Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

05.01.2011 | 08:37

Westerwelle: Unsere Demokratie ist eine Nobel-Diskothek

Die Meute fordert seit Wochen seinen Kopf, nun muss er zurückschlagen - morgen hält Guido Westerwelle die wichtigste Rede seines Lebens beim Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart. Was wird er bloß sagen? Ein Vorschlag. 

Liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde,

bevor ich die selbe Rede halte, die ich seit 20 Jahren halte, möchte ich Sie um Folgendes bitten: Krempeln Sie die Ärmel hoch und ziehen Sie sich die Turnschuhe an, die Sie mitbringen sollten.

[zwei Minuten warten, besser noch drei]

Sind Sie soweit? Dann legen Sie sich bitte jetzt neben Ihren Tisch auf den Bauch und machen 20 Liegestütze. Und damit meine ich richtige Liegestütze, so dass Sie mit dem Kinn fast den Boden berühren.

[vier bis acht Minuten warten wegen Brüderle]

Nun dürfen Sie sich wieder setzen. Spüren Sie die Energie, die nun in Ihnen wallt? Spüren Sie das gute Gefühl, Ihren Körper gefordert und Ihren inneren Schweinehund überwunden zu haben? Spüren Sie nun, dass sich Leistung lohnt? Ich sage es Ihnen ehrlich: Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem man sich dafür schämen muss, Liegestütze zu machen. Liegestütze müssen sich wieder lohnen, liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde.

[vier Minuten für Applaus einplanen, dabei überlegen gucken]

Ein Gespenst geht um, liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde, das Gespenst von Rot-Rot-Grün. Aber das Gespenst ist echt und es ist gefährlich. Rot-Rot-Grün, oder wie wir es nennen „Die fünfte Kolonne Moskaus“, bedroht die Grundfesten des deutschen Staates. Wir wollen Freiheit, Eigenverantwortung, Umweltzerstö... ähm Wirtschaftswachstum, Fortschritt. Rot-Rot-Grün will Golf spielen versteuern, die Manager ins Gefängnis werfen, die Betriebe enteignen, die Räterepublik einführen, Marx und Lenins Geburtstage zu Nationalfeiertagen machen und das schlimmste: Rot-Rot-Grün will einen Sozialstaat.

[Raunen im Publikum abwarten]

Ja kann denn das sein, dass diese Steineschmeißer und Studienabbrecher das Tempo vorgeben, in dem unser Land sich der Zukunft zuwendet? Kann denn das sein, dass jede Kröte den Bau eines Atomkraftwerks oder einer Umgehungsstraße verhindert? Kann denn das sein, dass diese Gutmenschen Hartz-IV-Empfängern ein Leben in Würde ermöglichen wollen? Kann denn das sein, dass nicht mal mehr eine Bushaltestelle gebaut werden kann, ohne dass unzureichend informierte Bürger mit einem falschen Verständnis von Demokratie den Bau dieser Bushaltestelle verhindern wollen? Nein, das kann und darf nicht sein, liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde. Und mit der FDP darf und wird es diese Zustände nicht geben. Unsere Demokratie ist kein Selbstbedienungsla... ähm kein Selbstverwirklichungskursus im Batiken, unsere Demokratie ist eine Nobel-Diskothek. Wer sich nicht benimmt, der fliegt raus. Und wer nicht die richtigen Schuhe trägt, kommt gar nicht erst rein.

In den vergangenen Wochen haben mir nicht nur außerhalb der Partei, sondern auch innerhalb so genannte Menschen den Rücktritt nahegelegt. Das muss man sich einmal vorstellen. Mir, dem Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mir, Guido Westerwelle. Diese Kritiker schaden nicht mir, diese Kritiker schaden der Partei. Wir werden zu gegebener Zeit ein neues Betätigungsfeld für sie finden. Ja, das gilt auch für dich, Mister X, oder sollte ich besser sagen Mutter, die du gegen mich antreten willst?  Mutter, das hätte ich wirklich nicht von dir erwartet.

Doch ich sage es Ihnen ehrlich, mit meiner ganzen Autorität als Krawattenmann des Jahres 2001: Mein Rücktritt wäre das falsche Signal. Er würde all denen helfen, die unser Land blockieren, die unser Land in die Steinzeit zurückstricken wollen. Und deshalb fordere ich stattdessen, und ich hoffe dabei auf Ihre Unterstützung, liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde: Deutsches Volk, tritt zurück. Denn du hast dich als unfähig erwiesen, den Weg der FDP mitzugehen, den einzigen Weg, den es sich lohnt zu gehen, der zur Rettung Deutschlands führt.

