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Kultur : Kohlhaas in der JVA-Tegel

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Die Taschen abgeben, Handy, Geld und Schlüssel aufs Band zur Kontrolle und dann abtasten lassen. Dieses Prozedere erwartet man am Flughafen aber nicht bei einem Theaterbesuch. Außer man entscheidet sich für einen Besuch der Aufführung des Kohlhaas von Heinrich Kleist in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Ohne Tasche und gut durchgecheckt kommt man dann schließlich in den Innenhof, wo die Bühne aufgebaut ist. Neben den Besuchern gibt es als weitere Zuschauer die Gefangenen, die das Theater von ihren Zellenfenstern aus verfolgen. Gleich geht die dunkle Wandauf, die bisher noch die Schauspieler, auch sie Gefangene, verdeckt und die Show goes on.

Das Kohlhaas-Motiv ist in vielerlei Art und Weise in die Literatur eingegangen, als Parabel auf einen Gerechtigkeitsfanatiker, der schließlich verbranntes Land im wahrsten Sinne des Wortes hinterließ.

Der Streit begann um ein Wegegeld in einen Kleinstaat wenige Jahrzehnte nach Ende des Dreißigjährigen Krieg. Am Ende bekam Kohlhaas Recht und trotzdem verlor er sein Leben. Man kann aber das ganze Geschehen als Aufbegehren des Bürgertums lesen, das sich nicht mehr von jeden kleinen Duodezfürsten segieren lassen wollte. In Tegel geht es aber auch um die durchaus aktuelle Frage, wann bricht ein Mensch mit allem ihn anerzogenen gesellschaftlichen Konventionen. Wann wird er zu dem, was die öffentliche Meinung kriminell nennt? Wieso sind wir hier in Tegel gelandet und können anders als ihr, das Publikum nicht nach der Vorstellung noch in die nahe Weinkneipe gehen Diese Frage stellte sich, weil auch die Dialoge aktualisiert wurden. Wenn ein junger Darsteller mit migrantischen Hintergrund einen von Kohlhaas Vertrauten spielt, dann redet er im Stile der Jugendlichen in einem der sogenannten Problemkieze. Sogar aus dem Bekennerschreiben zum Frankfurter Kaufhausbrand 1970 wird zitiert.

Diese Methode mag Hütern des klassischen Theaterstücks nicht schmecken, in Tegel gewinnt das Stück durch die Aktualisierung allerdings.

Denn hier schließen sofort weitere Fragen an über die Sinnhaftigkeit von Zwangsanstalten, wie sie Gefängnisse nun mal sind. Dann wird ein solcher Theaterbesuch in die JVA nicht als Abenteuertour eines erlebnishungrigen Kulturbürgertums begriffen. Vielmehr ist er ein Exempel dafür, wie unvernünftig eine Welt eingerichtet ist, die andere einsperrt. Schließlich hat schon Michel Foucault nachgewiesen, dass die „Geburt der Gefängnisse“ auf die Arbeitshäuser zurückzuführen ist, die all jene disziplinieren sollten, die sich der herrschenden Moral und Wirtschaftsordnung widersetzen. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Aufführung des Kohlhaas an diesen Ortgenau das richtige Stück.

Peter Nowak

Vorstellungen: 16., 18., 23., 25. und 30. Juni sowie 2. Juli 2010, Treffen vor dem Tor 2 der JVA Tegel, letzter Einlass 17.30 Uhr, weitere Infos: www.gefaengnistheater.de/aufbruch/

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