Mir ist zum Kotzen. Nicht, weil ich krank wäre. Es sind die widerwärtigen Randphänomene des EHEC-Debakels, die mir allmählich unerträglich werden. Hunderte von Menschen kämpfen um ihr Leben oder um die Vermeidung schwerster gesundheitlicher Schäden. Krankenhauspersonal auf allen Ebenen unterstützt sie dabei, ohne Rücksicht auf das eigene "Wohlbefinden" und die eigene Gesundheit zu nehmen. Zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen geben ihr bestes, um Ursachen und Lösungen zu finden.
Genügend Anlass also für Mitgefühl, für Anerkennung und - sofern möglich - Unterstützung. Genügend Anlass auch für die Beachtung der Kollateralschäden in Landwirtschaft und Lebensmittelhandel. Dass aber das Geschrei der einschlägigen Lobbyisten allmählich das Schicksal der Opfer, das Engagement der Helfer und die Bemühungen der zuständigen Behörden und Wissenschaftler zu übertönen beginnt, ist für mich nicht mehr hinnehmbar.
Wie verkommen und egositisch muss eigentlich eine Gesellschaft sein, die es nicht mehr schafft, in einer solchen Situation gemeinsam im politischen Rattenrennen ein paar Gänge zurückzuschalten und sich auf das zentrale Problem zu fokussieren und einfach mal das Lobbyisten - und Ideologenmaul zu halten?
Wie viele Tote muss man nach Einschätzung der Bauernlobby eigentlich in Kauf nehmen, bevor man es riskiert, eine möglicherweise fehlerhafte Warnung abzugeben? Wie viele Menschenopfer braucht es, bevor die finanziellen Interessen erst einmal in den Hintergrund treten? Was ist uns mehr wert: ein Menschenleben oder der Profit? Wann ist der angemessene Zeitpunkt, um über die Kollateralschäden zu sprechen?
Selbstverständlich ist es nicht hinzunehmen, dass unschuldige Erzeuger von Lebensmitteln durch diese Krise ihre Existenz verlieren. Selbstverständlich müssen die Medien auch darüber berichten. Selbstverständlich haben Erzeuger gesunder Lebensmittel das Recht, öffentlich zu machen, dass ihre Erzeugnisse nicht betroffen sind. Und selbstverständlich muss die Gesellschaft entstandene Schäden in angemessenem Umfang wieder gutmachen. Aber letzteres kann man auch hinter den Kulissen und über die zuständigen Institutionen organisieren. Da braucht es kein öffentliches Geschrei, während noch Menschen neu erkranken, um ihre Gesundheit kämpfen oder sterben. Was da teilweise ertönt, ist keine Interessenvertretung mehr. Es ist ein Ausbruch sozialer Verwahrlosung.
Und, bitte sehr, EHEC hat nichts auf Gurken verloren, unabhängig von der Frage, ob der gefundene Keim der schuldige Keim ist. Auch der jetzt noch unschuldige Keim kann morgen eine Katastrophenkreuzung sein. Es gibt da nicht nur das aktuelle Problem, sondern auch grundsätzlichere Fragen.
Den vorläufigen Tiefpunkt der Ekeldebatte aber markiert - für manche wenig überraschend - das Flaggschiff aus dem Hause Springer, das sich nicht entblödet, die nun wirklich brennende und weltbewegende Frage zu stellen, warum denn Greenpeace plötzlich so still sei. Aus der Frage stinkt schon die Antwort: die Biogurke passt als Schuldige nicht ins Greenpeace-Feindbild. Zwar ist die Biogurke aus Spanien nach dem Prinzip "in dubio pro reo" längst mindestens genauso freigesprochen wie Herr Kachelmann. Aber der Biolandbau ist natürlich trotzdem die prinzipiell größere Gefahr, weil er, anders als die Chemie-Landwirtschaft, zu naturnah ist. Und Natur ist bekanntlich per se gefährlich.
Das ist völlig richtig. Nur ist damit nicht bewiesen, dass der Biolandbau gefährlich sei. Kein Beleg dafür, dass der dort verwendete Dung überhaupt zu einer EHEC-Verseuchung geeignet ist. Kein Beweis dafür, dass die konkrete Art, in der solche Landwirtschaft betrieben wird, zu EHEC-Verseuchungen führen kann. Stattdessen wird vom Verzehr verdorbener Lebensmittel schwadroniert, als ob biologische Landwirtschaft primär verdorbene Ware produziere und Käufer von Bioware gezwungen wären, verdorbene oder ungereinigte Lebensmittel zu verzehren. Chemischer Pflanzenschutz wird mit modernen Konservierungsmethoden und Tiefkühlkost verpanscht. Und als krönender Schluss wird triumphierend vermeldet, in Fukushima habe es - anders als bei hiesigen Lebensmittelvergiftungen - noch keine Toten gegeben. Und das Ganze natürlich nicht, ohne Greenpeace, SPD, Linke und Grüne in das Verbalgebräu hineinzurühren.
Und das ist bereits die zweite Entgleisung. Schon zuvor hatte die WELT die Biolandwirtschaft als eine "Risikotechnologie" ausgemacht.
