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Kultur : Schneller Ausstieg aus der Kernenergie dringlicher denn je

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Es ist kaum zu verstehen, warum ein Land wie Japan nach den verbrecherischen Atombomben-Abwürfen in den Folgejahrzehnten gerade auf die „so genannte friedliche“ Anwendung der Kernenergie gesetzt hat. Und dass, obwohl im asiatischen Teil des Feuergürtels die Gefahr von starken Erdbeben und Tsunamis latent lauert. Gewiss: heute – inmitten der Katastrophe – lässt sich schlau reden. Dennoch ist eines offensichtlich: Es bedarf immer wieder des katastrophengesteuerten Beweises,um traditionelles Denken umzustoßen. Das dürfte für die Klima-Problematik und das desolate Weltfinanzsystem ebenso gelten wie für die heutigen Ereignisse. Die Risiken werden ausgereizt bis nichts mehr geht.

Jetzt hofft jeder inständig, dass der verheerende Gau in Fukushima ausbleibt, und ich wüsste keinen, der mit seinen Gedanken nicht bei den unzähligen Opfern der dreifachen Verwüstung ist. Gleichwohl muss man den in den letzten Jahrzehnten regierenden Parteien in Japan der Vorwurf machen, dass sie zwar der Bevölkerung ein striktes „Training gegen Erdbeben und Tsunamis“ verordnet haben, Vorkehrungen gegen die insgesamt schwerste Bedrohung aber privaten AKW-Eignern (und vermutlich korrumpierten Kontrolleuren) überließ. Niemand kann verstehen, dass Kernkraftwerke in Meer- und damit Tsunami-Nähe und dann auch noch ohne mehrfache, mehretagige und flexible Bypässein der Notstrom-Versorgung errichtet wurden. Es sei denn, man macht –wie das nahe liegt – die Renditesüchte und die Raffgier der Kraftwerksbetreiber für die Missstände verantwortlich.

In Deutschland haben diese Vorgänge ein politisches Erdbeben ausgelöst, obwohl sich die Sicherheitslage deutscher AKWs – wie das auch die Kanzlerin in den zurückliegenden Tagen immer wieder flötete – nicht verändert hat. Was Überschwemmungen und Erdbeben in Atom-Mailern anrichten können, ist jetzt bekannt. Jetzt fehlt – und das soll bewusst zynisch klingen – nur noch ein Flugzeugangriff/-absturz, um alle Risiko-Potentiale einer Technologie offenzulegen, die bereits von ihren Ansätzen her unverantwortbar ist. Ich habe dazu mehrfach referiert.

Es ist mehr als grotesk. Aber irgendwie ähnelt die jetzt aufkommende politische Debatte dem Guttenberg-Debakel. AKWs und zu Guttenberg wurden von schwarz-gelb bis zum jeweiligen Störfall sicher geredet, und die Medien beifallten dieser Deutung – zumindest mehrheitlich. Als der Putz bröckelte, wurde zunächst soweit umgeschaltet, wie es das Tagesgeschehen (aus schwarz-gelber Sicht) erforderte. Scheibchenweise trat zu Tage, was gelogen, kopiert und verbaut wurde. Heute nun brechen die AKW-Wunden auf. Es bedurfte eines Dramas, dass sich tausende von Kilometern jenseits unserer Sphäre abspielte, um die Frage nach der Wahrheit erneut so anzufachen. Jetzt gibt es kein Zurück. Die Angst vor möglichen Wahlniederlagen hat den lobbyistisch verformten Schnauzen von gestern eine Spur von populistischem Grunzen verabreicht. Neben den Beschwichtigungsversuchen laufen Ansagen, die wir ernst nehmen, aber auch in eine Reihe mit den nicht abgearbeiteten Störfallmaßnahmen in Baden-Württemberg stellen können(verantwortlich: "Umweltministerin" Tanja Gönner). Schon viele haben versprochen, die AKWs – strenger als bisher – auf ihre Sicherheit zu prüfen. Getan hat sich dazu wenig. Im Gegenteil. Man griff auf das große Bagatellisieren, Lügen und Verschweigen zurück, wie es z.B. auch in Frankreich zur Schandtat wurde und noch immer wird. Dass wir in Biblis A und im schwedischen Forsmark dicht an einem Gau vorbei geschrammt sind, ist in unserer ereignisreichen Gesellschaft schnell aus dem Blickfeld. Doch offenbar bedarf es aber weder eines kräftigen Erdbebens, noch eines Tsunamis, um die Hölle auch in Europa loszutreten.

Wir sollten den Konservativen, die jetzt zurück rudern, keinen Glauben schenken. Sie setzen – wie stets – aufs Vergessen und betrügen uns spätestens morgen. Leider ist immer auch der Staat mit dabei, der von länger laufenden AKWs über die Steuer profitiert. Das sollte uns alle mit Blick auf zu erwartende politische Winkelzüge sensibel machen. Wirklich trauen kann man nur denen, die konsequent und über Jahre ihre Anti-Atom--Haltung bekundet haben. Auch die, die beim Verzicht auf Kernenergie wegfallende Arbeitsplätze befürchten und deshalb in der Debatte einknicken, sind wenig vertrauenswürdig. Ihnen sollte man zurufen, dass sie sich weniger opportunistisch als vielmehr kreativ (in Sachen alternativer Energien) betätigen sollten.

Für heute Abend (14. März, 18 Uhr) hat das im vorigen Jahr gegründete „Anti-Castor-Bündnis Düsseldorf“ zu einer Mahnwache vor dem Carschhaus aufgerufen. Ich würde mich freuen, wenn wir uns dort treffen würden.

Dr. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.