Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

25.11.2009 | 02:00

Gerd-Rüdiger Hoffmann - die Treibjagd geht weiter

 

  Der Brandenburger Linke-Abgeordnete Gerd-Rüdiger Hoffmann wurde von seiner Partei fallen gelassen. Der Grund: Er soll am 5. Juni  1970, als 17jähriger Schüler  auf einem karierten Stück Papier eine Verpflichtungserklärung für die Stasi-Mitarbeit unterschrieben haben. Konkrete Bespitzelungsvorwürfe sind über ihn nicht bekannt. Trotzdem kostet das Papier 39 Jahre später den heute 57jährigen Kulturpolitiker die Karriere. Die Taz hat diesen Schritt gleich als richtigen Schritt für die politische Kultur gelobt. Dabei ist genau das Gegenteil richtig. Es ist ein Schritt tiefster  Verlogenheit und passt gut in die Kampagne zur Delegitimierung der DDR. Die Linkspartei spielt,  nur um die Ministerposten nicht zu verlieren, dabei auch noch mit.

Sie hätte sich einfach auf den Standpunkt stellen müssen, dass Hoffmann sich als Jugendlicher, wohl ohne Druck von außen, zur Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst seines Landes bereit erklärt hat. 1970, es war der Beginn der Entspannungspolitik, war das Ende der DDR nun wirklich nicht abzusehen. Was ist also dabei?

Um nicht missverstanden zu werden. Ich bin durchaus der Meinung, dass die Abschaffung der Geheimdienste ein wichtiges Ziel emanzipatorischer Politik ist. Dass aber damit gerade die DDR, die nun wie sich spätestens im Dezember 1989 zeigte, von der BRD  real bedroht war,  voran gehen sollte,  leuchtet mir nicht ein. Noch weniger, dass heute ein Politiker sanktioniert werden soll, für eine Unterschrift, die er als Jugendlicher tätigte. Hätte er in dem Alter einer rechten Gruppierung angehört, wäre die Tat als Jugendsünde verziehen worden.

 

Heute übliche Praxis   

Die Brandenburgische Koalition hätte eine sinnvollere Lehre aus den Erfahrungen mit der Stasi und anderen Geheimdiensten ziehen können. Sie könnte in Brandenburg und auch im Bundesrat die Initiative ergreifen, dass heute junge Menschen nicht mehr für den Geheimdienst arbeiten dürfen. Denn diese Praktiken sind auch nach der Auflösung der Stasi nicht vorbei. Gerade Studierende sollen heute  für ein entsprechendes Salär bestimmte politische Gruppen besuchen und darüber berichten. Dazu gehörte in Berlin beispielsweise das Sozialforum sowie Initiativen gegen Hartz IV.  Die informellen Besucher, die teilweise Seminare eines politisch engagierten Politologen besucht hatten und sich mit dieser Legitimation leichter Zugang zur politischen Szene verschaffen konnten,  berichteten sehr detailliert. Das wurde erst bekannt, als Mitglieder des Berliner Sozialforums Einsicht in ihre Akte forderten. Sie wurde nur in wenigen Fällen gewehrt und dabei waren die Berichte der studentischen Spitzel zu finden.

Sie sind keine Ausnahme. Mittlerweile wurde bekannt, dass auch Hartz IV-Empfänger für Jobs beim Verfassungsschutz rekrutiert wurden  Lehnten sie ab, konnten sogar Leistungskürzungen drohen. Eine andere Form, informelle Mitarbeiter zu ködern, machten Mitte der 90er Jahre an der Freien Universität Berlin Schlagzeilen. Ein Student war bei einer Antifaktion von der Polizei kontrolliert worden und dann darauf angesprochen worden, einen Kommilitonen zu bespitzeln, der sich angeblich publizistisch mit linken Widerstand beschäftigt. Um an den Kommilitonen ranzukommen, sollte der Student den gleichen Kurs besuchen und dann mit ihm ins Gespräch und auch in die politische Diskussion kommen. Der Angeworbene machte das Spiel zum Schein mit und ging dann an die Presse. Doch da war er wohl eher eine Ausnahme. Es ist sehr wahrscheinlich, dass solche und ähnliche Anwerbungen informeller Mitarbeiter heute eher noch zugenommen haben. Nur eine Verpflichtungserklärung auf einen Stück karierten Papier ist im Computerzeitalter wohl nicht mehr nötig. Wer es mit dem Kampf für eine Welt ohne Geheimdienste ernst meint müsste diesen Praktiken einen Riegel vorschieben.