Mal abgesehen von der grundsätzlichen Peinlichkeit solchen missionarischen Meinungsjournalismus in einer Situation wie dieser, schienen zwischenzeitlich Spuren zum Verursacher in eine Fachleuten vertrautere Richtung zu weisen, nämlich nicht zum Biobauernhof, sondern zum Hamburger Hafenfest und in ein Lübecker Resaturant. Die Hamburger Spur ist laut SWR-Nachrichten von 18:00 Uhr mittlerweile dementiert worden, die Lübecker Spur ist noch nicht geklärt, führt aber laut "heute" von 19:00 Uhr über einen Zwischenhändler zum Hamburger Großmarkt - wo womöglich wieder die Gurke grüßt.....
www.focus.de/gesundheit/news/ehec-epidemie-verdacht-faellt-auf-hamburger-hafen_aid_633962.html
jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/525677/Das-Raetsel-von-Luebeck
Bliebe noch die Frage, wie und wo sich da ein afrikanischer Keim einkreuzen konnte. Und damit zusammenhängend die Frage, die sich einem S21-Gegner aufdrängen kann: Wie kommt es, dass die Politik in diesem Lande stur an der Verschwendung von Milliarden für eine Infrastrukturverschlechterung in Stuttgart festhält, während man die Chinesen um Mithilfe bei der EHEC-Fahndung bitten muss, weil man offenbar im eigenen Lande nicht willens ist, auch nur annähernd die Kapazitäten bereitzustellen, die für eine solche Katastrophe nötig wären und die die Chinesen offenbar ganz selbstverständlich haben.
www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766481,00.html#ref=rss
Auch hier also die Frage: wieviele Menschenopfer sind nötig, bis CDUCSUFDPSPD bereit sind, das Geld dort zu inverstieren, wo es nicht dem Kapital und/ oder dem eigenen Größenwahn dient, sondern den Menschen.
...und übrigens: Haben wir eigentlich einen Gesundheitsminister, der koordiniert und kommuniziert - oder nur einen gut aussehenden Cheflobbyisten mit ministerialer Prokura ....?
Update 06.06.2011, 08:30 Uhr :
Inzwischen scheinen sich verkeimte Sprossen als Quelle der EHEC-Epidemie herauszustellen. Das klingt insgesamt sehr plausibel - und wäre besonders tragisch. Denn es wäre in diesem Fall Zeitgeist-Schnicksack in der Küchenkultur, der zu so vielen Toten und Schwerkranken geführt hat, obwohl gerade hier - dank früherer Vorkommnisse - die relativ hohen Risiken hätten bekannt sein können. Es ist zu fordern, dass jetzt strengere Kontrollen im Vorfeld eingeführt werden.
www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766750,00.html
www.fr-online.de/politik/virologe-sieht-ende-der-ehec-krise/-/1472596/8526544/-/index.html
Update 07.06.2011, 22:05 h:
„Die Sequenz sieht aus wie ein Eaec, der das Shigatoxin bekommen hat“, sagt Lothar Beutin vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Die größte Ähnlichkeit haben die beiden deutschen Stämme mit einem Eaec-Erreger, der 2002 bei einem HIV-positiven Patienten in der zentralafrikanischen Republik gefunden wurde, der unter chronischem Durchfall litt. „Das könnte gewissermaßen der Großvaterstamm des jetzigen Erregers sein“, sagt Rohde....Zum einen finden sich Eaec-Stämme nicht im Magen-Darm-Trakt von Wiederkäuern, sondern beim Menschen, sagt Beutin. Damit scheidet Gülle als Ursprung der Kontamination höchstwahrscheinlich aus....Könnte es reichen, dass ein Mensch die Bakterien durch mangelnde Hygiene in die Lebensmittelkette einschleust? Ja, sagt Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung. „Es gibt viele Beispiele, wo Menschen, die einen Krankheitserreger trugen aber nicht krank waren, die Keime in die Lebensmittelkette brachten.“ ....Trotzdem sprechen alle offiziellen Stellen weiterhin von einem Ehec-Bakterium. Das hat auch einen ganz pragmatischen Grund: Nur für Ehec-Keime gelten strikte Regularien wie etwa eine Meldepflicht..."
Mal sehen, was noch alles kommt.
Den ganzen Text gibt es hier:
www.tagesspiegel.de/wissen/gau-im-bakterien-genom/4262138.html
www.bfr.bund.de/cm/343/enterohaemorrhagische_escherichia_coli_o104_h4.pdf
Verwandte Links:
www.freitag.de/wissen/1122-pr-gelknabe-im-seuchenzirkus
www.freitag.de/community/blogs/merdeister/ausgeheckt
Weitere Links:
www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766418-2,00.html
www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-station-hamburg
www.sueddeutsche.de/wissen/ehec-informationspolitik-die-gurkentruppe-1.1104806
www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-suche-forscher
commulog.wordpress.com/2011/05/25/ehec-erreger-wird-auch-uber-die-wurzeln-aufgenommen/
www.schrotundkorn.de/bio-fragen/duenger.html
www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766430,00.html
www.mmnews.de/index.php/etc/7917-ehec-bnd-ermittelt-wegen-terror