und Erzbischöfe, von denen sie sich durch königliche Privilegien emanzipiert hatten, gegen deren Übergriffe sie sich aber ggf. verteidigen mussten, waren stehende Ritterheere. Damals waren die Menschen nicht "freizügig", konnten nicht frei ziehen, wohin sie wollten, durften die Domänen der adeligen Grundherren nicht ohne deren Erlaubnis verlassen. Gelang einem feudalabhängigen Bauern dennoch die Flucht in die Stadt und er hielt sich dort ein Jahr und einen Tag lang auf, so war er frei von der Schollenbindung. Daher der Ausdruck: Stadtluft macht frei".

Ihre Verteidigung organisierten die Städte durch den Bau einer Mauer rundherum und einen Wachdienst, den die Bürger umschichtig verrichten mussten. Das war einerseits eine Pflicht und andererseits ein Privileg. D.h.: die Patrizier konnten sich davon freikaufen, und die unteren, plebejischen Schichten, die kein verbrieftes Bürgerrecht besaßen, waren dazu nicht zugelassen. Übrig blieben die kleinbürgerlichen Schichten, v.a. Zunfthandwerker und Kleinhändler. Die Bewaffnung der Wachen bestand aus Spießen (Hellebarden) und Schilden. Daher die Bezeichnung "Spießbürger" oder "Schildbürger".

Nun gab es in den Städten noch besondere, nicht sesshafte Gruppen, nämlich die "fahrenden" Handwerksburschen und Scholaren (Studenten). Das Wort "fahren" bedeutet ursprünglich schlicht "wandern", nicht in erster Linie: sich auf Rädern fortbewegen. Nun brachten die fahrenden Handwerksburschen aus anderen Städten und Regionen das Know how mit, das sie den Handwerkern dort abgeschaut hatten. Daraus entstand der Ausdruck "erfahren". Die fahrenden Gesellen waren die "Erfahrenen", besser Ausgebildeten, im Vergleich zu den daheimgebliebenen Spießbürgern oder Schildbürgern, zumeist Zunfthandwerkern.

Zu gegebener Zeit heirateten die Gesellen dann eine Meisterstochter oder -Witwe (das war zugleich das System der sozialen Versorgung) und übernahmen die Meisterwerkstadt mit den entsprechenden Bürgerrechten und -pflichten.

Bevor mir jemand mit der Stadt Schilda kommt: das ist eine nachträgliche, sog. verballhornende Worterklärung für die Schildbürger, zu einer Zeit entstanden, als die Kenntnis des wahren Ursprungs bereits verlorengegangen war.

Bemerkensert im Hinblick auf die herabwürdigende Bedeutung des Wortes "Spießer": Schon im Mittelalter war das Kleinbürgertum eine sowohl von der bürgerlichen Oberschicht als auch von den plebejischen Unterschichten verachtete Klasse. Die Patrizier schauten auf die kleinbürgerlichen Spießbürger herab, weil sie sozial über diesen standen, die Plebejer, weil sie freier waren, nicht in das System von Pflichten und Konventionen eingebunden waren. Sozusagen die selbstbewussten Punks des Mittelalters.

Grüße
oranier
oranier schrieb am 27.09.2011 um 01:52
Korrektur des 2. Absatzes:

Damals waren die Menschen nicht "freizügig", konnten nicht frei ziehen, wohin sie wollten, durften die Domänen der adeligen Grundherren nicht ohne deren Erlaubnis verlassen. Gelang einem feudalabhängigen Bauern dennoch die Flucht in die Stadt und er hielt sich dort ein Jahr und einen Tag lang auf, so war er frei von der Schollenbindung. Daher der Ausdruck: Stadtluft macht frei".

Was die Städte im Gegensatz zu den adeligen Landesherren der Umgebung, z.B. Grafen und Erzbischöfe, von denen sie sich durch königliche Privilegien emanzipiert hatten, gegen deren Übergriffe sie sich aber ggf. verteidigen mussten, nicht hatten, waren stehende Ritterheere.
Maxi Leinkauf schrieb am 27.09.2011 um 14:54
Vielen Dank für die vielen interessanten Deutungen und aufschlussreichen Kommentare!
ChristianBerlin schrieb am 30.09.2011 um 10:09
@Maxi Leinkauf

Vielen Dank für die vielen interessanten Deutungen und aufschlussreichen Kommentare!

