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Schlesingers Blog

24.09.2009 | 21:07

Interview MdB Dr. Axel Berg, SPD, München (Teil II)

[ Teil I hier ]

5. Der Staat hat unzählige Milliarden zur Rettung des Bankensystems und einzelner Wirtschaftszweige aufbringen müssen. Die Wähler treibt die Frage um, wer das alles bezahlen soll. Bislang fehlen überzeugende Antworten, und längst berichten die Medien wieder über horrende Bankmanager-Boni, die für den Steuerzahler wie eine Verhöhnung klingen. Wer wird aus SPD-Sicht die nächsten Jahre für die Milliardenlöcher zur Kasse gebeten?

Die Staatsausgaben sind nicht erst in dieser Krise weit über das tragbare Maß hinaus angewachsen: Allein die Ausgaben des Bundes sind von 1991 bis 2005 um ein Drittel auf über 400 Milliarden Euro gestiegen. Der aktuelle Schuldenstand der Bundesrepublik Deutschland beträgt insgesamt mittlerweile mehr als 1.600 Mrd. Euro, ca. 19.700 Euro pro Kopf, und wächst mit über 4.400 Euro pro Sekunde.

Zur Altschuldentilgung müssen seit Jahrzehnten in fast schon gewohnter Weise jedes Jahr neue Schulden aufgenommen werden – ein Teufelskreis der Schuldendynamik. So rutscht der verschuldete Staat in eine Haushaltsnotlage aus immer höheren Zins- und Tilgungsverpflichtungen und versperrt sich damit nach und nach selbst den weiteren Zugang zum Finanzmarkt.

Vor diesem Hintergrund müssen wir nicht nur diese Krise finanzieren, sondern generell einen Staatsbankrott abwehren. Neben einem allgemein sparsameren Umgang mit Steuermitteln sehe ich dabei einen Hauptansatzpunkt in einer effizienteren Bekämpfung der Arbeitslosigkeit: Arbeitslosigkeit ist nicht nur eine der Hauptursachen individueller Armut, sie belastet auch in empfindlicher Weise den öffentlichen Haushalt. Wir brauchen also möglichst bald eine praktikable und realistische Möglichkeit, um die Arbeitslosigkeit zu verringern. Das Grundeinkommen könnte eine solche Lösung darstellen, wenn es als pragmatische und effiziente Antwort auf die grundlegenden Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen in unserer Gesellschaft verfolgt wird.

Desweiteren erkenne ich in der derzeitigen Krise eine Chance, aus unseren bisherigen Fehlern im Umgang mit dem Finanzmarkt zu lernen: Insbesondere die Gewinne aus kurzfristigen, hochspekulativen und risikoreichen Anlagegeschäften müssen an die Menschen zurückfließen, auf deren Rücken und auf deren Kosten sie „erwirtschaftet“ werden. Über die von uns Sozialdemokraten geforderte Börsenumsatzsteuer hinaus verfolge ich daher persönlich das Ziel eines sozial orientierten Finanzmarkt-Risikofonds, aus dem projektbezogene Hilfen für soziale und unternehmerische Initiativen finanziert werden könnten. Das würde nicht nur die Gerechtigkeit sondern auch die nachhaltige finanzielle Gesundung unserer ganzen Gesellschaft fördern.

6. Die Abwrackprämie, die offiziell Umweltprämie heißt, ist nun wie es offiziell heißt „mit großem Erfolg“ abgelaufen. Der volkswirtschaftliche Nutzen ist stark umstritten und wird sich heute nicht eindeutig belegen oder widerlegen lassen. Welche belastbaren umweltbezogenen Fakten kann der auf Erneuerbare Energien spezialisierte SPD-Politiker Axel Berg bieten, die die Bezeichnung „Umweltprämie“ für die Abwrackprämie rechtfertigen könnte?

Keine!

Ich war und bin ein entschiedener Gegner der Abwrackprämie. Die Prämie ist nicht nur aus ökologischen Gründen unsinnig – schließlich wird jedes mit einem neuen Auto gegenüber dem alten eingesparte Gramm CO² durch das bei der Produktion des neuen Autos freigesetzte CO² vielfach aufgewogen, so dass die Abwrackprämie den beschönigenden Namen „Umweltprämie“ in keinem Fall verdient.

