Susanne Lang

Blog von Susanne Lang

15.06.2009 | 12:27

Streikt Ihr schon oder lernt Ihr noch?

Die Woche der bundesweiten Bildungsstreiks und -proteste hat begonnen. Die Freitags-Redaktion sitzt praktischerweise gegenüber von einer der großen deutschen Unis, der Humboldt-Universität in Berlin. Aber das gibt nur einen kleinen Ausschnitt wieder. In über 70 Städten sind Aktionen geplant, und das sowohl an Schulen als auch an Universitäten. Alternativer Unterricht, Bankbesetzungen, Demonstrationen - was passiert an Eurer Schule? Und was an Ihren Unis? Und lohnt sich das eigentlich? Wenn ja, für wen? Oder ist das alles nur ein großer Party-Spaß?

Der Alltag-Bildungsstreik-Blog ist hiermit eröffnet! Wir sind gespannt auf Ihre Erlebnisse und Einschätzungen!

 
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Kommentare
Jan Jasper Kosok schrieb am 15.06.2009 um 18:15
Mein Eindruck bis her: Es geht hauptsächlich darum, die alten hässlichen Sofas aus den Aufenthaltsräumen auf die Straße zu kriegen und nachher geschickt die Sperrmüllgebühr zu umschiffen, in dem man das barocke Etwas einfach stehen lässt.

Oder anders: Wenn der Streik wie Selbstbespaßung anmutet, wie ernstzunehmen ist dann der Wunsch nach mehr Bildung?
Bildungswirt schrieb am 15.06.2009 um 22:29
Selbstbespaßung und der Wunsch nach Bildung passen durchaus zusammen. Letztlich geht es um Selbstformung, Selbsttechnik, asketologische Übungsreihen, Erkenntnis für freien Menschen, um den berühmten aufrechten Gang. Die Erlaubnis sollte man sich aber nicht beim Unipräsidenten oder beim Pförtner holen, das muss man schon selbst bewerkstelligen.

Anregung: An mehreren Orten im Freitag wird dazu berichtet, kommentiert. Ich wiederhole mich ungern. Kann man das zusammenfügen?

Grüße vom Bildungswirt
Cassandra schrieb am 15.06.2009 um 21:10
Ich kenne Leute, die seit Monaten mit vollem Ernst bei der Sache sind. Es mag sein, dass mache TeilnehmerInnen nur den Spaßfaktor sehen. Aber das deutschlandweite Orgateam ist hochqualifiziert und hat Ziele, vor denen man nur den Hut ziehen kann.
Susanne Lang schrieb am 16.06.2009 um 09:44
@ Cassandra: Wäre toll, wenn die Bekannten vielleicht von ihren Erfahrungen hier schreiben könnten? Sozusagen gegen das Vorurteil, dass es NUR um Spaß geht...
Bougie schrieb am 16.06.2009 um 11:12
I will write this in english as in German i don't think I would be able to get my point accross -

I have studied at German Universities and have first hand experience with the bureaucracy and the short recources, however, I see the biggest problem being the students themselves.

The majority of the classes which I took were all based on students giving a 'Referat' My first reaction was 'fantastic, amazing, participatory learning, we are all in this together, lets explore new ideas and concepts together!' Unfortunately, the reality is that most students were at best apathetic and did very, very little research, thought or work. Every class felt like I was being cheated of an oppertunity to learn because my fellow students were simply lazy. Until I had one seminar where everyone involved actually cared about the material being taught, where the concepts brought forth in the material were challenged and at the end of the semester I think each student as well as the professor had learned a great deal. Even without amazing libraries and expensive beamers you can learn a lot, especially in light of new media. Access to information has NEVER been easier.

My point is - the German system of Higher Education is dependent upon the intellectual curiosity and ambition of its students. You get out of it what you put in. Students are not coddled, they are given a massive amount of responsibility- namely control over thier own intellectual development.

When I consider the amount of personal debt which individuals in the United Stated, or even Canada or Sweden, take on for the chance to receive a higher education, I simply cannot understand the viewpoints of the German students. (especially as the protests seem to involve a lot of grilling, techno and juggling)

My view is - Were there more academic engagement from students, i question whether the current political engagement would be necisarry.
Tessa schrieb am 16.06.2009 um 11:24
Du sprichst mir aus der Seele!
Katrin Rönicke schrieb am 18.06.2009 um 12:47
This is true. But there are still a lot of Problems, that Canada and Sweden have solved long ago: It's their much much much better school system. Their spend a lot more money for theirs school system in percent of their GDP. They invest more in the beginning, have less social selection and therefore the better students. When you never learned to think for yourself at school, but were drilled for - what we call "bulimic learning" - then you will be a very bad researcher. That is indeed the same Problem, that I see in my German student surrounding: No Analysing competence, only description competence.

The second problem with your statement is the Bachelor/Master System a we have it in Germany, itself. Every student is forced to think economically: You only learn things, that you will get Credit Points for. It's the continuance of "bulimic learning" - now also awailable at your University. Their is NO CREDIT for being Analysing or deeper researching at all. There is only credit for memorizing and puking out the stuff, that your lecturer gives you. This is all producing and even supporting a habit of studying, the way you described. And therefore it's not only the students being lazy, small-minded or else, it's a system supporting this habit.

