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Griechenland
Ich hatte nicht über Griechenland schreiben wollen, doch die Aktualität nötigt zu einer Vor- und Randbemerkung. Vor wenigen Wochen erst hat sich Bundeskanzlerin Merkel die Ansicht zu eigen gemacht, dass Griechenland einen europäischen Sparkommissar brauche. Jetzt versucht der griechische Ministerpräsident Papandreou, die Griechen einzubeziehen und sie über das europäische "Rettungspaket" demokratisch abstimmen zu lassen. Wenn dabei herauskommen sollte, dass die Griechen sich vielleicht gar nicht "retten" lassen wollen, würde das bedeuten, dass die europäischen und auch deutschen Banken, die in Griechenland angelegt haben und um deren Rettung es eigentlich geht, weit mehr abschreiben müssten, das heißt verlieren würden als jene 50 Prozent, die sie gerade erst mit den führenden Staaten der Eurozone ausgehandelt haben. Und schon die bloße Ankündigung der Abstimmung macht die Finanzmärkte unruhig. Eine brisante Situation. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte man sie durch die Errichtung einer Militärdiktatur gelöst, gerade in Griechenland, das über einen reichen Erfahrungsschatz mit solchen Diktaturen verfügt. Dieser Weg ist nicht mehr gangbar - zumal im arabischen Frühling -, man kann daher nicht voraussehen, was weiter geschehen wird. Papandreous Schritt hat aber schon einmal in Erinnerung gerufen, dass Wirtschaftskrisen solchen Ausmaßes, wie jetzt wieder eine abrollt, zum dritten Mal nach 1873 ff. und 1929 ff., die Demokratiefrage aufwerfen; dass sie, mit andern Worten, die Demokratie gefährden. Das war 1929 ff. der Fall und ist es auch heute.
Die Finanzkrise
Die Frage, wie es zur Finanzkrise gekommen ist, trägt zu deren Lösung bei, denn je nachdem, wie man sie beantwortet, wird man dies oder jenes am System der Finanzmärkte ändern, oder gar an der ganzen Produktionsweise. Ich schreibe hier auf, welche Antwort sich mir aus der Lektüre von Krisenliteratur bisher aufdrängt. Es scheint danach, dass unsere Politiker beim Versuch der Krisenbewältigung erheblich zu kurz springen: genau deshalb, weil sie zwar über die Veränderung von Regularien der Finanzmärkte nachdenken - und da noch am Unterschied der Interessen verschiedener Staaten scheitern -, nicht aber über die Veränderung, oder Umwälzung, der Produktionsweise.
Wenn man den neoliberalen Ökonom Hans-Werner Sinn liest (Kasinokapitalismus. Wie es zur Finanzkrise kam, und was jetzt zu tun ist, aktualisierte TB-Ausg. Berlin 2011), begreift man schon einmal, dass nicht die "Gier" von Bankmanagern die Krise ausgelöst hat. Wo sie märchenhaft hohe Renditen anstrebten und sich dabei riskantester Geschäftsmethoden bedienten, waren sie zwar gemessen an ihrer realwirtschaftlichen Funktion vollkommen unvernünftig. Aber sie mussten sich so verhalten, um in der Konkurrenz zu überleben. "Konservativ geführte Banken, die sichere Finanzprodukte verkaufen, werden aus dem Markt verdrängt" (S. 132). Es wäre zwar denkbar, dass alle Banken sich mit gemäßigten Renditen zufrieden gegeben hätten, wie sie es ja früher taten. Aber etwas zwingt sie, Aktionäre zu locken. Was das ist, wird bei Sinn nicht mehr klar. Er erklärt nur, wie die Staaten den Banken das riskante Verhalten erleichterten, und benennt Regulationsmechanismen, bei deren Anwendung sich das Risiko nicht zur Krise entwickelt hätte. Da denkt er wie die Politiker, die sich von Leuten wie ihm ja auch beraten lassen. Die Eigenkapitalquote war zu niedrig und das viel zu lasche Haftungsrecht müsste reformiert werden. So weit, so gut. Aber schon Sinns eigene Krisenrekonstruktion zeigt, dass mehr im Spiel war als gewöhnliche Laschheit, Konkurrenz und Risikofreude.
Er kann sehr gut erklären, wie die Krise aus dem Platzen der US-amerikanischen Immobilienblase entstand. In den USA ist es eine alte, schon von Franklin D. Roosevelt verfolgte Idee, dass jedem Amerikaner ein eigenes Haus zustehe. Der Wille zum Hauseigentum wird denn auch staatlich massiv gefördert. So hatte Präsident Clinton 1995 durchgesetzt, dass die Banken Wohnungsbaukredite an alle sozialen und ethnischen Gruppen, auch solche in strukturschwachen Gebieten, vergeben mussten. Dennoch beginnt die Immobilienblase erst nach der Jahrtausendwende und nimmt sogleich sehr merkwürdige Formen an. Man offeriert auch Arbeitslosen den Hausbau und verzichtet darauf, ihre Bonität zu prüfen, man weiß ja ohnehin, dass sie keine haben. Auf diese Weise kommen Millionen Menschen in den Kreditgenuss. Da die USA 24 Prozent des Weltsozialprodukts erwirtschaften, ist von vornherein klar, das Schicksal dieser Kredite muss alle Kontinente heimsuchen, auf welche Art auch immer. Ebenso klar ist, dass die meisten Kredite niemals zurückgezahlt werden können. Auch jene Arbeitslosen wussten es, hatten aber gar nichts zu befürchten. Man lebte ein paar Jahre herrlich im eigenen Haus und gab, wenn der Kredit nicht mehr verlängert wurde, einfach der Bank den Schlüssel zurück. Mehr haben die Banken nicht verlangt.
