Peter Nowak

Blog von Peter Nowak

04.08.2010 | 03:03

Wikileaks – maßlos überschätzt

 

Es gab eine Zeit, da sahen sich Zeitgenossen als kritisch fast subversiv an, weil sie wöchentlich den Spiegel lasen. Waren sie doch tatsächlich der Meinung, dass sie dort Dinge zu lesen bekamen, die sonst nirgendwo abgedruckt wurden. Dass der Spiegel mit seinem kritischen Image eigentlich eine Ventilfunktion hatte und grundsätzlichen Protest eher behinderte, kam diesen kritischen Zeitgenossen nicht in den Sinn.

Der Spiegel hat sein Image als kritisches Blatt weitgehend verloren, aber die Vorstellung, dass die Mächtigen der Welt manipulieren und lügen, ist noch immer weitverbreitet. So wird noch immer in der Veröffentlichung von mehr oder weniger geheimen Dokumenten ein fast schon subversiver Akt gesehen. Was einst der Spiegel war, ist nun im Internetzeitalter Wikileaks, das sich darauf spezialisiert hat, genau die geheimen Dokumente zugänglich zu machen. Aktuell sind es Richtlinien aus  dem Afghanistankrieg, die Wikileaks veröffentlicht hat und scheinbar ins Schwarze getroffen, zumindest den Reaktionen aus den ideologischen Staatsapparaten der USA nach zu urteilen. So hat      Washington Post-Kolumnist Marc A. Thiessen die Schließung von Wikileaks und die Verfolgung von dessen Gründer Julian Assange gefordert. Die Drohung, dass Assange auch außerhalb der USA nicht sicher ist, lässt schon befürchten, dass er von den USA ihn zum Staatsfeind Nr. 1 erklären werden könnte. Assange wird darauf nur gewartet haben, schließlich hat er ja im Freitag-Interview bemängelt, dass sich in den westlichen Ländern zu wenige Journalisten für die Meinungsfreiheit opfern. Ja, er bemängelte sogar, dass viel zu wenige Journalisten für ihren Beruf in den Tod gehen. Da muss Assange, der sich schon seit langen vom den USA-Behörden verfolgt wähnte,  die Kampfansage der Washington-Post natürlich Labsal sein. Was Besseres können ihm die US-Staatsapparate gar nicht liefern. So wie Franz-Josef Strauß mit seiner Nacht-Nebel-Aktion gegen Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein dem Wochenmagazin erst das richtige Renommee besorgt hat, kann die drohende Repression Wikileaks genau den Märtyrer-Status verschaffen, den Assange bei dem Interview so vermisste.

Falsches  Staatsverständnis

Inhaltlich  ist die Bedeutung des Projektes hingegen äußerst fraglich. Denn, die Vorstellung, dass die Welt von Mächten gelenkt werden, die im Geheimen agieren und die immer wieder entlarvt müssen, ist ein Kennzeichen all derer, die von der Funktionsweise von Staat und Kapital nichts wissen wollen.

Die Truth-Bewegung, die nach den Anschlägen vom 11.9.2001 mit den unterschiedlichsten Verschwörungstheorien aufgewartet ist und den Anspruch hat, die ganze  Wahrheit  zu enthüllen, ist das Umfeld, in dem Wikileads entstanden ist.  Es wird dem Projekt wohl gelingen, noch manche Politiker zur Weißglut zu treiben und trotzdem wird  es maßlos überschätzt. Denn er die Funktionsweise von Staat und Nation erkunden will, der dürfte nicht irgendwelche Strategiepapiere aus nichtöffentlichen  Sitzungen oder  irgendwelche Militärrchtlinien für den Nabel der Welt erklären. Der müsste die Kapitalgesetze studieren, die Gesetzmäßigkeiten von tendenziellen Fall der Profitrate und ähnliches. Doch diese Mechanismen, die für das Weltverständnis grundlegend sind, werden nicht bei Wikileaks veröffentlicht, zumindest nicht solange ein  Assange dort etwas zu sagen hat. Deshalb werde ich es mit Wikileaks so halten, wie mit dem Spiegel, beide ignorieren und lieber im Kapital lesen, das ist ein besserer Beitrag, um was über die Wirkungsweise von Staat und Nation erfahren.     

