seriousguy47

Blog von seriousguy47

04.06.2011 | 14:57

EHEC und die Lobbyisten

 

Mir ist zum Kotzen. Nicht, weil ich krank wäre. Es sind die widerwärtigen Randphänomene des EHEC-Debakels, die mir allmählich unerträglich werden. Hunderte von Menschen kämpfen um ihr Leben oder um die Vermeidung schwerster gesundheitlicher Schäden. Krankenhauspersonal auf allen Ebenen unterstützt sie dabei, ohne Rücksicht auf das eigene "Wohlbefinden" und die eigene Gesundheit zu nehmen. Zahlreiche wissenschaftliche Einrichtungen geben ihr bestes, um Ursachen und Lösungen zu finden.

Genügend Anlass also für Mitgefühl, für Anerkennung und - sofern möglich - Unterstützung. Genügend Anlass auch für die Beachtung der Kollateralschäden in Landwirtschaft und Lebensmittelhandel. Dass aber das Geschrei der einschlägigen Lobbyisten allmählich das Schicksal der Opfer, das Engagement der Helfer und  die Bemühungen der zuständigen Behörden und Wissenschaftler zu übertönen beginnt, ist für mich nicht mehr hinnehmbar.

Wie verkommen und egositisch muss eigentlich eine Gesellschaft sein, die es nicht mehr schafft, in einer solchen Situation gemeinsam im politischen Rattenrennen ein paar Gänge zurückzuschalten und sich auf das zentrale Problem zu fokussieren und einfach mal das Lobbyisten - und Ideologenmaul zu halten?

Wie viele Tote muss man nach Einschätzung der Bauernlobby eigentlich in Kauf nehmen, bevor man es riskiert, eine möglicherweise fehlerhafte Warnung abzugeben? Wie viele Menschenopfer braucht es, bevor die finanziellen Interessen erst einmal in den Hintergrund treten? Was ist uns mehr wert: ein Menschenleben oder der Profit? Wann ist der angemessene Zeitpunkt, um über die Kollateralschäden zu sprechen?

Selbstverständlich ist es nicht hinzunehmen, dass unschuldige Erzeuger von Lebensmitteln durch diese Krise ihre Existenz verlieren. Selbstverständlich müssen die Medien  auch darüber berichten. Selbstverständlich haben Erzeuger gesunder Lebensmittel das Recht, öffentlich zu machen, dass ihre Erzeugnisse nicht betroffen sind. Und selbstverständlich muss die Gesellschaft entstandene Schäden in angemessenem Umfang  wieder gutmachen.  Aber letzteres kann man auch hinter den Kulissen und über die zuständigen Institutionen organisieren. Da braucht es kein öffentliches Geschrei, während noch Menschen neu erkranken, um ihre Gesundheit kämpfen oder sterben. Was da teilweise ertönt, ist keine Interessenvertretung mehr. Es ist ein Ausbruch sozialer Verwahrlosung.

Und, bitte sehr, EHEC hat nichts auf Gurken verloren, unabhängig von der Frage, ob der gefundene Keim der schuldige Keim ist. Auch der jetzt noch unschuldige Keim kann morgen eine Katastrophenkreuzung sein. Es gibt da nicht nur das aktuelle Problem, sondern auch grundsätzlichere Fragen.

Den vorläufigen Tiefpunkt der Ekeldebatte aber markiert - für manche wenig überraschend - das Flaggschiff aus dem Hause Springer, das sich nicht entblödet, die nun wirklich brennende und weltbewegende Frage zu stellen, warum denn Greenpeace plötzlich so still sei. Aus der Frage stinkt schon die Antwort: die Biogurke passt als Schuldige nicht ins Greenpeace-Feindbild. Zwar ist die Biogurke aus Spanien nach dem Prinzip "in dubio pro reo" längst mindestens genauso freigesprochen wie Herr Kachelmann. Aber der Biolandbau ist natürlich trotzdem die prinzipiell größere Gefahr, weil er, anders als die Chemie-Landwirtschaft, zu naturnah ist. Und Natur ist bekanntlich per se gefährlich.