Sie wussten ihrerseits von vornherein, dass sie die Kredite nicht zurückerhalten würden. Was taten sie deshalb? Sie verkauften die Kredite weiter. Weil sich aber für solche Kredite, würden sie nackt angeboten, kein Käufer fände, mussten sie kräftig geschminkt werden. Sie wurden daher verbrieft, das heißt man schuf Wertpapiere, in denen Kredite verschiedener Art gebündelt waren. Genauer gesagt waren das Verbriefungen von Verbriefungen, höchst komplizierte Finanzprodukte, und Komplizierung war gerade das Ziel. Es kam nämlich darauf an, so geschickt zu bündeln, dass der Käufer die Faulheit beigemischter Immobilienkredite nicht bemerken konnte. "Die Endprodukte, die bei diesem Prozess herauskamen, konnte kein Mensch mehr verstehen." (S. 173) Die US-amerikanischen Ratingagenturen halfen bei der Bündelung durch Heerscharen von Beratern. Den Weiterverkauf förderten sie durch verlogene Bestnoten. Indem sie sich nicht einmischte, half auch die US-amerikanische Finanzaufsicht. Die Papiere konnten also ins Ausland verkauft werden, auch viele deutsche Banken griffen zu. Sie versprachen ja hohe Renditen. Und durchschauen ließen sie sich nun einmal nicht. Sinn zitiert einen "hochrangigen Vertreter der Banque de France", der 2008 auf einer Pariser Konferenz sagte: "Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, ein Finanzprodukt nur dann zu genehmigen, wenn es wenigstens einer von uns wirklich versteht. Diesen Grundsatz konnten wir aber nicht durchhalten, denn wir mussten stets befürchten, dass es dann von den Briten oder den Deutschen genehmigt werden würde. Also haben wir die Augen zugedrückt und die Genehmigung erteilt." (S. 216)
Die europäischen Anleger hatten letztlich keinen Grund, ein groß angelegtes Betrugsmanöver zu vermuten, denn so etwas war noch nie da gewesen. Man kann sagen, die Produktionsweise hätte nie funktioniert, ja es würde sie gar nicht geben, müssten Banken üblicherweise auf solchen Betrug gefasst sein. Aber nun hat es ihn gegeben und er ist die Ursache der europäischen Schuldenkrise. Er hat allerdings in den USA selbst den größten Schaden angerichtet. Aber dort ist die Lage wohl etwas weniger ernst, denn wenn der US-Staat seine Banken rettet, mag er sich noch so gigantisch verschulden, er wird immer Kreditnehmer finden, solange der Dollar die Leitwährung ist. Und er kann die Ratingagenturen im eigenen Land gängeln, wenn diese ihm die beste Bonitätsnote entziehen wollen. Mit Ärger darauf zu reagieren, dürfte nicht hilfreich sein. In der schweren Krise versucht nun einmal jeder Staat, zuerst die eigene Haut zu retten. Verwerfungen werden möglichst ins Ausland verschoben. Die USA haben sich auch nach 1929 ziemlich rücksichtslos verhalten, zusammen damals mit Großbritannien, indem beide den Goldstandard aufgaben. Das bedeutete im Klartext, sie erließen sich einen Teil ihrer Auslandsschulden. Sie konnten sich das leisten, weil sie mächtig waren.
Unsere Frage, wie es zur Finanzkrise kam, ist damit aber noch nicht beantwortet. Denn es wäre keine Erklärung, wollte man nur aufs Platzen der Immobilienblase verweisen. Das eigentliche Rätsel ist doch, dass die Blase überhaupt aufgeblasen wurde, mit so verantwortungslosen Mitteln. Wer das tut, muss da schon in der Krise stecken, und nicht erst, wenn die Blase platzt. Die Mittel waren gemein, das zeigt nur, wie verzweifelt man war. Doch in was für einer Krise steckte man eigentlich? Wir erfahren es nicht bei Hans-Werner Sinn.
Die Krise der Produktionsweise
Stattdessen hilft Elmar Altvater weiter (Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur, Münster 2010), der ganz einfach darauf hinweist, dass Banken Schuldner brauchen, und desto mehr Schuldner, je mehr Geld durch ihre Hände geht. Seit den 1970er Jahren ging gigantisch viel Geld durch US-amerikanische Banken. Damals setzten die zur OPEC zusammengeschlossenen ölfördernden Länder einen viel höheren Ölpreis durch. Einen marktgerechten Ölpreis, kann man sagen. Es war die Zeit, in der sich die letzten Kolonien befreiten, da konnte sich auch die OPEC durchsetzen. Das Produzieren wurde also teurer und die westlichen Volkswirtschaften durchlebten eine Krise. In dieser Zeit wurden viele Atomkraftwerke gebaut. Doch das größte Problem, die Zeitbombe, die damals gelegt wurde, waren die "Petrodollars". Öl wurde und wird in Dollars abgerechnet; infolgedessen legte etwa Saudi-Arabien seine märchenhaften Ölgewinne in US-Banken an.