 

Peter Nowak

 
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Kommentare
Margareth Gorges schrieb am 04.08.2010 um 11:26
siehe dazu :
Erstaunliche Wendung in Sachen Wikileaks
www.nachdenkseiten.de/?p=6381#h19

und

Spiegel Online wird immer unerträglicher. Flach , flacher, flachester Kampagnenjournalismus
www.nachdenkseiten.de/?p=6371
PicaPica schrieb am 04.08.2010 um 12:30
Lieber Peter Nowak,

gerade über Staat und Nation erfahren wir im "Kapital" recht wenig, da - wie bekannt - Marx keine ausgearbeitete Staatstheorie hinterlassen hat, was - wie ebenfalls bekannt - zu heftigen Auseinandersetzungen und Debatten unter MarxistInnen geführt hat und weiterhin führt. Anzustreben wäre nach meiner Ansicht eine Analyse gegenwärtiger Entwicklungen die sowohl theoretisch fundiert ist, wie auch in der Lage ist, neueres Quellenmaterial (und das sind die Wikileaks-Dokumente schließlich) vor einem solchen theoretsichen Hintergrund adäquat zu interpretieren.

Die Wikileaks-Dokumente berichten im Übrigen auch nicht über das Wirken irgendwelcher "geheimer Mächte", sondern über das Agieren eines konkreten imperialistischen (auch wieder so ein Theorieproblem) Staates und seines militärischen Aggressions- und Repressionsapparats.
Volker Birk schrieb am 04.08.2010 um 13:11
Ach Gottchen.

Dann nimm doch Dein Kapital, und stells auf einen Altar. Deine Beziehung zu diesem Buch scheint sowieso dieselbe zu sein wie die eines Evangelikalen zur Bibel.

Wikileaks hat bisher mehr interessantes geheimes Material veröffentlicht als alle Wistleblower vorher zusammen. Die einzigen, die in die Kategorie kommen, sind Cryptome. Und es gibt Leute, die nicht so denken wie Du, sondern die wissen wollen, was in der Welt passiert, und nicht nur was im heiligen Buch steht.

Viele Grüsse,
VB.
lonely_crowd schrieb am 04.08.2010 um 14:44
>Die Truth-Bewegung, die nach den Anschlägen vom 11.9.2001 mit den unterschiedlichsten Verschwörungstheorien aufgewartet ist und den Anspruch hat, die ganze Wahrheit zu enthüllen, ist das Umfeld, in dem Wikileads entstanden ist.<

Starke Behauptung - gibt es irgendeinen Beleg dafür? Zwischen dem Veröffentlichen von echten Dokumenten und 9/11-Verschwörungstheorien besteht doch wohl ein kleiner Unterschied.
Technixer schrieb am 04.08.2010 um 15:31
Na dolle is der Beitrag nicht. Die wissentlichen Fehlinformationen vor dem Irakkrieg, um Öl für die "Nation" zu bekommen. Oder Operation Celler Loch und noch vieles mehr, zeigen sehr wohl auf das es Interessengruppen gibt, die eher im Verborgenen wirken.

Das bestimmte Dokumente einfach hinter Schloss und Riegel gehören ist auch klar, weil sonst jeder Depp seinen Senf dazu gibt.

Es hat allerdings nichts mit verwirrten Verschwörungstheorien zu tun um zu merken, dass Fehlinformation, Lügen und Vetternwirtschaft in der Politik die Geschicke des Landes verwalten. Das Ganze wird dann hübsch verpackt durch "Du bist Deutschland" Initiativen und der Spiegel schwadroniert vom Aufschwung für alle, obwohl es eigentlich nur diese Herrschaften sind, die den Rand nicht voll genug bekommen.

Auch werden Systemkritiker die es zu einer hohen Machtposition geschafft haben, oft genug mit einem Mal mundtot gemacht, bspw. die Farce mit dem 'Die Linke' Politiker (mir fällt der Name nicht ein) wo jetzt allen Ernstes die Staatsanwaltschaft ermittelt, während der dicke Kohl seine milliardenschweren Leunaakten immer noch zurück hält...
PicaPica schrieb am 04.08.2010 um 15:36
"Das[s] bestimmte Dokumente einfach hinter Schloss und Riegel gehören ist auch klar, weil sonst jeder Depp seinen Senf dazu gibt."

Und wer bestimmt, was "hinter Schloss und Riegel" gehört und was veröffentlicht wird?