Das ist völlig richtig. Nur ist damit nicht bewiesen, dass der Biolandbau gefährlich sei. Kein Beleg dafür, dass der dort verwendete Dung überhaupt zu einer EHEC-Verseuchung geeignet ist. Kein Beweis dafür, dass die konkrete Art, in der solche Landwirtschaft betrieben wird, zu EHEC-Verseuchungen führen kann. Stattdessen wird vom Verzehr verdorbener Lebensmittel schwadroniert, als ob biologische Landwirtschaft primär verdorbene Ware produziere und Käufer von Bioware gezwungen wären, verdorbene oder ungereinigte Lebensmittel zu verzehren. Chemischer Pflanzenschutz wird mit modernen Konservierungsmethoden und Tiefkühlkost verpanscht. Und als krönender Schluss wird triumphierend vermeldet, in Fukushima habe es - anders als bei hiesigen Lebensmittelvergiftungen -  noch keine Toten gegeben. Und das Ganze natürlich nicht, ohne Greenpeace, SPD, Linke  und Grüne in das Verbalgebräu hineinzurühren.

www.welt.de/debatte/kommentare/article13410917/In-der-EHEC-Krise-ist-Greenpeace-ploetzlich-ganz-still.html

Und das ist bereits die zweite Entgleisung. Schon zuvor hatte die WELT die Biolandwirtschaft als  eine "Risikotechnologie" ausgemacht.

www.welt.de/debatte/kolumnen/Maxeiner-und-Miersch/article13408621/Biolandwirtschaft-Das-ist-eine-Risikotechnologie.html

Mal abgesehen von der grundsätzlichen Peinlichkeit solchen missionarischen Meinungsjournalismus in einer Situation wie dieser, schienen zwischenzeitlich Spuren zum Verursacher in eine Fachleuten vertrautere Richtung zu weisen, nämlich nicht zum Biobauernhof, sondern zum Hamburger Hafenfest und in ein Lübecker Resaturant. Die Hamburger Spur ist laut SWR-Nachrichten von 18:00 Uhr mittlerweile dementiert worden, die Lübecker Spur ist noch nicht geklärt, führt aber laut "heute" von 19:00 Uhr über einen Zwischenhändler zum Hamburger Großmarkt - wo womöglich wieder die Gurke grüßt.....

www.focus.de/gesundheit/news/ehec-epidemie-verdacht-faellt-auf-hamburger-hafen_aid_633962.html

jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/525677/Das-Raetsel-von-Luebeck

Bliebe noch die Frage, wie und wo sich da ein afrikanischer Keim einkreuzen konnte. Und damit zusammenhängend die Frage, die sich einem S21-Gegner aufdrängen kann: Wie kommt es, dass die Politik in diesem Lande stur an der Verschwendung von Milliarden für eine Infrastrukturverschlechterung in Stuttgart festhält, während man die Chinesen um Mithilfe bei der EHEC-Fahndung bitten muss, weil man offenbar im eigenen Lande nicht willens ist, auch nur annähernd die Kapazitäten bereitzustellen, die für eine solche Katastrophe nötig wären und die die Chinesen offenbar ganz selbstverständlich  haben.

www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766481,00.html#ref=rss

Auch hier also die Frage: wieviele Menschenopfer sind nötig, bis CDUCSUFDPSPD bereit sind, das Geld dort zu inverstieren, wo es nicht dem Kapital und/ oder dem eigenen Größenwahn dient, sondern den Menschen.

...und übrigens: Haben wir eigentlich einen Gesundheitsminister, der koordiniert und kommuniziert - oder nur einen gut aussehenden  Cheflobbyisten mit ministerialer Prokura ....?

Update 06.06.2011, 08:30 Uhr :

Inzwischen scheinen sich verkeimte Sprossen als Quelle der EHEC-Epidemie herauszustellen. Das klingt insgesamt  sehr plausibel - und wäre besonders tragisch. Denn es wäre in diesem Fall Zeitgeist-Schnicksack in der Küchenkultur, der zu  so vielen Toten und Schwerkranken geführt hat, obwohl gerade hier - dank früherer Vorkommnisse - die relativ hohen  Risiken hätten bekannt sein können. Es ist zu fordern, dass jetzt strengere Kontrollen im Vorfeld eingeführt werden.