Nein, die Abwrackprämie muss selbst nach den Prämissen ihrer Verfechter für schlecht befunden werden, da sie willkürlich einen Industriezweig bevorzugt und andererseits umweltorientierte Industrien – die dem neuen Namen nach doch zuallererst für förderungswürdig befunden werden müssten – von vornherein nicht berücksichtigt. Eine Prämie für erneuerbare Energien, Umwelt- und Effizienztechnologien wäre nicht nur aus umwelt- sondern auch aus arbeitsmarktpolitischen Gründen weitaus sinnvoller gewesen.

7. In Sachen Afghanistankonflikt scheinen die Medien die Politik Berlins nachzuahmen, indem sie immer ungenauer werden. Kaum findet man noch präzise, analytische Berichte, niemand scheint den Unterschied zwischen ISAF und Operation Enduring Freedom zu kennen oder sich für die Rechtsgrundlagen des Bundeswehreinsatzes zu interessieren. Die Berichterstattung und Essays sind zunehmend gekennzeichnet durch ein pauschales „Raus aus Afghanistan“. Diese Stimmung dürfte mit Blick auf die Wahlen nur der LINKEN zugute kommen, da sie alleine einen pauschalen Abzug fordert. Unterschlägt die LINKE etwas?

Wie auch bei vielen innenpolitischen Themen unterschlägt die Linke auch hier, dass die realen Spielräume unserer Politik stark eingeschränkt sind, etwa durch langfristige, völkerrechtlich verbindliche Vereinbarungen, die nicht ohne großen internationalen Schaden für unser Land einseitig aufgekündigt werden können. Die oft radikale Haltung der Linken gegenüber einer bundesdeutschen Beteiligung an internationalen Friedensmissionen erscheint vor dem Hintergrund ihrer fehlenden tatsächlichen außenpolitischen Erfahrung erklärlich.

Einer weitergehenden Integration Deutschlands in die internationale Staatengemeinschaft ist eine solche Haltung aber trotzdem nicht zuträglich. Auch außenpolitisch gilt es also, sich der tatsächlichen Probleme anzunehmen und nicht, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, etwa weil sie mit der eigenen Ideologie nicht kompatibel sind. Dass Terroristen heute nicht mehr vor Staatsgrenzen Halt machen gehört zu diesen Schwierigkeiten. Die beste Friedenspolitik ist es daher, in der demokratischen Staatengemeinschaft unsere freiheitlich-demokratischen Grundwerte gemeinsam zu verteidigen.

Aufgrund meiner eigenen politischen Vergangenheit in der Friedensbewegung kann ich die ursprüngliche Motivation vieler Gegner des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan immer noch sehr gut nachvollziehen und bin auch selbst der Überzeugung, dass wir Afghanistan letztlich besser mit Technologie, Logistik und Investitionen als mit der Waffe beim Wiederaufbau einer freiheitlichen Gesellschaft unterstützen können.

8. Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr Klaus Naumann hat kürzlich in der Süddeutschen Zeitung davor gewarnt, die Vorgänge in Afghanistan mit dem Begriff Krieg zu bezeichnen. Alle Einsätze seien von der UN gedeckt. UN-Einsätze sind per se keine Kriegseinsätze. Sobald man offiziell von Krieg spräche, würde man die Taliban gefährlicherweise zu völkerrechtlichen Kombattanten aufwerten, und sie damit rechtlich auf eine Stufe mit der afghanischen Regierung stellen. Nur Wortklauberei eines kriegerischen Generals a.D.?

Obwohl die Ausführungen des früheren Generalinspekteurs Naumann völkerrechtlich wie auch politisch durchaus ihre Berechtigung haben mögen, werden sie in den Ohren der in Afghanistan im Einsatz befindlichen deutschen Soldaten eher hohl klingen: Die Taliban mögen keine Soldaten im klassischen Sinne sein. An Gefährlichkeit wird der Kampf gegen sie jedoch sicher in keiner Weise dem Kampf gegen „normale“ Soldaten nachstehen – ihr Vorteil der größeren Ortskundigkeit wird wahrscheinlich sogar zu einer erhöhten Gefährdung unserer Soldaten in dieser asymetrischen Art der Kriegsführung resultieren.

