Tom Strohschneider

Blog von Tom Strohschneider

19.12.2009 | 20:38

Geschichtsschreibung

Andrea Nahles hat ein Buch geschrieben. „Aus Eitelkeit? Als Rechtfertigung? Weil so viele andere Politiker auch schon Bücher geschrieben haben?“, fragte die Zeit und sah die SPD-Generalsekretärin auf der Suche nach „Authentizität und Substanz“ scheitern. Nun ja, auf dem hinteren Buchdeckel kann man lesen, worum es in Wahrheit geht, nämlich um Karriere: Nahles sei „Herz und Hoffnung der SPD“ - und die Sozialdemokraten müssen nun selber wissen, ob sie damit leben wollen. Eine Karriere ist der Frau aus der Eifel ziemlich sicher, mit religiöser Angeberei und Auf-dem-Dorf-den-Menschen-so-nah-Rhetorik buhlt die 39-Jährige um Zustimmung in Kreisen, die mit der Juso-Attitüde, die Nahles nun ablegen möchte, wohl nicht viel anfangen können.

In dem Buch steht trotzdem so manches Interessantes, weil man, wie es die Zeit formulierte, dabei zusehen kann, wie die SPD versucht, „sich über alle Strömungsgrenzen hinweg auf eine gemeinsame Geschichtsschreibung über die elf Regierungsjahre zu einigen“. Zu Oskar Lafontaines Rücktritt von Ministeramt und Parteivorsitz im März 1999 findet Nahles die Worte einer künftigen Nachfolgerin: Sowohl als auch. Mit dem Saarländer sei der rot-grünen Koalition „eine ihrer tragenden Säulen“ abhanden gekommen und der SPD ein Chef, der „den Laden auch sonst zusammengehalten hatte“. Sein Rückzug sei „einer Mischung aus persönlicher und politischer Frustration geschuldet“, immerhin gehört Nahles dabei zu jenen, die im Rückblick die schwerwiegenden politischen Differenzen nicht verschweigen.

Bei allem Dank muss aber auch die Generalin den Tribut an die allgemeine Lafontaine-Distanz zahlen: Mit seinem Rücktritt, so Nahles, habe Lafontaine „der linken Politik und ihrer Mehrheitsfähigkeit in Deutschland massiven Schaden zugefügt - das halte ich für unverzeihlich“. Nun ja, sollte etwas ausgerechnet die Katholikin Nahles nicht zur Vergebung fähig sein? Die Passage über Lafontaines Rückzug endet mit der Frage, warum die „damalige SPD-Führung keinerlei ernsthafte Versuche gemacht hat, ihn für eine verantwortungsvolle Aufgabe zurückzugewinnen“. Die damalige Führung? Nahles ist seit 1997 Mitglied im SPD-Vorstand und gehört seit 2003 dem Präsidium an. Lafontaine wechselte erst 2005 zur Wahlalternative. Nahles kann sich die Frage also selbst beantworten. Alles andere ist Umdeutung der Geschichte für zukünftige Zwecke.

Andrea Nahles: Frau, gläubig, links. Was mir wichtig ist, Pattloch München 2009, 238 Seiten, 16,95 Euro.

siehe auch: lafontaines-linke.de

 
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Kommentare
luggi schrieb am 19.12.2009 um 20:48
"... Frau, gläubig, links..."

Das glaub ich nicht. Und für unter 17 Euronen kann man bessere Literatur kaufen. Ich warte auch nicht auf Erinnerungen, oder wie Memoiren heißen, von Frau Nahles.

luggi, ghostwriter von L. H.
misterl schrieb am 20.12.2009 um 11:15
17 Euro? Da gehe ich lieber ein halbes mal lecker essen von.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 20.12.2009 um 12:09
Was ich mich bei Äußerungen wie der von Frau Nahles regelmäßig frage, ist, was sie für linke Politik hält und inwieweit ihre Selbstkritik dabei geht. Die größte Distanz zu linker Politik (falls man diesem Wording überhaupt noch folgen möchte) hat die SPD selbst aufgebaut. Die SPD hatte sich mit Schröder von linker Politik verabschiedet. Das Kernproblem ist wohl, dass man hier im Grunde nur die eigene Karriere im Blick hat - nicht aber die linke Politik. Natürlich ist auch das persönliche Weiterkommen legitim, nur generiert dieser Wunsch in der SPD Stilblüten, die nicht sonderlich hübsch anzusehen sind. Allerdings gibt es auch Grund zur Beruhigung. Die FDP hat vorgemacht - über Jahrzehnte - das auch ein Dümpeln um die 10% im liberalen Erfolgreichenseminar für eine ausgesprochen positive persönliche Karriere reichen - es sei denn, man sucht sich das falsche Hobby.
h.yuren schrieb am 20.12.2009 um 12:32
spd und links ist gar nicht lustig. die alte tante spd steht da wie ein schiefer turm. unten ist sie relativ links, oben ist sie reichlich rechts.
vor die wahl gestellt zwischen machtgelüst und mensch, haben sich alle fürs erste entschieden oder dümpelten weiter nah an der basis. übrigens kein spezifisch sozialdemokratisches dilemma. man könnte in analogie zur astronomischen rotverschiebung des lichts im demokratischen distanzenspektrum von der blauverschiebung der star-erleuchtung am zirkushimmel reden.
Albi schrieb am 20.12.2009 um 16:10
"Frau, gläubig, links" - Das ist doch .... AHHH .. da kommt mir das kotzen!
Onkel Wanja schrieb am 20.12.2009 um 16:45
>> (Der Rückzug von Lafontaine sei) „einer Mischung aus persönlicher und politischer Frustration geschuldet“<<