Die Banken mussten mit diesem Geld nun irgendetwas anstellen; sie zahlten ja den Anlegern Zinsen, also mussten sie ihrerseits Zinsgewinne erzielen, die mindestens so hoch lagen wie die Anlegerzinsen. An wen aber sollten sie die gigantischen Geldmassen ausleihen? Mit dieser Frage beginnt die Krisengeschichte. Im ersten Stadium schien sie sich noch vernünftig beantworten zu lassen. Es gab Entwicklungsländer; um ihnen zu helfen, transferierte man Geld. So muss es sein, denkt man. Dass das Geld später nicht zurückfloß, schien Pech zu sein. Es lag nicht nur daran, dass die US-Banken während der Kreditlaufzeit die Zinsen erhöhten, um einer drohenden Inflation entgegenzuwirken. Ein ebenso wichtiger Grund war, dass die Entwicklungsländer mit dem geliehenen Geld zu wenig investierten. Die Führungsschichten gaben es lieber für den eigenen Konsum aus. Jedenfalls erwies sich dieser Kreditierungsversuch als nicht tragfähig, und die US-Banken mussten sich nach neuen Schuldnern umsehen.
In rascher Folge wurden die Schuldner-Gruppen, die man nun auftat, immer absurder. Die ostasiatischen "Tigerstaaten" waren noch immer eine vernünftige Anlageoption - Schwellenländer nunmehr, während man vorher die ärmeren Entwicklungsländer kreditiert hatte -, obwohl auch hier eine Blase entstand, die platzte. Dabei spielten auch Währungsspekulationen eine Rolle. Dann kam die Blase der "New Economy". Dass sie aufblasen wurde, muss schon als erstes Zeugnis der Verzweiflung gelten. Man wollte es einfach so, die neuen Dotcom-Klitschen sollten der Anfang einer ganz bedeutenden ökonomischen Entwicklung sein. Weil, wenn es so käme, man das Geld gut angelegt hätte. Wo sollte man es denn sonst anlegen? Aber auch diese Blase platzte, und nun blieb nur noch das ganz Absurde, die Immobilienkredite, von denen die Rede war. Bei den Blasen vorher hatte man auf Kreditrückzahlung doch wenigstens hoffen können. Jetzt hoffte man nicht einmal mehr. Aber was sollten die US-Banken denn machen - sie brauchten Schuldner! Letztmöglicher Schuldner nach dem Platzen der Immobilienblase sind nunmehr die Staaten, die ihre Banken retten wollen.
Soweit Altvaters Erklärung, der ich noch ein paar Erläuterungen beifügen möchte. Zunächst erweist sich, dass die Bankenkrise, die wir erleben, weit mehr als eine Bankenkrise ist. Viele warnen ja mit Recht davor, sie als solche zu isolieren und dann zu unterscheiden, wie die Nazis unterschieden haben, andere Worte gebrauchend, in der Sache aber identisch: zwischen "raffendem" Bank- und "schaffendem" produktivem Kapital. Aber man muss dann auch zeigen können, wo und wie die derzeitige Finanzkrise aus der realwirtschaftlichen Krise hervorgegangen ist. Im Versuch, das zu tun, neigt man leicht dazu, den Zusammenhang zwischen realwirtschaftlicher und Finanzkrise im Umkreis des Krisenjahrs 2008 zu suchen. Tatsächlich liegt er aber 35 Jahre zurück. Wer da sucht, wird fündig. Man kann sich keinen Zusammenhang denken, der "realwirtschaftlicher" wäre, weil wenn wir in die 1970er Jahre zurückgehen, wir auf Ölgewinn stoßen, Gewinn am Stoff, der die ganze Produktionsmaschine des Westens schmiert.
In diesen Jahren scheint es bereits unmöglich geworden zu sein, den vollen Kapital-Mehrwert zu reinvestieren. Das heißt, der Kapitalismus wäre damals bereits gescheitert. Aber war es nicht eher ein tragischer Zufall, dass die Entwicklungsländer aus der Kreditierung keinen besseren Nutzen ziehen konnten? Wenn man Karl Polanyi gelesen hat, wird man die Frage nicht unbedingt bejahen. Ihm zufolge ist das Nehmen und Zurückgeben von Kredit nur eins von vielen Funktionselementen der neuen homöostatischen Marktmaschinen - nicht zu verwechseln mit historisch älteren Marktkulturen -, die nach 1834 zuerst in Großbritannien, dann im ganzen Westen installiert wurden; eins von vielen Elementen, das wie alle andern nur funktionieren kann, wenn die ganze Marktmaschine funktioniert. Will sagen, es gehören eingeübte maschinenmäßige Verhaltensweisen der Gläubiger und Schuldner, vor allem aber auch des Staatspersonals dazu, deren Existenz in einem Entwicklungsland nicht einfach vorausgesetzt werden durfte.
Natürlich kann man solchen Ländern helfen, indem man Geld transferiert. Aber wenn das auf kapitalistische Weise geschehen soll, muss Profit in Form von Zins daraus hervorgehen. Das war nicht möglich, weil es den Schuldnerstaaten an kapitalistischem, das heißt marktmaschinenmäßigem Geist fehlte. Kapitalgeld kann nur innerkapitalistisch angelegt werden, da, wo man in der Marktmaschine lebt und webt. In der marktmaschinellen westlichen Weltregion gab es aber so große Anlagefelder nicht mehr, als dass die gigantischen Geldmengen dort hätten investiert werden können. Auch hier gilt ja die Bedingung, dass Gewinne für die Investoren herausspringen müssen. Es geht also nicht einfach darum, "die Binnenkaufkraft zu erhöhen", wozu man das Geld einfach verschenken könnte. Zur Immobilienblase der USA ist es gerade deshalb gekommen, weil man das Geld tatsächlich verschenkte. Denn was ist ein Kredit, den man vergibt, obwohl man weiß, dass er nicht zurückgezahlt werden wird, anderes als ein Geschenk? In den USA wurde die Binnenkaufkraft auch noch dadurch erhöht, dass man den Bankkunden ausdrücklich erlaubte, einen Teil des Wohnungsbaukredits zum schlichten Konsum zu verwenden.
