Angesichts des verebbenden Medien-Interesses (da exlodiert nichts, da fließt ja jeden Tag nur noch kontaminierte Brühe ins Meer) sollte hier eines klar gestellt werden. In Fukushima passiert jeden Tag annähernd dasselbe, das jeweils Furchtbarste, was Menschen passieren kann. Selbst heute – knapp vier Wochen nach der Katastrophe – ist offenbar unklar, was in den einzelnen Reaktoren des AKWs wirklich geschehen ist. Mutmaßungen orientieren sich an Messwerten, deren Aussagekraft und Treffsicherheit in Frage gestellt ist. Die Gesamtschau, auch die auf Deutschland, ist gespenstig:
1)Nahezu alle Experten gehen davon aus, dass die Kernschmelze zumindest in einem Reaktor, wahrscheinlich aber in mehreren Reaktoren, stattfand. Aussagen darüber, was eine solche Schmelze impliziert und konkret auslösen kann, ob Kernschmelzen zu stoppen oder bis zur Erschöpfung ihrer energetischen Ressourcen gen Erdmittelpunkt unterwegs sind (und dabei dass Grundwasser dauerhaft schädigen), fehlen rundum.
2)Derzeit muss man davon ausgehen, dass die fast hilflose Kühlung mit Meer- und Süßwasser nach wie Unmengen an kontaminiertem Wasser hervorbringt – das nach Schließen des Druckbehälter-Lecks in Reaktor 2 zwar weniger radioaktiv verseucht ist als zuvor, aber dennoch eine stetige Bedrohung der Umwelt darstellt. Und eines ist klar: Erst die Wiederherstellung in sich geschlossener Kühlkreisläufe könnte die Situation signifikant verbessern, sprich: die angestrebte kontrollierte Abkühlung der Brennstäbe und die nachfolgende Errichtung eines Sarkophags sicherstellen. Davon aber ist das Management, sind die Rettungsmannschaften vor Ort, offenbar weit entfernt. Noch entsteht beim Aufprall des Löschwassers auf die Druckbehälter mehr oder weniger stark kontaminiertes Wasser, beim Auftreffen auf Brennstäbe in Reaktorblöcken (mit einiger Sicherheit im Reaktorblock 2) oder in Abklingbeckenradioaktiver Dampf unterschiedlicher Intensität, der am Entstehungsort fast kontinuierlich an die Umwelt abgegeben wird. Da die Wasserkreisläufe der Siedewasserreaktoren zum Stillstand kamen, ist davon auszugehen, dass nur dort noch Wasser an die Brennstäbe gelangt, wo innere Druckbehälter beschädigt sind. Das bisherige Ausbleiben von weiteren explosiven Ereignissen, gibt Rätsel auf. Entweder sind sämtliche Druckbehälter beschädigt und „ziehen“ Wasser (die Brennstäbe werden gekühlt, das Wasser wird zu austretendem radioaktiven Dampf) oder in noch un- bzw. leicht beschädigten Druckbehältern läuft die Kernschmelze (nachdem alles oder nahezu alles Wasser verdampft ist, teilweise in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wurde und zu Wasserstoffexplosionen führte) – mit noch unabsehbaren Folgen. Alarmierend ist das Austreten von hoch giftigem Plutonium, das aus Mischoxid-Brennstäben stammt und wegen höchster Strahlungsintensität und Halbwertzeiten besonders gefährlich ist. Alles, was japanische Quellen hierzu mutmaßen, klingt nach Beschönigung. Allein die Tatsache, dass Messungen zu Plutonium erst drei Wochen nach dem Unglück erfolgten, ist ein beispielloser Skandal.
3)Die derzeitige Stimmungslage in Deutschland sagt nichts über unsere künftige Energiepolitik. Bereits jetzt weisen Atomkraftbefürworter darauf hin, dass ein sofortiger Ausstieg aus der Kernenergie schon deshalb nicht möglich sei, weil grüne Protestler die zunehmende Nutzung alternativer Energien in Frage stellen. Der Widerstand gegen Hochspannungsleitungen von Nord/ nach Süddeutschland, aber auch gegen neue Pumpspeicherwerke setze beredte Zeichen dafür.