Darf ich noch einen nachreichen?
ChristianBerlin schrieb am 30.09.2011 um 14:09
@Oranier
@all

Auf wessen Erlaubnis warte ich jetzt eigentlich?

Meine Definition wäre:

Spießer wird man, indem aufhört, von einer besseren Welt zu träumen.

Dabei ist jedes Wort wichtig, auch das Wort "träumen". Wer eine bessere Welt erkämpfen will und sich im Kampf das Träumen verbietet, hat den Traum von ihr verraten.

Der Spießer ist militant in der Arriviertheit oder arriviert in der Militanz.

Gemeinsam ist beiden, dass die eigene Offenheit am Tellerrand klar definierter Interessen endet.

Wer wie die fiktiven Eltern einer Schlagersängerin ihr einhämmern will, auf den Trauschein zu vertrauen und auf die schöne Pension bei der Bundesbahn, ist in seiner militanten Arriviertheit genauso spießig wie der 68er, der genau das konsequent bekämpfen will und sich deshalb in einer Gegenwelt einrichtet, die leicht als simple Negativfolie der anderen zu erkennen ist.

Wenn stimmt, was Florian HvD beim Leipziger Pressepreview von "Das Leben der anderen" verraten hat, dann hat Lenin sich wirklich verboten, seine Lieblingssonate zu hören, weil die ihn dazu verführte, die Köpfe aller Menschen streicheln zu wollen, obwohl er doch sicher war, draufhauen zu müssen, wenn die Revolution erfolgreich sein sollte (obwohl das Stück, von dem Lenin das sagte, nicht die für den Film eigens komponierte "Sonate vom guten Menschen" war, sondern schlicht Beethovens Appassionata).

Nicht der Kampf für sie als solcher verrät den Traum von einer besseren Welt, sondern das Verbot des Träumens um der vermeintlichen Verwirklichung eines Traumes willen lässt das Gegenteil des Intendierten werden.

Die RAF wurde schon erwähnt, Gleiches gilt für den militanten Freiheits-Idealismus junger amerikanischer Piloten jener Zeit, die glaubten, die Hölle aus dem Vietkong herausbomben zu können ("let's bomb the hell out of them!" war Ende der 60er in der Airforce ein beliebter Schlachtruf).

Die Metamorphose von Idealismus in eine betriebsblinde, selbstreferenzielle Militanz halte ich für die gefährlichste Ausprägung des Spießertums. Sie bildet die gehirnzerstörerische Matrix diversester Fundamentalismen.

Und weil wir damit den Bereich des Religiösen betreten, will ich zur Vermeidung von Missdeutungen gleich anmerken, dass zumindest die jüdischen und die christlichen Fundis eigentlich sehr genau wissen, dass man sich im Vorläufigen nicht einrichten darf. Denn, wie es heißt, haben wir hier keine bleibende Statt, sondern suchen die Zukünftige. Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel unter dem Himmel ihre Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wohin er sein Haupt legen kann. Und nicht einmal Gott will, dass wir ihm ein Haus bauen.

Zu unbehaust für normale Spießer. David baute den Tempel dann zwar nicht, aber dafür Salomo, und selbst Petrus wollte beim ersten Hype ekstatischer Erfahrung nichts weiter als angekommen sein und Wurzeln schlagen: "Rabbi, hier ist für uns gut sein. Wir wollen drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine." (Mk 9,5) - Wen wundert's da, dass seine diversen Nachfolgerinnen und Nachfolger statt unbequemer Wahrheiten oft lieber die Tugenden bürgerlicher Behaustheit predigten?

Was kann dabei mehr herauskommen, als ein umzäunter Abenteuerspielplatz, auf dem man vermeint, ein wirkliches Abenteuer zu erleben?

