Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

21.01.2011 | 15:47

Wenn Milchbauern und Erwerbslose zusammen auf die Straße gehen

 

 

 

 

Morgen werden sich Erwerbslose mit einen eigenen Block an einer Demonstration für gesunde Ernährung teilnehmen und wollen damit das  im Zuge des Dioxin-Skandals medial vermittelte  Bild des „geizigen  Verbrauchers" die Realität entgegensetzen. Sie stoßen auf eine Mauer des Schweigens auch in durchaus kritischen Medien. Die Angst scheint so groß vor diesen kleinen Ernährungskampf, dass er aus dem Medien herausgehalten werden muss. Denn hier rufen nicht einige romantische Gymnasiasten "Bioprodukte für Alle" und gehen Containern. Hier kommen klamme Michhändler und klamme Verbraucher zusammen und durchkreuzen den Diskurs von den unterschiedlichen Statusgruppen mit den so unterschiedlichen Interessen, die gar nicht zusammen kommen können. 

   Zu Beginn der Grünen Woche in Berlin rufen am kommenden Samstag  zahlreiche Organisationen zu einer Demonstration für gesunde Ernährung und gegen Gentechnik, Tierfabriken und Dumpingexporte auf.       Unter dem Motto „Krach schlagen statt Kohldampf schieben“ (www.krach-statt-kohldampf.de/sites/index.html ) werden sich Erwerbslose mit einen eigenen Block an der Demonstration beteiligen.

Milch, Macht, Mindesteinkommen

Wie kommen Erwerbslose auf die Idee, Krach zu schlagen auf einer Demo von Umwelt-, Landbau- und Bioaktivisten?

Die Antwort ist einfach.  „Höhere Regelleistungen und Einkommen sind nötig,  damit sich Millionen Menschen faire, gentechnikfreie Produkte aus regionaler Landwirtschaft wieder leisten können.“

Das Engagement von Erwerbslosen für ausreichende und gesunde Ernährung hat eine Vorgeschichte. Am 29.Mai 2010 hatten Aktivisten der  Arbeitslosenselbsthilfe Oldenburg (www.also-zentrum.de/schwupp.htm), des Bundes Deutscher Milchvielhalter (bdm-verband.org/html/) und der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (www.verdi.de/ )  erstmals zu einer gemeinsamen Kundgebung in die Oldenburger Innenstadt aufgerufen. Die Zahl der Teilnehmenden hielt sich mit knapp 150 Menschen in Grenzen. Doch die Organisatoren waren sehr zufrieden. Noch lange nach Abschluss der eigentlichen Kundgebung diskutierten Menschen zusammen, die sich  sonst wohl kaum getroffen hätten“, berichteten Beteiligte im Internet. Schließlich diskutierten Gruppen zusammen, die in der öffentlichen Diskussion als Kontrahenten mit gegensätzlichen Interessen betrachtet werden.  Nach dieser Logik müssten die Bauern  für höhere Verkaufspreise, die Erwerbslose und Niedrigverdiener für möglichst günstige Preise auf die Straße gehen und diese beiden Forderungen schließen sich aus.  Doch in Oldenburg benannten die  Aktivisten der unterschiedlichen Gruppen die Profitlogik des Kapitals als gemeinsame Ursache für  die Verarmung von landwirtschaftlichen Produzenten, Erwerbslosen und prekär Beschäftigten. So hätten die Discounter in den vergangenen Jahrzehnten eine Marktmacht entwickelt, die ihnen  erlaubt, den Zugang der Waren zum Käufer zu kontrollieren. Doch sie setzen nicht allein die Ladenpreise und Hungerlöhne der bei ihnen Beschäftigten fest. Zugleich bestimmen sie den Preis, den die Erzeuger für ihre Produkte erhalten, die immer mehr und billiger produzieren müssen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. Die Beteiligten verabredeten, sich künftig gegenseitig zu unterstützen. Wie Erwerbslose und  Discounterbeschäftigte die Forderungen der Milchbauern vertraten, so beteiligten diese sich an einer bundesweiten Erwerbslosendemonstration von knapp 3000 Menschen am 10. Oktober (www.krach-statt-kohldampf.de/sites/index.html) letzten Jahres in Oldenburg. Ähnlich wie bei der Kundgebung am 29 Mai war das Fazit der Organisatoren überwiegend positiv. Dabei ging es nicht in erster Linie um die Teilnehmerzahl sondern um das Kreieren  eines Protestsymbols: den Kochtopf und den Löffel, um damit Krach zu schlagen. Diese leicht kopierbare Protestform  wurde mittlerweile öfter angewandt, wo sich Hartz IV-Politiker in der Öffentlichkeit zeigten. Auch am kommenden Samstag  dürfte der Krach-schlagen-Block nicht zu überhören sein.