4)Der Journalist Jens Jessen hat in einem für meine Begriffe aufsehenerregenden Text versucht, die abrupte Neigung vieler Deutscher – weg von der Kernenergie – zu deuten und dabei mehr als Porzellan zerschlagen (). www.zeit.de/2011/14/Energiewende-DeutschlandDenn nach seinem Gusto ist der Schwenk vornehmlich dadurch zu erklären, dass die Landleute hysterische Angst, ihren Verstand an der Garderobe abgegeben und ihre Freude am Bejammern kultiviert haben. Wirkliches Wissen gebe es nur marginal, und hätte es Fukushima nicht gegeben, dann wäre alles beim Alten geblieben. Der Gau allein habe die Situation/Sicherheit deutscher Atomkraftwerke nicht verändert. Allenfalls sei der Blick aufs Rest-Risiko geschärft worden, und das bestimme jetzt alles. Die grüne Macht im Württemberg sei allein dem Hype geschuldet, und … die moralische Katastrophe der deutschen Kriegsführung sei in ähnlicher Weise eine Ausnahme, aus der für den Normalfall eines Krieges nichts folge (eine an sich schon widerliche Assoziation, weil – andere Ebene – Krieg an sich kein Problem löst). Japan – so der Autor weiter – sei eben ein Erdbebenland. Hier sei nicht das Unwahrscheinliche, nicht der Ausnahmefall, sondern das Erwartbare eingetreten. Unsere Zivilisation käme sofort an ihr Ende, wenn wir jede Regel nach dem Ausnahmefall richteten. Hierauf folgen einleuchtende, wenn auch nur für die Standardsituation schlüssige Beispiele und viel Häme gegen die, die sich so schnell manipulieren ließen. Es sei ein fatales Muster, das von den an Hysterie interessierten Medien gern bedient werde: Dinge nicht aus prinzipiellen Erwägungen abzulehnen, was redlich wäre, sondern nach der betroffen glotzenden Anschauung des Einzelfalls, aus dem streng genommen, gar nichts hervorgehe.
Nun, was heißt das? Jessenschafft mit der Aneinanderreihung brillant formulierter Halbwahrheiten ein Bild, das schnell abtropft, wenn man ihm näher tritt. Denn zum einen scheint Jessen das, was Kernenergie ausmacht, nie begriffen zu haben. Zum anderen müsste er wissen, dass der Widerstand gegen die unheilvolle Technologie in Deutschland, Europa und der Welt nur dann eine Chance hat, wenn das Restrisiko ins Bewusstsein zurückkehrt.Tschernobyl hat sich – so schrecklich das auch ist – „abgewetzt“. Ist heute zum Abenteuerspielplatz von Reiseunternehmen verkommen, die Reaktorbesuche und Strahlendosen wie Bratwürste vermarkten. Hier liefert Fukushima – so traurig das auch ist – den Angstpegel nach, der jedem gewärtig sein muss. Im Gegensatz zu jeder anderen Technologie (für die die von Jessen angeführten planerischen Ansätze natürlich gelten), impliziert die Kernenergie und der Umgang mit ihr völlig andere Gesetzlichkeiten. Eine einstürzende Brücke, ein entgleisender ICE, eine abbrennende Firma für Pyrotechnik, ja selbst das Hochgehen einer Chemiefabrik sind – was ihre Restrisiko-Inhalte betrifft – nichts, ja gar nichts im Vergleich zum Supergau. Mancher Standardunfall kostet zwar auch Menschenleben, schafft Unheil und Unglück. Irgendwann aber ist er behoben. Eine Dauerwirkung (bleibende Körperschädigung, Missbildung etc.) bleibt für eine überschaubare kleine Anzahl von Menschen auf eine, maximal zwei Generationen beschränkt. Ausschließlich beim nuklearen Gau wird das Unbeherrschbare, Unfassbare, wird die Hydra belebt, die Büchse der Pandora aufgestoßen. Nur dort, wo das unsichtbare, unfühlbare, geruch- und geschmacklose Etwas – die Radioaktivität – Raum greift, ist wirklich Hölle. Mit dem sofortigen Aus, der schleichender Erkrankung, der folgenden Missbildung und dem Tod auf Raten. All das gedeiht und währt – je nach „Indikation“ und „Medium“ – Jahre, Jahrzehnte oderbis wir alle und zig Generationen nach uns tot sind. Dass wir ganze Landschaften für diese Zeit stillsetzen und umschiffen müssen, muss neuerlich hinein in die Köpfe. Auch wenn Ort, Zeitpunkt und