Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

18.03.2011 | 08:47

Die Sonne, die niemals untergeht (Lindberg 24)

Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel. Diesmal erzählt er aus seiner Gegenwart, wie er den Mann traf, der die berühmteste Sonne der Welt erfand.

2060

Von den drei Kindern, die ich gezeugt habe, ist meine Tochter Katharina die bedauerlichste. Sie sitzt im Bundestag für die Deutsche Umweltschutzpartei und ist dafür bekannt, dass sie anderen Rednern gerne ins Wort fällt. „Herr X., Sie setzen das Wohl unserer Kinder aufs Spiel.“ „Frau Y., damit machen Sie sich zur Dienerin der Industrie.“ „Halten Sie doch einfach Ihr Maul.“

Heute beschlossen meine Frau und ich, dass es mal wieder an der Zeit war, ihr einen Besuch abzustatten. Also meine Frau beschloss das, ich leistete bloß nicht ausreichend Widerstand.

„Kommt doch rein“, sagte Katharina und wir folgten ihr ins Wohnzimmer. „Es ist alles etwas chaotisch, aber ich räume mal kurz die Couch frei.“
„Was treibst du denn hier?“, fragte ich und blickte auf ein Meer an Leinentüchern, Farbe und Stoffresten.
„Liest du etwa kein Internet?“
„Nicht das, wo steht, warum es in deinem Wohnzimmer chaotisch aussieht.“
„Ha… ha. Morgen ist doch die große Anti-Atomkraft-Demo.“
„Achso die. Na ja.“
„Was soll das denn wieder heißen?“
„Ist doch immer dasselbe.“
„Diesmal ist es anders. Nach den Vorfällen in China sind die Leute aufgewacht. Ganz Deutschland wird morgen auf der Straße sein.“
„Auf mich müsst ihr verzichten. Ich schlafe morgen aus.“
„Willst du deinen Kindern die Welt nicht so hinterlassen, wie du sie betreten hast?“
„Töchterchen, ich möchte dich ja nicht in deinen Illusionen stören, aber das bringt alles nichts. In zwei Monaten geht niemand mehr auf die Straße.“
„Du bist immer so zuversichtlich.“
„Du musst nur mal begreifen, dass die Welt, wie sie ist, und die Welt, wie du sie willst, sich immer weiter auseinanderbewegen.“
„Die Leute haben genug von den 17 Atomkraftwerken in Deutschland.“
„Töchterchen, habe ich dir mal erzählt, wie ich Sören Lisberg kennengelernt habe?“
„Bitte wen?“
„Sören Lisberg hat zusammen mit einer Kollegin 1975 die lachende Atomkraft-nein-danke-Sonne erfunden. Ich sehe, die hast du schon auf dein Leinentuch gebastelt.“
„Ich liebe diese Sonne. Wann hast du den denn getroffen?“
„Ach, das war so 2030, ich traf ihn für den Spiegel. Er erzählte mir, wie sie das Ding damals erfunden hatten, damit die Anti-Atomkraft-Bewegung ein gemeinsames Symbol hatte, um sich gegenseitig zu erkennen. Er war so voller Begeisterung. Dachte an die guten alten Zeiten. Nach einer Stunde verabschiedete ich mich von ihm und war schon aus der Tür raus, als er mich zurückrief. Wir setzten uns wieder in sein Wohnzimmer. Und dann platzte es aus ihm heraus.“
„Was platzte aus ihm heraus?“
„Dass er diese Sonne nicht mehr sehen konnte. Bei ihrem Anblick ergriff er regelmäßig die Flucht. Ständig diese Anti-Atomkraft-Revivals und seine Sonne in jedem Fernsehbericht, nach drei Tagen halte er das nicht mehr aus. Und wissen Sie, sagte er, so geht es nach einer Weile jedem mit den Protesten. Wenn die Störfälle ein paar Wochen zurückliegen. Dann fragen sie sich, was der Quatsch mit den Leinentüchern soll und den Lichterketten und den Zeltlagern mit der Gulaschkanonenversorgung. Dann finden sie, dass es ja doch alles nicht so schlimm war mit der Radioaktivität und billiger ist der Atomstrom ja auch.“
„Was auch immer du mir damit sagen willst, Lindberg, ich gehe morgen. Wir haben keine Wahl.“
„Wir haben nicht mal das“, sagte ich.

Die Sonne auf dem Laken grinst trotzdem.

 
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Kommentare
koslowski schrieb am 18.03.2011 um 09:54
Der Text gefällt mir: aktuell, gut erzählt, pessimistisch. Und Katharina hat Recht, denn wer sich nicht wehrt, hat schon verloren.
Sebastian Dalkowski
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