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Kultur : In großer Nähe, so fern

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Der "Schwerpunkt" zum Thema Rechtsextremismus, von dem Berlinale-Chef Dieter Kosslick vor dem Festival sprach, ist vor allem Behauptung von Gegenwart. Naturgemäß hat die Berlinale nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde keine Filme in Auftrag gegeben oder Reihen kuratiert, in dem sich filmisch diesem Thema gewidmet würde. Aber ganz falsch ist die Bemerkung, die genaugenommen ein paar Filme meint, auch nicht, insofern das Wissen um die NSU-Morde das Sehen verändert: Man schaut Filme über nazistische Gewalt anders.

Am deutlichsten wird das bei Peter Ohlendorfs Dokumentarfilm "Blut muss fließen" - Undercover unter Nazis, in dem es um die Arbeit des Journalisten Thomas Kuban geht, der verdeckt auf Nazikonzerten in ganz Europa filmend recherchiert. Dieser Filme wäre ohne die Zwickauer Zelle nicht im Programm, in gewisser Weise handelt er sogar davon - von den Konjunkturen eines medialen Interesses, denen die Beschäftigung mit dem Thema Rechtsextremismus unterliegt. Jahrelang recherchiert Kuban ohne Geld, ohne Unterstützung von Fernsehsendern, um jetzt als Film der Stunde auf der Berlinale gewürdigt zu werden.

Diese Schieflage reflektiert "Blut muss fließen" eher dürftig, wie der gesamte Film von einer inszenatorischen Unzulänglichkeit ist, die sich auch mit der Brisanz des Themas (Kuban lebt undercover und erscheint auch zum Gespräch nach dem Film in seiner eigentümlichen bürgerlichen Heino-Verkleidung, weil er Morddrohungen aus der Szene erhalten hat) schwer verrechnen lässt - Ohlendorf zeigt, wie Kuban von einem Nazirock-Konzert zum anderen fährt, was erst gegen Ende durch die Öffnung ins Europäische an Informationsdichte gewinnt. Und kleinere Einblicke verschafft: Wenn in einer sächischen Disko die Betreiberin den Nazis sagt, dass sie ihre Musik "leider" nicht mehr spielen könnten, weil die Polizei die Veranstaltung in diesem Fall abbrechen würden - und die Skins danach zu Wolfgang Petry Polonaisen veranstalten.

Revision einer Meldung

Im Ganzen hat man aber das Gefühl, wenig darüber zu erfahren, was Kuban aus größter Nähe beobachtet, also wie etwa die Rekrutierung von Jugendlichen durch Rechtsrock aussieht. Der Fokus auf die Bedingungen von Kubans Arbeit ist etwas redundant, und, bei allem Respekt für diese unglaublich aufwändige, mutige und wichtige Arbeit, eigentlich auch nicht das Interessante am Stoff.

Bence Fliegauf hat in seinem Wettbewerbsbeitrag Csak a szél (Just the Wind) ebenfalls die extreme Nähe als Stilmittel gewählt. Er begleitet die Wege einer ungarischen Roma-Familie (Mutter, Tochter, Sohn) durch einen Tag, an dessen Ende die Menschenjagd eines Bevölkerungsmobs steht. Fliegaufs Film, der als Kandidat für den Goldenen Bären gehandelt wird, ist konsequent in seiner Beschränkung, die eher dokumentatisch zeigt, als inszenatorisch verdichtet. Aber auch hier kann man das Gefühl haben, dass die große Nähe zu den Protagonisten den Blick eher verengt als schärft.

In diesem Sinne ist Philip Scheffners Dokumentarfilm Revision der bemerkenswerteste Beitrag zu dem Thema (Kritik siehe hier) - dort wird, ausgehend von einer verdrängten, untergegangene Meldung von 1992 über den Tod zweier Rumänen in einem deutschen Getreidefeld, eine Geschichte aufgerollt, die in Zusammenhang mit Rostock-Lichtenhagen steht und vor allem verständlich macht, vor welchem rassistischen Hintergrund die NSU-Morde jahrelang ignoriert werden konnten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.