Wie würde eine postkapitalistische Gesellschaft mit solchen Problemen umgehen? Wenn hier in der entwickeltsten Weltregion Gewinn aufläuft, der nicht gewinnbringend reinvestiert werden kann, kommt er in einem gesellschaftlichen Reservefonds; die Gesellschaft zahlt keine Zinsen dafür, muss das Geld also nicht verleihen, um ihrerseits Zinsen in gleicher Höhe zu erhalten. Der einzelne Ölscheich bekommt natürlich Zinsen. Man läßt ihm, sagen wir, 30 Millionen Dollar, und dieser Betrag, wenn er ihn auf die Bank trägt, wird verzinst. Wenn er aber noch eine Milliarde darüber hinaus gewonnen hat, darf er sie nicht behalten. Dieser Hypergewinn gehört der Gesellschaft. Solange es neben der höchstentwickelten Gesellschaft unterentwickelte Weltregionen gibt, wird er eingesetzt, diesen zu helfen, aber nicht in der Form, dass man sich einbildet, sie seien marktmaschinell organisiert, oder in der Form, dass man ihre Umwandlung in Marktmaschinen mit Blut, Schweiß und Tränen herbeizuzwingen versucht. Vielmehr kommuniziert man mit ihr. Mag sogar sein, dass man sie zur Selbstveränderung anhalten will. Es wird häufig gute Gründe geben, die dafür sprechen. Aber man geht vorsichtig mit ihr um, setzt sie nicht unter Druck. Wie schön wäre es, wenn u n s jemand zur Selbstveränderung anhielte, uns westliche Marktautomaten, an guten Gründen mangelt es nicht! Und würden wir dann nicht wünschen, dass man uns nicht pressiert?
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In der Reihe "Tagebuch der Krise" schon erschienen:
Stuttgarter Impressionen (2.11.2010)
Protest ohne Partei (9.11.2010)
Atempause in Deutschland (6.1.2011)
Plan C (19.10.2011)
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Lieber Herr Jäger,
ich kann nur jedem, der sich für die Genese dieser Krise interessiert, immer wieder raten, sich an den Ort zu begeben, an dem sie sehenden Auges katalysiert wurde. Dieser Ort ist die FED und die Zeit, in der die entsprechenden Beschlüsse fielen, ist das Jahr 2002. Wenn Sie also etwas Zeit haben, werfen Sie mal einen Blick hinein in die Gesprächsprotokolle: FOMC: Transcripts and Other Historical Materials, 2002 Von besonderem Belang sind dabei insbesondere die FOMC-Meetings vom 29.-30. Januar 2002 sowie vom 19. März 2002 (beides: PDF). Grüße! |
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Lieber j-ap, danke für den Link. Die Zeit, das zu lesen, muß ich mir unbedingt nehmen. Aber könnten Sie nicht schon mal in zwei, drei Sätzen den springenden Punkt andeuten? Das wäre furchtbar nett. Viele Grüße, M.J.
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Aber selbstverständlich kann ich das machen, Herr Jäger. Da das, was dabei zur Sprache kommt, nicht unwichtig ist, setze ich mal weiter unten fort.
(Entschuldigen Sie übrigens, daß ich Ihnen erst jetzt antworte; ich hatte Ihre Frage bis eben nicht gesehen.) |
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Bravo, der erste Krisenbeitrag, indem ich tatsächlich nichtmehr verstehe um was es geht. Kann mir das wer in einer paar Sätzen zusammenfassen, wie würde Blome diesen Artikel bei Hart aber Fair kommentieren ?
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Einleuchtende argumentative Linien, nur wie kommt die "postkapitalistische Gesellschaft" zu den notwendigen Machtmitteln der Selbstveränderung?
Wenn Argumente und Macht aufeinander prallen, steht der Sieger im Voraus fest. |
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schrieb am
02.11.2011 um 19:52
Das wurde aber im Artikel weder geschrieben noch gemeint, dass postkapitalistische Gesellschaft die Mittel der Selbstveränderungen braucht. Das habe sogar ich mit meiner Abwesenheit der Lesekompetenzen gerafft...
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@ Fahrenheit
Immer wieder schön von Ihnen zu hören. Nur ist Ihr Urteil(Ihr "Raffen") einfach zu vorschnell. A) Der Artikel von MJ ist einfach gut, soll heißen "einleuchtende argumentative Linien"(BW), in engem Bezug zu Sinn (konservativ-rechts) und Altvater (progressiv-links) B) "Wie würde eine postkapitalistische Gesellschaft mit solchen Problemen umgehen?"(MJ) "Wie schön wäre es, wenn u n s jemand zur Selbstveränderung anhielte, uns westliche Marktautomaten, an guten Gründen mangelt es nicht!"(MJ) Liegt es da nicht auf der Hand nach den "Machtmitteln der Selbstveränderung" zu fragen? "Lesekompetenz" zeigt sich immer in der Konkretion. Aber nichts für Ungut... Gruß BW |
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schrieb am
02.11.2011 um 23:51
Hör mal, Bildungswirt, was soll jetzt den Quark mit Siezen? Wenn Du willst, kannst Du mich weiter siezen... ich werde es nicht tun. Du hast damals als Erster mich gesiezt, ich habe dem schweigend zugestimmt... jetzt hast Du Laune, mich zu siezen, ich muss aber Deinen Entscheidungen nicht folgen und werde es nicht.