Dass "jeder Depp seinen Senf dazu" geben könnte, halte ich im Vergleich zu den Folgen von Geheimdiplomatie für leicht zu verschmerzen.
Technixer schrieb am 04.08.2010 um 15:44
Weil auch jeder über alles in allem Bescheid weiß nicht wahr?

Ich zum Beispiel bin ganz still geworden, als ich gesehen habe, dass die "Zivilisten" in dem letzten veröffentlichten Video von Wikileaks (Hubschrauberangriff) Waffen in einem Kriegsgebiet mit sich führten.

Das alte Problem who-watches-the-wachtmen ist natürlich immer gegeben.
PicaPica schrieb am 04.08.2010 um 16:02
Soweit ich mich erinnere, wurden bei dieser Aktion auch ein Reuters-Journalist und sein Fahrer getötet, weil das US-Militär eine Kamera für einen Granatenwerfer gehalten hatte.
Technixer schrieb am 04.08.2010 um 16:26
Da dies nicht das Thema ist, verweise ich lediglich auf Cassandras Blog.

RPG ist sichtbar und vorhanden. Das die Soldaten die Kamera für eine Solche gehalten haben sollen, war eine Zuspitzung durch die Medien. Diese haben das reininpretiert in den vom Soldaten gesagten Satz. Der Soldat beschreibt ja nicht, welche Person er genau meint. Es ist ja auch kurz nach dem "Eklat" ganz still geworden, merkwürdig oder? Menschen mit Waffen im Kriegsgebiet unterhalten sich mit einem arabisch aussehenden Mann mit einer Kameraausrüstung...

Hier geht es nicht darum, die menschenverachtende Haltung der Soldaten, deren psychische Verwahrlosung oder diesen (wie oben schon geschrieben) falschen Krieg zu rechtfertigen. Aber die Reaktionen die auf das Video stattfanden, resultierten auch aus der Unkenntnis solche militärischen Videos auszuwerten. Womit auch wieder der Zirkelschluss getätigt wurde, warum eben nicht alles an die Öffentlichkeit kann.
PicaPica schrieb am 04.08.2010 um 16:31
Demzufolge dürfte also nur das Militär solche Videos auswerten, da Ihrer Ansicht nach wohl nur dort die notwendige "Sachkenntnis" vorhanden ist.
Fritz Teich schrieb am 06.08.2010 um 00:03
Wie interpretierst Du es denn? Versetzt Dich doch mal in die Lage der Soldaten.
hibou schrieb am 04.08.2010 um 15:37
Bin Jederdepp
Technixer schrieb am 04.08.2010 um 15:45
BinAuchJederDepp und gebe ständig ordentlich Senf dazu. Das negiert aber nicht meine Aussage, dass in bestimmten Bereichen einfach Contenance das Gebot der Stunde sein muss ;)
Pjotr 'Petka' Pustota schrieb am 04.08.2010 um 15:46
Wikileaks ist doch insofern interessant, dass interessierte Menschen Zugang zu Material bekommen, dass ihnen sonst verborgen bleiben.
Allerdings muss man mit dieser Plattform auch umzugehen wissen. Ich habe bis jetzt noch nicht herausgefunden, wie Dokumente zu finden, wie sie zu entschlüsseln und welche Dokumente überhaupt verfügbar sind. Ohne Bedienungsanleitung ist dieses Portal also relativ wertlos. Ich sehe dort jedenfalls nicht durch.
@ Peter Novak: Was die Bibel eines Marx-Fetischisten, also das Kapital, angeht: Sie ist das Papier nicht wert. Was bringt es, sich weiter an Marx zu klammern. Um etwas über die erträumte Gesellschaft des Kommunismjus zu erfahren, genügt es, das Kommunistische Manifest zu lesen. Den Rest kann man in Nicos Poulantzas' Staatstheorie nachlesen. Im Übrigen ist Engels viel interessanter.
Verschwörungstheoretiker par exelence ist da schön eher Jürgen Elsässer als Julian Assange.
Rapanui schrieb am 04.08.2010 um 15:52
Hallo Peter Nowak,

"Die einzige Theorie, die unser reales Verhältnis zur medialen Welt beschreibt, ist die Verschwörungstheorie." schreibt Boris Groys.

Da wir "die Welt" beinahe ausschließlich über Medien wahrnehmen, können wir mit Verschwörungstheorien "die Welt" recht gut erklären.