Klammer statt geiziger Verbraucher 

Damit können sie ein wichtiges Signal auch an Teile des Demonstrationsspektrums senden. Denn längst nicht alle, die für gesunde Ernährung auf die Straße gehen, haben dabei die Situation von Hartz IV-Beziehern und Menschen mit geringen Einkommen mit im Blick. Dass zeigt sich  an den Debatten nach der Aufdeckung des aktuellen Lebensmittelskandals. Dort taucht immer wieder die Figur des geizigen Verbrauches auf, der nicht viel Geld für Lebensmittel aufbringen will und deshalb Verantwortung für den Lebensmittelskandal trägt. In der  Taz  vom 15.01.2011 wurde unter der Überschrift „Sind die Verbraucher schuld?“ (www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=me&;dig=2011%2F01%2F15%2Fa0017&cHash=140c590d89 ) über die Verantwortung für das Dioxin in den Futtermitteln diskutiert. Für die Köchin in einem Nobelrestaurant Carmen Krüger war die Schuldfrage klar:    „Der Kunde von heute ist ein Geizhals. Und dem wollen die Immer-noch-billiger-Anbieter gefallen. Ohne Rücksicht auf Verluste.“ Menschen mit wenig Einkommen kommen  in ihrem Weltbild sowenig vor wie in ihrem Restaurant. Der Stuttgarter Physiker Thorsten Schober schreibt spöttisch: „Wer immer sofort mit dem Argument des mangelnden Einkommens wedelt, der hat sich in den meisten Fällen noch keine Gedanken über die eigene Ernährung und den Anteil am Einkommen gemacht. Es wird in diesen Tagen oft das Szenario der vor dem teuren Bioladen verhungernden Armen gezeichnet. Sehr realistisch!“ Man sich wünschen, die Schreiber solcher Zeilen würden vier Wochen ihren Speiseplan nach den finanziellen Möglichkeiten  eines Hartz IV-Empfängers ausrichten. Die waren in der Taz-Umfrage gar nicht gefragt worden. Eine solche Debatte über Verbrauchermacht – und verantwortung blendet Menschen mit geringen Einkommen systematisch aus. Darauf werden die klammen Verbraucher am Samstag im Erwerbslosenblock hinweisen. 

  

 Peter Nowak

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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Kommentare
ForenBoy schrieb am 21.01.2011 um 15:56
Auch Hartz4ler sollte man nicht für seine Zwecke instrumentalisieren.
j-ap schrieb am 21.01.2011 um 16:01
Donnerlittich, Schnuffelhase: In sieben Minuten ein Blog lesen, verstehen, sich eine Anschauung bilden und danach ein kategorisches Urteil dazu aufschreiben — Boah!
ForenBoy schrieb am 21.01.2011 um 16:13
Du bist ja nur neidisch,@j-ap, nicht erster gewesen zu sein.....lach.
Peter Nowak schrieb am 21.01.2011 um 16:13
Der Erwerbslosenblock wird von aktiven Erwerbslosen organisiert, die sich selber organisieren, aber gewiss nicht instrumentalisieren.
ForenBoy schrieb am 21.01.2011 um 16:17
...noch was, ich verstehe während des Lesens und bilde mir gleichzeitig eine Meinung, also alles parallel und nicht seriell, wie Du es wohl machst.

Deshalb geht das schneller, alles kein Geheimnis, versuche es doch auch einmal.........
ForenBoy schrieb am 21.01.2011 um 16:23
@Peter Novak, wenn man nur ein fixes Budget zur Verfügung hat, sollte man sich erst recht mehr Gedanken darüber machen, für was man sein Geld ausgibt, vielleicht sollten Hartz4ler mal damit beginnen.

Wenn sie zum Beispiel auf Fleisch, Alkohol und Zigaretten verzichten würden, was alles nicht nur der eigenen Gesundheit zugute käme, dann hätten sie genügend Geld sogar für richtig wertvolle Lebensmittel.

Nur ein Vorschlag von vielen.
carlfatal schrieb am 21.01.2011 um 19:18
@ Forenb oi,
schön, daß Du Verzicht predigen kannst, vielleicht kannst Du das auch mal vormachen und den Mund nicht so weit aufsperren. Da soll was rein, aber nicht alles muß da auch wieder raus...
ForenBoy schrieb am 21.01.2011 um 20:49
keine Sorge, ich schreibe nicht mit dem Mund........

Außerdem hat mein Vorschlag absolut nichts mit Verzicht zu tu, sondern mit Konsequenz und Verantwortungsgefühl, und das sollte man jedem Menschen abverlangen können, oder?
alterknacker schrieb am 21.01.2011 um 20:27
Es wird ein Häuflein sein, dass da demonstriert, wie sonst auch. Deutschland ist noch nicht reif für die Straße. Hier weiterlesen: freies-in-wort-und-schrift.info/2011/01/21/deutschland-und-die-hartz-gesetze/
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