Bemerkenswertes Theater um einen „konterrevolutionären Ideologen“
Der Theaterbesucher muss einen langen schmalen Gang umsäumt von Wachtürmen langgehen, muss alle persönlichen Gegenstände in einen Schrank einschließen, wird dann einzeln in eine Kabine zur Durchsuchung gebeten. Ist das jetzt der Beginn eines jener modernen Theaterstücke, bei den das Publikum eben nicht nur Zuschauer sondern auch Akteur ist? Ich werde den Eindruck nicht los. In diesem Fall bekommt der Theaterfreund einen kleinen Eindruck, in die Sicherheitsarchitektur der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel. Die Schauspieler sind in diesem Falle die Männer und Frauen des Sicherheits- und Bewachungspersonals. Sie geben dem Theaterbesucher einen anschaulichen Erfahrungsbericht in das Kontrollregime eines Gefängnisses, in dem sie alle so behandeln, als wollten sie Gefangene besuchen oder wären selber welche. Dabei wollen die meisten nur ein Theatererlebnis der etwas anderen Art goutieren, wenn sie die Open-Air-Aufführung von Don Quichotte besuchen. Gespielt wird im Hof der JVA Tegel, wo eine halbe Treppe, eine offene Kabine und einige Gerätschaften aufgebaut sind, die an die Kunst eines Serra erinnern. Das Ensemble des Gefangenentheaters Aufbruch besteht aus 19 Schauspielern, die einige Episoden aus dem Leben des Ritters von der Traurigen Gestalt Don Quichotte aufführen. Sie machen das mit viel Humor und Kurzweil, gerade weil sie eben keine Theaterprofis sondern Gefangene sind, die innerhalb von 8 Wochen die Aufführung proben mussten. Wenn sie sich mal versprechen, im Text verhaspeln oder einer der Mimen nur mit Mühe einen Lachanfall unterdrücken kann, kommt die wahre Stärke der Aufführung zur Geltung. So ist es gerade kein Kompliment, wenn manche die Gefangenenkünstler als Theaterprofis bezeichneten. Ja, sie sind Meister der Schauspielkunst, aber ihr Spiel gewinnt gerade durch ihre Nichtprofessionalität.
Kein Klamauk
Das heitere Stück über einen Mann, der sich von einem Kneipier zum Ritter schlagen lässt, in Schafherden kämpfende Ritterheere imaginiert und am Ende im Kampf gegen eine Windmühle unterliegt, in die er einen Riesen hereininterpretiert, hat natürlich einen hohen Unterhaltungswert. Aber zum Klamauk verkommt die Vorführung gerade in der JVA Tegel nicht. Die Schauspieler rezitieren Texte von Peter Weiss, Hölderlin, Erasmus von Rotterdam und Heiner Müller. Einmal kommt auch ganz neuzeitlich ein Vorsorgebevollmächtigter des für unzurechnungfähig erklärten Ritters zu Wort. In dem Stück geht um Wahnsinn und Gesellschaft, um Befreiung und Anpassung, um Leben und Tod. Viel Kluges wird gesagt und auch manche schrecklich dumme Alltagsweisheit. So wird schwadroniert, dass allen Revolutionäre doch nur die Suppe angebrannt ist oder Schuh drückt und sie hinterher schlechter als zuvor dastehen. Obwohl solche Stammtischparolen von den realen Ereignissen in den Ländern mit einer wirklichen Revolution Lügen gestraft werden, finden sie gerade hierzulande, wo es nie zu einer richtigen Revolution gekommen ist, immer offene Ohren. Aber am Ende bleibt Don Quichotte nach seiner Niederlage gegen die Windmühle eine tragische Figur, deren Zeit abgelaufen ist und kein gescheiterter Revolutionär.
Ende des Abenteurertums
Der marxistische Literaturwissenschaftler Michael Nerlich klassifiziert Don Quichotte im Programmheft als "Ideologen des Ritterabenteuers“ und „konterrevolutionären Ideologen“. „Was bleibt, wenn der Traum endgültig aus ist, wenn der Don Quichotte gestorben ist, wenn nicht die illusionslose Bejahung der realen Welt, des aktiven Lebens“, fragt Nerlich und trifft den Nagel auf dem Kopf. Zu Ende ist die Zeit des Rittertums, das meinte mit einigen heroischen Aktionen die Armen befreien zu können. Obwohl solche Vorstellungen noch in der Gestalt des Superbarrios, der in Mexiko für die Armen kämpft, virulent sind, brauchen die Unterdrückten keinen edlen Ritter mehr. „Uns von unseren Elend zu erlösen, müssen wir schon selber tun“, diese Zeile der Internationale ist die wahre Grabrede auf alle Don Quichottes dieser Erde.
An dem Theaterstück werden sich aber noch die Menschen erfreuen, wenn die Vorgeschichte zu ende ist. Die Vorstellung des Don Quichotte durch das Gefangenentheater wird noch einmal gegeben am 15.7. um 18 Uhr in der Seidelstraße 38 in der JVA Tegel.
Peter Nowak
weitere Infos: www.gefaengnistheater.de/