Der Begriff "Verschwörungstheorien" sollte nicht diffamierend eingesetzt werden. Es ist eine Methode, die politisches Denken trainiert und nach kausalen Zusammenhängen sucht. Über einige Erfahrungen mit der Methode können wir hier ja diskutieren.

Ich verstehe Peter Nowak so, dass eine substanzielle politische und ökonomische Analyse einer theoretischen Fundierung bedarf. Dem stimme ich zu. Ich stimme ihm auch zu, dass das Marxsche "Kapital" wesentliche Beiträge zu dieser Fundierung leistet.

Unklar bleibt mir, warum Peter Nowak die Beiträge aus Wikileaks so abwertet. Vielleicht meint er, dass eine Diskussion über den Wert der Dokumente davon ablenkt, dass die wesentliche Aufgabe darin besteht, diesen Krieg durch politische Aktion zu beenden und nicht darin, in Foren zu posten. Darüber müssten wir tatsächlich nachdenken ;-)

Dass das "Kapital" im Text den Charakter eines, wie Volker Birk schreibt, "heiligen Buches" erhält, hängt mit dem sprachlich nicht so gelungenen Ende des Textes zusammen. Ich verstehe Peter Nowak so, dass er das "Kapital" beispielhaft für ein theoretisch fundiertes Werk nennt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.08.2010 um 16:22
Die meisten Infos waren eh bekannt, - jedenfalls für interessierte... und dieses Program macht es auch relativ einfach die jeweiligen Ereignisse per Schlagwort zu finden:
app.owni.fr/warlogs/?lang=EN
Herr Novak, Sie können gedruckte Wochenmagazine getrost auf den Müllhaufen der Kommunikations- / Informations-Geschichte werfen.
Woher kommt eigentlich der Spruch: lügen wie gedruckt?
TomGard schrieb am 04.08.2010 um 17:31
Hallo Peter Novak,

Dein Beitrag lebt nicht wenig von der Parallele, die Du zwischen Wikileaks und dem "Spiegel" vergengener Tage ziehst. Du schreibst:

"Es gab eine Zeit, da sahen sich Zeitgenossen als kritisch fast subversiv an, weil sie wöchentlich den Spiegel lasen. (...) Dass der Spiegel mit seinem kritischen Image eigentlich eine Ventilfunktion hatte und grundsätzlichen Protest eher behinderte, kam diesen kritischen Zeitgenossen nicht in den Sinn."

Wie stellst Du Dir denn vor, könnte "grundsätzlicher Protest" behindert werden?! Entweder gibt es sowas - was immer Du Dir darunter vorstellst - oder eben nicht. Gibt es ihn, mag seine (publizistische oder anderweitige) Verbreitung behindert werden, aber doch nicht der "Protest".

Was soll denn überhaupt "grundsätzlicher" Protest sein? Ich will darauf nicht herum reiten, offenbar legst Du dem Protest ein Attribut bei, das Du weiter unten der Sache nach einer "Kritik" zuweist. Aber diese Vertauschung ist alles andere, als ein Zufall oder Irrtum, behaupte ich, weil das an der Diagnose "Ventilfunktion" zu sehen ist. Du willst da eine empfundene oder wirkliche Schädigung des Bürgers, die er in eine Beschwerde bei seinen Herren münden läßt, als ein Potential behandeln, das zunächst einem militanter werdenden Protest zur Verfügung steht und schließlich einer "grundsätzlichen" Kritik zuzuführen wäre, die folglich in einer Revolte gegen das gegebene Herrschaftsverhältnis münden müßte . Wenn nicht diese Herren nebst freiwilligen oder auch gedungenen Zuarbeitern diesen Vorgang ständig sabotieren täten, indem sie - und nicht etwa die Beschwerdeführer, was ebenso in der Logik des Konstruktes läge - Ventile öffneten, Ablenkungen und allerlei sonstige Tricks und Schlichen ersännen und anwendeten.

Ich weiß, daß ich Deinem Text eine paradoxe Diagnose stelle. Denn das Einzige, was Du zur Sache sagst, ist das Dementi der Meinung, die Herren würden vorzüglich mit den Mitteln von sog. "Manipulation", Täuschung, Lüge, Tricks und Schlichen herrschen und regieren. Und das paßt mit Obigem nicht gut zusammen, nicht wahr?