Nöö, mein Raffen ist nicht vorschnell, sondern genau richtig. Und sogar voll cool. Zu A). Wozu erklärst Du es mir , und zwar im Bezug auf mein Raffen? Ich habe mich dazu vorher gar nicht geäußert! Zu B). Du zitierst: "Wie würde eine postkapitalistische Gesellschaft mit solchen Problemen umgehen?" Richtig! Aber postkapitalistische Gesellschaft ist die Gesellschaft, die Kapitalismus schon hinter sich und damit verbundene eigene Probleme schon überwunden hat. In dieser Gesellschaft sind Menschen nicht mehr "westliche Marktautomaten", wie wir es jetzt sind, sondern sie sind anders. Sonst wäre es ja gar keine postkapitalistische Gesellschaft, sondern immer noch kapitalistische. Und wenn dann die Frage gestellt wird, wie geht man mit "solchen" Problemen um, dann geht es nicht um die eigene Probleme, nicht um die Selbstveränderung (die Selbstveränderung ist in der postkapitalistischen Gesellschaft schon vollzogen, zumindest für diesen Entwicklungsabschnitt), sondern um die Hilfe für die unterentwickelte Regionen... unter Problemen werden nicht mehr eigene Probleme gemeint, sondern Probleme von diesen Regionen. Am Ende des Textes kommt es zum zweiten von Dir zitierten Satz: "Wie schön wäre es, wenn u n s jemand zur Selbstveränderung anhielte, uns westliche Marktautomaten, an guten Gründen mangelt es nicht!" Aber dieser Satz bezieht sich nicht mehr auf postkapitalistische Gesellschaft (die postkapitalistische Gesellschaft ist dadurch kennzeichnet, dass da kein Kapitalismus und keine "westliche Marktautomaten" mehr gibt!), sondern auf die Gesellschaft, die wir JETZT haben... in dem Sinne: So, wie wir uns es JETZT gewünscht hätten, dass uns jemand zu Selbstveränderungen anhielt und dabei nicht pressiert, so müssen wir später in der postkapitalistischen Gesellschaft den unterentwickelten Regionen helfen. Hättest Du gefragt, wie wir JETZT zu den Mitteln der Selbstveränderung kommen, wäre es korrekt. In Bezug auf die postkapitalistische Gesellschaft aber nicht. Denn, wie gesagt, postkapitalistische Gesellschaft hat keinen Kapitalismus mehr, die Veränderung ist vollzogen. |
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schrieb am
02.11.2011 um 23:54
"Du hast damals als Erster mich gesiezt, ich habe dem schweigend zugestimmt... "
Sorry, ich habe natürlich gemeint "Du hast damals als Erster mich geduzt". Papa Freud lässt grüßen oder so... |
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schrieb am
03.11.2011 um 00:11
Habe nach wie vor nicht verstanden, ob Du die Wette mit mir aufnimmst? Das mit Lesekompetenzen?
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Liebe Lara, so wie Sie es erläutern, habe ich es gemeint.
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Liebe Lara, lieber Bildungswirt,
wir möchten Sie bitten, in Zukunft nur noch in der Sache zu diskutieren und von den Sticheleien / Streitereien auf persönlicher Ebene abzusehen. Wenn Ihnen das nicht gelingt, sollten Sie Diskussionen miteinander aus dem Weg gehen. Vielen Dank und viele Grüße. |
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schrieb am
03.11.2011 um 12:38
Warum? Sowohl Bildungswirt als auch ich sind erwachsene Menschen und wir brauchen keinen, der uns vorschreibt, ob wir befreundet sein sollten oder uns miteinander streiten dürfen. Das mag sein, dass einem oder anderem (inkl. Moderation) unsere Auseinandersetzungen nicht gefallen, aber wir stoßen gegen keine gängige Gesetze, wir benutzen keine böse Schimpfworte oder harte Beleidigungen, es wird auf keine persönliche Umstände angespielt, die man von der Öffentlichkeit zurückhalten möchte, die Plattform, auf der wir uns befinden (also Freitag) wird mit keinem einzigen Wort angegriffen... und wenn jemandem PERSÖNLICH unsere Auseinandersetzungen nicht gefallen, der kann ja auch weggucken... mir PERSÖNLICH gefallen hier einige Kommentarstränge und User ganz und gar nicht... darf ich verlangen, dass sie alle sich nach meinem Geschmack umstellen?
