Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

06.03.2010 | 03:37

Lerne und lebe - eine Theaterkritik

 

Zunächst hat der Sohn nur Verachtung übrig für seine tote Mutter. Ihr letzter Wille erscheint dem jungen Mann, der von einer Karriere als Boxer träumt, wie eine letzte Schikane. In einem Wutausbruch beschimpft er die tote Mutter. Seine Zwillingsschwester widmet sich derweil an der   Universität der Mathematik.

In den nächsten zwei Stunden hingegen werden die beiden jungen Leute ihr bisheriges Leben infrage stellen. Denn treten eine Reise in die Vergangenheit  der Mutter an, in den bürgerkriegszerrissenen Libanon der späten 70er Jahre.   

In seinem preisgekrönten Theaterstück "Verbrennungen" will Wajdi Mouawad, der als Jugendlicher selber vor dem Krieg aus dem Libanon floh und heute in Kanada lebt, viele aktuelle Probleme zusammenführen. In Berlin wurde das Stück im Rahmen des 10. Festivals Internationaler Neuer Dramatik (FIND) an der Schaubühne aufgeführt.   

Das gelingt ihm überwiegend sehr gut. Überzeugend ist die Szene, wo sich die junge Nawal Marwan zum Bruch mit ihren Eltern und Verwandten entscheidet. Sie hört auf den Rat ihrer  Großmutter, die ihr eindringlich empfiehlt, lesen und schreiben zu lernen. Der Bruch mit einer Welt, in der blinde Schicksalsergebenheit gepaart ist mit der Unterdrückung jeglicher menschlichen Regung, wird mit einer Eindringlichkeit inszeniert, die angesichts der zunehmenden Stärke antiemanzipatorischer Bewegungen nicht nur im Nahen Osten besonders aktuell ist. Vor ihrem Tod bittet die Großmutter, Nawal ihren Namen auf den Grabstein zu schreiben. Sie, die im Verborgenen leben musste, will zumindest am Grab keine Unbekannte mehr sein. Selten wurde ein Emanzipationsprozess so eindringlich dargestellt. Eine Freundin schließt sich Narwal an. Auch sie will nicht mehr in einer Welt leben , wo blinde Gewalten herrschen und jedes rationale Argument abgelehnt wird.

Auf der Suche nach Narwals unehelig geborenem Sohn geraten die beiden  Frauen in den Horror des Libanesischen Bürgerkrieges, der sich zunehmend in einen Kampf Aller gegen Alle verwandelt.    Um Ideologien geht es schon längst nicht mehr, nur noch um eine endlose Kette von Gewalt und Rache. Narwals Freundin will sich aus Verzweiflung über die täglichen Massaker selber daran beteiligen. In einer beeindruckenden Rede gelingt es Narwal, sie davon abzuhalten. Dabei bleibt sie nicht bei einem moralischen Pazifismus stehen, der die Gewalt grundsätzlich und allgemein ablehnt.  Nein, sie erklärt ganz deutlich, dass sie diejenigen hasst, die für die Gewalt verantwortlich sind. Sie lehnt es ab, die Kette der Gewalt immer wieder zu verlängern, die Verantwortlichen aber durchaus zur Rechenschaft ziehen. Sie entschließt sich, einen  berüchtigten Milizenführer zu erschießen und ist sich dabei bewusst,  dass sie sich selber in Lebensgefahr begibt. Der Dialog  zwischen Narwal und ihrer Freundin ist wohl eindeutig der Höhepunkt des Abends. Doch leider ist das Theaterstück noch nicht zu Ende.

Menschelndes Ende

In den letzten 20 Minuten menschelt es dann gewaltig und der Regisseur scheint Anleihen an antike Tragödien zu machen. Am Ende ist der berüchtigte Warlord der verlorene Sohn von Narwal, der seine eigene Mutter, die er nicht erkennt, foltert, vergewaltigt und schwängert. Narwal erfährt die bittere Wahrheit erst, als sie im Prozess gegen den Kriegsherrn als Zeugin aussagt. Danach verstummt sie und wird bald darauf schwer krank.

Mit diesem Ende bekommt das Stück eine unangenehme, in Deutschland aus historischen Gründen sehr beliebte Aussage: Es sind doch alles Opfer, der Mensch ist verstrickt in Gewaltverhältnisse. Selbst eine so emanzipierte Frau, wie Narwal, die sich an den Rat der Großmutter: „Lerne, denke, lebe“ gehalten hat, verstummt angesichts der Verhältnisse. Als am Ende noch der Kriegsherr  mit den anderen  unter den Regenschutz kriecht, wird die Spießerweisheit „Wir sind doch alles Menschen“ auf so plumpe Weise inszeniert, dass es fast schmerzt. Schade, dass dieses Ende das Stück  ins Banale herunterzieht. Doch die starken Seiten sollen dabei nicht vergessen werden. 

 

Peter Nowak              

Französisch mit deutschen Übertiteln von Uli Menke

Regie: Wajdi Mouawad | Bühne: Emmanuel Clolus

Musik: Michel F. Côté | Licht: Eric Champoux

Mit: Gérald Gagnon, Jocelyn Lagarrigue, Isabelle Leblanc,

Julie McClemens, Ginette Morin, Mireille Naggar, Valera

Pankov, Isabelle Roy, Richard Thériault

Produktion: Abé Carré Cé Carré und Au Carré

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