Denn nicht die FDP hat ihre Politik verändert, für die du sie einst im Jahr 2009 wähltest, sondern du hast dich verändert. Du, deutsches Volk, hast dich den Blockierern, Steineschmeißern und Kommunisten vor die Füße geworfen. Du, deutsches Volk, hast dem göttlichen Glauben des Fortschritts entsagt, um der Ketzerlehre des Sozialismus anheimzufallen. Du, deutsches Volk, bist es nicht wert, zum deutschen Volk zu gehören. Deshalb fordere ich: Tritt zurück, damit Deutschland eine Zukunft hat.

[acht Minuten für Applaus, dabei siegessicher gucken]

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

[vierundzwanzig Minuten für Applaus einplanen, dabei siegessicher und überlegen gucken, „Guidoguido-Rufe“ einplanen, dann Abgang]

 
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Kommentare
Wolfram Heinrich schrieb am 05.01.2011 um 08:57
Beifallklatsch. 24 Minuten lang.
Wolfram Heinrich schrieb am 05.01.2011 um 09:15
Ich möchte die Gelegenheit nützen, darauf hinzuweisen, daß mich die Aussprache "Giedo" für den Vornamen des Großen Vorsitzenden Westerwelle (wann schreibt der eigentlich sein "Gelbes Buch - Worte des Vorsitzenden Guido Westerwelle"?) jedesmal irritiert, wenn ich sie höre - und ich höre sie oft.
"Guido" ist die italienisierte Form eines germanischen Namens ("der aus dem Wald kommt", wenn ich mich recht entsinne), eng verwandt (identisch?) mit Widukind. Als italienischer Name sollte er auch italienisch ausgesprochen werden.
In der englischen Wikipedia habe ich gefunden: " Guido (English pronunciation: /ˈɡwiːdoʊ/) is a slang term for a lower-class or working-class urban Italian-American. The guido stereotype is multi-faceted. Originally, it was used as a demeaning term for Italian-Americans in general. More recently, it has come to refer to Italians who conduct themselves as thugs with an overtly macho attitude. "
Diese Nebenbedeutung mag für Herrn Westerwelle eine Erklärung dafür sein, warum Amerikaner kichern, wenn sie seinen Namen hören.

Ciao
Wolfram
Mingus schrieb am 05.01.2011 um 09:37
Monsignore Giedo denkt wahrscheinlich, dass im Amerikanischen sein Name Bezug nimmt auf to guide, führen. Gaido. Gaido Westernwave.
GeroSteiner schrieb am 06.01.2011 um 10:35
Ich dachte immer, er heißt Gildo, wie Horn, nur noch lauter.
Wolfram Heinrich schrieb am 06.01.2011 um 12:59
@GeroSteiner
Ich dachte immer, er heißt Gildo, wie Horn, nur noch lauter.

Hieße er Gildo so hätte er uns alle lieb. Piep, piep, piep.

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 05.01.2011 um 15:47
Steuerposse offenbart eine Koalition der Zauderer

Die FDP und ihr Chef Guido Westerwelle müssen dringend Steuersenkungen durchsetzen, um glaubhaft zu bleiben. Die Union sabotiert dieses Anliegen.

Für eine Koalition vermeintlicher Steuersenker und -vereinfacher war der Ende 2010 ausgehandelte Kompromiss eigentlich ein Witz. 80 Euro Pauschbetrag mehr sollte es für Arbeitnehmer geben. Nur im Falle einer epidemischen Wahlversprechensamnesie unter den Wählern hätte dies Glücksgefühle ausgelöst.

Die Liberalen hatten sich an dieser Miniaturkorrektur am deutschen Fiskalmonster erregt: freudig, in kompletter Seinsvergessenheit. Als „Durchbruch“ wie als „Meilenstein“ wurde gefeiert, was insbesondere den treu bürgerlich wählenden Gutverdienern als Hohn erscheinen musste. Nun kursiert im Finanzministerium ein Entwurf, der diese minimale Entlastung auch noch auf das nächste Jahr verschieben will.

Kurz vor dem Dreikönigstreffen der FDP ist dies ein weiterer „kollegialer“ Akt der Unionsministerien an einen Vizekanzler, der gerade um sein politisches Überleben kämpft. Vor diesem Hintergrund muten die Unterstützungsgesten der beiden Unionsvorsitzenden Merkel und Seehofer vom Wochenende denkbar unsolide an. Die Unionsappelle an die FDP, ihren Vorsitzenden nicht zu stürzen, passen nicht zur weitgehenden Sabotage zentraler Anliegen der Liberalen, egal, wie ungeschickt sie vorgetragen wurden.

www.welt.de/debatte/kommentare/article11950878/Steuerposse-offenbart-eine-Koalition-der-Zauderer.html
Ehemaliger Nutzer schrieb am 05.01.2011 um 15:49
Weitere Demütigung für Westerwelle

Finanzminister Schäuble will die Steuervereinfachung um ein Jahr auf 2012 verschieben. Die LAUSITZER RUNDSCHAU aus Cottbus kon- statiert:
"Von der legendären Bierdeckel-Reform ist die Koalition Licht- jahre entfernt. Jetzt aber auch noch das bisschen Vereinfachung auf die lange Bank schieben zu wollen, kommt schlichtweg einem Wortbruch gleich", schreibt die LAUSITZER RUNDSCHAU.