Darüber hinaus wäre es im Interesse einer eindeutigen Legitimation dieser Einsätze sicher gar nicht schlecht, wenn man sie auch endlich einmal als das bezeichnet, was sie im Kern sind: moderne Kriege!

9. So gut wie nirgends wird das Thema „Was kommt nach einem Abzug aus Afghanistan“ thematisiert. Dass die Regierung in Kabul unfähig wäre, sich der Taliban alleine zu erwehren, dürfte unstrittig sein. In deutschen Augen scheinen die Taliban langsam den Status der Freiheitskämpfer wiederzuerlangen, den sie zuzeiten der sowjetischen Besatzung hatten. Dabei wird ignoriert, welches unbarmherzige Regime die Taliban geführt haben. Was käme danach?

Als eines der wenigen Länder, die sich an den Einsätzen in Afghanistan beteiligt haben, hat Deutschland von Anfang an nicht nur militärisch sondern auch logistisch und zivil Hilfe und Aufbauarbeit geleistet – man denke nur an die Ausbildung afghanischer Polizei- und Verwaltungskräfte.

Für die Zukunft werden sich genau diese Leistungen Deutschlands als wesentlich wichtiger erweisen als die anfänglich sicher auch notwendige militärische Unterstützung. Um den Einfluss der Taliban nachhaltig zu verringern braucht es stabile staatliche Strukturen in Afghanistan, und zwar eigene, afghanische Strukturen. Diese Strukturen können nicht einfach implantiert werden, sie müssen an den örtlichen Gegebenheiten und kulturellen Besonderheiten aufsetzen und natürlich in der afghanischen Gesellschaft wachsen.

Statt immer neue militärische Einsätze zu planen sollten wir also viel eher nachhaltige kulturelle Maßnahmen organisieren, und zwar solche, die ein beiderseitiges Lernen zum Ziel haben und damit der dauerhaften Völkerverständigung dienen. Damit würden wir den Frieden nicht nur in Afghanistan, sondern in der ganzen Region fördern.

10. Barack Obama hat im vergangenen Jahr vorgemacht, was moderner Wahlkampf ist. Man hätte sich aus diesem Werkzeugkasten frei bedienen können, ohne dazu das Charisma Obamas haben zu müssen. Können sich die Parteien, kann sich die SPD leisten, auf diese frischen Methoden zu verzichten?

Wenn Sie einen Blick auf die Webseite der SPD werfen sehen Sie, dass die Sozialdemokraten die neuen technischen Methoden, die auch Barack Obama in seinem Wahlkampf verwendet hat, durchaus überaus aktiv nutzt. Doch ob Blogs, Video-Botschaften, Facebook, Twitter oder Flickr: Aus psychologischer Sicht lässt sich Form eben nicht von deren Inhalt trennen. Das wird besonders bei der Nutzung der sogenannten „Social Networks“ deutlich: Im besten Fall rückt der technische Aufwand einer Kampagne über solche Networks vollständig in den Hintergrund und die Botschaft verbreitet sich quasi von selbst, wird also „viral“. Das ist jedoch keine planbarere Geheimwissenschaft sondern hängt vollständig von den Nutzern, den Empfängern Ihrer Botschaft ab.

Barack Obama hatte eine Botschaft, auf die das amerikanische Volk gewartet hat, und er hat sie charismatisch und glaubwürdig vertreten: „Change - yes, we can!“. Wenn Sie die offizielle Webseite Barack Obamas besuchen, finden Sie diese Tatsache unten rechts ebenfalls perfekt in Worte gefasst: „powered by hope and supporters like you“. Die frischen Methoden, auf die Sie sich beziehen, setzen also einen frischen Geist voraus. Das, was man an technischer Eleganz gewinnen kann, muss man vorher in die Bedeutung, Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit seiner Botschaft investieren – nur dann wird sie, scheinbar wie von selbst, weiterverbreitet werden. Dass die SPD dabei noch sehr weit vom Ideal eines Barack Obama entfernt sein dürfte, darin sind wir uns sicher einig.