LG Christian
ChristianBerlin schrieb am 30.09.2011 um 17:30
@Maxi Leinkauf

Was unterscheidet denn nun bürgerlich von konservativ von spießig etc?

Man kann bürgerliche Standards erlangen und bürgerliche Konventionen einhalten oder städtische Regeln respektieren, ohne daraus ein Glaubensbekenntnis oder eine Selbstwertdefinition zu machen. Wenn das Bürgerliche kritikfähig und aufgebbares Mittel zum Zweck bleibt, ist es nicht spießig. Der Spießer dagegen verteidigt das Bürgerliche mit allem, was er hat, weil es für ihn alles ist, was er ist.

Man kann z.B. als Nichtspießer, also als jemand, der nicht aufgehört hat, von einer besseren Welt zu träumen, sehr wohl Mitglied der Börse von Manchester sein und zugleichen einen vernichtenden Text über "Die Börse" schreiben.

Er lebt in einem bürgerlichen Viertel, hat eine Familie und ein festes Engagement.

Beweist weder das eine noch das andere. Das ist erst dann gefährlich, wenn er sich nicht mehr vorstellen kann, auch anders zu leben, etwa so wie "Der Deutsche" in dem folgenden Bonmot:

Der Deutsche würde lieber Selbstmord begehen, als vom Penthouse zurück ins Reihenhaus zu ziehen.

Das Bonmot habe ich 1994 aus dem Munde von Kurt Biedenkopf gehört, ohne damals fragen, woher er es her hatte.

Eine Selbstdefinition über den erreichten Lebensstandard offenbart auch der bald danach ausgestrahlten Werbung, in der jemand seinem Jugendfreund sagen soll, was aus ihm geworden ist, und ihm lauter Fotos wie Trumpfkarten präsentiert: Mein Haus, mein Auto, mein Segelboot, mein Flugzeug, mein Schaukelpferd ("mein Reitstall" wurde später aus dem Spot genommen).

Eine Kritik der bürgerlichen Tugenden, die sie davor schützen kann, ins Spießige abzudriften, beinhaltet für mich auch ein Paulus-Zitat, auf dessen zentrale Bedeutung mich vor 4 Jahren ein buddhistischer Mönch aufmerksam gemacht hat:

Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

Der Begriff "konservativ" hat m.E. dagegen etwas mit dem Verhältnis von Tradition und Innovation zu tun und ist nicht eindeutig dem in sich eng verwandten Begriffspaar "bürgerlich" und "spießig" zuzuordnen. Um 1800 herum war man z.B. progressiv, wenn man bürgerlich dachte, konservativ zu sein ging damals eher in Richtung Erhaltung des Feudalismus. Heute können z.B. Globalisierungskritiker konservativ sein, was die Mitgliedschaft von Heiner Geißler bei Attac einfach erklären kann.

LG Christian
oranier schrieb am 30.09.2011 um 19:16
Lieber Christian,

danke für deinen Kommentar!

Ich hatte mit meinen Erläuterungen durchaus mehr als bloß "interessante Deutungen" im Sinn, nämlich den Horizont abzustecken, innerhalb dessen ein solcher Begriff nur sinnvoll Verwendung finden kann, wenn er nicht als bloße inhaltsleere Chiffre für beliebige negative Abgrenzungen von anderen Menschen und deren Verhaltensweisen dienen soll.

Ich hatte kürzlich einen Meinungsstreit mit einem Freund, der sich negativ über Helmut Schmidts Diktum ausließ: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen". Dem gab ich in dieser Hinsicht recht, mit dem Gedanken, den Schmidt wahrscheinlich nicht dabei hatte, dass die "Visionen" einen rechten Paradigmenwechsel der linken "Utopie" darstellen und mittlerweile vorwiegend in der Produktverbung verbreitet sind. Er verwies mich auf die "Vision" des Martin Luther King und ich versuchte, den ganz anderen Kontext zu beschwören. Mittlerweile weiß ich, dass Luther King gar nicht "I have a vision" gerufen hat, sondern: "I have a dream".

