Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

10.02.2011 | 10:39

Ausgebremst: zur „gefühlten Machtlosigkeit“ der Abgeordneten

Auf die hierzulande real existierende Demokratie lässt die Politik ungern etwas kommen. Die einen haben daraus ein Exportmodell gemacht, den anderen gilt sie trotz mancher Detailkritik als Maßstab gelungener Volksvertretung. Und wer zum Vergleich auf eine Welt voller vormoderner Herrschaften im modernen Kleid verwiesen kann, in denen Potentaten auf Lebenszeit noch ein geringeres Übel darstellen, glaubt sich umso sicherer in der demokratischen Oberliga.

Über die Frage, was im deutschen Parlamentarismus tatsächlich an Gestaltung und Mitbestimmung möglich sei, ist damit allerdings nicht viel gesagt. Den Graben zwischen dem vorgestellten Prinzip und der praktizierten Realität haben jetzt die Change Centre Foundation und die Düsseldorfer Universität vermessen – mit einer der größten Umfragen, die je unter Parlamentariern gemacht wurden: Was will die Politik wirklich ändern? Viel. Welchen Einfluss haben die Volksvertreter auf diese Veränderungen? Wenig. Wer soll stattdessen für Veränderung sorgen? Der Bürger selbst.

Nun mag man sagen, dass dies zum Grundwissen des demokratieskeptischen Demokraten gehört. Und noch etwas weiter links immer schon über den Irrtum gelacht wurde, dem sich laut Rossana Rossandra jene hingeben, die glauben, an der Macht zu sein – und dabei doch nur die Regierung inne haben. Die Studie ist aber dennoch interessant, allem Wortgeklingel a la „Change-Agenda“ zum Trotz.

So zeigen die Ergebnisse etwa, dass Parlamentarier ihren Einfluss in der Bildungspolitik noch am größten sehen (34 Prozent), was damit zusammenhängen dürfte, dass 70 Prozent der Stichprobe Landtagsabgeordnete sind, und die Bildung als eine der letzten Gestaltungsdomänen der Landtage gilt. Unter deren Vertretern ist die „Einflussüberzeugung“ auch deutlich höher als auf Bundesebene. Und: Sie ist auch unter den Abgeordneten des „linken Lagers“ weit stärker verbreitet. Damit zusammen hängen auch die Antworten auf die Frage, ob Veränderungen eher vom Staat, von der Wirtschaft oder vom Einzelnen ausgehen soll – Alternativen, hinter denen sich grundlegende gesellschaftspolitische Sichtweisen verbergen. Die schlagen sich auch in der parteipolitischen Matrix nieder: den Staat sehen SPD, Grüne und Linke viel stärker in der Verantwortung für Veränderung als Union und FDP. Unter Liberalen ist die Ansicht am deutlichsten verbreitet, die Wirtschaft (Markt) und der Einzelne seien als Gestalter gefragt. Wobei dabei wohl das Klischee der Eigenverantwortung im Vordergrund steht, während im linken Lager der Wunsch nach einer größeren Rolle der Bürger bei Veränderungen eher auf eine Verbesserung der Mitbestimmung hinausläuft.

Die große Differenz zwischen Veränderungsbedarf und eigenem Gestaltungsspielraum hat die Süddeutsche bereits auf die Formel vom „Machtlosen Volksvertreter“ gebracht. Auch die Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann und Joachim Klewes, die für die Studie verantwortlich zeichnen, sehen es als „aus demokratietheoretischer Perspektive bedenklich“ an, wenn Abgeordnete "in der Realität der politischen Arbeit offenbar ausgebremst" werden. Bleibt die Frage nach den Erklärungen. Alemann hat ins Spiel gebracht, dass dies „an den vielfältigen Zwängen von Fraktionen und Parteiapparaten“ liegen könnte „oder auch an der Arbeitsteilung im Parlament“. Das beschreibt ein alt bekanntes und oft kritisiertes Binnenverhältnis im Parteienstaat, jene Eigendynamik und Strukturen politischer Organisationen, die in der Praxis die Idee der Repräsentation untergraben.