Zur Begründung des Dementis verweist Du nun bloß und ausgerechnet auf's "Kapital", und daß dies mehr als schwach ist, hat Dir PicaPica in allgemeiner Form schon vorgehalten. Ich möchte allerdings seinen Einwand ein klein wenig relativieren:
Doch, die Wertformanalyse, die Abschnitte über Fetisch, Vertrag, Austausch und die Geldform erlauben schon etliche Rückschlüsse auf das Verhältnis des Bürgers zum Staat, stellen doch die dort behandelten Phasen des Kapitalverhältnis das "eigentliche Reich der Freiheit" eines Bürgers dar. Auch der weiteren Analyse ist einiges zu dem Thema zu entnehmen.
Just solche Resultate aber, behaupte ich umständehalber ohne Begründung, müßten Dich daran hindern, die oben gezeigte paradoxe Stellung zur öffentlichen Meinung einzunehmen. Eine Richtigstellung allerdings kannst Du dem "Kapital" gewiß nicht entnehmen, da stimme ich PicaPica zu.

Du brauchst Dich also nicht zu beschweren, daß Dir einige Leut hier eine Heiligung der marxschen Hauptschrift unterstellen, so doof die Unterstellung ist, hast Du sie Dir doch eingehandelt.

Zum eigentlichen Thema nur eine Bemerkung:
Vergleicht einer das jüngste publizistische Aufhebens um die Veröffentlichungen von Wikileaks, über deren dürftigen Enthüllungs- und Aussagegehalt sich praktisch alle einig sind, mit den Deckeln der Ignoranz, des Schweigens, der erfolgreichen Zensur und Selbstzensur über den Ereignissen von 9/11, dann kann er durchaus zu dem Schluß kommen, daß die Funktionen, die diese Affären in der Politik wie in der veröffentlichten Meinung spielen und erfüllen keineswegs überschätzt, eher unterschätzt werden. Was als scheinbar altbekannter Vorgang daher kommt, verrät und transportiert durchaus wirksame Wandlungen im Verhältnis von Herren zu ihren Völkern - und umgekehrt.
Peter Nowak schrieb am 04.08.2010 um 17:52
Einige der Kritiken sind richtig, mit dem Kapital-Lesen habe ich nicht gemeint, dass es jetzt eine Marx-Exegese wie bei der Bibel geben soll. Es steht vielmehr stellvertretend für ein Buch, in dem es um die Erklärung gesellschaftlicher Prozesse geht, die eben nicht durch empirische Berichte über das, was konkret passiert, abgedeckt sind. Neben dem Kapital sind da noch viele andere Bücher zu nennen, die auch patriarchale und rassistissche Unterdrückungsformen erfassen. Aber diese Erklärungen können auch noch so drastischen Bericht über politische Machenschaften nicht ersetzen.
Zum Spiegel: Ich sehe die Ventilfunktion darin, dass kritische Menschen sich damit beruhigen, dass der Spiegel ja für sie aufklärt und sie durch das Lesen schon Unterstützungsarbeit leisten. Deswegen war ja auch die Empörung so groß, als Augstein dann verhaftet wurde. Die Spiegel-Affäre war ja nicht nur eine Episode sondern ein politischer Einschnitt, der nicht unterschätzt werden darf. In diesem Augenblick setzten die Proteste ein, weil das Ventil nicht mehr bestand und als Augstein freigelassen wurde, beschränkten sich manche nicht mehr auf das Spiegel-Lesen. Die Ventilfunktion zeigte sich auch darin, dass ab Mitte der 60er Jahre praktsich alle Parteien ihre Informationen an den Spiegel lancierten. Die Ventilfunktion ist ja kein moralischer Vorwurf, sondern eine objektive Funktion, die auch Organisationen wie der Chaos Computer Club oder Greenpeace haben, wenn sie eben Schwachstellen im System aufdecken. Diese Funktion sollte man nicht vernachlässigen, was die konkrete Arbeit von Aktivisten in diesen Organisationen nicht beeinträchtigt. Ich denke, dass ein solcher Effekt bei Wikileaks auch eintreten wird, nicht weil die Macher das wollen sondern als objektiver Prozess in der bürgerlichen Öffentlchkeit.
Volker Birk schrieb am 04.08.2010 um 21:11
Dass man sich aufregt, wenn die Pressefreiheit nichts, die Machtwillkür eines Franz-Joseph Strauss jedoch alles zählt, kannst Du Dir also gar nicht vorstellen. Das scheint auch kurz nach dem "Dritten Reich" für Dich nicht zu fassen.