Der MÜNCHNER MERKUR beleuchtet mögliche Folgen für die Koalition:
"Das hat Guido Westerwelle gerade noch gefehlt. Für die gedemütigte Mehr-Netto-vom-Brutto-Partei ist das ein weiterer Schlag in die Magengrube. Immer brutaler wird der Gegensatz zwischen den vollmundigen Wahlversprechen der Regierung und der tristen Realität, die für Millionen von Bürgern mitten im Aufschwung vor allem steigende Kosten bringt: für die Gesundheit, für Strom, für Mieten. Mancher Bürger hegt insgeheim schon Rachepläne: Wenn schon alle für die Rettung der Banken und des Euro zahlen sollen, dann bitte auch Frau Merkel und ihre Regierung", hält der MÜNCHNER MERKUR fest.
www.dradio.de/presseschau/
zelotti schrieb am 05.01.2011 um 20:47
Guido ist die 5. Kolonne Washingtons, darum ist ja auch der Botschafter trotz Spionieren noch im Amt. In Wahrheit hat nämlich die FDP einen dafür bezahlt für die Amerikaner bei ihnen zu spionieren. Die 5. Kolonne Moskaus kann nur besser sein.
Technixer schrieb am 05.01.2011 um 21:03
Herr Dalkowski, ich habe mich königlich amüsiert, allerdings behaupte ich ganz dreist, dass diese "Führungselite" in der FDP tatsächlich so denken wie Sie schreiben. Diese Denkweise würde eine Menge Entscheidungen erklären.
GeroSteiner schrieb am 05.01.2011 um 23:27
Ich habe nichts gegen Guido Westerwelle. Der tut doch nichts.

Der Schlussapplaus: (tropfend - über 24 Minuten) klapp.........klap...klappklapp..........klap..................klap......klapp..............klapp...........klap..............klap.........klapklapp..............klap....................

PS. Der Beitrag hat mich amüsiert und ich übe gerade überlegen gucken. Oder meinten Sie doch überlegend?
Sebastian Dalkowski schrieb am 06.01.2011 um 08:43
Können Sie sich vorstellen, dass Westerwelle überlegend guckt? Na also.
GeroSteiner schrieb am 06.01.2011 um 11:56
Er schaut eigentlich nur noch zum Brüderle, ob der jetzt einen zusammenhängenden Satz herausbekommen hat, während Daniel Bahr ihm hinterrücks die Hasenohren aufsetzt.
koslowski schrieb am 06.01.2011 um 18:07
Und das sagte der Vorsitzende heute tatsächlich (u.a.):

"Wir Liberale gehen auf Angriff, weil wir linke Mehrheiten in Deutschland verhindern wollen.

Wem die Bürgergesellschaft wichtiger ist als Staatsgläubigkeit, der hat nur die FDP.

Wer die Mittelschicht stärken will, damit sich die Gesellschaft nicht spaltet, der hat nur die FDP.

Wer den Mittelstand in das Zentrum der Wirtschaftspolitik rücken will, der hat nur die FDP.

Wer die Bürgerrechte schützen will, weil es Sicherheit ohne Freiheit nicht gibt, der hat nur die FDP.

Wer in der Bildung Chancengleichheit will, aber nicht Ergebnisgleichheit, der hat nur die FDP.

Wer eine Umweltpolitik der besten Ergebnisse will statt der guten Absichten, der hat nur die FDP.

Wer einen Sozialstaat will, der den Bedürftigen hilft und nicht den Findigen, der hat nur die FDP.

Wer in neuen Technologien zuerst die Chancen sieht und nicht nur Risiken, der hat nur die FDP.

Wer will, dass sich die eigene Anstrengung lohnt, der hat nur noch die FDP.

Wer die Freiheit liebt, der braucht eine starke FDP. Und eine starke FDP braucht Sie."

Frage: Wer ist der bessere Satiriker, Herr Dalkowski oder Herr Westerwelle?
Wolfram Heinrich schrieb am 06.01.2011 um 18:18
@koslowski
Frage: Wer ist der bessere Satiriker, Herr Dalkowski oder Herr Westerwelle?

Ich schätze Herrn Dalkowski an sich sehr, aber gegen Westerwelle kann er natürlich nicht anstinken.

Oder, wie es in der Werbung heißt: "Guido ist Spitze, Guido ist Spitze, lies das O-ho-ri-gi-nal!"

Ciao
Wolfram
carlfatal schrieb am 07.01.2011 um 03:05
So leid es mir tut, aber das Original ist...
2 : 0 für Westerwelle
sorry, cf
Sebastian Dalkowski
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