Eine andere Erklärung für die „Machtlosigkeit“ ist in den Studienergebnissen selbst angedeutet: 85 Prozent der Stadträte klagen darüber, dass den Kommunen das Geld fehle, um Veränderungen anzustoßen. Wer über die kommenden Wahlkämpfe nachdenkt, in denen Schulfragen mit im Zentrum stehen, dabei die von der Politik selbst angelegten Fesseln der Schuldenbremse mitdenkt und den Unwillen, den angeblich alternativlosen Spardruck durch Umverteilung zu mindern, wird nicht weniger skeptisch sein können als die Autoren der Studie. 

 

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.02.2011 um 15:07
Verehrter Herr Strohschneider, mir scheint Ihre Analyse der Machtlosigkeit der Abgeordneten nicht tief genug zu gehen, wenn ich dies, bei allem schuldigen Respekt, hier anmerken darf. Das sollte wohl auch nicht das Ziel sein, denn dazu eignet sich ein Forum gar nicht. Ihr Blog berücksichtigt meineserachtens nicht die allgemeine Unmut und die Parteienverdrossenheit im Lande. Mir fehlen auch die Usancen, nach welchen die Abgeordneten überhaupt in die Parlamente gelangen, welche Abgeordnete durch Listenplätze ohnehin abgesichert sind und welchen Lobbygruppen sie angehören. Ich konzediere, dass diese Aufgabe auch nicht mit wenigen Zeilen zu meistern ist. Ich habe dazu alleine fünfhundert Seiten benötigt, um wenigstens ein klein wenig an der Oberfläche zu kratzen. Wobei aus Kostengründen vom Verlag schon zweihundert Seiten gestrichen wurden. Der Unmut und der Zorn über die Politiker und die Ohnmacht des Volkes lassen sich in diesem Forum nur mit einigen Aphorismen zufammenfassen:

Noch sitzt ihr da oben, ihr feigen Gestalten.Vom Feinde bezahlt, dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk. Dann gnade Euch Gott.

(Theodor Körner)

Zynismus ist die Art Dinge zu betrachten, wie sie wirklich sind, und nicht, wie sie sein sollten.

(Oscar Wilde)

Keine Literatur kann in punkto Zynismus das wirkliche Leben übertreffen.

(Anton Tchechow)

Es kann nicht alles ganz richtig sein auf der Welt, wenn die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen!

(Georg Christoph Lichtenberg)

Wer jetzt nicht mehr Demokratie wagt, wird bald sehr viel mehr Polizei brauchen.

(Erhard Eppler)

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
Tom Strohschneider schrieb am 10.02.2011 um 15:22
Lieber Monsieur Rainer, Sie haben Recht - und auch wieder nicht. In der Tat spielt vieles in dem Text keine Rolle, aber er behandelt ja auch nur die Deupas-Studie, in denen dazu keine weiteren Erläuterungen zu finden sind. Dass es sich um ein wichtiges Thema handelt und dass man es nicht auf wenigen Zeilen abhandeln kann, das sehe ich genauso wie Sie.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.02.2011 um 15:43
Verehrter Herr Strohschneider, vielen Dank für Ihre Erläuterung. Darf ich mir erlauben, meinen Kommentar noch zu ergänzen?

Deutschland hat gravierende Demokratie-Defizite. Die sogenannte "repräsentative Demokratie" ist eine Schimäre. Das ist keine gute Demokratie, das ist keine schlechte Demokratie, das ist überhaupt keine Demokratie! Immerhin haben cirka 300-400 der über 600 Bundestagsabgeordneten für die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr gestimmt, während nach allen Meinungsumfragen 76% der Bürger g e g e n die Verlängerung sind. Also betreibt doch dieses Scheinparlament in existenziellen Fragen der Republik eine Politik gegen die Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Das darf so nicht weitergehen! Und deshalb rate ich dazu, einmal in das Grundgesetz zu sehen. Da steht nämlich ein ganz interessanter Artikel, der offensichtlich in Vergessenheit geraten ist: " Artikel 146 GG: Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die vom deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist ". Die deutsche Einheit erfolgte im Jahre 1989. Eine vom Volk beschlossene Verfassung gibt es aber im Jahre 2011 immer noch nicht. Warum? Weil die Parteien sich das Grundgesetz ganz bequem zurecht gebogen haben. Ein neuer Verfassungskonvent käme aber möglicherweise auf die verwegene Idee, aus den Fehlern des Grundgesetzes die Lehren zu ziehen und eine direkte Demokratie zu beschliessen. Möglicherweise würde diese neue Verfassung wesentlich mehr plebiszitäre Elemente enthalten. Machen wir doch einmal einen kleinen Demokratietest: Haben Sie schon mal einen Abgeordneten direkt und ohne Landesliste gewählt? Haben Sie schon einmal einen Ministerpräsidenten, einen Minister, einen Kanzler, einen Bundespräsidenten, einen Bundesverfassungsrichter, einen Generalbundesanwalt direkt gewält? Wurden Sie schon einmal gefragt, ob die AKW - Laufzeitverlängerung in Ihrem Sinne ist? Haben Sie schon einmal darüber abstimmen dürfen, ob die Bundeswehr ein fremdes Land in Asien angreifen darf? Wenn Sie all diese Fragen mit NEIN beantworten müssten, dann sollten Sie sich dafür stark machen, dass dieses bestehende Grundgesetz gemäss Artikel 146 GG durch eine vom ganzen deutschen Volk beschlossene Verfassung ersetzt wird!