konkrete Qual fern scheinen: Wir müssen begreifen, dass Havarien wie die in Fukushima, auch bei uns stattfinden können. Wie uns allen inzwischen bekannt ist, geht es vorrangig um Strom und Wasser, und die können – ob nun erdbeben- und tsunamibedingt oder nicht – immer ausfallen. Notstromaggregate können versagen (Forsmark, Schweden), Schweißnähte (an Druckbehältern) und Rohrleitungen reißen.Denn das – so lautet nicht von ungefähr eine philosophische Weisheit – was sein kann, wird auch sein. Hier über Wahrscheinlichkeiten zu feilschen, ist Beihilfe zum Mord. Das dies trotzdem und immer wieder geschieht, hat weniger mit sachlichem Unverständnis als mit heilloser Gier (Renditen, vor allem aus abgeschriebenen AKWs) und damit zu tun, dass Leben allzu oft mit der eigenen beschränkten Existenz verwechselt wird. Fukushima darf niemals eine Wiederaufführung erfahren, weder in Europa, noch sonst wo auf der Welt. Allein die zusätzlichen Malaisen der Kerntechnologie (Verstrahlung der Minenarbeiter bei der Uranerzgewinnung, ungeschützte Zwischenlagerung und fehlende Endlagerung) wären Grund genug, das Monster auf Dauer zu verbannen. Jetzt aber, da der Gau neuerlich sichtbar wird, muss die Schlussfolgerung doppelt gelten: Schnellstmögliche Stillsetzung der bestehenden Kapazitäten und Neubau-Verbot für KKWs! Jessens Verweis darauf, dass es nichts nütze, nur auf Deutschland zu schauen, dass man ebenso gegen die benachbarte Bedrohung in Frankreich, Holland, Belgien, Tschechien, Bulgarien etc. vorgehen müsse und es deshalb sinnvoller sei, komplex zu verhandeln als endlos – nur in Deutschland – zu protestieren (und damit die hiesige Wettbewerbsfähigkeit zu schmälern – nun, das sagt Jessen nicht, meint es aber natürlich), ist richtig. Aber eben nicht primär. Denn wir wissen allzu gut, dass man Probleme in dem Maße schlechter löst wie man Partner hinzunimmt. Die Verhandlungen in EU-Gremien,zur CO2- Reduzierung, zu alternativen Energien etc. sprechen da Bände. Nein! Wir brauchen auch hier die Vorreiterrolle. Deutschland kann sie sich angesichts der prosperierenden Wirtschaft nicht nur leisten, Deutschland muss auch bereit sein, dieses Beispiel zu gestalten!
5)Sollten Sie angesichts der z. T. unverständlichen Klimmzüge, Wendehälse und „Was-interessiert-mich-mein-Gewäsch-von-gestern“ – Reaktionen der politischen Eliten irritiert sein, dann denken Sie bitte an meine Feststellung in „Störfall Zukunft“: Politik ist eine Hure! Und… vertrauen Sie meiner Voraussage: Schwarz-gelb wird das nukleare Rad künftig (verbal) soweit zurückdrehen, wie das ihr Weiterregieren zulässt. Die Ergebnisse der einberufenen Experten-Kommission (Leitung: Klaus Töpfer und Matthias Kleiner), vor allem aber die andauernden Proteste aus der Bevölkerung werden zu einer Neufassung des Atomgesetzes führen. Mit dem Vorsatz, die moderneren AKWs – ähnlich wie das in der ursprünglichen rot-grünen Vereinbarung mit E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall fixiert war (aber natürlich mit anderem, nämlich schwarz-gelbem Namen) – bis 2020 weiterlaufen zu lassen. Dieses Gesetz aber wird von uns Deutschen – gerade weil die Ereignisse in Fukushima fortdauern – nicht akzeptiert werden (da kann sich Herr Jessen ob des übermächtigen emotionalen Faktors krummlegen und auswüten, wie er will). Die Proteste werden fortdauern und spätestens zur Bundestagswahl eine neue grün-rote Regierung hervorbringen.
6)Ich – für meinen Teil – bin froh über die „mystische Kraft“, die an deutschen Reaktoren nichts, in unseren Herzen aber alles verändert hat.Jetzt endlich scheint die Masse unseres Volkes bereit zu sein, die „inneren“ Kammern der Kerntechnologie und damit die Gesamtheit des Schreckens wahrzunehmen, zu studieren und abschließend zu beurteilen. Geschähe dies, dann wäre das eine Zäsur ohnegleichen!
Dr.-Ing. Ulrich Scharfenorth, Ratingen