Vermutlich ist das nicht das einzige, was Du von dem nicht verstanden hast, worum es bei der Empörung über Augsteins Verhaftung überhaupt ging.

Deinen Artikel hatte ich für billige Trollerei gehalten und schon überlegt, ob ich überhaupt antworten soll. Ich hab mich dafür entschieden, weil wir hier diskutieren.

Ich kann Dir doch unmöglich so wenig Verständnis unterstellen, was den Wert von Informationen betrifft, die nicht alle nur von den Machthabern kommen, wenn man Dich doch hier im Freitag schreiben lässt. Aber Du machst es einem wirklich nicht leicht.

Es geht nicht um Ventile, weder bei Greenpeace, noch bei unserer Arbyte im CCC. Es geht darum, dem monolithischen Bild der über die Nachrichtenagenturen gleichgeschalteten Presse Alternativen beizustellen, damit die Leute noch die Möglichkeit haben, wenigstens unterschiedliche Darstellungen zu einem Thema zu rezipieren.

Die weichgespülte Medienwelt, heute über den Marktdruck besser gleichgeschaltet als sich das der bekannte PR-Fachmann vor 70 Jahren hätte träumen lassen, benötigt dringend Alternativen. Was glaubst Du eigentlich, was das Blatt, in dem Du hier schreibst, macht?

Und wo sollen diese Informationen herkommen, wenn sie niemand aufdeckt?

Vielleicht möchtest Du darüber einmal nachdenken.

Viele Grüsse,
VB.
TomGard schrieb am 05.08.2010 um 09:50
Peter Nowak,

"Die Spiegel-Affäre war (...) ein politischer Einschnitt, der nicht unterschätzt (!) werden darf(!). (...) setzten die Proteste ein, weil das Ventil nicht mehr bestand und als Augstein freigelassen wurde, beschränkten sich manche nicht mehr auf das Spiegel-Lesen."

Sondern lasen was? Die UZ? DVZ? Gar die KVZ?!
Wählten vielleicht gar DKP oder KBW, statt SPD?
F.J.Strauß etwa ein "objektiver" Bundesgenosse der DKP? Hui, wie sollen wir im Lichte dieser "Einschätzung" den von Strauß vermittelten Mrd.-Kredit an die DDR "einschätzen"? Nein?
Okay, ja, Du schreibst ja anschließend:

"Die Ventilfunktion ist (...) eine objektive Funktion, die auch Organisationen wie der Chaos Computer Club oder Greenpeace haben, wenn sie eben Schwachstellen im System aufdecken."

Heu ... eben war es noch ein Zudecken in Gestalt von Ab- und (angeblicher) "Fehl"leitung von Protestpotential, nun sind die Anlässe, an denen dies Potential abgeleitet werden können, "Schwachstellen"?

Überhaupt charakterisierst Du die "Ventilfunktion", die Du "objektiv" nennst, beständig als "subjektiv", wenn Du sie konkret ansprichst, z.b. so:

"Ich sehe die Ventilfunktion darin, dass kritische Menschen sich (sic!) damit beruhigen, dass der Spiegel ja für sie aufklärt und sie durch das Lesen schon Unterstützungsarbeit leisten."

Wobei es freilich Dein Geheimnis bleibt, wem oder welchem Zweck die "Unterstützung" gelten soll, schon erst recht, wenn die "Funktion" darin besteht, "sich" zu "beruhigen".

Aber der Satz gibt dennoch Auskunft über die Herkunft und den verborgenen Zusammenhang Deines heillosen Durcheinanders, nämlich in dem so harmlos und anbiedernd daher kommenden Subjekt
"kritischer Mensch"
Wer oder was, um Gottes willen, soll denn das sein? Ist der Leser der "Jungen Freiheit" etwa nicht "kritisch"?
Ehrlich, ich hab in der Anfangszeit meines 45 jährigen bewußten Lebens vereinzelt Menschen kennengelernt, von denen ich auch heute, unter dem Vorbehalt meiner seinerzeit noch beschränkten Urteilskraft, noch annehme, sie seien vielleicht "unkritisch" gewesen. Weil nämlich die Politisierung des demokratischen deutschen Bürgers aka "Volksgenossen", welche die NSDAP mit allen verfügbaren Mitteln ins Werk gesetzt hatte, militärisch , und im Westen - im Osten war das bedingt anders - nicht auch ergänzend politisch abgewickelt worden war. Just der Spiegel bediente einen Gutteil des Bedarfs an solcher politischen Abwicklung und überhaupt Politisierung des Staatsbürgers über den Ruf zur Unterwerfung unter die antikommunistische Staatsraison der BRD hinaus.

