Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

23.08.2011 | 14:59

Keine Gerechtigkeit für Nafissatou Diallo

 

 

Die Einstellung der Anklage gegen Strauss-Kahn zeigt an: Für Menschen   mit der falschen Hautfarbe und dem falschen Kontostand ist Gerechtigkeit ein Traum

 

Fast hätte man denken können, es gibt schon im Spätkapitalismus etwas Fortschritt. Die  Hotelreinigungskraft Nafissatou Diallo, die ihr Überleben mit dem Putzen mondäner Suiten bestreiten musste, konnte   einen mächtigen IWF-Chef wegen sexueller Belästigung anzeigen und sie wurde gehört. Das Bild, das  diese Charaktermaske auf dem Weg zum Gericht zeigte,  war eine Hoffnung nicht nu für die Frau.     Eine mächtige Stütze des Systems begann zu realisieren, dass die Zeit der Straflosigkeit  vorbei sein könnte. Doch, spätestens jetzt ist dieser Traum aus. Eine Frau mit geringen Einkommen und falscher Hautfarbe, kann  nicht gegen eine der Stützen des Systems   Gerechtigkeit einklagen.

 

Dass das Verfahren gegen Strauss-Kahn eingestellt wird, kam nicht überraschend. Schon   wenige Tage nach seiner Inhaftierung, begann die Kampagne der Staatsapparate, die Anklägerin zur Schuldigen zu stempeln.  Dabei wurden alle Register gezogen. Da es zu viele Indizien gab, die   ihre Version der versuchten Vergewaltigung bestätigten, verlegte sich ein Team von Prominentenanwälten millionenschwer honoriert, auf die Vita  von Nafissatou Diallo. Sie habe  bei ihrer Einbürgerung falsche Angaben gemacht, zudem noch Kontakt mit einen  Mann, der sich im Gefängnis befindet, lauteten die Hauptvorwürfe. Besonders perfide, in  einem System, in dem Menschen nichtweißer Hautfarbe überdurchschnittlich oft im Gefängnis landen, muss sich eine Frau mit nichtweißer Hautfarbe gegen den Vorwurf wehren, mit einem Gefängnisinsassen Kontakt zu haben und über den sexuellen Angriff gesprochen zu haben.

Letztlich         waren die Botschaften der Anklage klar, die Frau sei zu arm und unbedeutend, um sich an eine Stütze des Systems wie Strauss-Kahn heranzuwagen.    Wenn du arm bist, wenn du Einwanderin   bist, dann musst du sexuelle Belästigungen hinnehmen. Wenn du Glück hast, bezahlt dich der Täter, wenn du Pech hast,      nicht mal das. Aber weil du die falsche Hautfarbe und die falsche    Klassenzugehörigkeit hast, ist du keinen Anspruch auf  eine juristische Verfolgung von sexuellen Belästigung. Diese Lesart wurde jetzt durch die Einstellung der Anklage bestätigt. Dabei wurde völlig ausgeblendet, dass die Indizien  gegen Strauss-Kahn zugenommen haben. Nach der Anklage haben auch andere Frauen ihr Schweigen gebrochen und detailliert bekundet, ebenfalls sexuellen Angriffen des IWF-Chefs ausgesetzt gewesen zu sein.  Das couragierte  Vorgehen von  Nafissatou Diallo hatte ihnen Mut gemacht.

 

Kapitalismus mit feudalistischen Zügen

 

Jetzt  sind wir wieder angekommen im realen Kapitalismus 2011. Die Blütenträume einer Gerechtigkeit für eine Reinigungskraft gegen eine Stütze des Systems sind schnell verwelkt. Statt sind wir mit einer kapitalistische Realität  mit feudalistischen  Zügen konfrontiert. Die zeigten sich schon darin, dass  Nafissatou Diallo  häufig als Zimmermädchen bezeichnet wurde. Hier finden sind eindeutig Anklänge an feudalistische  Erzählungen, wo es Mädchen  und auch Buben giing, die weitgehend rechtlos waren und sich gegen die  sexuellen Angriffe ihrer Herren nicht wehren konnten.