Das passt auch insofern besser zu deiner Rede vom Traum von der besseren Welt, weil die Visionen, z.B. der Mystiker, eher auf eine imaginäre jenseitige Welt als Ausgangs- und Zielpunkt gerichtet waren, denn auf eine Vervollkommnung der diesseitigen.

"Nicht der Kampf für sie als solcher verrät den Traum von einer besseren Welt, sondern das Verbot des Träumens um der vermeintlichen Verwirklichung eines Traumes willen lässt das Gegenteil des Intendierten werden."

Das ist natürlich ein schönes dialektisches Satzgebilde, jedoch verdeckt es ebenso Wahrheiten, wie es auch eine enthüllt. Der Traum und seine Verwirklichung sind notwendig ungleichzeitig, und das Weiterträumen, wo zur Tat geschritten werden muss, kann die Realisierung eben auch verhindern, ihr zumindest im Wege stehen. Insofern halte ich die selbstverständlich erfundene Sonatengeschichte für eine wahre Geschichte. Es gibt bei Erzählungen einen Unterschied zwischen wirklich und wahr. Mit Kopfstreicheln ist keine Revolution zu gewinnen, das kann man drehen und wenden, wie man will. Denn bei jeder Revolution gibt es Gegner und Feinde, sonst ist es keine.

Worin ich dir aber beipflichten möchte: Das Träumen, das den Enthusiasmus ja beflügelt und damit die Tast recht eigentlich erst hervorruft, nach dem Etappensieg für grundsätzlich obsolet zu erklären, das behindert jedenfalls den weiteren Fortschritt. Wobei mir deine Rede vom Gegenteil des Intendierten zu absolut ist. Es geht ja bei gesellschaftlichen Erneuerungen, auch bei revolutionären, nie um alles oder nichts, und zwar sofort, sondern um Prozesse fortschreitender Entwicklungen.

Der Ruf "La Révolution est finie" erschallte mehrfach während der Französischen Revolution, zuletzt von Napoleon. Das Großbürgertum feierte den politischen Sieg über den Adel und die Interventionsmächte und sah die weiteren Kämpfe und Ziele der Sansculotten als Bedrohung der eigenen, neu errungenen privilegierten Stellung an. Man sieht daraus: die Träume sind zunächst offen und vielgestaltig, sie diffenenzieren sich aus nach ersten Realisierungen, und da gibt es immer materiell interessierte Bremser. Das bedeutet aber, am Beispiel Napoleons, nicht das absolute Gegenteil des Intendierten, sondern eröffnet allenfalls die Möglichkeit oder Notwendigkeit in neuen Konstellationen und Koalitionen weiterzuträumen und zu weiterkämpfen.

Auch deinem Behausungs-Paradigma stehe ich zwiespältig gegenüber. Vielleicht drückst du aber damit ein Gleichnis aus, das ich nicht verstehe. Der Hl. Franziskus von Assisi, dem ich zeitweilig als Jünger anhing und den ich sehr verehrt habe, hat nach dem Beispiel Jesu ursprünglich mit seinen Brüdern als Wanderprediger gewirkt und wollte alles andere als Klöster und eine Ordensregel. Ich denke heute, dass solches Leben von Wanderpredigern und Jesus-Nachfolgern für Menschen nur etwas in einer Zeit eschatologischer Erwartungen ist, ansonsten eher etwas für Füchse und Vögel.

Für die gehört das zur artgerechten Natur, die Natur des Menschen aber ist es, nicht in der Natur, sondern in Städten zu wohnen. Dieses Streben nach Behaustheit ist also nicht per se spießig. Es kann aber spießige Formen annehmen in biedermeierlicher Genügsamkeit und Bescheidung. Hübsch nachzulesen im "Leben eines Taugenichts" von Eichendorff.

Ansonsten gefällt mir der folgende Spruch, den ich immer noch mal einrahmen und in meinem Haus aufhängen wollte:

Dies Haus ist mein und doch nicht mein.

Der nach mir kommt, kann's auch nur leihn.

Und wird's dem Dritten übergeben,

Er kann's nur haben für sein Leben.