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
claudia schrieb am 11.02.2011 um 06:57
>>Die sogenannte "repräsentative Demokratie" ist eine Schimäre. Das ist keine gute Demokratie, das ist keine schlechte Demokratie, das ist überhaupt keine Demokratie!<<
Volle Zustimmung, lieber Monsieur Rainer. „Demokratie“ ist eine Worthülse, die mit beliebigen Inhalten gefüllt wird. Wer die Grossspenden von Firmen an Parteien kritisiert ist ein Feind der Demokratie, nur als Beispiel.

Wer mal gewählt ist, hat keinen Wählerauftrag ausser im Parlament halt so abzustimmen, wie er/sie es persönlich mag oder wie die Fraktionsführung es vorschreibt. Wie wir gerade wieder gesehen haben, müssen sie noch nicht mal eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes ernst nehmen. Sondern können straflos die Sache einfach so zurechtmanipulieren, dass ihre edlen Parteispender nicht böse werden.

Abgeordnete und Regierungsmitglieder auch müssen gar nichts über eventuelle Erwartungen ihrer Wähler wissen. Im GG steht zwar, Abgeordnete seien „Vertreter de s ganzen Volkes“ aber andererseits „nur ihrem Gewissen unterworfen“. So ein „Gewissen“ ist etwas sehr Privates und sein Preis ist bekannt. Die das so formuliert haben wussten auch warum sie das so hineingeschrieben haben. Denn ohne so ein privates Gewissen hätten sie eventuell damals ein Gesetz gegen Nazen in Justiz, Schulen etc. erlassen müssen. Ihr Gewissen schützte sie zuverlässig vor einem solchen Fehltritt. Und es hilft auch sehr, wenn man immer wieder gegen das Volk und immer wieder fürs Grosse Geld entscheiden muss…

Um so mehr wissen sie natürlich über Erwartungen von Geldgebern.
Die Wähler wissen in der Regel auch wenig über die Partei, denn die Wahlreklame wird von Werbeagenturen mit den gleichen Methoden wie bei der Produktwerbung gestaltet.
Wer den besten Dummenfang betreibt, gewinnt die Wahl.
Die sogenannte „repräsentative Demokratie“ ein System der Korruptionsförderung. Alles Andere ergibt sich daraus.

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>>Mir fehlen auch die Usancen, nach welchen die Abgeordneten überhaupt in die Parlamente gelangen, welche Abgeordnete durch Listenplätze ohnehin abgesichert sind und welchen Lobbygruppen sie angehören.<<
Ich habe Erfahrung mit Industriehierarchien und ein kleines bisschen auch mit einer Parteihierchie. Aufsteiger passen sich in beiden Fällen dem „Apparat“ an, denn sie brauchen das Wohlwollen der Hierarchiespitze.
Man kann das auch hier bei den „Freitag“-Bloggern/Kommentatoren beobachten: Wer stur immer die gleichen Parolen zu Agenda 2010 oder S21 herunterbetet, strebt hochwahrscheinlich eine Parteikarriere an :-)

