Gerade kommen wir von der Wahlparty zurück. Die wenigen, die hier à la campagne für Melenchon sind, rückten eng zusammen. Das vorläufige Ergebnis: Hollande (28,80), Sarko (26,10), Le Pen (18, 60), Melenchon (11,70), Bayrou (8,?) , Eva Joly (2, ?) , die weiteren alle unter 5%. Ich kann nur meinen ganz persönlichen Eindruck von den Fernsehauftritten wiedergeben: Für mich ist es verwunderlich, dass Hollande, der eine äußerst blasse Figur abgibt, solch einen Wahlerfolg hat. Meine Interpretation ist, dass für viele Franzosen das jetzige System unakzeptabel ist und sie wollen eine Veränderung. Hollande verspricht klare Veränderungen mit sozialer Wirkung (Reichensteuer etc.). Gleichzeitig wirkt er aber nicht beängstigend radikal, sondern eher großväterlich gemütlich. Marine le Pen verspricht auch klare Veränderungen, die den sozialistischen ähneln und sie bedient gleichzeitig mit offenem Rassismus ein Feindbild, was für viele eine willkommene Erklärung für soziale Missstände und eigene Zukunftsängste ist. Bayrou ist bürgerlich biegsam, er ist Identifikationfigur für das Bildungsbürgertum ( Herkunft: vergleichbar mit einem deutschen Oberstudienrat für das Fach Deutsch, verh. sechs Kinder) . Auch Melenchon kommt aus dem Lehrergewerbe, er ist knackig und stellt klare Forderungen nach Umverteilung. Er gehört der Partie de Gauche an, zu deren Gründungsmitgliedern auch Oskar La Fontaine gehört. Die Stimmung auf unser Wahlparty war gemischt. Hollande trauen unsere Freunde ohnehin nicht viel zu und sie fürchten den zweiten Wahlgang am 6. Mai. Sarko ist ein talentierter Redner, Hollande ist es nicht. Nun möchte Sarko drei Rededuelle mit Hollande vor dem 6. Mai haben, Hollande maximal eins, wenn überhaupt. Meine Meinung ist, dass so viele Franzosen so enttäuscht von Sarko sind und so viel Angst vor der Zukunft haben, dass auch ein brillantes Rededuell zugunsten Sarkos für diesen in's Leere laufen wird. So waren denn auch einige auf der Wahlparty guter Hoffnung, dass Sarko endgültig abgewählt wird. Jedoch auch dann bleiben die Sorgen. Wird Hollande den Banken, den Konzernen, den "Finanzmärkten" die Stirn bieten können? Wahrscheinlich nicht. Aber er ist das kleinere Übel. Marine le Pen plant, eine neue Partei zu gründen, um so leichter mit einer eventuellen UMP, d.h. Sarko-Regierung, die Macht zu übernehmen. Sarkozy plus Le Pen Minister ... das wäre gruselig. Also fiebern wir dem 6. Mai entgegen.