Den Vierten trägt man auch hinaus.

Sag: Wem gehört denn nun dies Haus?

Er zeigt, dass das Behaustsein immer nur ein Zwischenaufenthalt während des Unterwegsseins ist. Der Versuch, das Behaustsein zu versteinern und endgültig zu manifestieren, ist wohl spießig und illusionär zugleich.

In folgendem Gedicht des Romantikers kommt zweierlei auf symbolische Weise zum Ausdruck: der Traum vom besseren Leben, als der Traum der Erde vom Himmel, und das Zuhause, nicht als der Ort des biedermeierlichen Spießertums, sondern als ebendieser Zielpunkt des Traums und der Sehnucht:

Joseph von Eichendorff
Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel 

Die Erde still geküsst, 

Dass sie im Blütenschimmer 

Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht, 

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte 

Weit ihre Flügel aus, 

Flog durch die stillen Lande, 

Als flöge sie nach Haus.

(So etwas hier zu schreiben kann ich mir erlauben, weil ich
a) kein Pfarrer,
b) nicht im revolutionären Kampf befangen bin, so dass ich Gefahr liefe, den falschen Leuten den Kopf zu streicheln, statt darauf zu hauen.)

Lieben Gruß
oranier
ChristianBerlin schrieb am 02.10.2011 um 12:42
@Oranier

Lieber Oranier,

danke für die Replik.

Meine Spitzen sind natürlich kein Dogma, weder ein kirchliches, noch ein marxistisches. Ich will nur auf Knackpunkte aufmerksam machen, wo die Sehnsucht nach Behaustheit sich selbst im Wege steht.

Die Umkehrung, das hatte ich selbst gesagt, sich das Ankommen zu verbieten und eine ewige Wanderschaft zu erzwingen, ist dazu nur eine Negativ-Folie, dasselbe im Wandern um des Wanderns willen - und damit auch ein Verrat am Traum.

Den hast Du sehr schön beschrieben. Das Gedicht von Eichendorff habe ich gerade erst letzten Montag in Bonn in einer neuen Vertonung gehört, die der von Robert Schumann Konkurrenz machen will. Nino Deda, Amby Schillo und Michael Marx spielten sie auf dem Rheinischen Abend zu dem der Pfarrverein der EKiR die Delegierten aus den anderen Landeskirchen einlud.

www.liederderpoesie.de/

Alles in allem lese ich Deinen Widerspruch als sinnvolle Ergänzung und Präzisierung.

An einem Punkt möchte ich aber noch mal widersprechen.

Insofern halte ich die selbstverständlich erfundene Sonatengeschichte für eine wahre Geschichte. Es gibt bei Erzählungen einen Unterschied zwischen wirklich und wahr.

Die Sonatengeschichte steht in Gorkis "Erinnerungen an Zeitgenossen". Dort sagt Lenin nach dem Hören einer Beethoven-Sonate:

Ich kenne nichts Besseres als die Apassionata, ich könnte sie jeden Tag hören. Eine erstaunliche, nicht mehr menschliche Musik. Ich denke immer voller Stolz, der vielleicht naiv ist: Was für Wunder können Menschen vollbringen.

Und nach einer kurzen Denkpause lässt Gorki ihn mit deutlich getrübter Stimmung fortfahren:

Doch kann ich die Musik nicht oft hören, sie greift die Nerven an, man möchte liebevolle Dummheiten sagen und den Menschen die Köpfe streicheln, die in einer so widerwärtigen Hölle leben und so etwas Schönes schaffen können. Aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln - die Hand wird einem abgebissen, man muss die Köpfe einschlagen, mitleidlos einschlagen.

Natürlich weiß ich nicht, ob Gorki das nicht einfach erfunden hat, aber selbstverständlich ist das nicht, das wäre schon ganz schön dreist. Immerhin ist er ein wichtiger Zeitzeuge, der Lenin persönlich kannte - wenn man solchen Quellen nicht mehr trauen kann, wem dann?

