Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

06.07.2009 | 07:06

Die Werbebande

Ich brauche dringend Geld und entscheide mich dafür, Körper, Seele und Freiheit an die Wirtschaft zu verkaufen. Dafür werde ich aber auch nicht von Autofahrern über den Haufen gefahren.

Vorgestern sah ich aus Versehen einen Dokumentarfilm, der nicht von Hitlers Frauen handelte oder von seinen Lieblingsblumen. Es sagte auch kein schlesischer Adeliger, wie der Russe gewütet hatte. In dem Dokumentarfilm ging es darum, wie die Wirtschaft in den USA und Kanada die Schulen eroberte. An zwei Beispiele erinnere ich mich. Das Bus Radio sieht vor, einen Radiosender im Schulbus laufen zu lassen, mit regelmäßigen Werbeeinspielern und dafür bekommt die Schule zum Beispiel den Schulbus kostenlos.

Ein anderes Unternehmen überzeugt Schulen davon, jeden Tag ihre zwölfminütige Nachrichtensendung zu zeigen, ebenfalls mit Werbung. Dafür bezahlt das Unternehmen der Schule die Fernsehgeräte. Die Eltern waren natürlich gegen beides. Eltern sind immer gegen alles, was sie selbst nicht mögen, und verbieten es dann auch ihren Kindern.

Ich erinnere mich daran, dass in meiner Grundschulzeit immer ein Mann von einer großen Bank in die Klasse kam. Wer bei der Bank ein Konto hatte, der durfte ihm mit der Spardose in ein anderes Zimmer folgen. Dort gaben die Kinder das Geld ab und kamen mit einem großen Werbegeschenk zurück, zum Beispiel mit einem großen Brustbeutel. Wer kein Konto bei der Bank hatte, bekam nur ein kleines Werbegeschenk, zum Beispiel einen kleinen Brustbeutel. Meine Mutter erlaubte mir nicht, ein Konto bei der großen Bank zu haben, weil ich schon ein Konto bei einer anderen großen Bank hatte. Davon bekam ich einen psychischen Schaden.

Ich bin nun alt genug, mich an die Industrie zu verkaufen. Ich werde diese Chance nutzen. Ich lege viele Strecken von A nach B mit dem Fahrrad zurück, auch wenn A und B nicht in derselben Stadt liegen. Ich muss dafür viel Spott einstecken von Leuten, die Auto fahren. Sie sagen: „Dich müsste man einsperren und dann noch mit 40 Peitschenhieben betrafen.“ Der subversivste Akt in der heutigen Zeit ist Radfahren außerhalb von sonnigen Sonntagnachmittagen. Die Leute haben Verständnis dafür, wenn Menschen 40 Kilometer fahren und zwischendurch Brötchen essen und Apfelsaft trinken und wieder dort ankommen, wo sie losgefahren sind. Wenn jemand aber Rad fährt, um von A nach B zu fahren, sind sie völlig entgeistert.

Ich stehe über den Dingen. Früher waren wahrscheinlich die Fußgänger die Radfahrer von damals. Da kamen dann die Radfahrer zu den Fußgängern und sagten: „Dich müsste man aber…“ Und in 100 Jahren werden die Autofahrer von den Düsenantriebsrucksackträgern belächelt und die Autofahrer fahren 40 Kilometer im Kreis und essen zwischendurch Brötchen und trinken Apfelsaft.

Vor zwei Tagen unterschrieb ich einen Haufen Versicherungen. Danach war mir klar, dass ich über einen längeren Zeitraum regelmäßig Geld brauchte. Mir fiel ein, dass ich stundenlang auf dem Fahrrad sitze und dass ich damit ja Geld verdienen könne. Die Idee ist: Ich beklebe mein Fahrrad mit Logos von Unternehmen und trage T-Shirts und Jacken und Pullover mit Logos und wenn es sein muss, ziehe ich auch einen Banner oder eine Traube Luftballons mit Logos hinter mir her. Und dafür verlange ich viel Geld.

Mein fiktiver Freund S., der exakt so aussieht wie ich und auch eine Kolumne schreibt, warnte mich. Er sagte: „Du verkaufst nicht nur deinen Körper, sondern auch deine Seele und noch deine Freiheit.“ Ich sagte: „Wo soll ich unterschreiben?“

Gestern habe ich mit Vertretern der Wirtschaft gesprochen. Es ist gar nicht so schlimm gelaufen. Die Luftballons wurden durch einen Zeppelin ersetzt. Die Logos durch Leuchtreklame und weil ich immer eine Strecke fahre, die kein Autofahrer benutzt, müsse ich die Hauptstraße benutzen, durch das ganze Geblinke sei ich ja vor Auffahrunfällen sicher. Außerdem müsse ich unbedingt während der Rush Hour fahren und täglich nie weniger als 20 Kilometer und bei Regen gebe es nur die Hälfte des Geldes, da interessiere sich ja kein Autofahrer für meine Werbung.

Wir haben auch noch kurz darüber gesprochen, dass ich unterwegs Produktproben an Spaziergänger und Radfahrer verteile. Das habe ich entschieden abgelehnt. Ich habe mich beim einhändig fahren schon so oft auf die Nase gelegt.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

 
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Kommentare
outnumber schrieb am 06.07.2009 um 13:55
na das klingt nach einem geschäft :-))
sehr gern gelesen. danke.
In hamburg haben sie seit einigen jahren in den u-bahnen und auch an den haltestellen monitore eingebaut, ich warte darauf dass jedes auto serienmäßig mit einem monitor incl 5 jahres werbepaket hergestellt werden.
Sebastian Dalkowski
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Rosa Sconto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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