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Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel. Diesmal erzählt er von dem Abend, an dem niemand zuhause ist.
2011
Ich hatte ja damals trotz meiner Intelligenz, die die Menschen misstrauisch machte, einige Freunde. Und diese Freunde fragten jeden Samstag: „Sollen wir heute Abend nicht weggehen?“ Denn früher gingen die Menschen an Samstagabenden noch weg. Also aus. Die virtuellen Welten waren einfach noch nicht realistisch genug. Erst als sich die Illusion anfühlte wie das echte Leben, fingen die Menschen an, zuhause zu bleiben.
Ich habe das mit dem Samstagabend-Ausgehzwang damals schon nicht verstanden. Einmal in der Woche mieden die Leute ihre Couch, als stünde sie in Flammen. Was unter der Woche gut war, war plötzlich nicht mehr akzeptabel: Rumhängen, DVDs gucken, mit dem Brötchen auf den Bezug krümeln. Wie von einer dunklen Macht gesteuert gingen die Leute in die Disko, sahen sich einen Film im Kino an, trafen sich mit Freunden im Restaurant oder in der Kneipe oder besuchten das Konzert ihrer Lieblingsband. Wer lieber zuhause „Wetten, dass...?“ guckte, verabschiedete sich für immer aus seinem Freundeskreis und galt fortan entweder als Terrorist oder Fall für den Psychiater. Selbst Ausreden wie „Ich muss aufs Kind aufpassen“ zählten nicht. „Du, ich kenne da einen sehr guten Babysitter, der hat schon auf unsere Leonie-Chantalle aufgepasst“, hieß es dann. Nur die Entschuldigung „Also ich bin jetzt 50 und...“ war gestattet.
Der Samstagabend bediente sich dabei eines einfaches Tricks. Er versprach: „Ich weiß, unter der Woche hat dich deine Arbeit mal wieder frustriert, aber nun komme ich. Nun kommt die Nacht der Nächte, und alles wird gut.“ Das Dumme war nur: Der Samstagabend hielt das Versprechen meist nicht: Die Disko war zu voll oder zu leer und Leute sagten „Hallo, ich bin Frank/Günter/Petra/Astrid“. Im Kino stank es nach Nachos, und die besten Szenen waren schon im Trailer gezeigt worden. Das Steak schmeckte wie ein Steak eben so schmeckte, das Bier kostete vier Euro. Und die Band kam eine Stunde zu spät auf die Bühne und spielte das Lieblingslied nicht. Wer dann montags wieder im Büro saß, war gerade noch motiviert genug, die Kaffeemaschine einzuschalten und den Kopf auf den Tisch plumpsen zu lassen.
Doch das Tückische am Samstagsabend-Ausgehen war, dass es egal war, ob es gut oder schlecht lief – man verlor immer. Es half nichts, wenn das Steak schmeckte wie das achte Weltwunder und der Film einen 90 Minuten in den Sitz drückte. Im Gegenteil. Denn dann war der Absturz in den Alltag noch viel schlimmer.
„Ach Mensch, war das am Samstag geil.“
„Okay, aber könntest du hiervon jetzt bitte 300 Kopien machen?“
Sooo langweilig war „Wetten, dass...?“ auch nicht. Selbst nicht nach 30 Jahren mit Jörg Pilawa.
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aber es ging doch damals nicht ums ausgehen. es ging um die lizenz zum ausschlafen.
der samstag ist inzwischen mein einziger zuhause-abend. ich ertrage die ein-tages-hedonisten nicht so gut. |
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Ach, der Samstagabend war einfach nur ein verkappter Spaßverderber.
Der tat so. als ob er waw besonderes wäre, und dabei war er auch nur ein alltäglier Wochenendtag. Mensch, was muß das frustierend gewesen sein! Da spiele ich lieber weiter in der virtuellen Welt 'Alcoholics Anonymous III' -- das Strategiespiel für Fortgeschrittene. |
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seitdem ich die weinschorle-app mit integrierter unschärferelation habe, vermisse ich die heimwege aus den zehner-jahren eigentlich nicht mehr.
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Brauche ich nicht. Ich habe einen flavour-simulator, der generiert mir sogar das Aroma von Talisker-Whisky.
Dazu dann eine Caporal-Simulation und was willst du mehr? |
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ich hätte gern einen kater, der mir morgens eine aspirin und einen rollmops powerpointet.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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