Aber gegen den "kritischen" Inhalt der Packung "kritischer Mensch" stellst Du Dich halt ignorant, weil es Dir auf Verpackung und eine Art "Energiegehalt" ankommt (ich geb noch nicht gar so schnell auf). Gegen meinen Einwand in der ersten Erwiderung nimmst Du gar Zuflucht zu einer rassistisch anmutenden Färbung des "kritischen Menschen" - was ist denn so einer, so rücksichtslos gegen allen Inhalt gehalten, gemessen an seinem Gegenpart, dem "unkritischen Menschen"?
Richtig: Ein zu leitender nämlich zur "objektiven" Kritik anzuleitender , der mit diesem Rüstzeug instand gesetzt wird, selbst zu leiten, nämlich die nicht anzuleitende unkritische Masse zu führen. Unter der Maske der Kritik wohnt das allergewöhnlichste elitäre Herrenbewußtsein , das noch jeder Politiker "drauf" hat, weil es allseits von ihm gefordert wird. Allein mit den fadenscheinigen Manövern, mit denen Du das Führungsverhältnis überdeckst, indem Du es metatheoretisch (geschichtsontologisch, historisch-materialistisch, sowas eben) dem Kriterium "subjektiv" / "objektiv" unterwirfst, verdeckst Du (Dir) das.

Oder auch nicht.
Den Übergang zum fälligen Zynismus der Macht hat dann nahezu jeder leitende Funktionär kommunistischer Organisationen des einschlägigen Zuschnitts hingekriegt, und sei es mit den notorischen Mengen an Wodka, Brandwein und ähnlichen "geistigen" Mitteln ...
Fritz Teich schrieb am 06.08.2010 um 00:14
<<
billige Trollerei
>>

Was er sagen will ist doch klar: Er sagt, ich befasse mich lieber mit den Zusammenhaengen als mit irgendwelchen oberflaechlichen Geschichtchen. Voellig richtig. Die Geschichten haben allenfalls eine literarischen Wert. Der Alltag des "Repressionsapparates".

Ob er den Spiegel zur Zeit von "bedingt abwehrbereit", was ja sehr lange her ist, richtig eingeschaetzt hat, wissen wir nicht wirklich. Vielleicht ist ja die Vorstellung, da haetten wackere Journalisten eine Wahrheit aufgedeckt, schief. Nur weil der Herausgeber ins Gefaengnis gewandert ist und Strauss eine Rolle gespielt hat, muss ja nicht alles ganz klar sein.Im Zusammenhang seines Ausgangspunktes ist es aber jedenfalls eine Nebensache.
Frans schrieb am 04.08.2010 um 20:44
Ach "Gott" ja, wenn gerade von Journalismus die Rede ist - der bürgerliche Journalismus war immer schon , wie Kirche und Gewerkschaften, ein Teil kapitalistischer Krisenverwaltung. In dieser Hinsicht übertrifft der Spiegel sogar noch sein SpiegelBild, indem er "jounalistische Recherchen" permanent als wirtschaftspolitische Empfehlungen und wissenschaftlich verbrämten Unsinn veröffentlicht, die sich auch ohne Brille fast schon wie fertig formulierte Gesetzestexte lesen - quasi als Nachhilfeunterricht für die Regierung und - mit dem Anspruch, der Kapitallobby in ihrem Krisenmanagment weit voraus zu sein. Diese Art von fast schon verzweifelnder bürgerlicher Krisenhilfestellung, mit der Absicht, das an seine Grenzen gestoßene gesellschaftliche Selbstzweck-System der Wertverwertung retten zu können, ist reinste Don Quichotterie.