Diese Moderationsforderung ist willkürlich und ich werde mich daran nicht halten. Wenn Bildungswirt mit mir ein Problem hat, dann soll er es auch mit mir klären anstatt sich bei der Moderation zu beschweren. Außerdem wurde hier über die Sache diskutiert, also über den Text von oben stehendem Artikel. Und wenn da eine oder andere Stichelei angefallen ist, geschah dabei nichts, was in den anderen Strängen und mit den anderen User nicht tagtäglich geschieht. |
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Liebe Lara,
Sie können in Ihrem privaten Umfeld streiten mit wem und wie auch immer Sie mögen, wenn Sie dies jedoch hier tun, dann geht das nicht nur Sie und die entsprechende Person etwas an, sondern stört die Community. Es handelt sich also mitnichten um Willkür. Ihre Streitereien erreichen auch hier einen Punkt, der nichts mehr mit dem eigentlichen Text zu tun hat und auch an anderer Stelle, wo ich nun ebenfalls etwas dazu schrieb, haben Sie völlig ohne Bezug zur Diskussion den Bildungswirt ins Spiel gebracht. Ich möchte Sie noch einmal bitten, nur noch in der Sache zu diskutieren. Danke. |
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Liebe Maike Hank,
Einmischungen der Moderation sind nicht nötig, danke. Ich habe jedenfalls nicht darum gebeten. Gern würde ich nur auf der Sachebene diskutieren, aber manchmal funktioniert das nicht, wenn eine schräge Beziehungsebene von einem Diskutanten über mehrere Blogs hinweg beigemischt wird, dann muss man sich der Mühe stellen, zumal wenn es um die "Andere Gesellschaft" geht (dann gelten höhere Kommunikationsmaßstäbe). Zur Illustration: (Die Kommentierungen beziehen sich auf meine Blog-Beiträge "Die Muße ist die Zwillingsschwester der Freiheit" und "Lob des Mittagsschlafes", jeweils "fortlaufende Randnotizen zur Anderen Gesellschaft" - sehr ausführlich dort!) Fahrenheit 451 schrieb am 27.10.2011 um 17:01: Okay, Bildungswirt, ich werde in der Zukunft weder bei Dir noch bei Herrn Jäger kommentieren, denn es hat offensichtlich gar keinen Sinn. Ihr redet andauernd über Alternativen, aber diese Alternativen sollten bitte, bitte keine Unterschiede mit Euren eigenen Projekten vorweisen, und Ihr redet andauernd über Solidarität, ohne der geringsten Vorstellung, was Solidarität überhaupt ist. Dieser Entschleunigungs-Schlafen-Muße-Kram als Zukunftsprojekt und als andauernd erklärtes richtiges Leben... daran gibt es nichts zu kommentieren genauso wie an dieser Oberlehrer-Manier, an diesen herablassenden Blicken - hört, hört, wir wissen zwar, dass Arbeitstiere eben nur Tiere sind, dazu auch kapitalistische, aber wir werden mit ihnen Nachsicht haben und großzügig abwarten, bis die cleverste von denen sich in Schlafmützen umerziehen - wie auch an diesen Belehrungen, die Lesekompetenzen zu entwickeln (ich habe Dich darauf herausgefordert, unsere Lesekompetenzen zu vergleichen, dann ist es plötzlich ganz still drum herum geworden?). Das reicht mir irgendwie. Entschleunigt Euch weiter in Euren anderen Gesellschaft und pflegt Eure hochgeliebte Egos... ich mache dann eben einen möglichst großen Bogen um. Du hast Recht, es gibt genug andere Möglichkeiten... sowohl die Möglichkeit meine eigene Vorstellungen in meinen eigenen Texten zu artikulieren als auch genug andere Blogger/reale Personen, mit denen ich in wesentlichen Aspekten einverstanden bin. Das ist mir Wert. Bildungswirt schrieb am 27.10.2011 um 19:05 @ Fahrenheit Ja, wir sollten das "Gespräch" zumindest temporär lassen. Da sind mir auf deiner Seite zuviel schräge Behauptungen, Provokationen, Pöbeleien und zu große Wissenslücken. Viel Erfolg auf anderen Blogs... Gruß BW Da Fahrenheit aber immer weiter kommentierte...und SuzieQ vermittelnd tätig war, antwortete ich noch einmal ausführlicher: Bildungswirt schrieb am 29.10.2011 um 18:50 @ Fahrenheit @SuzieQ Leisten wir uns doch die Klärungszeit, für alle einsehbar. Sie schreiben: "Ich halte mich nur heraus, weil es ungerecht ist, was Bildungswirt schreibt, aber ich habe keine Lust, die Sache zu klären, weil ich da schnell die Contenance verlieren und in irgendetwas reinsteigen werde, in was ich reinsteigen nicht möchte." Aber genau in solchen Statements liegt das Problem. Kurz ein paar analytische Hinweise: 1. Sie halten sich entgegen Ihre Behauptung gerade nicht raus, sondern fällen ein weiteres provokantes "Urteil". Sie behaupten als allgemein gültig "Ungerechtigkeit" sei von mir im Text ("es ungerecht ist, was BW schreibt"). Sie spüren offensichtlich keine Notwendigkeit einer Beweisführung. Gerechtigkeit ist ein sehr hohes politisches Gut, genau deshalb sollte mit Vorwürfen wie gerecht/ungerecht besonders sorgfältig umgegangen werden. 2. Sie Schreiben "ich habe keine Lust, die Sache zu klären" - aber kann es hier im Forum um "Ihre" Lust oder Unlust wirklich gehen? Sie können, wenn Sie nicht wollen, z.B. einem Mittagsschlaf einlegen und eben gar nichts kommentieren. Das ist Ihre Wahl. 3. "..weil ich da schnell die Contenance verliere..." ---nur was kann die Community dafür? Sie sollten schon an sich arbeiten, damit angemessene Kommunikation möglich ist.Das ist eine Regel für ein sinnvolles Gespräch. Dies legt eben gerade keine einzelne Person für sich fest, sondern das hat sich aus Tradition und Konvention schlicht gewährt. Aus all dem kurz Gesagten können Sie schließen, dass ich selbstverständlich immer noch gesprächsbereit bin, wenn auch unter bestimmten Voraussetzungen. Gruß BW Wir kommen in der FC manchmal nicht umhin, uns solche kommunikativ-beziehungsmäßigen Ausflüge zu leisten. Abschließende Frage: Sind Fahrenheit451 und Lara zwei Nicks der selben Person? Beste Grüße BW |
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"Wie würde eine postkapitalistische Gesellschaft mit solchen Problemen umgehen? Wenn hier in der entwickeltsten Weltregion Gewinn aufläuft, der nicht gewinnbringend reinvestiert werden kann, kommt er in einem gesellschaftlichen Reservefonds; die Gesellschaft zahlt keine Zinsen dafür, muss das Geld also nicht verleihen, um ihrerseits Zinsen in gleicher Höhe zu erhalten."