Wenn Du nicht aus besserer Kenntnis mir Gründe nennen kannst, warum das nur erfunden sein kann, neige ich dazu, diese Geschichte nicht nur für wahr, sondern auch für wirklich passiert zu halten.

Aber darauf kommt es eigentlich nicht an, sie hätte auch als bloße Anekdote Erklärungswert, erklärt nur vielleicht noch ein bisschen mehr, wenn sie wirklich passiert ist.

Dass Revolutionen gern zwecks Absicherung von Erreichtem oder Erreichbarem auf halbem Wege stehen bleiben und dabei etwas von dem aufgeben oder verraten, was sie mal zu suchen angetreten waren, war nach 1789 nicht nur in der sozialen Frage gegenüber den Sansculotten ein Zurückbleiben hinter erklärten Ansprüchen, sondern auch in der Frauenfrage.

Dass sich durch einen solchen "Break" eine Intention ins Gegenteil verkehrt, war meinerseits ein hartes Urteil, das vielleicht die Sterbenden auf dem Marsfeld oder Olympe de Gouge unter der Guillotine so mit verständlichem Recht hätten fällen können. Ich meine aber, dass es um mehr als eine bloße Halbheit geht: Der Widerstand gegen das ursprünglich Gewollte zur Absicherung des Erreichbaren manifestiert sich immer wieder in Gewaltexzessen und eskalierendem Terror.

In voraufgeklärten, religiös bestimmten Zeiten ging das z.B. mit dem Christentum nach der Erlangung von weltlicher Macht nicht anders. Franziskus hatte Glück im Unglück, dass ihm seine Kommunität vom Papst erlaubt wurde, sonst wäre seine Kritik an der behausten Kirche wie bei den Waldensern in einer Verfolgung als Sekte geendet. Auf seine Art war er sicher ein Revolutionär, der die richtigen Unterstützer hatte, um überleben und etwas bewirken zu können, genauso wie die Hl. Elisabeth, die bald darauf nördlich der Alpen seine Idee aufgriff, oder später Martin Luther, der mit einem anderen Ansatz die behausungssehnsuchtbedingte Stagnation der christlichen Revolution erneut aufbrach: ohne Support wärs nur Selbstmord.

Man kann von diesem Punkt aus der Geschichte viele Lehren und Linien ziehen, die tief bis in unsere Zeit bis in Parteien und Redaktionen hineinreichen.

Es macht auf jeden Fall immer wieder Spaß, das zu entdecken und drüber zu sprechen. Ob man je daraus lernen wird und lohnende Konsequenzen zieht, ist eine andere Frage.

Dir einen schönen Sonntag und morgen einen erholsamen Feiertag. :)

Liebe Grüße

Christian
anna T. schrieb am 27.09.2011 um 14:38
@Fahrenheit451-das Bezog sich auf den Kommentar von 15:06,das ist verrutscht ; )
anna T. schrieb am 27.09.2011 um 14:38
@Fahrenheit451-das Bezog sich auf den Kommentar von 15:06,das ist verrutscht ; )
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.09.2011 um 15:23
@Anna T.

In jedem Kommentar gibt es unter dem Text drei Buttons. Wenn Sie den Kommentar rechtswidrig oder beleidigend finden, können Sie den rechten Button mit Ausrufezeichen anklicken und damit den Kommentar bei der Redaktion melden. Wenn Sie den mittlere Button mit Sternchen anklicken, können Sie den Kommentar bewerten. Wenn Sie den linken Button anklicken, werden Ihre Antworten auf den konkreten Kommentar genau unter diesem Kommentar erscheinen, es wird nichts mehr verrutschen und man kann klar sehen, worauf Bezug genommen wird.