 www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766750,00.html

 www.fr-online.de/politik/virologe-sieht-ende-der-ehec-krise/-/1472596/8526544/-/index.html

Update 07.06.2011, 22:05 h:

„Die Sequenz sieht aus wie ein Eaec, der das Shigatoxin bekommen hat“, sagt Lothar Beutin vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Die größte Ähnlichkeit haben die beiden deutschen Stämme mit einem Eaec-Erreger, der 2002 bei einem HIV-positiven Patienten in der zentralafrikanischen Republik gefunden wurde, der unter chronischem Durchfall litt. „Das könnte gewissermaßen der Großvaterstamm des jetzigen Erregers sein“, sagt Rohde....Zum einen finden sich Eaec-Stämme nicht im Magen-Darm-Trakt von Wiederkäuern, sondern beim Menschen, sagt Beutin. Damit scheidet Gülle als Ursprung der Kontamination höchstwahrscheinlich aus....Könnte es reichen, dass ein Mensch die Bakterien durch mangelnde Hygiene in die Lebensmittelkette einschleust? Ja, sagt Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung. „Es gibt viele Beispiele, wo Menschen, die einen Krankheitserreger trugen aber nicht krank waren, die Keime in die Lebensmittelkette brachten.“ ....Trotzdem sprechen alle offiziellen Stellen weiterhin von einem Ehec-Bakterium. Das hat auch einen ganz pragmatischen Grund: Nur für Ehec-Keime gelten strikte Regularien wie etwa eine Meldepflicht..."

Mal sehen, was noch alles kommt.

Den ganzen Text gibt es hier:

www.tagesspiegel.de/wissen/gau-im-bakterien-genom/4262138.html

www.bfr.bund.de/cm/343/enterohaemorrhagische_escherichia_coli_o104_h4.pdf

Verwandte Links:

www.freitag.de/wissen/1122-pr-gelknabe-im-seuchenzirkus

www.freitag.de/community/blogs/merdeister/ausgeheckt

Weitere Links:

www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766418-2,00.html

healthland.time.com/2011/06/02/why-health-authorities-are-so-worried-about-europes-mutant-e-coli-outbreak/

www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/magen-darminfekte/article/655761/ehec-infektionen-durch-artwidrige-nutztierfuetterung.html

www.fr-online.de/panorama/-vielleicht-gibt-es-noch-ein-ehec-reservoir-/-/1472782/8517178/-/index.html

www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-station-hamburg

www.sueddeutsche.de/wissen/ehec-informationspolitik-die-gurkentruppe-1.1104806

www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-suche-forscher

commulog.wordpress.com/2011/05/25/ehec-erreger-wird-auch-uber-die-wurzeln-aufgenommen/

www.schrotundkorn.de/bio-fragen/duenger.html

 www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766430,00.html

 www.mmnews.de/index.php/etc/7917-ehec-bnd-ermittelt-wegen-terror

 

 
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Kommentare
Klearchos schrieb am 04.06.2011 um 21:52
Lieber seriousguy,

zunächst Danke für den reichlich mit Sekundärliteratur angereicherten Artikel. Kann nicht alles gerade lesen ...
Zwei Dinge:

Ich finde eine ganz andere Sache zum Kotzen. Die wissenschaftliche Welt sowie über Bundesseuchen- und inzwischen Infektionsschutzgesetz informierte (und in meinem und Ihrem Fall per Unterschrift Kenntnis genommen habende) Bevölkerung weiß um EHEC, was unsereiner (wie Pest, Shigellose etc. auch) nur orchideenhaft interessierte; allerdings hätte ich mir von berufener Seite (RKI etc.) schon längst Untersuchungen zur Bekämpfung erwartet. Irgendwie vermittelt mir die aktuelle Berichterstattung den Eindruck, als sei vor diesem Ausbruch NICHTS dazu bekannt, und als habe man nun innerhalb von zwei Wochen plötzlich den Durchbruch erreicht. Was machen diese Schnarchnasen eigentlich? Tut mir leid, der Katalog des Infektionsschutzgesetzes wäre für mich Agenda.