Wie jetzt, in einer postkapitalistischen Gesellschaft gibt es noch so eine Kategorie wie Gewinn? Enttäuscht! Ich dachte es geht bei einer postkapitalistischen Gesellschaft eben nicht mehr um die Anhäufung abstrakten Reichtums in Form von Geld. |
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Lieber lebowski, das ist ein weites Feld. Ich weiß natürlich, daß es viele Menschen gibt, die meinen, in der postkapitalistischen Gesellschaft werde es 1. kein Kapital und 2. keine Ware-Geld-Beziehung mehr geben (und das eine folge eh notwendig aus dem andern). Es gibt aber auch welche, vor mir z.B. Fernand Braudel und Joachim Hirsch, die meinen, es werde kein Kapital mehr geben, die Ware-Geld-Beziehung aber wohl (und das eine folge n i c h t aus dem andern). Wenn einen diese Frage interessiert, muß man sich Zeit für sie nehmen; ich schreibe ja eine ausführliche Blog-Serie dazu mit bisher 69 Eintragungen unter dem Titel "Die Andere Gesellschaft" (www.freitag.de/community/blogs/michael-jaeger/01-die-andere-gesellschaft-gliederung-in-kapitel-und-tagebuch). Was diesen Artikel hier betrifft, brauchen wir uns aber nicht zu streiten. Es geht nur um die Erklärung der Krise, den letzten Absatz können Sie sich notfalls weggelassen denken.
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j-ap schrieb am 02.11.2011 um 14:12
Also 2002 war doch schon alles auf dem Weg. Alle Grundstrukturen wiesen schon in die Richtung. Und so kommt die These im Beitrag tendenziel schon hin, dass die Krise schon in den Anfangszeiten der 70´ger Jahre programmiert wurde. Mindestens aber in den letzten 20 Jahren - seit dem Ende des kalten Krieges. Deutlich zu erkennen laut dem Beitrag ist, dass es aufgrund von Konzentration von Kapital zum Überangebot kam. In Verbindung mit Rendite-Zwang war dies wohl der Bruch im System. |
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Ein sehr guter Artikel, der sich eigentlich kurz und bündig zusammenfassen lässt: Am Anfang standen Unmengen von (billigem) Geld. Diese Erkenntnis ist allerdings nicht gerade neu. Trotzdem lässt sich alles andere- einmal mehr- direkt daraus ableiten. Eine wesentliche Erkenntnis: Die viel gescholtenen Banken sind nicht alleine an allem schuld. Aber vieleicht das Geldsystem: It's the money, stupid! Ein äusserst lesenswerter Beitrag dazu hier anhand eines einfachen Modells von Paul Krugman, interpretiert vom Schweizer Tages Anzeiger:
blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/5175/babysitting-okonomie-reloaded/ |
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(Fortsetzung von weiter oben.)
1. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Lage zu Beginn des Jahres 2002. Was haben wir da? Wir haben mehrere nicht 'verdaute', sondern nur vertagte und also verschleppte Krisen, die ihre Spuren in der Weltwirtschaft hinterlassen haben: a) die sehr harte Landung der »New Economy«, die sich 2000/2001 binnen Halbjahresfrist (!) zu ¾ ihres Volumens in Luft auflöste (»Schock von 2001«), b) die noch etwas weiter zurückliegenden Verwerfungen der Asien- und der Rubelkrise (1997/1998), c) Ende 2001/Anfang 2002 der Scheitelpunkt der Argentinienkrise (Bankruns, Abwertung, Ausscheiden vom Anleihenmarkt, frappante Kapitalflucht und Desinvestition), d) seit Oktober 2001 der Afghanistankonflikt sowie der laufende und an Intensität zunehmende »War on Terror« und die damit zusammenhängenden fiskalischen Erfordernisse, die eine Kriegswirtschaft so mit sich bringt, Diese großen makroökonomischen Fäden (neben denen, die Sie schon selber im Artikel erwähnt haben, alsda wären Petro- & Defence-Dollar) laufen nun, Anfang 2002, im Direktorium der FED zusammen. Hinzu kommen noch diverse »weiche«, vorwiegend interne technische Faktoren, die hier nicht zu unterschätzen sind: e) Die amerikanische Zentralbank hat, im Unterschied etwa zur Bank of England und insbesondere zur EZB, den ersten Auftrag, die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, will sagen, Konjunkturpolitik zu betreiben; f) Ende 2001 gab es den sog. »Harvard-Appell« (die Bezeichnungen variieren, mir ist die von eben geläufig), in dem sich 500 namhafte US-Ökonomen dafür aussprachen, die Zinsen nicht nur nicht zu erhöhen, sondern schleunigst zu senken. Insbesondere wurde Alan Greenspan nämlich dafür verantwortlich gemacht, durch eine angeblich 'zu restriktive' Zinspolitik der FED die kleine Rezession von 2001 ausgelöst zu haben. (Witz am Rande: zu denen, die damals am lautesten nach Quantitative Easing geschrien haben, zählen Krugman und Stieglitz; also genau diejenigen, die es jetzt, in der Krise, schon immer besser gewußt haben wollen). g) Graviert wurde das alles noch dadurch, daß ein offizieller 'Ruf' sowohl aus dem Kongreß als auch dem Weißen Haus an die FED erging: Ihr da, ihr Wächter auf den Kommandohöhen des Dollars, macht mal gefälligst was — unmittelbar für den amerikanischen Kapitalstandort und sein sich verflüchtigendes Wachstum, von dessen Bedienung nicht wenige Haushaltsgrößen