Bericht über zwei beeindruckende Filmdokumente zur faschistischen Subjektbildung
Es ist selten, dass es in einen Kino noch lange still bleibt, wenn der Film zu Ende ist. Die Zuschauer bleiben wie erschlagen sitzen, der Film hat sie getroffen. Bei der Vorführung von Picco habe ich das erlebt. Der Film dokumentiert schonungslos bis insletzte grausame Detail, wie in einem Jugendgefängnis ein zum Außenseiter gestempelter Jugendlicher von seinen Mitgefangenen im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode gequält wird. Die Handlung bezieht sich auf Ereignisse, die im Herbst 2006 in einer Jugendstrafanstalt in Siegen in NRW für Schlagzeilen sorgten. Was ist es, das beim Zuschauer ein solchesEntsetzen, eine solche Lähmung auslösen? Es ist die Tatsache, dass hier keine als Randgruppen abgestempelten Typen gezeigt werden. Es sind weder Rocker noch erkennbare Rechte, die hier zu Sadisten werden. Es sind die vielzitierten Unauffälligen, die hier zu Tätern werden. Es wird gezeigt, wie sie selber unter der Trennung von ihren Freunden und Angehörigen leiden, wie sie sich einige Minuten Anonymität erkämpfen, um eine DVD von der Freundin ohne die Blicke der Mitgefangenen anschauen zu kennen. Es sind dieselben, die sich dann in der Zelle zu Gangs zusammenschließen, um den scheinbar Schwächeren, den Picco zu demütigen. Wie willkürlich diese Wahl ist, zeigt sich in dem Film auch sehr deutlich. Zunächst muss Kevin die Rolle des Picco spielen. Er sieht wie ein junger Mann in einer anderen Zelle in den Tod getrieben wird, weil er als Schwuler enttarnt wird. Anfangs will Kevin noch eingreifen, wird aber vor allem von Tommy, einen betont unauffälligen Jugendlichen davon abgehalten. Er macht Kevin klar, dass er sich raushalten muss, wenn er hier überleben will. Nach dem Selbstmord des Gefangenen fühlt sich Kevin schuldig und lässt seinen Hass vor allem an Tommy aus, der ihn am Eingreifen gehindert hat. Erst schlägt er ihm in der Dusche zusammen und dann gelingt es ihm, gegenüber den Zellenbewohnern die Picco-Rolle loszuwerden, in dem er sie Tommy aufbürdet. Es beginnt das tagelange Martyrium des Jungen, der schließlich mit seiner Ermordung endet. Der Schwerverletzte wird von den anderen Gefangenen in die Schlinge gehängt. In dem Augenblick will Kevin nicht mehr mitmachen und wird von den Anführern daran erinnert, dass er wieder der nächste Picco sein kann.
Es gibt eine bezeichnende Aussage eines der Anführer gegenüber Kevin. „Da draußen kümmern sich niemand um uns. Wir haben nichts zu verlieren“. Und keinem fällt die einfache Erwiderung ein. Doch, wir haben etwas zu verlieren, unsere Menschlichkeit, oder wenn man es pathetische will, unsere Würde, den Respekt vor uns selber. So ist der Film eine Anklage der Disziplinaranstalt Gefängnis, die diese Menschen genau diese Grundlage vergessen lässt. Es ist eine beeindruckende und Filmstudie über die Herausbildung faschistischer Subjektbildung. Das ist nicht im politischen Sinne gemeint, keiner der Protagonisten äußert in dem Film offen rechte Ideologeme. Es ist die Gruppendynamik, die von den Anführern bewusst inszenierte Beteiligung der Schwankenden am gemeinsamen Verbrechen, mit dem sie dann bei der Stange gehalten werden, weil sie da nicht mehr raus können.
Blick in die Abgründe der Islamischen Republik Iran
Hier liegen auch die Gemeinsamkeiten zu dem zweiten beeindruckenden Film, „The Green Wave“ . Es geht um den Aufbruch im Iran, rund um die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2009. Man sieht, wie die Massen Hoffnung auf Veränderung schöpfen, nicht, weil sie viel auf die Versprechungen der oft in die Verbrechen der islamischen Republik verstrickten Oppositionsführer geben, sondern weil sie den Wandel wollen, auch an der Wahlurne. Als sie merken, dass die Wahlen manipuliert werden, gehen sie mit Schildern auf die Straße, auf denen die Frage steht „Wo ist meine Stimme?“ Dann werden die islamischen Milizen auf sie losgelassen. Hier beginnt der beeindruckendste Teil des Filmes. Szenen wie aus dem SA-Kellern der NS-Zeit werden gezeigt. Mehrere Hundert Gefangene in einer Zelle, alle sind verletzt, wimmern, einige sterben. Dann kommen die Häscher des Regimes, schlagen die Lampen kaputt und setzen ihr Folterwerk fort. Dabei sterben weitere Gefangene. Ein Mitglied der Miliz vertraut sich seiner oppositionellenSchwester an und berichtet, wie in der Bande durchaus eine gewisse Unzufriedenheit über ihr Bluthandwerk zu spüren ist, aber auch die Erkenntnis, bei einem Systemwechsel für ihre vielen Verbrechen belangt zu werden. Genau deshalb klammern sie ihre Existenz weiter an dieses Regime. Hier gibt es eindeutige Parallelen zu SA und SS, und ihrer durch die Verbrechen gezimmerte Blutsbande an das NS-Regime. Vieles, was in dem Film gezeigt wird, erinnert auch an die Berichte, wie sie im Braunbuch über den Naziterror über die Verbrechen in den ersten Jahren des NS-Systems dokumentiert sind. Ich habe den Terminus Islamofaschismus immer für einen ideologischen Kampfbegriff gehalten, wer aber den Film gesehen hat, kann bestimmte Faschisierungstendenzen in der Islamischen Republik Iran nicht abstreiten. Zwei Filmdokumente, die betroffen machen, im besten Sinne des Wortes unddaher auch radikal aufklärerisch sind.
Peter Nowak
Beide Filme sind schon angelaufen:
Picco: www.picco-derfilm.de/
The Green Wave: www.thegreenwave-film.com/