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>>...dann sollten Sie sich dafür stark machen, dass dieses bestehende Grundgesetz gemäss Artikel 146 GG durch eine vom ganzen deutschen Volk beschlossene Verfassung ersetzt wird!<<
Aber aber!
Der Grosse Kohl hat uns doch damals gesagt, dass es viel demokratischer ist, wenn das Kalter-Kriegs-Produkt BRD weiterbesteht und sich die DDR einverleibt.
Da kann man doch nicht einfach sagen: "Wir sind das Volk!" Das wäre der Untergang der BRD, dass wusste damals jeder brave Untertan.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.02.2011 um 08:36
Verehrte Claudia, Sie haben meine Analyse sehr treffend analysiert. Es ist aber wahrscheinlich noch viel schlimmer. Solange wir nicht einmal das bestehende Konstrukt von Grundgesetz mit Wahrheit erfüllen, wird uns auch eine Verfassung nicht weiterhelfen. Die im Grundgesetz verlangte Mindestanforderung an eine Demokratie, nämlich dieTrennung von Staat und Kirche und noch schlimmer, die Trennung der Judikative von der Executive wird nicht einmal erfüllt. Und wer sollte den neuen Verfassungskonvent stellen? Etwa die gleichen Okupanten des Grundgesetzes, wie jetzt? Deutschland, mir graust vor dir!

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
claudia schrieb am 11.02.2011 um 14:15
>>Und wer sollte den neuen Verfassungskonvent stellen? Etwa die gleichen Okupanten des Grundgesetzes, wie jetzt?<<
Die ganz sicher nicht, sonst könnte man ja gleich alles so lassen, wie sie es für sich und ihre Korrupteure einrichtet haben.
Es gibt hier ca. 40 Millionen erwachsene Bürger, darunter auch Juristen, die die mental nicht im Führerbunker und an der Börse zuhause sind.
Darunter auch die Leute, die 1989/90 schon mal in der DDR an am Entwurf einer demokratischen Verfassung gearbeitet hatten...

Es fehlt ganz sicher nicht an Menschen, die realistische Fortschritte denken können. Was den deutschen Untertanen fehlt ist Mut und Selbstbewusstsein...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.02.2011 um 14:46
Verehrte Claudia, genau so habe ich mir das auch vorgestellt. Man könnte eine Mischung aus Bürgerrechtlern, den wenigen anständig gebliebenen Juristen wie zum Beispiel die Professoren Kirchhof, Albrecht und Biedenkopf (Ich weiss, man man darüber trefflich streiten) und einigen Elderstatesmen nehmen, dann käme man auch zu vernünftigen Ergebnissen. Frage: Wie kommt man überhaupt zu einem Verfassungskonvent? Antwort: Über ein Bürgerrechtsbegehren! Conclusio: Wo nehmen wir soviel Freidenker in Deutschland her? Wer weiss überhaupt, dass es den Artikel 146 GG gibt? Ich habe wenig Hoffnung.

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
BanaBab schrieb am 10.02.2011 um 15:25
Die Studie hätte vor 30 Jahren auch nicht anders ausgesehen. Um Ziele in der Politik durchzusetzen bedurfte es schon immer Netztwerken und finanzstarker Interessengruppen im Hintergrund als Strippenzieher. Das ist keine Neuerfindung der jetzigen Regierung. Ich erinnere mich gut an die Gesichter der Herren Abgeordneter wenn sie mal wieder bei uns (meine Vater war CDU Politiker) zum Rapport antraten und mit langen Gesichtern berichten mussten wie ihre eigendlich guten aus Volkes Ideen entstandenen Vorschläge von "Oben" abgeschmettert wurden. Bis auf wenige Ausnahmen in den letzten Jahrzehnten ist Politik der Regierenden karrierebewusst gesteuert worden.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 10.02.2011 um 15:52
Verehrter Forist, ich habe ähnliche Erfahrungen in meinem Elternhaus gemacht, wo die Herren Filbinger, Kiesinger, Spiess, Paulsen oft und gern gesehene Gäste waren. Mein Vater hatte nach seiner Nazi-Vergangenheit eine veritable Nachkriegskarriere in der Justiz und in der Politik gemacht. Da wurden Dinge an unserem Esstisch ausgekungelt, davon konnten die "gewählten" Abgeordneten nur träumen.

Herzliche Grüsse
Monsieur Rainer
BanaBab schrieb am 10.02.2011 um 17:38
@Monsieur Rainer,
willkommen im Club!:-))
Artikel 146 GG wäre der Hebel mit welchem unsere gesamte Verwaltungsdiktaturstruktur aufgeknackt werden kann. Deshalb wird er verschwiegen da er von der ganzen Macht berauschten Verwaltuns/Politstruktur gefürchtet. Aber noch ist nicht aller Tage Abend.
Tom Strohschneider
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