abhängen, mittelbar aber auch für die ganze Weltwirtschaft, die schließlich auf die Intensivstation muß, wenn die USA husten. Unterstützt wurde dieser Ruf aus der Eurozone (in der die Rezession schließlich zuerst zuschlug), durch die Bank of England, durch die Bank of Japan und durch die Chinesen — auch das hat Gründe, die mit dem horrenden Zwillingsdefizit der USA zusammenhängen. Es ist nämlich eine interessierte Lüge, daß die USA ihre Dollars einer Restwelt aufnötigen und aufzwingen würden, die diese Dollars im Grunde gar nicht benötigte. Doch, tut sie, sie tut es sogar händeringend, weil der Dollar nun einmal die Fakturierungseinheit des gesamten Weltmarkts ist und andere Währungen überhaupt nur in dem strikten Sinn Währungen sind, als sie sich in letzter Instanz in Dollar konvertieren lassen. Deshalb ist diese Restwelt genauso und genau nicht anders auf Dollars angewiesen wie die USA selber. Ich komme darauf noch zurück. 2. Nun sitzen die Direktoren und Gouverneure der FED also um einen Tisch in New York herum und sinnieren — nicht mehr darüber, was zu tun sei, denn diesen »Weisel« haben sie schon bekommen, und zwar von ganz oben: Macht hoch die Geldtür, die Zinstor macht weit. Es geht nur mehr um die Frage, wie die Sache am besten durchzuziehen sei. Und eben deshalb sind die von mir weiter oben verlinkten Sitzungsprotokolle so wichtig, weil eben dort am Tisch der FED-Direktoren sämtliche Bedenken vorgetragen wurden, die jetzt großspurig als nachgetragene »Krisenanalysen« irgendwelcher Experten daherkommen. Im Gegensatz zur landläufig über sie verbreiteten schlechten Meinung sind nämlich die Herrschaften nicht völlig blöd und wissen sehr genau um die Konsequenzen ihrer Maßnahmen. 3. Was tat also die FED? Sie hat, wie gewünscht und beauftragt, das Zinsfenster nach unten geöffnet und den Geldhahn aufgedreht. Man möge selber nachlesen, wie da, halb im Scherz, halb im Ernst, bei Selters und Orangensaft darüber diskutiert wurde, ob die FED nun sämtliche Baseballteams der Nation zusammenkauft, um das Geld unter die Leute zu bringen, oder sich gleich den ganzen Kongreß kauft. 4. Bekanntermaßen ist die Sache letztlich andes gelaufen, nämlich — und jetzt sind wir beim Punkt — über den direkten Ankauf amerikanischer Immobilienanleihen sowie ihre Garantie durch die beiden staatsnahen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac. 5. Warum der Immobilienmarkt? Ganz einfach: a) Die US housing starts sind ein bedeutender Konjunkturindikator; wer den anschiebt, der setzt die Zeichen auf Expansion. b) Der Immobiliensektor ist kein Pappenstiel, sondern einer der größten Sachwerthaufen, die in einer Volkswirtschaft gemeinhin herumstehen. In ihm arbeiten nicht wenige Menschen und nicht wenige und nicht die kleinsten Unternehmen sind in ihm tätig; darüber hinaus hängen an den Subsektoren gleich nochmal so viele Arbeitsplätze. c) Dadurch, daß der Immobilienmarkt in den USA durch die gigantischen staatlichen Hypobanken abgesichert und garantiert ist, lassen sich die allemal zirkulierenden Hypoforderungen de facto wie Staatsanleihen (be-)handeln: Das sind die berühmt-berüchtigten MBS (mortgage backed securities) gewesen. d) Diese MBS und die damit zusammenhängenden Derivate (ABS, CDO usw.) sind, und jetzt komme ich auf den Punkt von vorhin zurück, insbesondere im Ausland zu einem de facto-Ersatz für amerikanische Staatsanleihen geworden! (Der MBS-Markt ist zB 2003/2004 binnen Jahresfrist auf das doppelte Volumen des Treasuries-Marks angewachsen). 6. Die FED hat auf die eben beschriebene Weise via Immobilienmarkt alles in allem eine Billion Dollar über der amerikanischen Volkswirtschaft »abregnen« lassen. Dieses Geld ist anschließend wie Öl zunächst in jede Ecke der amerikanischen Volkswirtschaft gesickert und hat auf diese Weise einen höchst realen, gewaltigen Boom ausgelöst, übrigens den größten und intensivsten (gemessen an seiner relativ kurzen dauer von fünf Jahren) der jüngeren Geschichte: So wurden aus einer Billion »Anschub« insgesamt etwa 7-8 Trillionen »assets« — durch Kreditierung, Investition, weitere Kreditierung, Kreditierung der Kreditierung, die wiederum weitere Investitionen induzierte und so weiter und so fort; und nicht nur in den USA, sondern in sämtlichen kapitalistischen Metropolen dieser Welt. Die Folgen sind bekannt. Wie es dazu kam, das steht, wie gesagt, in den Niederschriften des FOMC, die ich oben verlinkt habe. Ich rate nochmal dazu, sie sich in einer ruhigen Stunde zu Gemüte zu führen. Grüße & guten Abend. |
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@ j-ap
Danke für diesen weiterführenden erhellenden Ko-Text zu Michael Jägers Blog-Beitrag. |
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@Michael Jäger schrieb am 03.11.2011 um 00:13
Ich weiß, Michael. Wir haben ja auch vorher in Resonanz gedacht. Hätte mich gewundert, wenn es jetzt anders wäre. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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