>>(Habe Lafontaine) der linken Politik und ihrer Mehrheitsfähigkeit in Deutschland massiven Schaden zugefügt <<

Diese Aussagen verdienen, nun doch noch mal ein paar Beobachtungen angefügt zu werden.
Zunächst einmal gehört es zum guten Tone eines jeden Sozialdemokraten, jene, von konservativen, liberalen Mietmäulern in den Medien und in der Politik verbreitete Legende nach zu käuen, dass Lafontaine aus dem Affekt heraus gehandelt habe, ohne Zutun dritter, >>hingeschmissen<< habe, die Nerven verloren und mit seinem Latein am Ende war.
Dies soll die eigene Verantwortung, von allen die sich selbst für links halten in der SPD, ablenken und vergessen machen! Denn Nahles und ihre Pseudolinken haben Lafontaine damals im Stich gelassen, denn Schwanz vor Schröder und seiner Pudschistengang eingezogen, um die eigene Karriere in der SPD nicht zu gefährden.
Wohl gab es eine Verschwörung innerhalb des Finanzminiserums und der Partei, aber Lafontaine schweigt meines Wissens zu den genaueren Hintergründen. Bei einer Podiumsdiskussion in Berlin, bei der Albrecht, Müller, Lafontaine und Hans-Ulrich Jörges (neoliberaler Journalist von STERN der viel Kreide gefressen hat) miteinander diskutierten und Müller sein neues Buch „Meinungsmache vorstellte, konnte man das gut beobachten.
Hier sehe ich die Überschneidung von beiden Hauptlinien von Lafontaines politischen Wirken, seiner Stärke und seiner Schwäche: Seine Stärke und sein Verdienst ist es, die Handlungsmuster von Machtpolitikern durchbrochen zu haben, sich nicht an die Spielregeln gehalten zu haben. Die meisten werden meist erst alterweise, wenn sie ihre Ämter verloren haben, siehe Norbert Blüm und der besonders unerträgliche Geißler. Lafontaines Schwäche ist, dass er leider nicht alles Sozialdemokratische abgelegt hat, und zB. daher alles Kapitalismus-Kritische in seinem politischen Werk an entscheidenden Punkten haltmacht - wie des Reiters scheuendes Pferd vorm Graben, in dem es bremsend stürzt! Schweigen dort, wo Offenheit gerade recht wäre, Herrschaftswissen in Sorge um den Kopf des kleinen Mannes und Wählers -denn man um Gottes willen auch nicht verschrecken dürfe! Aber niemand ist vollkommen!

Wo ich wieder zu Frau Nahles komme, die ja jetzt auch mit ihrem Glauben hausieren geht und sich sicherlich auf das Beste mit ihrer Schwester im Geiste, Frau Käßmann versteht, die einem auch andauernd mit ihrem GLAUBEN auf die Nerven geht!

>> Glaube heißt Nicht-wissen-wollen, was wahr ist<<, schrieb Nietzsche. In diesem Sinne passt im Allgemeinen der christliche Glaube zu Sozialdemokratie wie die Faust auf das Auge, und im Speziellen eben zu dieser Provinznudel!
Ingo Arend schrieb am 20.12.2009 um 22:17
politikerbücher. seufz. gähn. ich verstehe das ja schon. aber mit dem stichwort "religiöse angeberei" hast du das stichwort "gläubig" im untertitel dieses exemplars jetzt aber ein bisschen sehr kurz abgebürstet, lieber tom. wie darf man die religiöse komponente des nahlesschen linkstums denn nun genau verstehen? knabbert sie hostien? beichtet sie? will sie ihren kaschmirmantel mit den armen teilen? oder steht das wort einfach für das bisschen transzendenz, ohne die ein sozialist eben auch nicht richtig leben kann?
Tom Strohschneider schrieb am 21.12.2009 um 07:49
lieber ingo, "kurz abgebürstet" ist ja beinahe noch untertrieben - wieviel zeichen sind das da oben? man bräuchte mindestens das vierfache, um die frage nach einer möglichen religiösen/transzendenten komponente von "linkssein" in all ihren facetten auch nur erschöpfend aufzuwerfen. angeberei? was mich an dem nach außen getragenen religiössein stört, ist nicht das, was nahles' privatangelegenheit wäre - aber sie macht es eben zum teil einer politischen marke, trägt es nach außen, "gibt" also im wortsinne damit "an". noch dies zum schluss: auf der werbetour zum buch hat mahles einmal (scherzhaft) erklärt, sie wäre gern päpstin geworden - unter anderem, weil sie damit die erste wäre (was ja, wenn ich richtig aufgepasst habe, nicht ganz stimmt, oder?) jedenfalls hat mich das daran erinnert, dass ein anderer sozialdemokrat einmal vom "schönsten amt neben dem papst" sprach.
oneiros schrieb am 20.12.2009 um 23:16
Links? Nahles hat bewußt einem verfassungswidrigen Gesetz zugestimmt: Sie war eine von den Abgeordneten der Verräterpartei, die dem neuen BKA-Gesetz (mit den Onlinedurchsuchungen) zustimmten und dabei angaben, daß sie Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit hätten, aber das würde Karlsruhe ja prüfen, und es gäbe halt den Fraktionszwang.

Ist es jetzt Links, gegen die eigenen Überzeugungen Grundrechte aufzugeben, und den Fraktionszwang über das eigene Gewissen zu setzen?
misterl schrieb am 21.12.2009 um 15:17
vielleicht...

"Ist es jetzt Links, gegen die eigenen Überzeugungen Grundrechte aufzugeben, und den Fraktionszwang über das eigene Gewissen zu setzen?"

ist auch nur katholisch?!?
Tom Strohschneider
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