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Warum Menschen denken, ihr Leben sei ständig 140 Zeichen wert

http://media.tumblr.com/tumblr_kuyk2iSMHr1qzip4l.jpgIn einer längst vergangenen Zeit brauchte der Mensch eine Axt, ein Pferd oder einen Brunnen. Heute braucht er ein Twitter-Profil. Ohne Twitter-Profil hat er keine Chance zu überleben. Nur mit diesem kann er eine Nachricht von bis zu 140 Zeichen Länge im Internet verschicken, und alle Twitter-Nutzer, die seine Follower sind, also seine Nachrichten abonniert haben, können lesen, was er schreibt. Er twittert, dass er duschen geht. Er twittert, dass er gleich das Haus verlässt. Er twittert, dass es gerade schneit.

Immer wieder treffen die Twitter-Jünger auf Menschen, die sie entgeistert ansehen und fragen: „Bitte erklär mir den Sinn von Twitter? Ist das nicht bloß so was wie Bloggen und alle erzählen, womit sie ihre Pizza belegt haben?“ Aber nein, nein, nein, wird der Twitter-Jünger antworten, auf keinen Fall. Twitter ist völlig revolutionär. Und schon spult er die Gründe ab.

„Weißt du, das erste Bild, dass das notgelandete Flugzeug im Hudson River zeigte, hatte jemand mit seinem Handy gemacht und per Twitter verschickt.“ Den Einwand, dass es doch egal sei, ob das Bild eine Minute nach der Notlandung im Internet stehe oder eine Stunde, lässt er nicht gelten. Sogleich erzählt er von den Protesten im Iran nach den Präsidentschaftswahlen im Juni. Dank Twitter konnte sich die Opposition absprechen und die Zensur umgehen. Die Studie, die das Gegenteil belegt hat – egal. Wer den Twitter-Gläubigen lange genug reden lässt, hört irgendwann noch die Worte Klimaretter und Weltfrieden.

Es ist nur so: Die wenigsten twittern Bilder von notgelandeten Flugzeugen oder verabreden sich im Iran zu Demonstrationen. Die meisten schreiben bloß, was sie gerade tun, denken und entdeckt haben und halten das für so wichtig, dass andere unbedingt davon erfahren müssen. Weil sie aber zwischen Latte-Macchiato-Trinken und „das nächste Projekt planen“ kaum Zeit haben für durchdachte Äußerungen, kommt ihnen die Beschränkung auf 140 Zeichen gerade Recht. Und sollte ein anderer Nutzer den Beitrag tatsächlich retweeten, also mit Verweis auf den Urheber selbst twittern, fühlen sie sich wie die 17-Jährige aus Emden, die Dieter Bohlen für den Recall zulässt.

Die DDR brauchte wenigstens noch die Stasi, um an belanglose Informationen zu kommen. Heute muss man die Menschen einfach nur lange genug sich selbst überlassen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.