 

    Von wegen, vor dem Gesetz sind alle gleich. Nie wurde deutlicher, dass Gerechtigkeit und auch der Schutz vor sexueller Gewalt eine Klassenfrage ist. Schon vor mehr als 30 Jahren hatte die Aktivistin Angela Davis in einem Buch die Verknüpfung von Patriarchat, Rassismus und     Kapitalismus gut herausgearbeitet. Ihr Fazit lautete, die drei antagonistischen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse müssen eigenständig aber gemeinsam bekämpft werden. Diese Konsequenz einer allumfassenden Befreiung ist in der Zwischenzeit verloren gegangen. Eine eher mittelständisch orientiere feministische Bewegung versuchte, die Rechte   der Frauen im hier und jetzt zu verankern. Das ist ein verständliches Ziel, doch in New York zeigen sich die Grenzen dieses Konzepts. Wenn  frau die falsche Hausfarbe, die falsche Herkunft und den falschen Kontostand hast, kann sie von dieser Gerechtigkeit nur träumen. Vielleicht werden darauf wieder mehr Menschen, die Konsequenzen ziehen, wie sie  Angela Davis einst formulierte. Erst wenn wir im Kampf gegen Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat    voran kommen, könne sich erfüllen, was sich beim Gang von Strauss-Kahn zur Anklagebehörde andeutete. Dann wäre die Zeit der Straflosigkeit auch sie alle vorbei und auch für Nafissatou Diallo gäbe es Gerechtigkeit.

 

Peter Nowak

 
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Kommentare
Rahab schrieb am 23.08.2011 um 15:07
nur eine frage:
wo, wenn nicht im hier und jetzt, sollten frauenrechte (sind menschenrechte) denn sonst so verankert werden?

im übrigen ist feminismus erheblich weiter denn "mittelständisch orientiert".
wird von hiesigen normal-linken nur nicht besonders goutiert.
Erich der Muster-Mann schrieb am 19.09.2011 um 12:10
Wie kommt man eigentlich zu der Annahme, dass eine Zeugin, die nachgewiesenermaßen bei ihren Angaben zur Sache zigmal gelogen hat, davon sogar zweimal vor Gericht, unter Eid stehend, so glaubwürdig ist, dass man jemanden wegen einer angeblich begangenen Straftat aufgrund der Zeugenaussage eben dieser Person verurteilen könnte?

Es ging bei der Einstellung des Verfahrens gegen DSK eben NICHT darum, dass sie "nur" eine Reinigungskraft und er der (Ex-)Chef des IWF ist. Es ging darum, dass Frau Diallo persönlich unglaubwürdig geworden war, nachdem man ihr nicht nur zahlreiche Widersprüche in ihren Aussagen nachgewiesen hatte, sondern auch eklatante Lügen und auch zwei eidliche Falschaussagen vor Gericht. (Auch das ist übrigens ein Straftatbestand; man nennt so etwas Meineid.)

Ausgerechnet an Frau Diallo einen Fall von angeblicher rassischer oder sozialer Diskriminierung festmachen zu wollen, das ist ein ehrenhafter Versuch, aber leider an einem zur Gänze untauglichen Fall.

DSK mag ein Schürzenjäger sein und es mit der ehelichen Treue nicht so genau nehmen. Aber das macht aus ihm noch lange keinen Vergewaltiger. Er hat für seinen Fehltritt teuer bezahlen müssen, nämlich mit dem Ende seiner beruflichen Laufbahn, und mit seinen politischen Ambitionen dürfte er damit auch gescheitert sein. Ein hoher Preis für einen Fehltritt. Und der Rest geht nur ihn und seine Familie etwas an.
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