 Solange würdelose Abstrafungsaktionen wie bei  Gerd-Rüdiger Hoffmann  nicht aufhören, müsste jetzt grundsätzlich bei jedem Politiker eine Überprüfung gefordert werden, ob er jemals in seinem Leben informell für den Verfassungsschutz gearbeitet hat, egal in West oder Ost. Soviel Gleichberechtigung müsste 20 Jahre nach dem Anschluss doch möglich sein.

   Peter Nowak

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.11.2009 um 09:38
Der Ausschluss wirft natürlich auch ein Licht auf die Partei, Die Linke. Vor allem wird nicht berücksichtigt welcher Druck auf einen 17-jährigen ausgeübt wurde. Wäre er in der CDU, wäre er als Opfer stilisiert worden.
I.D.A. Liszt schrieb am 25.11.2009 um 18:33
Wirft so ein Vorgang nicht doch eher einen grellen Strahl auf den Zustand unserer Gesellschaft/unserer Demokratie.

Da wird eine Partei von der Wahrnehmung der Allgemeinheit quasi ausgeschlossen (dadurch daß im allgmeinen nur immer von der SPD als Opposition geredet wird) und so stigmatisiert, daß ihre Mitglieder sich jeder Entwürdigung unterziehen, nur um dazuzugehören und mitspielen zu können.
Wenn sie dann diesem Muster folgen, diskreditieren sie sich bei denen, die eigentlich ihr politisches Umfeld darstellen - wie man an Dir treflich sieht, sachichma.

So versteht es der Klassenfeind (das Wort vewende ich mit Bedacht) seit fünfzehn Jahrzehnten und vielleicht länger, unter denen, die eigentlich miteinander solidarisch sein sollten, Zwietracht zu säen.
Wenn diese Saat dann aufgegangen ist und die (irgendwie) Linken sich untereinander bekämpfen, heißt es, sie seien "nicht politikfähig". Das trifft wahrscheinlich zu, denn wenn die Linken politikfähig wären, würden sie selbst genau dieses Spiel mit dem Klasseneind spielen.
Mona schrieb am 25.11.2009 um 19:29
"Der Grund: Er soll am 5. Juni 1970, als 17jähriger Schüler auf einem karierten Stück Papier eine Verpflichtungserklärung für die Stasi-Mitarbeit unterschrieben haben. Konkrete Bespitzelungsvorwürfe sind über ihn nicht bekannt."

Deshalb hat ihn die Partei doch gar nicht fallen gelassen. Dann wären ja auch Frau Kaiser & diverse andere in Brandenburg weg vom Fenster. Abgesehen davon gehen aus seiner Stasi-Akte wohl doch konkrete Bespitzelungsvorwürfe hervor, oder?

So oder so: Die Fraktion hat ihn doch letztlich nicht wegen der IM-Tätigkeit an sich ausgeschlossen, sondern weil er gegen einen Beschluss seiner (bzw. der Vorgänger-)Partei verstoßen hat, der besagt, dass Mandatsträger es offenzulegen haben, wenn sie für die Stasi tätig waren.

Es geht nicht um die Tätigkeit an sich, sondern darum, dass er nicht dazu steht.

Ich sehe den Beschluss überhaupt nicht als Verlogenheit, sondern als nur konsequenten Schritt an. Sie können ja kaum den zugrundeliegenden Beschluss mal eben außer Kraft setzen...

Abgesehen davon kann er sein Mandat behalten und hat wohl auch nicht vor es abzugeben. Seine politische Karriere kann also bis knapp vorm Rentenalter noch weitergehen, wenn auch nicht in der Fraktion.
Knüppel schrieb am 26.11.2009 um 14:47
Danke Mona, für diese Richtigstellung!

Ich werte Deinen Kommentar als Beitrag gegen einen (nicht nur von mir) beobachteten Trend zur "gezielten" Desinformation.

Gruß
SP
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