Das andere: Ich kann Ihren Ärger über die Bauernlobby nachvollziehen, bin allerdings konträrer Meinung. Vielleicht muss man dazu oft genug (am Stammtisch, ich geb's zu) über die Wellen gehört haben, die in sturer Jährlichkeit über Bauern hereinbrechen und die da hießen Blauzungenkrankheit, Maul- und Klauenseuche, Vogelgrippe und derer mehr. Ach ja, Creutzfeld-Jacob gab es ja auch. Nun scheint die Gesundheitsministeriale eine vor diesem Hintergrund vernünftige bzw. vorsichtige Schiene zu fahren und Selbstverständlichkeiten nochmals zu predigen (Händewaschen etc.), statt der Boulevardpresse zu- und den Panikmachern in die Hände zu arbeiten. (Da kriegt Saure-Gurken-Zeit einen ganz anderen Geschmack ...) Wovor soll denn gewarnt werden? Vor längst verzehrten Gurken?
Jedenfalls sehe ich beim derzeitigen Wissensstand keine Veranlassung, amtlicherseits die BILD zu füttern oder den panikerfüllten Salatgarnitur-Liegenlassern zuzustimmen, und erst recht nicht, die nächste Runde im Preistreiben bei den Bauern einzuläuten.

Lasse mich gern korrigieren oder besser informieren
und Ihnen ein schönes Rest-Wochenende

Klearchos
seriousguy47 schrieb am 04.06.2011 um 23:21
Na ja, Sie haben ja gar nicht unrecht. Aber, was Sie schreiben, zeigt doch umso mehr ein Totalversagen von Politik, zuständigen Verbänden und Medien. Kurzfristiges Aufgeilen an Katatstrophen und Sensationen, undifferenzierte, hysterische und hektische Nachrichtendiarrhoe und dann die Ausschau nach der nächsten Sau bringt weder Lösungen, noch Vorsorge.

Offenbar gibt es weder zureichend ausgestattete Einrichtungen, die im Krisenfall mit der notwendigen Effektivität arbeiten können, noch praktische Konsequenzen aus vorherigen Krisen. Die Politik hält es scheinbar nicht einmal für nötig, jetzt einen Krisenstab zu bilden, der national und international koordinieren und aufklären kann. Dass die Chinesen helfen konnten, scheint einzig einem Zufall zu verdanken.

Und wieso hat man nicht schon längst Regelungen erlassen, die das Risiko einer EHEC-Verseuchung zu minimieren versuchen? Und gibt es denn keinen solidarischen Risikofonds, der den von ständigen Krisensituationen betroffenen Landwirten u.a. schnell helfen kann? Es scheint Gebiete zu geben, um die sich weder Politik noch Interessenverbände kümmern.

Schließlich die Medien. Es hätte ja vielleicht schon geholfen, wenn man das RKI korrekt zitiert hätte, das von Gemüse IN Norddeutschland, nicht AUS Norddeutschland sprach, wie teilweise verfälschend berichtet wurde.

Ansonsten nervt mich aber schon jenes ritualisierte Lobbyistengeschrei, das mich nun wirklich schon mein Leben lang begleitet, sei es nun das Geschrei der Wirtschaftsverbände bei jeder Tarifverhandlung, eine Lohnerhöhgung würde zum sofortigen Weltuntergang führen oder anderes Blockadegröhn. Es muss doch allmählich möglich sein, dass man diese Alphatier-Rituale endlich durch vernünftige Sachverhandlugen ersetzt. Und in einer Situation wie dieser finde ich es eben auch menschlich verwerflich. Wobei ich aber ja auch geschrieben habe, dass ich Berichte über die Kollateralschäden für richtig und notwendig halte. Und auch Gespräche über Entschädigungen, die im Zweifelsfall ohnehin juristisch eingeklagt werden können.

Das ist doch eigentlich selbstverständlich. Es kann doch aber nicht sein, dass man mitten in einer Krise anfängt sich darüber zu mokieren, dass eine Behörde versucht, durch Empfehlungen, die auf vorläufigen Erkenntnissen beruhen Schlimmeres zu verhindern. Denn man musste ja bislang davon ausgehen, das der Infektionsherd noch aktiv war.

Aber es geht ja nicht um ein Entweder-Oder, sondern eher um das WIE. Insofern sehe ich gar keinen prinzipiellen Dissens.
seriousguy47
Nicht so wichtig.
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Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Nashira hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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