Journalisten wissen zwar "was" auf der Welt und "wie" es passiert, aber durch den warenförmigen sozial-politischen Filter ihrer systemfunktionalistischen Ausbildung wissen sie nicht fundiert "warum" es passiert - zumindest nicht was die tieferen ökonomischen Zusammenhänge betrifft. Und damit sind sie leider nicht allein. Wenn man journalistisch nicht nur die Auswirkungen zerstörerischer betriebswirtschaftlicher Rentabilität anprangern will, sondern auch deren Ursache, ist man allgemein gut beraten, auch mal einen Blick in das "heilige Buch" zu werfen.
Joachim Petrick schrieb am 05.08.2010 um 10:56
den Whistleblowern, Wikileaks geht es hierzulande wie anderswo, denjenigen, die mit einem Messer im Rücken das Weite in der Öffentlichkeit suchen und sich den Ruf der Täter/innen im Hintergrund als Verfolger/innen anhören müssen:
"Haltet den Dieb,
er will sich mit meinem Messer davonamachen!"

(alter jüdischer Witz umgedeutet!"

Was soll also der ganze Blogger Schlamassel dieses hirnwitzfernen Artikels?

Dass Regierunen versuchen werden und bereits versuchen, Wikileaks als "Gefahrenlagen Stresstests für Regierungen" zu instrumentalisieren, steht au einem anderen Blatt.

tschüss
JP

tschüss
JP.
offler schrieb am 05.08.2010 um 14:21
Ein wortreicher Beitrag.

Aber:

Elfenbeinturmgenerierter Stuss.....
il lucre schrieb am 05.08.2010 um 17:08
weder sollte man wikileaks als systemimmanente scheinaufklärung abtun (ein beliebter fehler, den z.b. der geneigte postmarxist begeht), noch "das kapital" mit argwohn betrachten. interessant ist ja der mix der beiden, bezogen auf eine sphäre, die wie keine vor ihr von der "information", was auch immer information heißt, lebt.

ich will damit sagen, dass "das kapital" mit etwas aktualisierung (und den stoff liefert wikileaks inhaltlich und auf formale art) der informationsgesellschaft den schleier raubt. hier geht es allein um die synthese aus der beobachtung des apparats und der veröffentlichung dessen, was für die allgemeinheit außerhalb genannten apparats liegt. der blick wird umfassender - und bedingt taten, die sich aus seinen einsichten speisen.

daher: beschäftigt euch mit wikileaks, mit dem kapital - und dann geht den nächsten schritt selbst.
Lydia Esche schrieb am 05.08.2010 um 19:35
Also ich habe ein bisschen den Eindruck, dass die Öffentlichkeitsarbeit von wikileaks einfach sehr geschickt ein Bild von sich erzeugt und auch erzeugen soll, dass aus einer ganzen Reihe von popkulturellen Versatzstücken besteht, welche für die Zielgruppe passgenau sind.
Das hat von allem ein bisschen was.Von Matrix bis zu den Datenengeln aus alpha centauri, die Gatekeeper einer neuen Weltsicht geben dem Numinosen endlich ein Gesicht.Sie haben das Wort Information "wirklich" verstanden, sind supranational und mysteriös.Das hat was von einer NGO, die so cool ist wie anonymous.
Das ist doch ein wunderbares öffentliches Image, mit dem man viele Spenden im Internet akquirieren und die etablierten Medien ordentlich altmodisch aussehen lassen kann.
Ich finde man sollte da bei einer poltischen Beurteilung vorsichtiger sein.Der Sinnüberschuss entsteht im eigenen Kopf und ist gewollt.
Das Anliegen ist doch vollkommen in Ordnung.Wer hat denn bitte etwas gegen Informationen?Wie sie einzuordnen sind, bleibt doch dem Einzelnen überlassen.Alle übermässig positiven oder alarmistischen Stimmen scheinen mir interessegeleitet.
rolfmueller schrieb am 05.08.2010 um 23:29
Was nun eigentlich gegen Wikileaks spricht, habe ich noch nicht so ganz verstanden. Transparenz ist immer gut, auch wenn nicht jedes Dokument auf Wikileaks das Funktionieren von Staat und Wirtschaft zum Thema hat.
Und übrigens: Kann man nicht Wikileaks UND Marx lesen?
apatit schrieb am 06.08.2010 um 09:50
rolfmueller ... alles lesen, großes Jaaaaaa! Vor allem, da sich maulflinke Medienrüssel wieder zum Zentralorgan von Pateien etablieren. Beides zu kennen ( Marx und Wikileaks ) - schadet nicht.
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