What you said about Techno/Party/Fun and so on at the Demontration: Yes and no again. Because there are many different actors with many different goals ans aims.So I would suggest to be more differentiated about judging the strike.
Mary schrieb am 16.06.2009 um 13:05
good point, caroline - ich sehe hier auch die studenten lieber jonglieren und kreativ plakate malen als wirklich inhalte oder ziele des protests zu diskutieren

außerdem - es kümmert doch im grunde schon niemanden, wenn die opel-mitarbeiter streiken, wen sollte heute denn noch ein studenten-streik mit den mitteln von vor zwanzig jahren interessieren?
Aames80 schrieb am 17.06.2009 um 18:05
"Breaking News" aus Würzburg. Rund 1500 Studenten und Schüler folgen dem Bildungsstreikaufruf und gehen auf die Straße. Das ist - mit Verlaub - eine enttäuschende Zahl, bei allein mehr als 20.000 Studenten in der Stadt. Und sie ist mit der Erklärung, (Di-)Rektoren und der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (die Partei mit dem "sozial" im Namen) habe (angeblich) Schülern mit Verweisen gedroht, falls sie ihr verfassungsrechtlich zustehendes Demonstrationsrecht wahrnehmen würden, nur unzureichend erklärt.

In Zeiten des Turboabiturs und eines per Schnellschuss eingeführten Bologna-Prozesses kann man zwar tatsächlich den Eindruck gewinnen, es gehe an Schulen und Hochschulen nicht mehr um individuelle Entfaltung, sondern um effiziente Produktion von Humankapital. Aber der Generation Desinteresse scheint sowohl der solidarische als auch der rebellische Geist zu fehlen. Zum Demonstrant wird überwiegend nur derjenige, der leidet. Der Rest geht lieber gemütlich einen Kaffee trinken. Woran das liegt? An einer allgemeinen Lethargie vielleicht? An fehlenden echten Feindbildern? An verloren gegangenen Werten und falschen Bedürfnissen, die durch das Überangebot an medialen Rauschmitteln produziert werden? Vielleicht von allem ein bisschen. Um einer allgemeinen Übersättigung Herr zu werden, müsste erst eine richtige Hungersnot kommen. Und die ist nicht in Sicht.
Susanne Lang schrieb am 17.06.2009 um 18:12
Danke für die news aus Würzburg! Ich denke, das bringt ein Dilemma gut auf den Punkt: Studierende protestieren gegen die Leistungsorientierung der Unis an der Wirtschaft, die jedoch gibt genau die Spielregeln für Karrieren vor. Kann man es sich denn leisten, zur Not wegen Streik ein Semester zu verlieren? Ich denke, dieser Mechanismus greift mehr als man so denkt.
Der allgemeine Konformismus ist trotzdem sehr bedauerlich - was ist schon ein Verweis? Aber schön doch, dass in Würzburg dann wenigstens 1.500 Leute auf der Straße waren, oder?
Aames80 schrieb am 17.06.2009 um 18:35
Wegen eines Streiks verliert man kein Semester, sondern höchstens einen Nachmittag. Aber in der Tat scheinen mir viele Kommilitonen so sehr damit beschäftigt zu sein, aufoktroyierte Erwartungen zu erfüllen, dass ihnen keine Zeit bleibt, sich zu fragen, ob sie das überhaupt wollen. Und wenn ja: warum.
Aames80 schrieb am 17.06.2009 um 18:36
Wegen eines Streiks verliert man kein Semester, sondern höchstens einen Nachmittag. Aber in der Tat scheinen mir viele Kommilitonen so sehr damit beschäftigt zu sein, aufoktroyierte Erwartungen zu erfüllen, dass ihnen keine Zeit bleibt, sich zu fragen, ob sie das überhaupt wollen. Und wenn ja: warum.
Susanne Lang schrieb am 18.06.2009 um 11:29
Ja klar, man verliert eben kein Semester - wie auch bei einer Woche Streik. Ich erinnere mich, dass Ende der 90er immerhin die Streiks unbefristet waren. Wie soll man denn ein Druckmittel haben, wenn die Proteste keinem "weh" tun? Und damit meine ich nun nicht weh tun im Sinne von Gewaltanwendung.
Gut finde ich aber, dass ein Gespräch mit der Ministerin gefordert wird. Da darf man nicht locker lassen!
Katrin Rönicke schrieb am 18.06.2009 um 12:49
man muss sich aber leider fragen, was dieses Gespräch bringen wird. Schavan zeigte sich ja nicht sehr offen und watschte die Proteste einfach mal mit dem Wort "gestrig" ab. Wie ernst wird sie wohl die Bildungsstreikenden nehmen? Ich befürchte: Sie wird ein paar nette Wörtchen zur Beruhigung der Gemüter fallen lassen, die aber einfach folgenlos bleiben.
Susanne Lang
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