11. Ihre Wahlplakate mit den gradlinigen, prägnanten Slogans wie „Dr. Axel Berg verschont Sie mit Politiker-Blabla. Geben Sie dafür einem Politiker Ihre Erststimme, der für zusätzliche Arbeitsplätze in Zukunftsbranchen ackert.“ heben sich wohltuend vom Einheitsbrei anderer Kandidaten und Parteien ab. Sie vermitteln darin in auffallendem Maß den Eindruck, ganz persönlich für ihre Wähler da zu sein und ganz persönlich hinter ihren Positionen zu stehen.

Zwei Fragen: Sind die Plakate Eigenkreation oder Produkt eines Marketingauftrags? Ist eine so stark auf Ihre Person gerichtete Wahlwerbung überhaupt vertretbar, denn immerhin treten Sie für Ihre Partei und deren Positionen an und nicht als Unabhängiger?

Leider ist mein zeichnerisches und grafisches Talent sehr begrenzt. Daher entwerfe ich meine Wahlplakate seit Jahren in enger Abstimmung mit einem eingespielten Experten-Team aus Textern und Grafikern. Über die Jahre haben die mich nun aber auch bereits ganz gut kennen gelernt und wissen, wofür ich stehe:

Anders als viele Listenabgeordnete verdiene ich mir das Vertrauen meiner Wähler selbst und muss als Direktkandidat für mein Wort persönlich einstehen. Die Ehrlichkeit, die ich meinen Wählern entgegen bringe, haben Sie durch eine aktive und überlegte Wahrnehmung ihres Wahlrechts honoriert:

Gegen den gesamten bayerischen Trend haben mich die Bürger meines Wahlkreises dreimal in Folge als einzigen SPD-Abgeordneten in ganz Bayern direkt in den Bundestag gewählt! Diese außergewöhnliche Situation rechtfertigt den starken Zuschnitt meines Wahlkampfs auf meine Person. Darüber hinaus schäme ich mich auch sicher nicht dafür, für die SPD anzutreten: Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten zwischen meiner persönlichen Meinung und der Parteilinie sind immer noch da, vom Ausstieg aus der Atomenergie über mehr soziale Gerechtigkeit bis hin zu einer sozialverantwortlicheren Gestaltung der Finanzmärkte.

---

Ein interessantes und durchaus auch persönliches Bild von Dr. Berg erhält man in diesem Interview, wo er sich zu den Pfeffersäcken aus seinem Jurastudium, zu seiner "Lieblingsasozialen Frau Schaeffler" oder dem ehemaligen SPD-Abegordneten Tauss äußert.

(Hervorhebungen im Text durch Schlesinger)

(Grafiken: www.axel-berg.de)

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 24.09.2009 um 21:51
Beeindruckendes Interview!
Wieder mal beeindruckende 1a druckreife Top-Schlesinger-Qualität!
Herr Dr. Axel Berg von der SPD hat mich leider nicht überzeugen können. Vieles (z.B. bei Hartz IV) wirkt so erklärend warum in der Vergangenheit, was sein mußte und warum es nicht anders gegangen ist. Selbst bei der hevorragenden Ausdrucksweise von Herrn Dr. Berg fällt es mir schwer , dass immer wieder durch zu kauen. Was die Eigenverantwortung der Personen angeht, hat ER SICHERLICH NICHT GANZ UNRECHT. Ich halte es auch für problematisch, wenn wirklich alles der Staat machen soll. Er liegt nach meinem Verständnis in diesen Fragen aber immer noch viel näher bei der CDU/CSU und bei der FDP als bei den Leuten, die wirklich Hilfe brauchen!
Sicher wird er gut sein, wenn er so oft wieder gewählt worden ist, mich hat das aber trotzdem nicht überzeugt!

