Die gemeinhin als gesetzt geltenden Verortungen „rechts“ - „links“ - “Mitte“ im Politischen lenken ab (und sollen dies!) von den tatsächlichen Gegebenheiten. Man merkt es daran, dass Phänomene wie die Occupy-Bewegung oder der Protest gegen Stuttgart 21 damit nicht mehr hinlänglich zu erklären (und zu begreifen) sind.
Es wäre also an der Zeit, diese Begriffe neu zu definieren. Oder -was wahrscheinlich besser ist- in der Neufindung alte Ismen zunächst hinter sich zu lassen und an Hand von größeren (globalen) Interessenlagen der Menschen die gesellschaftlichen Bruchlinien zu bestimmen. Denn nicht so sehr politische Gesinnungen (oder religiöse) trennen die Menschen ursächlich voneinander, sondern vor allem ihre objektiven (Lebens)Interessen.
Diese objektiven Interessen - und das ist ein Denk-Vorteil gegenüber der überkommenen, engstirnigen, neoliberalen, internationalen Ideologie der Räuber-Eliten – sind aber eben nicht nur rein ökonomischer Natur (wenn diese möglicherweise auch ein wesentlicher Bestandteil sind): Es kommt darauf an, wie weit man den Begriff der Ökonomie heute fassen will im alltäglichen politischen Denken und Handeln. Dazu gehört unbedingt und essenziell auch das Kulturelle, Zivilisatorische, vom Sozialen gar nicht erst angefangen. Wahrscheinlich wird gar umgekehrt eher ein Schuh daraus – Ökonomie ist Bestandteil der Kultur, nicht umgedreht.
Linksdrehende Antworten
Das Problem „linker“ Kräfte ist unter anderem auch, dass sie selbst nicht in der Lage sind, eingängige, tragfähige und schlüssige Perspektiven und gesellschaftliche Alternativen zum Bestehenden deutlich aufzuzeigen. Z.B. bleibt der Verweis auf die Ungerechtigkeit von HartzIV immer in seiner eigenen Kritik stecken. Mehr als die Erhöhung der Sätze oder die Abschaffung dieses politisch opportunen Systems sozialer und kultureller Benachteiligung und Unterdrückung wird nicht vorgeschlagen.
Statt dessen wird nicht (zumindest: nicht gemeinhin vernehmbar) darüber gesprochen, dass HartzIV ja beispielsweise schon eine Form von bedingtem Grundeinkommen ist und die Perspektive möglicherweise ein bedingungsloses Grundeinkommen in angemessener Höhe sein könnte (angemessener, variabler Satz bei Erhalt bestehender sozialer Errungenschaften; kulturell „berechnet“, nicht rein ökonomistisch; siehe W. Engler „Bürger, ohne Arbeit“). Oder aber welche Strukturen neue, notwendige Formen der Demokratie haben könnten (netzwerkartige Strukturen z.B., siehe Freenet, Diaspora). -Ein fc-Blogger (Marco Bülow) zitiert hier in seinem Profil Saint-Exupéry: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“...
Sinnlose Fragmente oder sichtbares Mosaik?
Betrachtet man also die grundlegenden Lebensinteressen, ist das Bild, welches die Welt derzeit abgibt, vielleicht immer noch bunt und sehr differenziert, jedoch nicht mehr unübersichtlich, sinnlos fragmentiert und schier unverstehbar: 1% - im juristischen wie im moralisch-ethischen Sinne – schwerstkrimineller Verbrecher halten sich vielleicht ein Fünftel der Menschheit als bezahlte Räuberbande. Und beklauen und berauben so die restlichen vier Fünftel der Menschen auf diesem Planeten auf alle erdenklichen Arten und Weisen und hinsichtlich aller wertvollen materiellen und immateriellen Güter. Dabei spielt es (z.B.) prinzipiell keine Rolle, ob sich an einem Ort der Erde ein Warlord eine Privatarmee unterhält oder andernorts ein „demokratischer“ Staat einen sukzessive paramilitärischen, aus Steuern finanzierten Polizei-und Justizapparat kauft. Oder ob einerseits ein Hassprediger oder andererseits eine weitestgehend privatisierte und gleichgeschaltete, „hochentwickelte“ Medienlandschaft die Menschen beschädigt und verdummt.
Die viel besungene und heiß umworbene Mitte der Gesellschaft (samt „links“/“rechts“/“oben“/“unten“/“vorne/“hinten“) findet sich so gesehen wohl eher dort, wo die o.g. Verbrecher und ihre Handlanger ihre Schäden anrichten. Dass dabei Täter auch Opfer sein können, diese Trennlinie also mitten durch ein Individuum, eine Partei etc. pp. verlaufen kann, macht die Sache nicht einfacher (und ist deswegen auch durchaus so gewollt) ändert aber nichts an der grundsätzlichen Erkennbarkeit der Verhältnisse. Vorausgesetzt man löst sich zunächst von vermeintlich „ewigen Begriffen“ und ihren fälschlich als Konsens vermuteten Bedeutungen.