Zu der Frage des Erhebens: ich sehe die Sache genau umgekehrt. Es ist seit Jahrhunderten bzw. seit Jahrtausenden so, dass verheiratete Menschen sich über nicht verheiratete erheben, es wird über nicht verheiratete andauernd herablassend geredet, sie seien angeblich nicht in der Lage, die Verantwortung zu übernehmen, die Bindungen einzugehen usw., usf. Und für eine Frau war es bis vor Kurzem sowieso eine Schande, nicht verheiratet zu sein. So eine Frau wurde nicht als voll in dieser Gesellschaft angenommen. Und jetzt sagen Sie mir, wer erhebt sich über wen? Dabei war und ist die Familie alles andere als heilige Welt, wo die Menschen tatsächlich die wahre Bindungen eingehen und die Verantwortung übernehmen. So viele Qualen, die die Menschen ihren Nächsten in der Familie antun, so viele Lügen, so viel Gleichgültigkeit, so viel Verachtung kann man kaum noch irgendwo finden. Es werden beim Heiraten alle mögliche Versprechen gegeben: Sich gegenseitig treu werden, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da sein et cetera. Danach wird auf alle diese Versprechen jahrzehntelang geschissen und es wird alles immer wieder gebrochen. Aber man erhebt sich dabei über nicht verheiratete Mitmenschen und betrachtet/behandelt sie als Untermenschen.

Nun, die Zeiten sind vorbei und das ist voll geil so. Ich war übrigens 11 Jahre lang verheiratet, davon habe ich 7 Jahre ununterbrochen mit meinem Mann zusammen gelebt, und meine Würde hat dabei insofern ausgereicht, dass ich die Versprechen, die ich beim Heiraten gegeben habe, nicht gebrochen habe. Jedenfalls solange nicht, bis ich ihn nicht raus geschmissen habe. Jetzt bin ich heil froh, dass der ganze Familiendreck vorbei ist und ich habe keine Lust mehr, mich diesen Ammenmärchen über Verantwortung und Bindungen irgendwann mal wieder unterwerfen. Ich bin frei davon! und wenn ich Verantwortung übernehmen will und mich an einen Menschen zu binden, brauche ich dafür keine Papierchen vom Staat oder von der Kirche. Über meine intime Verhältnisse entscheide ich und nicht irgendwelche öffentliche Gewaltmonopolen.
anna T. schrieb am 27.09.2011 um 17:43
Danke Fahrenheit451; ) wusste ich nicht,wird nicht mehr passieren
Sägerei schrieb am 28.09.2011 um 23:41
Spießigkeit hat auch was von Zwangsneurose, Erbsenzählerei.
So und so ist das richtig, und so hat es zu sein.
claudia schrieb am 29.09.2011 um 09:17
"Das haben wir schon immer so gemacht/Das haben wir noch nie so gemacht, da könnte ja jeder kommen!"
Jaja.
Maxi Leinkauf schrieb am 29.09.2011 um 12:47
Liegt nicht auch eine gewisse Schönheit in Ritualen?
Ruth Enkelin schrieb am 29.09.2011 um 21:08
Nichts gegen Rituale - solange mir niemand versucht, seine aufzuzwingen, jeden Samstag Rasenmähen und so.
"Sein Horizont endet an seinen Schuhspitzen und das verkauft er als Standpunkt."
Das macht für mich einen Spießer aus und mit solchen Leuten gibt es dann auch kein Auskommen.
redfox schrieb am 29.09.2011 um 23:01
@ Maxi Leinkauf:
Haben Sie sich denn inzwischen von Ihrer Mutter erklären lassen, was sie unter spießig versteht?
Rapanui schrieb am 30.09.2011 um 19:42
Die schlimmsten Spiesser sind diejenigen, die peinlich darauf achten, keine zu sein. Da gibt es dann so komische Codes: Sich im Trenchcoat in die Düne legen, mit geöffneter Fliege und hochgekrempelten Nadelstreifenhosen im Meer stehen, mit einem lauten Motorrad in die Freiheit fahren, einen Ohrring tragen, Jack Wolfskin Jacken.... und so'n Zeug.

Noch ein Jahr dauert es, dann kann man Jack Wolfskin wieder anziehen, weil wirklich jeder Spiesser das anzieht und man selbst Spiesser sein kann, ohne darüber nachdenken zu müssen ob man einer ist. Spiesser sein, ist tatsächlich sehr anstrengend, weil man ständig an seiner Inszenierung arbeiten muss.
Maxi Leinkauf
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Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

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Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
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24.05.2012

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