por
schlesinger schrieb am 24.09.2009 um 22:14
Lieber por, haben Sie vielen Dank für Ihr Lob, das ja fast zuviel des Guten ist!
Ganz kurz zu meinem Eindruck von Hr. Berg: Ich habe ihn noch nicht persönlich getroffen, aber einiges von ihm gelesen. Ohne auf einzelne Inhalte einzugehen, muss ich sagen, dass der Mann - soweit ich das aus der Distanz beurteilen kann - eine selten gewordene oder schon immer selten gewesene Integrität hat und dazu noch ein Malocher ist. Davor habe ich schon großen Respekt. Da mag er gerne in einzelnen Positionen von meinen Auffassungen abweichen. Deshalb habe ich die 3 Links zu Bsp. seiner Stellungnahmen eingefügt, damit man ein besseres Gespür für seine Diskussionskultur bekommt. Das bieten wirklich nur wenige Politiker.

Der Beitrag soll auch nicht als Wahlwerbung dienen (welcher Freitags-Leser wählt schon in München-Nord?), sondern interessierte mich einfach aufgrund einer für mich wohltuenden Gradlinigkeit eines Politikers, dessen Berufsstand sonst arg gescholten wird. Statt Anlass zu weiterer Politikerschelte zu geben, wollte ich etwas Gegenteiliges zeigen. Man muss die Kinder ja nicht immer mit dem Bad ausschütten...
poor on ruhr schrieb am 24.09.2009 um 22:39
Lieber schlesinger,

ich denke , dass Sie da voll und ganz Ihr Ziel errecht haben. Ich habe selten so ausgearbeitete Antworten gelesen. Da wird ganz dezidiert zu den Problemen der Gesellschaft Stellung genommen. AUCH WENN ICH von Herrn Dr. Berg in vielem abweiche, hat er natürlich meine vollkommene Hochachtung und meinen größten Respekt. Das sollte in der politischen Disskussionskultur in diesem Land aber auch überhaupt wieder selbstverständlich werden, wo es angebracht ist. Bei Herrn Dr. Berg erscheint mir das höchst angebracht. Wenn Sie noch mals Kontakt zu ihm haben sollten, so grüßen sie ihn doch von der Community und danken Sie ihm nochmals für seine Mühe. ;O)
Seine Münchner werden schon wissen, wass sie an Ihm haben! Aber auch Ihnen gilt mein größter Respekt. Das muß ja eine Mordsarbeit machen, sowas vorzubereiten.
Da könnte sich "Die Zeit" , die immer nur ihre "Schmidt"-Sülze an den Mann bringen will ein Beispiel dran nehmen! Ich danke Ihnen für Ihre Mühe,Herr Schlesinger! :O)

por

por
Friedland schrieb am 24.09.2009 um 23:26
Sehr schönes Interview und ein angenehm direkter Direkt-Kandidat mit auffälliger Eigenwerbung. Hoffentlich macht Herr Dr. A(x)el Berg seinen Wählern nach der Wahl kein X für ein Uiuiuih vor...

Mal im Ernst: Bei diesem Interview passte alles - Fragen, Antworten und die Aufbereitung/Darreichung. War dies ein schriftliches oder mündliches Interview? Waren die Fragen alle vorbereitet oder ergaben sie sich z.T. auch spontan? Wie lange dauerte die Auswertung? Haben Sie Herrn Dr. Berg dieses Interview zur "Abnahme" vorgelegt oder es ungekürzt/ungeschönt wiedergegeben? (Ich frage, weil es - nach dem ersten Querlesen - eben so handwerklich perfekt und aus einem Guss wirkt...)

Nochmals: Danke für die in Blogs nicht eben selbstverständliche Qualität.
schlesinger schrieb am 25.09.2009 um 09:42
Lieber Friedland, vielen Dank!
Zu Ihren Fragen: Es war ein schriftliches Interview. Die Fragen waren von mir vorbereitet, wobei ich das Angebot machte, auf Anregungen für Umformulierungen evtl. einzugehen. Hr. Berg hat jedoch alle Fragen im Original akzeptiert. Seine Antworten sind exakt wiedergegeben (lediglich die Hervorhebungen im Text sind vom mir, wie aber auch vermerkt). Seine Antworten schienen mir nicht reviedierbedürftig, so dass es keinen zweiten Durchlauf gab. Vielleicht noch dies: Ich hatte Hr. Berg um ein floskelfreies Interview gebeten, und ihn dazu darauf aufmerksam gemacht, dass es auf dem FREITAG von sicherlich kritischen und überdurchschnittlich politischen Lesern bewertet würde.
Friedland schrieb am 27.09.2009 um 22:21
Habe gerade gesehen, dass im Wahlbezirk München-Nord Johannes Singhammer (CSU) gewonnen hat. Sehr schade...
schlesinger schrieb am 30.09.2009 um 19:37
Axel Berg ist im Sog der SPD mit untergegangen und hat seinen Wahlkreis München-Nord nicht gegen den beliebig austauschbaren CSU-Mann Johannes Singhammer behaupten können. Singhammer hat das übliche Wahlprogrämmchen durchgezogen, und am Eingang von Karstadt "Vergissmeinicht" verschenkt, die in Wirklichkeit blaue Hornveilchen waren. Ein Symbol für die Tragikomik des ganzen Vorgangs.

Holger gertz von der Süddeutschen hat einen bemerkenswerten ganzseitigen Beitrag über die unverdiente Niederlage von Hr. Berg geschrieben:

"Der Münchner Axel Berg war bis zum letzten Sonntag einer der wenigen bayerischen Sozialdemokraten im Bundestag mit Talent zum Erfolg. Er war unkonventionell, engagiert und verzichtete auf Mätzchen. Seine Niederlage erzählt viel - auch darüber, wie dilettantisch die SPD mit den paar guten Leuten umgeht, die sie noch hat. [...]

Axel Berg ist kein Parteifreak, er ist ein Wahlkreisfreak: Es gab keinen Tag in Schwabing, ob zu Wahlkampfzeiten oder nicht, an dem man ihm, seinen Thesen zur Energiepolitik oder seinem "Berg-Bus" entgangen wäre. Aber sogar viele Akademiker wissen nicht, wozu die erste und die zweite Stimme da ist. Vielleicht hätte Berg sonst gewonnen, denn er ist hier wirklich beliebt. So aber ist er von seiner SPD und dem Gewicht ihrer Krise zerdrückt worden. Er versucht jetzt, dem Schmerz standzuhalten. Er ist früher Leistungssportler gewesen, sagt er, "da muss ich auch verlieren können". Er schluckt, als er das sagt, dann schaut er weg. Er ist kein guter Lügner.
[...]
Kann man eine Niederlage gegen Johannes Singhammer ertragen? Nachdem man ihn schon dreimal geschlagen hatte? Der CSU-Mann Singhammer hatte bei der Fußball-WM 2006 via Bild-Zeitung gefordert, der Bundesinnenminister möge Staatsbeflaggung anordnen. Er ist von wirklich ganz anderem Zuschnitt als Berg.
[...]
Axel Berg hat derweil seinen Dauerwahlkampf gemacht. Er ist immer mit einem VW-Transporter unterwegs gewesen, dem "Berg-Bus". Zweimal die Woche stellte er ihn irgendwo auf und sprach mit den Leuten: Energiepolitik ist sein Thema, Klimawandel, er hat für das Windrad in Fröttmaning gekämpft, gegen den Transrapid. In Berlin war er stellvertretender energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Er hat stundenlang mit denen geredet, die am Bus standen, und abends hat er die Gespräche am Computer fortgesetzt. 5000 E-Mails im Jahr hat er beantwortet. Wenn er am Café Schwabing vorbeikam morgens auf dem Weg ins Bürgerbüro, grüßten ihn die Leute, wie sie es in Kreuzberg bei Ströbele machen oder in Bremen bei Henning Scherf. Auf einigen seiner Plakate war nur ein Smiley über dem Slogan, "Axel Berg verschont Sie mit einem Politiker-Foto."
[...]
Deshalb wird Axel Berg auch über die Landesliste nicht in den Bundestag kommen. Seine Partei hat ihm Platz 17 zugeteilt, nach dem Wahlergebnis dürfen aber nur 16 Kandidaten aus Bayerns SPD ins Berliner Parlament.
[...]"
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